Vergebliche Liebesmüh

Karl-Heinz Otts satirischer Familienroman „Die Auferstehung“

Von Albert C. EiblRSS-Newsfeed neuer Artikel von Albert C. Eibl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Vater ist tot. Tochter Linda beruft sofort eine Familienkonferenz im Haus des Erblassers ein – nicht um gemeinsam Andacht zu halten, sondern um im Geheimen einen Schlachtplan auszuarbeiten für den unwahrscheinlichsten Fall der Fälle: die komplette und unwiderrufliche Enterbung der Geschwister. Das Ferienhaus am Lago Maggiore hatte der Vater, ein pensionierter Chefarzt, der die letzten Jahre zunehmend an Parkinson litt, schon der „ungarischen Hure“ vermacht, wie seine Pflegekraft und Lebenspartnerin der letzten Jahre nur noch von allen genannt wird. Als die letzte Bastion eines über die Jahre hinweg mehr als brüchig gewordenen Familienzusammenhalts soll nun aber wenigstens das Haus der gemeinsamen Kindheit nicht kampflos aufgegeben werden.

Die Ausgangssituation im neuem Roman Die Auferstehung des 2014 mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis ausgezeichneten Schriftstellers Karl-Heinz Ott ist in ihrer morbiden Komik filmreif und könnte auch aus einem zeitgenössischen Theaterstück stammen: Während im Wohnzimmer auf den Testamentsbewahrer Schmeler gewartet wird, den Ex-Verlobten von Schwester Linda, der vor über dreißig Jahren nach einem Kurzurlaub aus Mallorca als frischgebackener Ehemann eines Laufstegwunders zurückgekommen war, entspinnt sich in unmittelbarer Nähe zum noch nicht erkalteten Leib des Vaters ein wahres Fegefeuer der Eitelkeiten.

Es wird gestritten, beschuldigt, verdammt und herumschwadroniert. Daneben webt man ausufernde metaphysische Spekulationsteppiche, bei denen gern mal Pascal zitiert wird, streitet sich seitenlang über die optimale Art der Beerdigung (Sarg, Urne, Seebestattung oder Friedwald), tauscht längst im Sand der Zeit verwehte Jugenderlebnisse und Kindheitserinnerungen aus und kommt alles in allem zu dem Schluss, dass man mit den anderen Personen im Raum nicht mehr gemein hat als den italienisch klingelnden Nachnamen und die von keinerlei Schwermut getrübte Erleichterung über das plötzliche Ende des Vaters („Gottlob!“).

Immerhin bedeutet der überraschende Tod des einzigen Ernährers für die gealterten Arbeitsasketen und Karriereverächter Joschi, Uli und Jakob den einzig greifbaren Ausweg aus der selbstgewählten Vermögenslosigkeit, die sich bereits in düsteren Farben am Horizont des beginnenden Rentenalters abzeichnet und besonders bei Jakob für einiges Kopfzerbrechen sorgt. Während Joschi früher als linker Konsumkritiker und Gerechtigkeitsprediger die Nachwehen der 68er-Bewegung mit messianischem Furor neu zu beleben gedachte und seitdem stilecht in diversen Kellerlöchern Mitteleuropas haust, wollte der humanistisch gebildete Bohemien und Fernsehkulturjournalist Jakob Zeit seines Lebens bloß „für das Zwecklose zuständig sein und nicht kalkulieren müssen, was dieses bringt und was jenes nicht.“

Sein einsames Streben nach Muße und den kulinarischen Genüssen des Lebens, das sich metaphysisch überhöht als Sinnsuche eines Intellektuellen aus Leidenschaft tarnt, wird von seiner Sparkasse leider nicht in dem Maße goutiert, wie er das vielleicht angebracht fände, sodass der solitäre Freigeist zu Beginn des Romans bereits einer unschönen Kontoauflösung entgegensieht.

Uli indes hat sich mit seiner Familie auf der Schwäbischen Alb ein heimeliges Refugium geschaffen, in dem er, mit allerlei selbstangebautem Gemüse versorgt, seinem Werklehrerberuf an einer Waldorfschule sorgenfrei und mit einem Joint zwischen den Lippen nachgehen kann – frei von jeglichen Gewinnmaximierungsstrategien, die die breite Masse der Kapitalismusgeschädigten plagen.

Die einzige unter den vieren, deren Lebensabend dank Riester und selbstverordneter Sparsamkeit auch ohne Erbe gesichert scheint, ist die selbsternannte Familienmediatorin Linda, die ein kleines Kunsthaus in Memmingen leitet und genauso überzeugt ist von ihrem unersetzlichen Dienst an der Familie („Die Einzige, die dafür sorgt, dass dieser Laden nicht auseinanderfliegt, bin doch ich.“) wie von der ständigen Benachteiligung, die sie seit Kindertagen trotzdem immer wieder (nicht nur durch den ungerechten Vater) hinnehmen musste.

Offene Rechnungen gibt es genug unter den höchst ungleichen Geschwistern: so die Veruntreuungsklage gegen Bruder Joschi, die die Familie einst vier Bausparverträge und Mutters gesamtes Erspartes gekostet hat. So auch Lindas großangelegter Entmündigungsversuch des Vaters, dessen erotisches Erweckungserlebnis nach dem Tod der Mutter („Mein Leben lang habe ich gedient, jetzt bin ich dran“) sie nicht zu tolerieren bereit war – was dann in letzter Konsequenz zum unwiderruflichen Bruch des Vaters mit seinen Sprösslingen führte. Ja, in der vermeintlichen Erbenrunde aus alltagsfrustrierten Mittfünfzigern entblödet man sich nicht einmal, Bruder Uli mit erhobenem Zeigefinger auf das teure Akkordeon hinzuweisen, das er dereinst, in einer Anwandlung von ungerechtfertigter Verschwendung, von den Eltern zum zehnten Geburtstag geschenkt bekam.

In der satirischen Überzeichnung dieser herrlich neurotischen Erbengemeinschaft, die in ihrer Schamlosigkeit kaum mehr zu überbieten ist, zielt Karl-Heinz Ott natürlich auf die Generation der zur Wirtschaftswunderzeit Geborenen, jener Generation, die lautstark gegen die „Schaffe, schaffe, Häusle baue“-Mentalität ihrer Eltern in der durch nichts zu rechtfertigenden Überzeugung protestierte, dass der eigene Wohlstand sich sicher auch dann einstellen werde, wenn man keinem trockenen Brotberuf nachginge, sondern sich lieber im Äther einer genuss- und kulturfreundlichen Freizeitgestaltung verlöre.

Von dieser schwarzmalerischen Stereotypisierung, die viel menschlich Wahres zutage fördert und mit einigen brillanten psychologischen Beobachtungen aufzuwarten vermag, lebt der Roman. Und als geduldiger Leser ist man anfangs auch gerne geneigt, sich, anstatt einen zügigen Fortgang der Handlung zu erwarten, auf die oft recht witzig konstruierten Dialoge Otts einzulassen, die ein erfrischendes dramatisches Moment in den Roman einbringen (Kein Wunder, Ott kommt vom Theater). Auch die fast schon inflationär eingeschalteten Rückblenden mag man dem Autor von Ins Offene noch nach den ersten zwei Lesestunden verzeihen, werfen sie doch von verschiedenen Seiten einiges wohldosiertes Licht auf den Werdegang der Geschwister und versprechen das unfreiwillige Warten auf Godot – zumindest bis zum Ende des ersten Romandrittels – zu einer erträglichen Angelegenheit werden zu lassen.

Allein, das Versprechen wird nicht eingelöst. Obwohl die Ankunft des Juristen Schmelers und damit die Antwort auf die alles entscheidende Frage, wie es mit dem Erbe steht, in greifbarer Nähe scheint – nur noch ein paar Mal umblättern, dann ist es sicherlich soweit –, dauert es doch geschlagene 263 Seiten bis der Leibhaftige im Wohnzimmer der Nidos seinen Auftritt hat. Und selbst dann erfahren wir leider nichts über den konkreten Inhalt des begehrten letzten Willens, sondern müssen uns mit Joschi, Uli, Jakob, Linda und deren Lebenspartnern auf ein Frage-und-Antwort-Spiel à la Miss Marple einlassen, bei dem außer juristischen Fachsimpeleien wenig Neues herauskommt, geschweige denn etwas, das einer Auflösung des mühsam gesponnenen Familiendramas nahe käme. Die lang ersehnte Wendung erwartet man hier, wie schon an mehreren Stellen zuvor, vergebens.

Und so kann auch der reichlich unmotiviert erscheinende One-Night-Stand zwischen Jakob und seiner Schwägerin Franziska ganz am Ende des Buches kaum mehr darüber hinwegtäuschen, dass Ott aus dem knappen Stoff eines bühnenreifen Einakters einen Roman spinnen wollte – ohne freilich an ausreichend Garn zu denken. In diesem Sinn resultiert auch aus der titelgebenden, von langer Hand vorbereiteten Auferstehung des Vaters, der augenscheinlich einen ganzen Tag und eine ganz Nacht lang das verantwortungslose Treiben seiner Kinder bei vollem Bewusstsein mitbekommen hatte, bedauerlicherweise weniger als nichts: „Man hört Papa schlucken, sieht es auch an seinem Adamsapfel. Man könnte meinen, er möchte mit diesem Schlucken gleich zum Reden ansetzen. Doch er sagt nichts. Vielleicht kann er nichts sagen. Oder er will nicht.“ Vergebliche Liebesmüh.

Titelbild

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung. Roman.
Carl Hanser Verlag, München 2015.
348 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783446249097

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch