Norbert Wehrs „Schreibheft“

Ein literarisches Fernlicht aus dem Ruhrgebiet

Von Maren JägerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Maren Jäger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn ein neues Schreibheft im Briefkasten steckt, ist das zweimal jährlich ein willkommener Anlass, alles stehen- und liegenzulassen und sich in die Lektüre zu versenken, Stimmen zu hören, Szenen der internationalen Dichtung zu erkunden, die Norbert Wehr und seine Verbündeten in den vergangenen Monaten entdeckt oder wiederentdeckt zu haben.

Und gerade die jüngste Nummer beginnt für Essener, Wahlessener und Nichtessener – unter dem Titel „Essen, Blicke oder: Der Dichter als Narr“ – mit einem besonderen ‚Gimmick’: Vier unbekannte Fotos von Rolf Dieter Brinkmann eröffnen Heft Nr. 84 (Februar 2015) anlässlich seines 75. Geburtstags und 40. Todestags im April 2015. Die Aufnahmen von Josef Breuer zeigen Brinkmann 1959 im Narrenkostüm mit imposanter Schellenkappe im Laienspiel „Liebe über Kreuz“ sowie den Dichter als jungen Mann in Hausschuhen im Ludwig-Wolker-Lehrlingswohnheim. Alle Bilder stammen aus den Essener ‚Lehrjahren’ des Dichters, in denen Brinkmann gemeinsam mit Ralf-Rainer Rygulla in der katholischen Münsterbuchhandlung neben dem Dom – „einer tiefschwarzen Gebetbuchklitsche“ (Rygulla) – eine Buchhändlerlehre absolvierte; und sie werden flankiert von einem einführenden Kurzessay des Herausgebers sowie von Selbstzeugnissen Brinkmanns, etwa aus dem Radiofeature „Autorenalltag“ (Erstsendung WDR 3, 26.1.1974, Redaktion Hanns Grössel):

„Von 1959 bis 1962 Buchhändlerlehre in Essen. Heimleben, kein Geld, geliehene Schuhe, um auszugehen. Ausgewiesen aus dem Heim für Lehrlinge, in dem es jeden Samstagabend Kakao, Dosenfisch, Weißbrot, kalten Salat und Tischordnungen gab. 10.00 Uhr Licht aus. Lehre eines kaufmännischen Gehilfen mühsam beendet nach zweieinhalb Jahren. Bücher packen in einem lichtlosen Keller. Gar nicht so übel. Viel gelesen, zweieinhalb Jahre lang. Unterhaltungen mit Putzfrauen, Botengänge durch die Stadt Essen…“

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Die Jahre in Essen waren „Brinkmanns literarische Inkubationszeit“, so Norbert Wehr im Schreibheft 84. Wehr selbst, geboren 1956 und seit 1982 Herausgeber der Zeitschrift, erlebte seine literarische Inkubationszeit ebenfalls in Essen, wenn auch fünfzehn Jahre später. Nachdem er sein Abitur am Burggymnasium gemacht und im St. Vincent-Krankenhaus in Stoppenberg Zivildienst geleistet hatte, besuchte er im Wintersemester 1975/76 an der Essener Universität ein Seminar von Nicolas Born, der einer Einladung von Jürgen Manthey (damals nicht nur Rowohlt-Cheflektor und Herausgeber der Reihe das neue buch, sondern auch Assistent an der Uni DuE) gefolgt war.

Welchen Eindruck das Seminar und die sich daraus entwickelnde Bekanntschaft und Korrespondenz mit dem Dichter machten, lässt sich Wehrs Dankesworten anlässlich der Verleihung des Literaturpreises Ruhr im Jahr 2010 entnehmen: Die Begegnung mit Born war für Wehr, „der bis dahin wenig Literatur gelesen hatte, aber Gedichte schreibt, eine Initialzündung mit weitreichendsten Folgen“. Hier erfährt der junge Mann „von Autoren, von Büchern, von denen er noch nie gehört hat – von Louis Ferdinand Céline zum Beispiel, von Hans Henny Jahnn, Pablo Neruda, Susan Sontag, Rolf Dieter Brinkmann – eine völlig neue Welt.“ Die Seminarsitzungen sind „[w]ertvolle, wertvollste Stunden für ihn, […] Stunden, die den jungen Mann sozusagen auf die Spur bringen“. Der junge Mann schickt Born Gedichte, Born liest und antwortet „in seiner Rolle als Herausgeber des bei Rowohlt erscheinenden LiteraturMagazins, antwortet mit Sympathie, mit Geduld, aber unbestechlich kritisch. ‚Du mußt arbeiten,’ – schreibt er – ‚mußt die Wahrnehmungsfähigkeit trainieren, viel lesen und schreiben, dahinter kommen wie Du bist, dein Leben, was Dich stört und zerstört. […] In Literatur ist nichts so wie es wirklich ist, denn das wäre die totale Tautologie, das Ende oder auch kurz Bestätigung = Scheisse. Wichtig, eigenartig interessant ist nur, wie es auf Dich wirkt, durch Dich hindurchgeht, aus Dir herauskommt, sonst ist und bleibt es nur Wirklichkeit, objektiv und Du kannst schon gleich alles lassen wie es ist. Ich sag Dir nicht im Ernst, daß Du weitermachen sollst. Du weißt, daß Du weitermachen wirst.’“

Und der junge Mann hat weitergemacht, als Kritiker, Hörfunkautor und Veranstalter – und vor allem als Herausgeber einer Zeitschrift, die „das A & O aller fortgeschrittenen (Welt-)Literatur-Kenner &-Liebhaber“ werden sollte, ein „zweimal jährlich bestelltes weites Feld, auf dem a) man das kommende Gras wachsen hört und b) essayistisch geerntet wird“ (so Wolfram Schütte in der fr). 1978 lernte Wehr in Essen den Begründer des Schreibhefts, Ulrich Homann, kennen, der ihm 1982 die Herausgabe des Periodikums anvertraute, das „avancierte Literaturkonzepte in internationalen Literaturen aufzuspüren versucht“.

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Immer vernimmt man im Schreibheft über die Jahrzehnte hinweg die geistigen Väter des Unternehmens, „die paradoxe Obsession, die störrische Beharrlichkeit und die Intransingenz gegenüber dem literarischen Mainstream“, die Wehr bei Born und Brinkmann gespürt hatte – oder auch bei Thomas Kling, dem – ein halbes Jahr nach seinem Tod – im Schreibheft 65 das Gedenkblätter-Dossier „Die Bibliothek, die brennt“ gewidmet ist und – sechs Jahre später daran anknüpfend – im Schreibheft 76 „Das brennende Archiv“. Gemeinsam mit Ute Langanky hat Wehr hier unveröffentlichte sowie zu Lebzeiten entlegen publizierte Gedichte, Essays, Gespräche, Briefe, Handschriften und Fotos aus dem Nachlass versammelt, die seit 2012 auch als Suhrkamp-Taschenbuch erhältlich sind. Zum 10. Todestag am 1. April 2015 erscheint nun ein von Ulrike Janssen und Wehr herausgegebenes Hörbuch (Die gebrannte Performance), das der fundamentalen akustischen Komponente des Werks und Nachlasses Thomas Klings Rechnung trägt. „Wer mit Thomas Kling ins Gedicht geht, der taucht ein in ein gewaltiges Schall- und Bildarchiv“, so Nico Bleutge in der SZ. Oder – unfeiner, aber kaum minder treffend ausgedrückt: Der Poet als „Rampensau“ (so T. Lehmkuhl, dessen DLF-Beitrag man hier nachhören/-lesen kann). Vier CDs mit den prägnantesten Lesungen aus den 1980er und 90er Jahren (teils mit dem Schlagzeuger Frank Köllges), in denen Kling den Text zur dynamischen Partitur, den Vortrag zum sensuellen Ereignis werden lässt, zeugen von einer Wucht, die man von Lyriklesungen i.d.R. eher nicht erwartet.

Ungeachtet der Verdienste um den Nachlass Klings, der ja selbst weit mehr als nur eine ‚lokale Größe’, sondern womöglich die markanteste Stimme in der deutschsprachigen Lyrik der 90er Jahre war, ist es vor allem die Öffnung des „Ruhrgebiets-Diskurs[es] auf eine internationale Zukunft hin“ (A. Brockhoff), die das Schreibheft seit jeher für Leser wie Autoren so auf- und anregend machte, der Blick auf die Experimentatoren, Pioniere, Rebellen des 20. und 21. Jahrhunderts, die Weltliteraturgeschichte geschrieben haben: Louis Ferdinand Céline, George Perec, Hans Henny Jahnn, Gellu Naum, Cees Nooteboom, Paul Bowles, Ezra Pound oder die Gruppe OuLiPo von Jacques Roubaud über Harry Mathews bis zu Oskar Pastior – dazu so viel Theorie wie nötig (Roland Barthes, Michel Leiris u.a.).

„Wer als Schreibheft-Leser das Glück hat, die Einzelhefte vor sich auszubreiten“, wie es Annette Brockhoff 1998 anlässlich des Reprints unternimmt und in ihrer (auf das literarische Puzzle Perecs, eines der Helden des Schreibheft, anspielenden) „Gebrauchsanweisung“ schildert, der „wird erleben, wie die farbigen Quadrate des Umschlags sich in Borges’ Garten der verzweigten Pfade verwandeln, in die fliegenden Teppiche und turbulenten Matrizen Orhan Pamuks und Jan Kjærstads, die Tarnformen der Mimikry des Schmetterlingsjägers Nabokov […]. Er kann sich vom Alphabet Inger Christensens an die Hand nehmen lassen, mit Daniil Charms auf einen Schrank steigen und reine Wortkunst deklamieren […]. Oder er kann sich […] auf eine lange Reise mit Herman Melville begeben.“ Diese führt die Leser zwangsläufig auch zum sensationellen Heft 37, das Melvilles Korrespondenz mit Nathaniel Hawthorne präsentiert. Die Veröffentlichung bislang unerschlossener (oder nicht übersetzter) Quellen macht die Zeitschrift auch zum einem gewichtigen, wiewohl von der akademischen Zunft bislang noch wenig gewürdigten Betätigungsfeld für Philologen. Allein schon die Korrespondenzen, etwa zwischen Nicolas Born und Peter Handke, zwischen Konrad Bayer und seiner Frau Trudl oder zwischen Malcolm Lowry und seinem ersten Übersetzer Clemens ten Holder, liefern substantielle Ergänzungen zum jeweiligen Publikationsstand.

Auch Übersetzer erhalten im Schreibheft wie kaum sonst irgendwo den Raum, der ihnen unter spezifisch poetischen und poetologischen Gesichtspunkten gebührt – neben Clemens ten Holder (Lowry u.a.) etwa Hanns Grössel (Christensen u.a.), Friedhelm Rathjen (Joyce, Melville u.a.), Eugene Helmlé (Perec u.a.) u.v.m.

Zwar schloss das Schreibheft stets auch an aktuelle politische und literarische Debatten an oder bot ihnen erst das Forum (etwa dem 1995 mit Inbrunst geführten Scharmützel zwischen Czernin und Grünbein oder dem Streit um die polnische Gegenwartslyrik im aktuellen Heft) – doch nie im Fahrwasser jeweils aktueller Feuilletonkampagnen, sondern stets im analytischen Rückgriff auf die Wurzeln der Kontroversen oder im seismographischen Vorgriff auf ihren internationalen Nachhall. Das Schreibheft versteht sich nicht als Beitrag zu einer linear-teleologischen Geschichte zeitgenössischer Weltliteratur; doch es fügt mit seinen bislang sieben Dutzend Heften einem großflächigen Panorama der internationalen Dichtung, in dem „literarische Zusammenhänge eher räumlich gestiftet werden“, eine eigene Dimension hinzu. Und dies gerade nicht mit wissenschaftlicher (Pseudo-)Nüchternheit, sondern als „emphatische Feldforschung“ (so A. Brockhoff in ihrem Beitrag zu den horen 250 (2013): „Im Garten der verzweigten Pfade oder: Was ich im Schreibheft lese“) – mit einer Vorliebe für Rebellen und Widerstandsnester, für unbequeme, vergessene, unterschätzte oder schwer übersetzbare AutorInnen.

„Der Leser und Sammler Norbert Wehr überrascht sein Publikum immer wieder mit Neuem, Un-Erhörtem, nie Gesehenem“, schrieb Hannes Krauss (Uni DuE), als Norbert Wehr 2010 den Literaturpreis Ruhr erhielt. Die ZEIT nennt ihn einen „Scout, der uns zeigt, wie anderswo gedacht und gedichtet wird“, und der Standard einen Sammler „ungewöhnliche[r], schöne[r] und seltsame[r] dichterische[r] Erscheinungen“. Dabei ist die herausgeberische Tätigkeit Wehrs, die ja auch die kompositorische, mithin künstlerische Arbeit an jedem einzelnen Heft einschließt, mit all diesen Epitheta nur unzureichend beschrieben. Seine charakteristische Gestalt indes haben dem Schreibheft zweifellos die Dossiers gegeben, jene von Wehr ab Heft 22 in Zusammenarbeit mit Hermann Wallmann entwickelten polyphonen Arrangements, die verschiedene Stimmen (kontrapunktisch, antithetisch, einander ergänzend oder widersprechend) zu einem/r AutorIn, einer AutorInnengruppe oder einer Nationalliteratur zu Schwerpunkten zusammenführen.

So wurde das Schreibheft Mitte der achtziger Jahre – durch die Zusammenarbeit mit dem Amerikanisten Bernd Klähn – zu einem Katalysator der (verspäteten) Rezeption der amerikanischen Postmoderne in Deutschland, von Pynchon und Gaddis bis zu ihren Erben wie David Foster Wallace. Es zeigte seinen LeserInnen das durch den Krieg geprägte und zerfurchte Gesicht der Literatur Jugoslawiens – ob mit einem Schwerpunkt zu Danilo Kiš, einem Dossier über Bora Ćosić oder über „Die tragische Intensität Europas“ von Žarko Radaković und Peter Handke, das die Literatur Serbiens in den Blick rückte. Und mit Fug und Recht kann man behaupten, dass die deutschsprachige Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts ohne das Schreibheft im Ganzen etwas provinzieller wäre, hätten ihre AutorInnen (viele von ihnen emphatische Schreibheft-LeserInnen) nicht mancherlei Impulse und perspektivische Erweiterungen durch die Dossiers zur zeitgenössischen Poesie erfahren – etwa zur niederländischen, dänischen, belgischen, zur nordirischen oder v.a. zur englischen Lyrik.

Seit nunmehr fast vierzig Jahren bildet die 1977 gegründete Zeitschrift einen Leuchtturm inmitten der literarischen Unternehmungen im Ruhrgebiet. 1998 erschien bei Zweitausendeins ein fünfbändiger Reprint der Hefte 22-50 (Jg. 1983-1997). Diese fünfzehn Jahre Schreibheft auf sechstausend Seiten sind (bereits Dossier- und Autoren-Register sprechen im Wortsinn Bände!) wahrhaftig ein „Kompendium zeitgenössischer Weltliteratur“ (H. Krauss) – und schienen Wehr zunächst bedrohlich und monolithisch „wie ein Grabstein“, so in einem Gespräch mit Ina Hartwig für die fr anlässlich des 30jährigen Jubiläums. Doch bereits das nächste Heft 51 Vom Eigensinn der Comics („SPRECHENDE BILDER. BLICKSTÖRUNG“, 1998) wurde ein großer Erfolg und ist nurmehr antiquarisch zu stolzen Preisen zu haben.

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Mit der jüngsten Nummer 84 präsentiert sich das Entdeckerorgan so lebendig wie eh und je. Die fotografische Brinkmann-Hommage ist lediglich die Ouvertüre zu einem Band, dessen erste Hälfte ein von der Schriftstellerin, Übersetzerin und Slawistin Esther Kinsky zusammengestelltes und moderiertes Dossier zur neuen polnischen Lyrik bildet. Die AutorInnen, die hier vorgestellt werden, sind zwischen 1966 und 1975 geboren und verstehen sich nicht mehr als Hüter des Erbes von Zagajewski, Miłosz, Herbert, Szymborska u.a. Eher knüpfen sie (wie einst Brinkmann) an die New Yorker Schule von Frank O’Hara bis John Ashbery an und gehören – wie Michael Braun in seiner poetenladen-Zeitschriftenlese resümiert – „einer Generation an, die allen Utopien den Rücken gekehrt hat und das nationale Pathos aushebelt mit Gedichten, die den rauen Alltag mit seinen unheimlichen Rätseln ins Zentrum stellen.“ Neben Gedichten von Julia Fiedorczuk, Darek Foks, Jacek Gutorow, Dariusz Sośicki und Adam Wiedemann präsentiert das Dossier Essays (von Paweł Kaczmarski über D. Sośicki; von A. Wiedemann über amerikanische und polnische Einflüsse), Gespräche (von Esther Kinsky mit J. Gutorow und D. Sośicki; D. Foks im Gespräch) – sowie die ‚Kapuzenjackendebatte’, einen kleinen poetologischen Kulturkampf, der sich an einem in der Tageszeitung Gazeta Wyborcza erschienenen polemischen Beitrag Andrzej Franaszek entzündet hatte. Der Miłosz- und Herbert-Biograph Franaszek hatte kategorisch erklärt, dass die zeitgenössische „polnische Lyrik einen Schrumpfungs- und Verkümmerungsprozess durchlaufen“ habe – was den Einspruch u.a. von Julia Fiedorczuk und Jacek Gutorow herausforderte, der im Schreibheft 84 ebenfalls in Auszügen wiedergegeben ist.

Die zweite Hälfte des jüngsten Schreibhefts enthält zwei Porträts – eines über Emmanuel Hocquard (zusammengestellt von Aurélie Maurin und Norbert Lange), eines Hauptvertreters des ‚linguistic turn’ in der französischen Poesie und Vermittlers zeitgenössischer amerikanischer Lyrik in Frankreich. Wie in vielen Schreibheft-Porträts ergänzen sich auch hier charakteristische lyrische und poetologische Exempla (nicht selten in dialogischen Hin- und Zurückübersetzungen) aus dem Werk des porträtierten Autors selbst mit einführenden Essays (von A. Maurin und N. Lange), poet(olog)ischen Dialogen und Hommagen anderer/an andere Autoren (hier v.a. von Charles Bernstein und Michael Palmer) zu einem facettenreichen Bild des Dichters – mitsamt den „Weißen Flecken“ aus Hocquards gleichnamigem Essay, die beim übersetzerischen Kontakt der durchkolorierten literarischen Landkarte Frankreichs mit der amerikanischen Lyrik entstehen.

Ein weiteres Porträt (zusammengestellt von Daniel Rovers) widmet sich einem „Anstifter zum Sprachkrieg der Weltbürger“, dem niederländischen Poeten und Blogger Jeroen Mettes, der 2006 mit nur 28 Jahren aus dem Leben schied, und seinem Langgedicht N30 sowie dessen Poetik. 

Beschlossen wird das Heft von einem Versuch Marie Luise Knotts über ein frühes Notizheft von Hannah Arendt aus den 1940er Jahren, worin Knott vor allem eine Doppelseite (und deren Implikationen) in den Blick nimmt, die nichts weiter als das Wort „Nebel“ enthält; außerdem – in einem Exkurs – einige Notate zu William Faulkner.

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Norbert Wehr ist das Schreibheft: Er ist (flankiert von einigen weiteren Entdeckern, die sich im einen oder anderen unbekannten Terrain auskennen) der Kopf der Expeditionen in die internationale zeitgenössische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts; in seiner Hand liegt der Löwenanteil der Konzeption und Recherche, Redaktion und Organisation, des Vertriebs und der Vermittlung. Und er ist derjenige, der (gelegentlich unterstützt von Stiftungen und Sponsoren wie dem Deutschen Literaturfonds und der Kunststiftung NRW) das finanzielle Risiko trägt und die Finanzierung der Zeitschrift sicherstellen muss, die zweimal im Jahr mit einer Auflage von etwa 2.500 Exemplaren erscheint. (Im Abo zahlt man für die ca. 150 Seiten 9 Euro – statt 13 Euro für das Einzelheft.)

Wenngleich Norbert Wehr mittlerweile von Essen nach Köln gezogen ist, hat der gebürtige Holsterhausener den Essener Redaktionssitz vom Schreibheft sowie den hier eigens für die Zeitschrift gegründeten Rigodon-Verlag in der Nieberdingstraße nie aufgegeben (lediglich das Archiv seiner Zeitschrift – mitsamt der (bisherigen und künftigen) Korrespondenz, Manuskripten, Dokumenten und einer gewaltigen Bibliothek, einschließlich der Erstausgaben des Schreibheft – hat er unlängst der Stiftung Insel Hombroich als Vorlass übertragen). Wehr kennt die literarische Topographie der Stadt bestens, weiß auf Spaziergängen nicht nur zu berichten, in welcher Buchhandlung Rolf Dieter Brinkmann seine Buchhändlerlehre absolvierte, sondern auch, wo Ernst Krawehl erstmals das Manuskript von Arno Schmidts Zettels Traum in den Händen hielt.

Dass seine Verbindung zu Essen ein Glück ist, hat jüngst auch die Stadt erkannt, als Oberbürgermeister Paß ihn am 15. Januar 2015 „für sein jahrzehntelanges Engagement im kulturellen Bereich“ mit dem Bundesverdienstkreuz auszeichnete. Denn neben seiner Herausgeberschaft hat Norbert Wehr das kulturelle Angebot Essens über Jahre hinweg bereichert – und die Entdeckungen seiner Dossiers in die Stadt hineingetragen, auch wenn der Weg oft beschwerlich war. Viele der im Schreibheft porträtierten Autoren sind der Einladung Wehrs gefolgt und im Grillo-Theater, im Folkwang Museum, in der Oper, im Schauspielhaus oder der wunderbaren Buchhandlung Proust: wörter + töne (vormals Buchhandlung im Grillo-Theater) aufgetreten: Peter Handke, Marcel Beyer, Friederike Mayröcker und Cees Noteboom, Peter Kurzeck, Elke Erb und viele andere mehr – und viele von ihnen, bevor sie vom offiziellen Literaturbetrieb großmaßstäblich entdeckt wurden.

Doch weder die beeindruckende Reihe der Autoren, die von Norbert Wehr nach Essen gebracht wurden, noch sämtliche Preise, mit denen die Zeitschrift und ihr Herausgeber ausgezeichnet worden sind (vom Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstler 1988 über den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, den Literaturpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, 1998, bis zum Literaturpreis Ruhr, 2010) konnten Folkwang-Chef Bezzola vor einem knappen Jahr davon abhalten, die renommierte Reihe vor die Tür zu setzen, angeblich um stattdessen mehr Kunst zu kaufen. Inzwischen geht der Streit um die Fortsetzung der Lesereihe in die nächste Runde; unabhängig davon aber wird es das Format glücklicherweise weiterhin geben – unter veränderter Trägerschaft an anderen Orten und unter neuem Namen: „LITERATUR: LITERATUR!“ heißt die vom Schreibheft und der Buchhandlung Proust getragene Reihe, die am 19. März von einer Veranstaltung in der Kreuzeskirche eröffnet wurde, in der Reiner Stach im Gespräch mit Norbert Wehr den im vergangenen Jahr erschienenen dritten und abschließenden, wiewohl chronologisch ersten Teil seiner gewaltigen und bahnbrechenden Kafka-Biographie Die frühen Jahre (1893-1910) vorstellte, einer panoramatischen Studie der Jahrhundertwende und eines einzigartigen poetischen Talents, die – zusammen mit den ersten zwei von Stach vorgelegten Bänden (Kafka. Die Jahre der Entscheidungen (1910-1915), 2002; Kafka. Die Jahre der Erkenntnis (1916-1924), 2008) – bereits den Status eines internationalen Referenzwerks, einer Tiefenbohrung in die Möglichkeiten der literarischen Biographie genießt und nicht zuletzt ein „großes Leseerlebnis“ ist.

Am 29. April, kurz nach Brinkmanns Geburts- und Todestag, zeigt das Essener Astra-Kino Harald Bergmanns Spielfilm Brinkmanns Zorn; um 20.00 Uhr spricht Norbert Wehr in der Buchhandlung Proust mit Bergmann über sein vierteiliges Filmprojekt, in dem er Brinkmanns letzte Jahre mit Materialien aus dem Nachlass des Autors inszeniert hat – darunter vor allem den O-Tönen, die seinerzeit als Grundlage für „Autorenalltag“ dienten und unlängst auch in einer CD-Box veröffentlicht wurden.

Und im Mai erlebt Essen einen „Angriff der schwierigen Gedichte“. Am 11.5. wird der erst am Vorabend mit dem Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie ausgezeichnete Charles Bernstein, ein herausragender Vertreter der L=A=N=G=U=A=G=E School um 20 Uhr bei Proust zu Gast sein, gemeinsam mit seinen Übersetzern Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. Die Lyrik Bernsteins, die bereits mehrfach im Schreibheft in Übersetzungen vorgestellt wurde, präsentiert sich mal liedhaft, mal aleatorisch, oft poetologisch und gesellschaftskritisch, stets formal avanciert und radikal. Und da der 1950 in New York geborene Bernstein (derzeit Professor an der University of Pennsylvania) obendrein ein hin- und mitreißender ‚Performer’ ist, wird dieser ‚Angriff’ (so viel ist sicher) in Erinnerung bleiben!

Essen kann sich glücklich schätzen: Das Ruhrgebiet liegt zwar nicht am Meer, aber Essen hat mit Norbert Wehr und seinem Schreibheft einen Leuchtturm, dessen Licht weithin sichtbar ist, auch wenn es – wie das bei Leuchttürmen nun mal so ist – meist weniger von den Insulanern oder Küstenbewohnern, aber umso heller von den Reisenden und Navigatoren aus der Ferne wahrgenommen wird.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Thomas Kling: Die gebrannte Performance [Tonträger]. Lesungen und Gespräche. Ein Hörbuch.
Herausgegeben von Ulrike Janssen und Norbert Wehr.
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2015.
4 CDs und ein Begleitbuch. Laufzeit: 250 Minuten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783940357496

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Norbert Wehr (Hg.): Schreibheft 84. Wider die Erhabenheit.
Rigodon Verlag, Essen 2015.
192 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-13: 9783924071417
ISSN: 01742132

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