Bellum vincit omnia

Über Dietmar Daths neuen Science-Fiction-Roman „Venus siegt“

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mars und Venus sind vorbelastet – und das nicht erst, seit die Planeten in John Grays Küchenpsychologie dafür herhalten müssen, die angeblich unwandelbare Essenz der Geschlechter zu erklären. Sie sind es, schon durch die Herkunft ihrer Namen aus der klassischen Mythologie, auch als Handlungsort der Science Fiction. Das gilt besonders für unseren roten Nachbarplaneten, der seit über einem Jahrhundert als Ausgangsort extraterrestrischer Invasionen dient. Sein vom römischen Kriegsgott abgeleiteter Name legt das bereits nahe. Am bekanntesten ist hier natürlich War of the Worlds (1897) von H.G. Wells, obwohl es eigentlich nur einen damals beliebten Plot der spekulativen Fiktion variiert, nämlich den Einfall deutscher Truppen auf den britischen Inseln, aber unter der Hand zur Parabel auf den europäischen Kolonialismus wird. Eine Eroberung der Erde vom Mars aus gibt es aber auch in der deutschen Literatur, nämlich im gleichzeitig mit Wells verfassten Roman Auf zwei Planeten (1897) von dem Gothaer Gymnasialprofessor Kurd Laßwitz (1848-1910), in dem die Invasion zumindest anfangs als Dominanz der höheren Zivilisation über die eindeutig primitivere erzählt wird (Laßwitzʼ Roman ist außerhalb der engeren Science-Fiction-Leserschaft heute vergessen, aber immerhin ist der wichtigste deutsche Literaturpreis auf diesem Feld heute nach ihm benannt).

Damit verglichen, ist die Venus das weniger beschriebene Blatt. Sie eignet sich daher leichter für Entwürfe, die nicht unbedingt auf eine Invasion der Erde hinauslaufen müssen; obwohl es auch das gibt, wie in Stanislaw Lems Debütroman Die Astronauten (1951) und dem darauf basierenden DEFA-Film Der schweigende Stern (1960), in denen sich die venusianische Zivilisation selbst auslöscht, bevor sie die Erde nuklear angreifen kann. Insgesamt bietet die Venus aber einen größeren Freiraum, weil sie mit weniger Erwartungen verknüpft ist.

Gut möglich, dass Dietmar Dath seinen neuen Science-Fiction-Roman darum dort angesiedelt hat. Venus siegt beschreibt ein Sonnensystem, das in den vergangenen Jahrhunderten von Menschen kolonisiert wurde und das jedenfalls keine anderen Spezies bewohnen. Das heißt … doch dazu gleich. Die menschlichen Bewohner der Venus sind von der Erde unabhängig geworden und leben unter der insgesamt gutwilligen Diktatur der Herrscherin Leona (oder Lily) Christensen. Ihr „Bundwerk“ (oder B) strebt danach, zu einer noch höheren Gesellschaftsform, dem so genannten „Freiwerk“ zu werden. Wenn man um Daths Selbstverständnis als Marxist weiß, erinnert dies sicher nicht umsonst an den Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus. Schwierig ist das Verhältnis zu den anderen menschlichen Zivilisationen des Sonnensystems, speziell zur Erde, die immer stärker von dem faschistischen Diktator Arjen Samito dominiert wird.

Der große innenpolitische Konflikt ist jedoch, ob man gegen alle Anfeindungen zu einem positiven Zusammenleben der Menschen mit den beiden anderen Formen der Intelligenz gelangt, die auf der Venus existieren – und insofern gibt es doch andere Spezies, wenn sie auch ursprünglich menschengemacht sind. Da wären zum einen die Roboter und Androiden, die so genannten Diskreten (oder D/), zum anderen hochkomplexe Formen rechnergestützter Intelligenzen, Kontinuierliche oder K/ genannt. Gefährdet wird dieses labile Gleichgewicht nicht nur durch Angehörige der einzelnen Gruppen, die mit der Koexistenz nicht einverstanden sind, und durch interne Machtspiele, sondern scheinbar auch durch so genannte Neukörper. Dies sind technisch veränderte Menschen, die nicht nur die Trennung aller Gruppen unterlaufen, sondern auch in Verdacht stehen, die „normalen“ humanen Wesen mit Krankheiten zu infizieren.

Daths Ich-Erzähler heißt Nikolas Helander und ist der Sohn zweier Mitglieder des inneren Machtzirkels. Sein Bruder Frédéric ist von der Familie verstoßen und zum Neukörper geworden, sieht sich aber auch als politischer Dissident. Als Nikolasʼ Freund und Vorgesetzter Domenico Thalberg ermordet wird, gerät Nikolas in den Verdacht, sich ebenfalls gegen Christensen verschworen zu haben, und wird ebenso brutal wie sinnlos gefoltert. Als er halbwegs rehabilitiert ist und sogar zu seiner großen Liebe zurückgefunden hat, kommt es zum längst absehbaren und verheerenden Krieg mit Samito und der Erde.

Dath legt hier einen lupenreinen Genre-Roman vor. Wenn der Rezensent richtig zählt, ist es bereits sein zweites Buch in diesem Jahr (die Titanic schrieb kürzlich „japsend“, ihr ehemaliger Mitarbeiter Dath solle seine Romane nicht schneller schreiben, als die Redaktion sie lesen könne). Erschienen ist es in dem bergischen Kleinverlag von Markus Hablizel, Daths ehemaligem SPEX-Kollegen, in dem der Autor bereits das kleine Bändchen Eisenmäuse (2010) publizierte. Daths spekulative Fiktionen heben sich deutlich von den Klischees ab, die über das Genre im Umlauf sind. Sie erschöpfen sich weder in Aufzeichnungen technischer Details noch zeichnen sie simple Gut-Böse-Schemata. Gibt es in seinen Welten historische Einschnitte, sind sie selten eine simple Wende zum Guten oder Apokalyptischen, sondern führen zu neuen Konstellationen mit positiven und negativen Seiten, selbst wenn sie so epochal sind wie die „totalen“ Kriege, mit denen Texte wie Für immer in Honig, Die Abschaffung der Arten oder eben auch Venus siegt aufwarten können. Das ist eine unbedingte Stärke, ebenso wie Daths Mut, nicht einfach irdische Verhältnisse leicht variiert ins All zu versetzen, sondern grundsätzlich neue Konstellationen zwischen Geschlechtern, Spezies oder die – verschiebbare? – Grenze zwischen organischer und künstlicher Intelligenz im Medium der Fiktion auszuloten. Kulturelle Verweise gibt es zuhauf – Nikolasʼ Vater liest ihm eine Passage aus dem Stechlin vor, um ihn von der Notwendigkeit von Christensen zu überzeugen. In den Theatern der Venus werden wie selbstverständlich Racine und Peter Hacks gespielt. Aber es handelt sich nicht um bloßes Name-Dropping, sondern die Bezüge zur irdischen Kunst sind motiviert in die Handlung eingebunden. Ebenso elegant bindet Dath die Topostheorie ein, die ein kategorientheoretisches Fundament der Mathematik legt, indem sie eine verallgemeinerte Theorie der Mengen ist, aber selbst nicht mengentheoretisch sein will. Was in dieser Kurzform sehr abstrakt klingt, wird von Dath verwendet, um die Beziehung zwischen Bundwerk, Diskreten und Kontinuierlichen zu beschreiben (darauf deutet das Diagramm auf dem Cover), aber auch die Funktionsweise einzelner Venusbewohner. Das geschieht insgesamt auf schlüssige Weise. Insofern ist die Lektüre von Venus siegt ein intellektuelles Vergnügen.

Dath bringt die deutschsprachige Science-Fiction voran, und es ist kein Wunder, dass er den Laßwitz-Preis bereits zweimal erhalten hat. Gleichzeitig liegt die Stärke seiner Texte deutlich im Weltenbau, weniger in einer aufregenden Handlungsführung. Zwar wird Samitos Aggression gegen die Venus mehr oder weniger deutlich motiviert, aber wenn sie kurz vor Ende tatsächlich eintritt, ist sie doch überraschend ˗ vor allem überraschend kurz. Man kann Dath dankbar sein, dass er sich nicht in monumentalen Schlachtengemälden à la J.R.R. Tolkien und George R.R. Martin ergeht, aber hier wäre ein stringenteres Verweben der venusianischen Gesellschaft und ihrer potenziellen Bedrohung wünschenswert gewesen, das über bloße Erwähnungen der Konflikte im Dialog hinausgeht. Aber vielleicht geht es ja gerade darum, allzu große Eingängigkeit zu vermeiden. Ärgerlich ist allerdings, dass der Text eine ganze Reihe von Satzfehlern aufweist, vor allem unmotivierte Absätze.

Dankbar kann man dem Autor sein, dass er dem Text ein Figurenverzeichnis vorschaltet. Zwar wirkt ein solches dramatis personae gern etwas hölzern, aber bei der Vielzahl von Figuren, mit denen Dath operiert, und der Informationsdichte seiner Erzählweise erleichtert es die Orientierung ungemein. Anders als Texte wie Die salzweißen Augen (2005), Die Abschaffung der Arten (2008) oder Sämmtliche Gedichte (2009) ist Venus siegt kein Crossover-Buch, das zwischen Science-Fiction und Suhrkamp-Kultur zu vermitteln sucht, sondern lupenreine Fantastik. Wer dafür offen ist, dem sei der Roman empfohlen.

Titelbild

Dietmar Dath: Venus siegt. Roman.
Hablizel, Lohmar 2015.
296 Seiten, 23,90 EUR.
ISBN-13: 9783941978188

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