Eindeutige Bemerkungen

Hermann Heidegger und das „Zeit“-Feuilleton haben sich verirrt

Von Max BeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Max Beck und Nicholas CoomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nicholas Coomann

Im August 2015 erschien im Feuilleton der „Zeit“ ein „Gastbeitrag“[1] von Hermann Heidegger, Sohn und bis 2014 Nachlassverwalter von Martin Heidegger. Der Titel lautet „Randständige Bemerkungen“ – was insofern richtig erscheint, da der Text tatsächlich randständig und verschämt über den Kulturanzeigen sein Dasein fristet, was, wie zu vermuten und zu hoffen ist, immerhin Zeichen eines gewissen Unbehagens seitens der „Zeit“-Redaktion an dem Elaborat des Freiburger Historikers ist. Wie der Untertitel mitteilt, habe sich die Berichterstattung über Martin Heidegger „verirrt“: „Er war kein Antisemit“. Acht fortlaufend nummerierte „Tatsachen“ sollen dies belegen. Was dann folgt, sind jedoch die unfreiwilligen Geständnisse eines Autors, der sich als „Oberst a.D. Dr. Hermann Heidegger, Sohn des Philosophen Martin Heidegger“[2] vorstellen lässt, und der offensichtlich das Gedankengut, mit dem sein Vater doch angeblich nichts zu tun haben soll, immer noch beherzigt und öffentlich verbreitet.

Zu Hermann Heidegger, Jahrgang 1920, gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Was er schreibt, passt zu seinen sonstigen Äußerungen; zu einem, der gerne der Rechtsaußen-Postille „Junge Freiheit“ Interviews gibt und von derselben Zeitung stolz beworben wird als jemand, der „in Frankreich, auf dem Balkan und an der Ostfront“[3] gedient habe. Im neurechten Antaios-Verlag veröffentlichte er 2007 unter dem Titel „Heimkehr 47. Tagebuch-Auszüge aus der sowjetischen Gefangenschaft“ die Notate seiner Wehrmachts- und Kriegsgefangenenzeit. Das liest sich dann so: „6.2. (1945) Morgens griff der Russe stark an, ich hatte nur 3 Werfer mit 20 Schuß; der Russe brach in Sollau ein, ich wurde beim Heraustreten aus dem Btl.-Gefechtstand angeschossen, legte noch einen um.“[4] Die Geisteshaltung des Soldaten findet sich auch in seiner Tätigkeit als Nachlassverwalter wieder. In einem Interview mit der „Zeit“ aus dem Jahr 2014 erinnert er sich an die heroische Zusage gegenüber seinem Vater, dessen Gesamtausgabe zu betreuen: „Als alter Soldat habe ich in Gedanken die Hände an die Hosennaht gelegt und ihm das versprochen.“[5] Wie ein solcher Schwur in geistiger Hab-Acht-Pose zu exekutieren ist, hat Hermann Heidegger vielfach unter Beweis gestellt. Die Intransparenz der Editionspolitik wurde gerade in jüngster Vergangenheit stark kritisiert und musste sich sogar den Vorwurf gefallen lassen, bewusst ein verharmlosendes Bild der politischen Ansichten des Philosophen zu vermitteln.[6] Hermann Heidegger hat es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht, die nicht erst seit den „Schwarzen Heften“ angekratzte Ehre seines Vaters gegen alle Tatsachen zu retten.

Warum Martin Heidegger kein Antisemit gewesen sein kann, liegt für den Sohn auf der Hand: Die „Halbjüdin Elisabeth Blochmann“ sei „Freundin und Geliebte von Martin Heidegger“ gewesen, ebenso habe er den „Halbjuden Werner Brock“ bis 1933 als Assistenten beschäftigt. „Edmund Husserl, ein Jude, war von 1919 bis 1933 väterlicher Freund von Martin Heidegger.“ Und so weiter und so fort. Kurz: Sechs der acht „Tatsachen“ lassen sich durch die fragwürdige Behauptung zusammenfassen, jemand, der jüdische Bekannte und Freunde habe, könne kein Antisemit sein – eine apologetische Retourkutsche, die nicht nur nachweislich falsch, sondern auch schon reichlich abgenutzt ist. Dass etwa Richard Wagners wichtigster Dirigent Hermann Levi jüdisch war, brachte ihn bekanntlich nicht dazu, von seinem Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ Abstand zu nehmen. Und so konnte auch Martin Heidegger – wenngleich im Stillen – über das „Weltjudentum“ schwadronieren und sich gleichzeitig von seinem „jüdischen Schüler“ Karl Löwith „umarmen“ lassen. Die Tatsache, dass Hannah Arendt, „seine jüdische Schülerin und Geliebte aus Marburger Tagen“, in den 1950er-Jahren eine „freundschaftliche Beziehung“ zu dem ehemaligen NS-Hochschulrektor aufbaute, spricht zudem eher gegen Hannah Arendt als für die Unschuld Heideggers. 2014 teilte Hermann Heidegger bereits via „Junge Freiheit“ mit, dass sein Vater „kritisch gegenüber dem Weltjudentum“ eingestellt war, aber – was auch sonst? – „auf keinen Fall ein Antisemit“ gewesen sei.[7] Was ein „Kritiker“ des „Weltjudentums“ sein soll, dessen Existenz für Hermann Heidegger überhaupt gar keine Frage ist, bleibt unklar. Manche nennen solche Leute Antisemiten.

Hermann Heideggers selbstverständliche Verwendung des Wortes „Halbjude“ spricht eine eindeutige Sprache. Victor Klemperer hat in seiner „Lingua Tertii Imperii“, dem berühmten Wörterbuch über die Sprache des Dritten Reiches, darauf hingewiesen, in welche Sphäre diese Redeweise gehört: „Das begann natürlich mit ‚nichtarisch‘ und ‚arisieren‘, dann gab es die ,Nürnberger Gesetze zur Reinhaltung des deutschen Blutes‘, dann waren da ,Volljuden‘ und ‚Halbjuden‘ und ‚Mischlinge ersten Grades‘ und anderer Grade und ‚Judenstämmlinge‘.“[8] Der Begriff, der in den antisemitischen Theorien des 19. Jahrhunderts seinen Ursprung hat und heute eindeutig dem biologistischen Jargon der „Rassengesetze“ von 1935 zuzuordnen ist, legt – weit davon entfernt, irgendjemanden zu verteidigen – eher Zeugnis ab gegen seinen Sprecher, dem die Kategorien des Nationalsozialismus auch sieben Jahrzehnte nach dessen Untergang noch taugliche Wirklichkeitsbeschreibungen zu sein scheinen. Anders als im verquasten Amtsdeutsch des Volks der „Richter und Henker“ (Karl Kraus) gibt es im Judentum keine halben, Viertel- oder Achteljuden. Aber das interessiert den Historiker Hermann Heidegger wohl eher nicht. Was wiederum die „Zeit“ interessieren sollte: Bereits 2011 entschuldigte sich eine Zeitung für die Verwendung des Wortes.[9] Auch dass der Philosoph Edmund Husserl („ein Jude“) bekanntlich 1886 zum Protestantismus konvertierte und somit höchstens als Jude von den Nazis verfolgt wurde, spielt in den Ausführungen keine Rolle. Die rassenbiologische Terminologie wird in diesem ungeheuerlichen Text noch zum Argument gegen Heideggers Antisemitismus.

Ein Ass hat Hermann Heidegger noch im Ärmel: In den jüngst veröffentlichten und kontrovers diskutierten[10] „Schwarzen Heften“ seien die „Bemerkungen zum Judentum eher randständig“ – und mit ihnen wohl alles, was den Vorwurf des Antisemitismus erwecken könnte. Als hätte Antisemitismus überhaupt irgendetwas mit einer ernsthaften Beschäftigung mit dem Judentum zu tun. Doch damit nicht genug, sind die randständigen Bemerkungen des Vaters, den randständigen Bemerkungen des Sohnes zufolge, auch noch falsch verstanden worden: Diese leiteten sich nämlich ab „aus der Kritik am neuzeitlichen Menschentum“ und beträfen „ebenso den römischen Katholizismus, den Amerikanismus und Bolschewismus, ferner Technik, Wissenschaft und Universität“. Als sei nicht genau das ein wesentlicher Teil des Antisemitismus: der Hass auf die unverstandene und als diffuse Bedrohung empfundene Moderne. Zudem habe Heidegger „nicht zuletzt den Nationalsozialismus“ kritisiert. Es geht hier nicht darum, historische und philosophische Falschbehauptungen (die ohnehin schon lange kursieren) im Einzelnen zu widerlegen, was zahlreiche seriöse Historiker und Philosophen getan haben. Interessant ist vielmehr, dass Hermann Heidegger im „Zeit“-Feuilleton geschichtsverdrehende Pirouetten vorführt und versucht, mit dem Vokabular des nationalsozialistischen Antisemitismus seinen Vater vom Vorwurf des Antisemitismus freizusprechen.

Am Ende erteilt Hermann Heidegger noch einen guten Rat: Der „geneigte Leser“ möge sich, anstatt „sich von Verunglimpfung, Schlagworten und Begriffsungeheuern beirren zu lassen“, lieber „von Heideggers Schriften selbst ein Urteil bilden“. Die Floskel vom „geneigten Leser“ verrät, wie sich das ein Hermann Heidegger so vorstellt. „Geneigt“ möge der Leser bitteschön sein, und zwar hin zur Philosophie des Meisters. Kritiker sollen zu Hause bleiben. Schließlich gebe es eine „Heidegger-Hatz“ („Junge Freiheit“), und „fachfremde Wissenschaftler“ wie „der Soziologe Farías und der Wirtschaftshistoriker Ott“[11] würden schon viel zu lange fiese Unwahrheiten verbreiten.

Das wäre alles nicht der Rede wert, würde Hermann Heidegger bei seinen publizistischen Kameraden schreiben. Der Skandal besteht eher darin, dass jenes Elaborat nicht etwa in der „Jungen Freiheit“ oder der „Nationalzeitung“ erschienen ist, sondern in einem Blatt, das von seinem liberalen Image zehrt und insbesondere bei Studienräten und sonstigen Dipl. Ings. und Dr. Phils. beliebt ist und darüber hinaus in Schulen und Universitäten als Speerspitze bundesdeutscher Intelligenz gehandelt wird. Nachdem sich in der „Zeit“ seit der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ einige Autoren sehr kritisch zu Heideggers Antisemitismus geäußert haben,[12] war man wohl der Meinung, nun auch mal einen „Kritiker“ der Kritiker zu Wort kommen zu lassen – alles ein ganz demokratischer Diskurs, versteht sich. Was sagen Iris Radisch, Adam Soboczynski und Giovanni di Lorenzo? Mittlerweile ist der Text auch online abrufbar – unkommentiert, ohne jede Distanzierung. Anscheinend stört sich niemand daran. Wer über sieben Jahrzehnte nach der Shoah in einer liberalen Zeitung einen Text druckt, der „Halbjuden“ zum „Argument“ gegen Antisemitismus macht, muss sich erklären.

Max Beck und Nicholas Coomann haben zuletzt den Sammelband „Sprachkritik als Ideologiekritik. Studien zu Adornos ,Jargon der Eigentlichkeit‘“ (Königshausen & Neumann: Würzburg 2015) herausgegeben.

Hinweise:

[1]     http://www.zeit.de/2015/32/martin-heidegger-antisemitismus-sohn-hermann-heidegger

[2]     https://jungefreiheit.de/informationen/interviewpartner/

[3]     https://phinau.de/jf-archiv/archiv02/452yy35.htm

[4]     Hermann Heidegger: Heimkehr 47. Tagebuch-Auszüge aus der sowjetischen Gefangenschaft, Schnellroda 2007, S. 10.

[5]     http://www.zeit.de/2014/11/hermann-heidegger-schwarze-hefte/seite-4

[6]     http://www.zeit.de/2015/13/antisemitismus-martin-heidegger-philosoph-schwarze-hefte

[7]     https://phinau.de/jf-archiv/archiv14/201440092611.htm

[8]     Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1996, S. 217.

[9]     http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/10568

[10]   http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19158

[11]   https://phinau.de/jf-archiv/archiv02/452yy35.htm

[12]   http://www.zeit.de/2014/12/heidegger-schwarze-hefte-veroeffentlicht; http://www.zeit.de/2015/18/martin-heidegger-schwarze-hefte-kongress; http://www.zeit.de/2015/13/antisemitismus-martin-heidegger-philosoph-schwarze-hefte