Zwischen Erotik, Religion und narrativer Verdichtung

Heinrich von Kleists „Marquise von O…“ als Graphic Novel

Von Torsten MergenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Torsten Mergen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O…“ hat bis in die Gegenwart hinein zahlreiche Adaptionen in verschiedenen Medien erfahren: Ob als bildnerische Darstellung, als Theaterfassung oder als Verfilmung, die verwickelte Vergewaltigungsthematik erzeugt bis heute Neugierde und weist eine überzeitliche Brisanz auf. Die Hintergründe und Auswirkungen der ungewollten Schwangerschaft der Protagonistin wurden von Kleist narratologisch durch eine Vielzahl an Ereignissen und Handlungsfolgen gestaltet. Jedoch blieb im epischen Text die Introspektive, der Blick auf das Innenleben der Figuren diffus. Folglich ist jede Generation von Neuem aufgefordert, die Psychologie der Figuren und das Verhältnis von Wahrnehmen, Deuten und Verhalten auszuloten, somit scheinbar „ihren“ Kleist neu zu entdecken beziehungsweise dem Text neue Facetten abzugewinnen.

Durchaus provokant wagt sich das erfahrene Duo Dacia Palmerino und Andrea Grosso Ciponte in Form einer Graphic Novel an das Thema: Es dominiert die Aktdarstellung, bereits das Buchcover ziert eine sexuelle Anspielung mit nackten beziehungsweise leicht bekleideten Figuren. Kaum eine Seite, die ohne Aktdarstellung auskommt, teilweise wie durch einen Schleier oder Vorhang „vernebelt“, unterstützt beziehungsweise kontrastiert durch eine ungewöhnliche Farbgebung und Bildhaftigkeit. Geschuldet ist dieser visuelle Wahrnehmungseindruck vorrangig der mustergültig eingesetzten Aquarelltechnik, mit der sich Farbgebung, Zeichentechnik und Komposition bedeutungsvoll verdichten lassen. Die Handlungs- beziehungsweise Panelstruktur nähert sich der literarischen Vorlage an, ohne die Besonderheiten des Mediums Graphic Novel zu vernachlässigen. Anfang und Ende bilden einen Rahmen, sprachlich wie bildlich geschickt verknüpft durch das Element der Annonce, die bereits in der Erzählung Kleists eine eminente Bedeutung hatte.

Künstlerisch geschickt wirkt das zeichnerische Mittel, das Motiv des Schwans mit der Darstellung der schlafenden Marquise zu verknüpfen. Deutlich reduziert ist das Figureninventar und der Raum, der der Familie zugebilligt wird. Für die Graphic Novel steht die Marquise im Zentrum, die durch einen Engel respektive einen Teufel in Menschengestalt aus ihrem inneren wie äußeren Gleichgewicht gebracht wird: Die Unschuld und Reinheit in Form der Marquise wird zunehmend vom Bösen – die Farbgebung betont dies unübersehbar – umschattet, die Erkenntnis reift: „Das Wesen unter meinem Herzen ist nicht göttlichen Ursprungs. Es ist der Sohn des Teufels.“ An dieser Stellt gelingt Ciponte und Palmerino eine eigene (und durchaus eigenwillige) Interpretation, die dem Aspekt der Autonomie der Frau einen größeren interpretatorischen Stellenwert einräumt, als dies in der Kleist-Vorlage der Fall ist. Die Marquise der Graphic Novel betont denn schlussendlich mit Blick auf den Verursacher ihres Umstandes: „Unter vielen hat er mich ausgewählt. Das Böse zu empfangen und grosszuziehen.“ Und eine Seite weiter findet sich der selbstgewählte Handlungsimperativ: „Ich bin bereit.“ Umrahmt von einer bedrohlichen Dunkelheit, in der sich die Schatten der Teufel abzeichnen, wird die Frau in lichtgetränkter Farbgebung gestaltet.

Die Adaption ist im ambitionierten Verlagsprojekt „editionfaust“ erschienen und ergänzt die Reihe „Deutsche Weltliteratur“ um ein beachtliches Vorhaben. Grundmaxime scheint das Stilmittel der Verknappung zu sein: Dies gilt sowohl für die ausgewählten Texte als auch die graphisch gestaltete Story, die vorrangig um die namensgebende Hauptfigur, die Marquise, kreist. Ciponte gelingt es, dem tradierten Stoff und der klassischen Handlung eine neue Sicht auf die Rolle und Handlungsmöglichkeiten der weiblichen Hauptfigur abzugewinnen. Dafür sind die Bildeinfälle plastisch, prägnant und erzeugen partiell Schrecken. Das ist gerade dann der Fall, wenn die Ordnung der Erzählung Kleists negiert wird und die Introspektive in den Fokus gerät. Die Kleist-Forschung ist um eine relevante und aspektreiche bildnerische Umsetzung reicher, die Leserschaft kann sich auf eine eigenständige künstlerische Adaption freuen, die mit vielen eindrucksstarken und visuell nachhaltigen Aquarellzeichnungen aufwarten kann.

Titelbild

Andrea Grosso Ciponte: Marquise von O.... Nach Kleists "Marquise von O….". Adaptiert von Dacia Palmerino und gezeichnet von Andrea Grosso Ciponte.
editionfaust, Frankfurt am Main 2015.
64 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783945400098

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