Paare und Paarungen

Sabine Haupt vermisst in ihrem Erzählband „Blaue Stunden“ die Liebe

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

LiteraturwissenschaftlerIn und zugleich selbst LiteratIn – das ist bekanntlich nicht immer eine verheißungsvolle Kombination. Im Falle von Sabine Haupt aber fügen sich die beiden Passionen sogar zu einem glücklichen Paar. Die an der Universität in Genf forschende Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft hat soeben ihren zweiten Erzählband vorgelegt. In seinen 49 Kurzgeschichten versucht sie sich unverdrossen an der „Quadratur der Liebe“, zweifellos wohlwissend, dass ein solches Unterfangen bei einem derart unförmigen Gebilde nie ganz aufgehen kann, mögen die Kenntnisse über geometrische und andere Liebesdinge auch noch so erschöpfend sein. Und über stupende Kenntnisse verfügt die Autorin keineswegs nur in diesem Bereich. Sie reichen selbst in die abseitigsten Gebiete speziellen Fach- und obskuren Allgemeinwissens, die über die Grenzen eines von gängigen Schulweisheiten belehrten Bildungsbürgertums weit hinausreichen. So umfassen sie etwa verwandtschaftliche Verhältnisse „phonetisch eng benachbarter“ chinesischer Vokabeln, einen „skandalösen Vorfall im Saal des Wiener Musikvereins“ zu Zeiten, als Arnold Schönberg dort noch dirigierte, bis hin zur von einigen ‚Nazi-Größen‘ goutierten Welteislehre Hanns Hörbigers. Auch können sich die Lesenden an unzähligen, mal offenen, mal verdeckten Verweisen auf Gebiete der Wissenschaftstheorie, der Kosmologie, Grundsätze der theoretischen Physik und was der gleichen Weltweisheiten, die sich Allerweltweisheiten verbieten, mehr sind, erfreuen.

Doch weit mehr noch als das Weltwissen der Autorin beeindrucken ihr sensibles Gespür für treffende Worte, Wendungen und Begriffe, ihre Stilsicherheit und ihre Fabulierkunst. Denn Haupt erzählt nicht selten auch metaphorisch, dabei die Bedeutungsebenen postmodern schillernd verschlingend. Sie verwebt Narration und Reflektion in einem engen Geflecht, legt ihren Figuren originelle Thesen in den Mund und lässt eine Erzählinstanz auch schon einmal mit Größen der Philosophiegeschichte streiten. Meist sind es Männer, die den Protagonistinnen die Welt und ähnliche Dinge erklären. Ungeschicklichkeiten der Liebe und des Begehrens, die nicht immer zum Ziel führen, unterlaufen hingegen nicht nur ihnen.

Haupt wiederum unterläuft nicht ein Mal die literarische Sünde, zu einer abgegriffenen Metapher zu greifen. Sie verfügt vielmehr über einen ebenso originellen wie unerschöpflichen Bilderreichtum, der etwa die Sonne auf ganz verschiedene Weisen scheinen lässt. Mal brennt sie „wie eine offene Wunde, dickflüssig und eitrig“, mal ist ihr „Begehren hart“, und ihre Strahlen „gieren“ „still und gefräßig“ nach der in einer Wüste umherirrenden Protagonistin. „Wolkenberge“ hingegen „türmen sich wie maßlose Kinderwünsche ins Offene“ oder können „lawinenartig den Himmel überschäumen“. Bei all dem zeichnet sich Haupts Sprache durch einen unverwechselbaren Klang aus.

Dem geometrischen Vorhaben der Quadratur gemäß hat die Autorin ihre Kurzgeschichten auf vier „Kapitel“ verteilt. Sie tragen die Titel „Nomenklaturen und andere Wortklaubereien“, „Sehnsüchte und Fernwehen“, „Anatomien und Leibesübungen“ sowie „Moritaten und Wahnwitze“ und erschöpfen sich keineswegs darin, je eine Dimension der Liebe auszumessen. Die Überschriften der Kapitel und Erzählungen lassen zudem bereits den sprachlichen Witz aufblitzen, mit dem Haupt in den Geschichten immer wieder brilliert, wobei die originellen Neologismen der gebürtigen Gießenerin auch schon einmal ins Oberhessische durchbrechen, während in den Liebesreflexionen der namenlosen Ich-ErzählerIn der ersten Kurzgeschichte Humor und fast schon weise Erkenntnis zusammenfinden wie die zwei Hälften des in der Geschichte erwähnten Platonischen „Kugelmenschen“, oder in einer anderen Story die „These“ vertreten wird, „die Keuschheit des Weibes sei eine gesundheitspolitische Erfindung zur Entlastung potenzgeschwächter Männlichkeit“.

Die Kurzgeschichte „Die fünfte Dimension. Bettgeflüster“ wiederum zeigt nicht nur, dass die vier Dimensionen der Raumzeit kaum ausreichen, will man die Liebe vermessen, sondern auch, dass die Autorin ihre Geschlechtsgenossinnen in ihren literarischen Kleinoden um Paare und Paarungen keineswegs immer sonderlich gut wegkommen lässt. Schwadroniert der Herr der Geschichte gerne monologisch über Gott und die Welt, um seine Kenntnisse über die unterschiedlichsten Wissensgebieten auszubreiten, weiß die Frau an seiner Seite darum, dass er „intellektuelle Frauen besonders sexy und inspirierend“ findet, und wirft gelegentlich einmal eine ihrer vermeintlich klugen Fragen ein. Denn es ist „ja nicht schwer, einem Mann Intelligenz vorzugaukeln“. So erkundigt sie sich etwa „nach der Farbe der dunklen Materie“. Er ist nun tatsächlich zwar nicht dumm, aber doch egozentrisch genug, keinen größeren Anstoß an der nur fingierten Intelligenz seiner Bettgenossin zu nehmen.

Die Geschichten des zweiten Kapitels führen die meist weiblichen ProtagonistInnen auf Reisen in fernere Gefilde rund um das Mittelmeer, wo über Philosophie und Mythos selbstverständlich in Griechenland reflektiert wird, ein Protagonist am anderen Ende Südeuropas Bekanntschaft mit dem „Dämon des Flamenco“ macht oder europäische TouristInnen in Nordafrika Mülltrennung probieren und propagieren. Manchmal aber führen sie auch nur mit dem Finger über die Landkarte. Gegen Ende des Buches geht es dann auch einmal über den Atlantik, nach Nicaragua, wo die sandinistische Revolution so gar nicht hält, was sich ihre europäischen GenossInnen von ihr versprachen, und ein Vater die Vermutung seiner Tochter, bei den deutschsprachigen Entführern einiger „Indiofrauen“ handele es sich um „alte Nazis“, mit Wittgensteins Begrifflichkeiten „zerfragt“.

Vielleicht selbst für eine Autorin vom Format Haupts noch einmal besonders komplex, vielschichtig und nicht zuletzt, aber wohl kaum ausschließlich, metaphorisch zu lesen ist die Kurzgeschichte „Jerusalem 1979. Denkmal“. Minchen, der Name der Großmutter der 19-jährigen Protagonistin allerdings erinnert zwar an das Kosewort Mimchen, bei dem Hedwig Pringsheim die ihre zu nennen pflegte. Doch hat die unbelehrbare Antisemitin in Haupts Geschichte rein gar nichts mit Hedwig Dohm, der zungenfertigen und streitbaren Feministin der vorletzten Jahrhundertwende, gemein, so dass man doch eher geneigt ist, hier kein intertextuelles Spiel zu vermuten. Dass die studentische Protagonistin aber ebenso wie weiland Franziska zu Reventlow in der Schwabinger Kaulbachstraße wohnt, dürfte kaum ein Zufall sein. Geht es in dem fiktiven Haus der Geschichte doch nicht weniger antibürgerlich zu als im berühmten Eckhaus zu jener Zeit, als München noch leuchtete.

Das dritte Kapitel wendet sich, wie sein Titel „Anatomien und Leibesübungen“ natürlich schon vermuten lässt, in verstärktem Maße dem Körper, seinen Kontakten und dergleichen mehr zu. Die Kurzgeschichte „Body-Modification“ etwa beginnt als Rede einer Mutter an ihre pubertierende Tochter als Säugling. Worum sonst könnte es gehen, als um eine vom Töchterchen gewünschte Nasenoperation? Urkomisch, wie Haupt hier die Schönheitschirurgie aufs Korn nimmt.

Überhaupt kann die Autorin überaus amüsant und erfrischend erzählen, und meistens tut sie genau das. Im letzten der vier Kapitel verdüstern sich die zu Beginn oft so heiteren blauen Stunden allerdings zunehmend. Sind die Kurzgeschichten auch zuvor schon des Öfteren melancholisch, werden sie nun gelegentlich abgründig. Dann handeln sie von häuslicher Gewalt aus der Perspektive des Täters, rabiaten Vergewaltigungen und brachialer sexueller Gewalt. Man kann sich bei der Lektüre durchaus an Georges Batailles obszönes Werk erinnert fühlen. Tatsächlich fällt der Name des französischen Hohepriesters des heiligen Eros sogar einmal. Allerdings an anderer Stelle. Gefallen lässt sich an diesen letzten, etwa als „Okkultporno“ ausgewiesenen Texten des Buches schwerlich finden. Kaum, dass man sie erträgt. Sie zu Papier zu bringen dürfte nicht einfacher gewesen sein. Die Autorin misst auf den gut 500 Seiten ihres Buches also so ziemlich das gesamte Universum der Liebe und der Sexualität zwischen den Geschlechtern aus – ihrer Höllenqualen und ihres himmlischen Scheins.

Was aber hat es eigentlich mit der Sehnsuchts-Farbe im titelstiftenden Topos auf sich? Es ist der Himmel, der blau ist und an kein Ende kommt. Und natürlich die Liebe. Sie, die „so blau“ ist „wie sonst nichts“. Und hätten Haupts Geschichten eine Moral, sie lautete vielleicht, dass man zwar nicht die Welt, wohl aber ein Kind retten kann.

Man scheue den Weg zur nächsten Buchhandlung nicht und wird zweifellos viele heitere und melancholische, auch nachdenkliche Stunden mit dem neu erworbenen Freund verbringen. Nur darf man nicht den Fehler begehen, seine Gaben allzu gierig zu verschlingen und die kurzen Texte geschwind hintereinander herunterzulesen. Sicher, man könnte es tun, denn auch dann bereiten sie kein geringes Vergnügen. Weit größeres jedoch bietet eine Lektüre, die dann und wann innehält.

Titelbild

Sabine Haupt: Blaue Stunden. Kleine Quadratur der Liebe.
Offizin Zürich Verlag, Zürich 2015.
525 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783906276045

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