Die Überlebenskunst der Armenier

Über Kirkor Ceyhans dokumentarischen Roman „Ein Klopfen an der Tür“

Von Songül Kaya-Karadag

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Neulich begegnete ich Norbert Mecklenburg, der in dieser Zeitschrift einige Besprechungen zu Literatur über den Völkermord an den Armeniern veröffentlicht hat. Er hielt ein neues Buch in der Hand. Ich freute ich mich darüber so sehr, als würde ich einen sehr guten alten Freund treffen. Nein, nicht Mecklenburg, sondern das Buch ist mein alter Freund: Ein Klopfen an der Tür von Kirkor Ceyhan. Ein Buch, das scharf nach Orient riecht und schmeckt.

Diesen armenischen, aber auf Türkisch geschriebenen Roman hatte ich schon vor einigen Jahren gelesen. Nun erfuhr ich, dass das Buch gerade frisch ins Deutsche übersetzt und herausgebracht worden ist. Das ist sehr erfreulich, denn es gehört zu den wertvollsten literarischen Publikationen zu diesem Thema in türkischer Sprache, und sein Autor, der 1926 in Zara/Ostanatolien geboren wurde und später in mehreren Ländern lebte, hat zuletzt lange Jahre in Deutschland verbracht und ist 1999 in Bonn gestorben, im gleichen Jahr, als sein Roman in der Türkei herauskam. Dieser besteht aus authentischen Erzählungen von Simon C., dem Vater des Autors, der im Jahre 1917 den Völkermord an den Armenier überlebte. In seinen Erzählungen handelt es sich um den Überlebenskampf einer armenischen Familie, die von Zara nach Besni im Südosten der Türkei deportiert wurde. Dieser dokumentarische Roman als literarisierte ‚Oral History‘ ist zum Vorbild für eine ganze Reihe türkisch-armenischer Autoren und Autorinnen geworden. Der Ich-Erzähler berichtet als Zeitzeuge von den elenden Bedingungen der Deportationsverhältnisse, auch vom Todesmarsch, bei dem einige seiner Familienmitglieder umkamen.

Die mir schon aus meiner eigenen ostanatolischen Kindheit bekannte Erzählweise begegnet hier in der Sprache plastischer und drastischer Redewendungen und Sprichwörter, die oft wortwörtlich übersetzt sind, ebenso in langen Beschreibungen, die Milieu und Mentalitäten wiedergeben. An vielen Stellen sind mentale und kulturelle Eigenschaften der ‚orientalischen‘, konkret: anatolischen Menschen zu erkennen. Schon auf der ersten Seite, einer Widmung des Autors, kommt zum Beispiel das „Handküssen“ als ein Zeichen für Respekt vor: „Voller Respekt verneige ich mich vor dem Andenken an meinen Freund Kemal Tahir, den ich sehr vermisse, und küsse seine Hände.“ Gleichen Respekt artikuliert Mıgırdiç Margosyan, ein weiterer bekannter armenischer Schriftsteller in der Türkei, in seinem Geleitwort, das als „Mein Brief an Kirkor Ceyhan“ überschrieben ist, und spricht ihn in seinem Vorwort mit „mein Lehrer, mein Meister und mein Lehrmeister“ an.

Schon auf den ersten Seiten des Romans fallen mir die klar getrennten Geschlechterrollen in der traditionalen anatolischen Gesellschaft auf. Die auch vom Ich-Erzähler als „selbstverständlich“ betrachtete Rollenverteilung zwischen Mann und Frau wird deutlich codiert. Im Roman erkennt man ebenfalls Aspekte der mündlichen Erzählkultur des Orients, die in der langen Tradition der Dorfliteratur ziemlich oft vertreten ist. Der Ich-Erzähler spricht den Leser sogar manchmal so mit Du an, als ob er ihm gerade gegenüber sitzen würde, oder er erzählt im Rahmen einer Dialogszene eine lange Geschichte, in der plötzlich weitere Kurzgeschichten vorkommen. Die langen Beschreibungen von Personen und Orten sind zwar anschaulich, aber oft von Kommentaren des Erzählers durchsetzt. In allen Dialogszenen hat jede Person ihre eigene, authentische Redeweise.

Trotz dieser Elemente von ‚orientalischer‘ Erzählweise findet man im Roman zahlreiche realistische Kommentare der Protagonisten. Insbesondere der Ich-Erzähler reflektiert ständig selbsterlebte Gewalt- und Konfliktsituationen, mit deren Darstellung er zugleich seine Gefühle und Gedanken preisgibt. Immer wieder sind lösungsorientierte, auf das Überleben gerichtete Denk- und Handlungsweisen der Deportierten zu erkennen. Diese Stellen verraten dem Leser etwas über die Erfolgsgeheimnisse derjenigen Armenier, die überlebten.

Das Gesamtgeschehen des Völkermords wird im Roman aus der Sicht der betroffenen Personen so dargestellt, als sei dieses „Aghet“ – das ist das armenische Wort, das für Völkermord benutzt wird – das Schicksal der Armenier. Das Wort „Schicksal“ wird gelegentlich auch vom Ich-Erzähler benutzt und mit dem Ausdruck „alles kommt, wie es sein soll“ sogar noch verstärkt. Die ständigen Angriffe der Gendarmen und sogar Entführungen armenischer Frauen werden nicht direkt vom Ich-Erzähler kritisiert, sondern aus der Perspektive eines alevtischen Gendarmen aus Maras namens Durmus. Aber nicht nur Durmus, sondern auch andere Personen auf der Täterseite werden oft positiv dargestellt. Mehrere Dörfer mit unterschiedlicher ethnisch-kultureller Prägung: Aleviten, Kurden, Türken, Tscherkessen, helfen den Armeniern bei der Verpflegung und Versorgung ihrer Kinder. Diese Passagen zeigen, dass sich unter einfachen Menschen, egal aus welchem Kulturkreis, auch unter schlimmen Bedingungen eine gewisse Solidarität erhalten kann. Der Ich-Erzähler unterscheidet zwar die Gendarmen und anderen Vertreter der osmanischen Regierung von einfachen muslimischen Volksgruppen in Anatolien, aber manchmal werden sogar Vertreter der Regierung als „helfende Hände“ erstaunlich positiv beschrieben. Ein menschlich sehr engagierter Militärarzt zum Beispiel wird an einer Stelle mit Jesus Christus verglichen. Sogar bei sehr gewaltsamen Auseinandersetzungen findet der Ich-Erzähler gelegentlich eine Erklärung und baut geradezu ein gewisses Verständnis für einzelne Menschen der Täterseite auf.

Eine Abschiedsszene wird so geschildert: „Die Gendarmen sprachen: ‚Das hier ist die für Umsiedlung zuständige Abteilung. Wir liefern euch hier ab, passt gut auf euch auf. Unser Auftrag ist hiermit erledigt.‘ Meine Güte, die Traurigkeit schnürte uns fast die Kehle zu. Uns von den Gendarmen zu verabschieden, die doch über uns standen, war, als würden wir uns von unseren Geschwistern verabschieden. Tage und Wochen hatten wir Weg und Zeit geteilt, die hart und entbehrungsreich waren. Wer ein Mensch ist, muss traurig werden. Ich sah, dass auch sie traurig waren. Sie strichen den Kindern über den Kopf und küssten meiner Mutter respektvoll die Hand. Möge Gott sie behüten.“

Ein weiterer Protagonist, ein Freund des Ich-Erzählers, repräsentiert eine andere Sichtweise. Am Ende des Romans fasst er sein ganzes Leiden auf dem Todesmarsch zusammen und spricht es gegenüber dem Ich-Erzähler aus: „Hör auf Simon, alles, was uns widerfahren ist, kam von unserer Schlafmützigkeit. Immer dieses ‚Komm, warten wir erst ab.‘ […] Die Osmanen werden uns nicht ein Feld, nicht eine Wiese überlassen. Das Recht ist in unserer Gesellschaft doch schon längst gestorben […]. Von nun werde ich Gott, der in Zara gestorben ist und zu keiner Zeit mir seine helfende Hand gereicht hat, irgendwo anders suchen“.

Dieser Dialog zwischen den zwei Protagonisten markiert ein  starkes Ende des Romans. Armenier, die den Völkermord überlebten, suchen sich zwei unterschiedliche Wege aus. Einige entscheiden sich für den Islam und bleiben dort, wo sie ihre Wurzeln haben. Andere verlassen Anatolien und fliehen irgendwohin, wo sie ihre eigene Kultur und Religion weiterhin ausleben können. Dadurch entstehen zwei Lebenswege, die noch 100 Jahre nach dem Völkermord weiterverfolgt werden: einerseits die muslimisierter Armenier in der Türkei, andererseits diejenigen in der armenischen Diaspora. Auf beide Richtungen bezogen kann man sagen, dass künstlerisch begabte Armenier aus der Verarbeitung des Völkermords eine neue Tugend geschaffen haben, deren Kern die Überlebenskunst der Armenier darstellt.

Titelbild

Kirkor Ceyhan: Ein Klopfen an der Tür. Der abenteuerliche Weg des Simon C. aus Zara.
Übersetzt aus dem Türkischen von Michael R. Hess und Sebile Yapici.
J&D Dagyeli Verlag, Berlin 2015.
147 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-13: 9783935597814

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