Der Start, das Rennen, das Leben

Über Matthias Polityckis zielführendes Erzählwerk „42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“

Von Alexandra HildebrandtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Hildebrandt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was treibt uns aus der Geborgenheit unserer Behausungen? Was denken wir beim Laufen? Was sagt das über uns und unsere (postmoderne Event-)Gesellschaft aus? Schon zu Urzeiten war Laufen ein Mittel zum Überleben – als Jagd oder Flucht. Das steckt uns noch heute in den Knochen, so die Botschaft des klugen und im besten Wortsinn bewegenden Buches „42,195“ von Matthias Politycki.

Unsere Leistungsgesellschaft werde im Laufen auf den Punkt gebracht, schreibt der passionierte Marathonläufer und Autor, für den Laufen und Schreiben seit über 40 Jahren zusammengehören. Beides sind für ihn Wege, die Welt zu erschließen: „Nein, ich lebe nicht fürs Laufen. Aber ohne Laufen wäre mein Leben nicht mein Leben, das schon.“ Warum? – Weil es ihm Selbstbewusstsein gibt. Aus Angst vor leerer Zeit. Weil ihm Nichtstun verdammt schwerfällt. Weil das Laufen seinem Leben Struktur und Sicherheit gibt.

Das Buch ist zugleich eine Schule des Schreibens, in der es darum geht, wieder wesentlich zu werden, das heißt einen Gedanken auf „die einfachstmögliche Weise zu Ende zu denken. Und entsprechend zu Papier zu bringen.“ Reduktion gehört für Politycki zum zielführenden Erzählen: Laufen kann jeder, aber einen guten Laufstil haben nur wenige. Die meisten bewegen mit „ausgefahrnen Armen oder raumgreifenden Schritten, um die eigne Überlegenheit optisch so zu inszenieren, daß sie sogar Spaziergänger begreifen“. Der perfekte Läufer ist dagegen unauffällig effizient.

Kluge Marathonläufer und Schriftsteller sind sich bewusst, dass sie mit bloßem Drauflosrennen oder –schreiben wohl nicht bis zum Ziel durchhalten werden, dass sie sich detailliert mit den Besonderheiten der Wegstrecke auseinandersetzen müssen, die vor ihnen liegt. Um sich darauf einzulassen, brauchen sie Mut, aber auch die Kraft, bis zum Ende durchzuhalten. All das hat der Autor selbst von Grund auf neu lernen müssen: Als Enddreißiger, als seine Lust am Sprachexperiment verflogen war, als Mittvierziger, als er den reduzierten Reiz des realistischen Erzählens erkannte. Und mit 53 Jahren, als er die „Jenseitsnovelle“ schreiben wollte und lernte, einen wuchernden Romanstoff zu einer komprimierten Novelle zu reduzieren. Alles Verspielte und Überflüssige wurde gestrichen, um das Wesentliche herauszuarbeiten.

Sein bewegendes Buch zu lesen, bedeutet zugleich, der Idee der Laufstrecke zu folgen: 42 Kapitel entsprechen 42 Kilometern. Der Start beginnt mit dem Kapitel „Dem Tod davonrennen“. Nach Kilometer 21 („Die Elite ist schon durch“) folgt die HM-Marke „Hälfte des Lebens“, nach Kilometer 42 („Fata Morgana“) und dem Ziel („Postmarathonale Depression“) dann der Zielbereich: „Friede auf Erden“.

Wie der Schriftsteller, so geht auch der Marathonläufer Matthias Politycki hinaus in die Welt und nimmt den Leser unter anderem mit nach London, New York, Island und zum Kilimandscharo. Dabei verbindet er Kommentare und Reflexionen über unsere Gegenwart mit persönlichen Anekdoten aus seinem (Läufer-)Leben. Während der Vorbereitungsläufe auf den nächsten Marathon hatte er Anfang 2013 die Idee, über das  Laufen der Sicht eines Freizeitläufers zu schreiben. Die O-Töne hielt er bei „42,195“ sofort nach dem Lauf fest.

Nach dem Buch ist für Politycki vor dem Buch. So macht er sich bereits vor Abschluss eines Buches Notizen fürs nächste. Es scheint ihm unmöglich, aus dem Schriftstellerleben auszusteigen. Und so schreibt und schreibt und schreibt er weiter …

Um bei sich anzukommen, braucht es beides: Bewegung des Geistes und die Einsicht, dass zum Denken genauso das Stillhalten der Gedanken gehört. „So eile denn zufrieden!“ schrieb Friedrich Hölderlin im Jahr 1800. Minimalistischer lässt sich das kluge Zusammenspiel von Ruhe und Unruhe, das sich im Bild des Marathonläufers zeigt, nicht ausdrücken.

Titelbild

Matthias Politycki: 42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015.
318 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783455503388

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