Die ältere Schwester von Elfriede Jelinek?

Die Wiederentdeckung von Maria Lazars Roman „Die Vergiftung“

Von Holger EnglerthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Holger Englerth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Eine braune Holztür, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Eine Tür wie sie überall ist, überall ist. Eine Tür –“. Der Roman „Die Vergiftung“ von Maria Lazar empfängt die LeserInnen im ersten Satz mit einem seit der Moderne gewohnten Rhythmus, wird doch zunächst ein Gegenstand gesetzt und dann in Synkopen definiert. Der nächste Satz beruhigt im Allgemeinen, doch die Wiederholung sät sogleich Zweifel – ab hier findet der Roman von Maria Lazar kein Zentrum und keine Ruhe, was keinesfalls gegen ihn spricht.

„Die Vergiftung“ erschien erstmals 1920. Die Autorin aus großbürgerlichem Haushalt jüdischer Herkunft hatte ihn mit zwanzig Jahren geschrieben. Durch den Besuch der Reformschule von Genia Schwarzwald kam sie bereits früh in Kontakt mit Adolf Loos, Hermann Broch und Egon Friedell. Doch niemand aus dieser Riege bekannten Namen, die noch um einige zu erweitern wäre, wird sie später in den diversen Erinnerungen und Autobiographien einer Erwähnung für würdig erachten. Einzig Elias Canetti, dem sie 1932 immerhin die erste Lesung eines seiner Stücke in ihrem Salon ermöglichte, erwähnt sie im „Augenspiel“, dem dritten Teil seiner Memoiren, am Rande. Auch der weitere Publikationsweg der Autorin bietet ein augenscheinliches Beispiel für die begrenzten Möglichkeiten weiblicher Schriftstellerinnen in der Zwischenkriegszeit. Erst unter dem Pseudonym einer nordischen (!) Schriftstellerin fanden ihre nachfolgenden Werke Beachtung. 1933 begab sie sich ins Exil, zuerst nach Dänemark, dann nach Schweden, wo sie 1948 unter dem Druck einer schweren und unheilbaren Krankheit freiwillig aus dem Leben schied. Das verdienstvolle Nachwort von Johann Sonnleitner bietet weitere Einblicke in die bewegte und bewegende Biographie der Autorin und verweist auf die Strategien, mit denen Lazar auf die Widerstände ihrer Zeit reagierte.

Der Roman selbst bietet keine einfache, nacherzählbare Geschichte oder Handlung. Im Mittelpunkt steht die etwa 20-jährige Ruth, die einmal in der Rolle der beinahe hyperaktiven Akteurin, das andere Mal als distanzierte Beobachterin ihrer Familie und ihrer Gesellschaft geschildert wird. Die vom Judentum zum Katholizismus konvertierte, assimilierte Familie ruft den Ekel von Ruth vor dem bürgerlichen Leben überhaupt hervor, vor den Gemeinheiten, der Verlogenheit und geistigen Enge, die die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander prägen. Während der Vater bereits früh verstorben ist, steht in der Figur des Onkels Gustav eine etwas menschlichere Figur zur Verfügung, die jedoch genau wie alle anderen von der dominanten Mutter daran gehindert wird, ein freieres Leben zu führen. Mit dem erbärmlichen Tod des Onkels fällt jedoch auch dieser Halt für Ruth weg.

Ruth überschreitet die Grenzen der Klassen, doch einer echten zwischenmenschlichen Nähe oder Beziehung steht dabei ihre Verhaftetheit an die Regeln eines engen Bürgertums entgegen, die ihr trotz allen Aufbegehrens und ihrer widerständigen Handlungen selbst schon zutiefst eingeschrieben sind: Die Bekanntschaft mit dem Aushilfslehrer Thomas, der unter ärmlichsten Bedingungen in den Außenbezirken der Stadt lebt, geht nicht über eine zarte Annäherung hinaus, bevor sich Ruth schließlich angeekelt vom sozialen Elend wieder distanziert.

Thomas verfällt dem Wahnsinn; im Bemühen, an seinem geplanten, großen philosophischen Werk trotz des Fehlens von Brennmaterial zu arbeiten, setzt er das Nachbarhaus in Brand. Dabei verliert ein bis dahin nervenraubend schreiender Säugling das Leben. Thomas stürzt sich wenig später in den Tod. Ob der Roman tatsächlich mit „Ruths Rettung“ endet, wie Sonnleitner interpretiert, sei hier ein wenig in Zweifel gezogen, wird doch kurz zuvor noch eine Vergewaltigung durch einen schon im ersten Kapitel auftauchenden, offenbar älteren Chemiker angedeutet. Zu sehr sind sowohl die Figur Ruth, als auch der ganze Roman von Fragmentierung im Aufbau sowie dem Aufbrechen der Chronologie bestimmt. Es sind weniger die Menschen, die dem Roman ein Gefüge geben, als die Dinge und Gegenstände, deren leitmotivischer Einsatz ihnen ein zuweilen unheimliches Eigenleben und eine angsteinflößende Macht verleiht.

Michael Rohrwasser hat das frühe Werk von Maria Lazar als „kleine Sensation“ bezeichnet. Tatsächlich ließe es sich durchaus als eine frühe Vorläufern der „Klavierspielerin“ von Elfriede Jelinek verstehen, gehen die Parallelen doch über die intensive Hassliebe zwischen Mutter und Tochter hinaus, gegen die Ruth teils zerstörerisch rebelliert. Die Schärfe der Beobachtung und die Sprache, die die physische und psychische Gewalt der engen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, verbinden sie mit der österreichischen Nobelpreisträgerin. Ein anderer Nobelpreisträger, Thomas Mann, fand in „Die Vergiftung“ nichts anderes als „penetranten Weibsgeruch“ – ein weiteres Indiz dafür, dass Maria Lazar den Finger zu ihrer Zeit in eine schmerzende Wunde gelegt hat. Dass Albert Eibl in seinem Verlag nun auch ein weiteres Werk der Autorin herausbringt („Die Eingeborenen von Maria Blut“) lässt hoffen, dass die Bücher künftig ihrem neuen Verlagsnamen „das vergessene buch“ kaum mehr entsprechen werden.

Titelbild

Maria Lazar: Die Vergiftung.
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Johann Sonnleitner.
DVB Verlag, Wien 2014.
167 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783200037687

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