Islamische Philosophie im Mittelalter

Ein Handbuch von Heidrun Eichner, Matthias Perkams und Christian Schäfer

Von Carmen UlrichRSS-Newsfeed neuer Artikel von Carmen Ulrich

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von Ost nach West, aus dem arabisch-islamischen Kulturraum bahnte sich das Ideal einer autonomen Philosophie den Weg ins lateinisch-christliche Europa. Im frühmittelalterlichen Baġdād verbreiteten islamische Gelehrte die Idee eines einheitlichen Systems logisch verknüpfter Sätze als Hochziel allen wissenschaftlichen Treibens. Diese systematische Fundierung der Philosophie beförderte im westlichen Europa eine geistige Dynamik, aus der sich die Säkularisierung speiste. Die historischen Linien skizzierend, bietet das Handbuch zur Islamischen Philosophie im Mittelalter eine wichtige Quelle für gegenwärtige Diskurse über die westlich-europäischen und arabisch-islamischen Ideen von Gesellschaft, Religion und Philosophie. Die heute so stark ins Auge fallenden Differenzen haben einen gemeinsamen Ausgangspunkt – die griechische Antike in persona grata Aristoteles, von dem ausgehend sich beide Kulturen, die europäisch-abendländische wie auch die arabisch-islamische, ihre Herkunftsgeschichten erzählen.

Das als Einführungswerk gedachte Handbuch für den „interessierten Nicht-Fachmann“ will mit der Aufbereitung bislang nur schwer zugänglicher Quellenmaterialien nicht nur eine Lücke auf dem deutschen Buchmarkt füllen, sondern auch die Annahme einer scharfen Kluft zwischen beiden Kulturkreisen widerlegen. Der in der abendländischen Philosophie geschulte Leser stößt bei den islamischen Autoren auf zahlreiche Fragestellungen und Begrifflichkeiten, die ihm von den klassischen griechischen Philosophen bekannt sind oder mehr noch, das eigene, kulturell begründete Selbstverständnis ausmachen.

Die Islamische Philosophie im Mittelalter – ausgespart bleiben mit guten Gründen die jüdischen und christlichen Denker des arabischen Raums – wird im ersten Überblickskapitel historisch, im zweiten Kapitel paradigmatisch anhand einzelner Denker und deren Werke, Theorien und Bedeutung in den jeweiligen geistesgeschichtlichen Kontexten vorgestellt. Demgegenüber fällt das dritte Kapitel, „Die Rezeption der arabischen Philosophie im Westen“, auffallend kurz aus, womöglich selbsterklärend dadurch, dass die europäische Sicht das gesamte Handbuch motiviert. Im Mittelpunkt stehen die griechisch geprägten Philosophen des arabisch-islamischen Mittelalters, zusammengefasst falāsifa. Um dem Leser die wichtigsten Namen – al-Fārābī, Avicenna, Averroes, al-Kindī und al-Ġazāli – geläufig zu machen, unternimmt das Handbuch verschiedentliche Anläufe und Perspektivierungen. Allerdings wiederholen sich grundlegende Informationen mehrfach und stellenweise hätte man sich zwischen den einzelnen Beiträgen mehr Feinabstimmungen gewünscht. Zwar bietet das kurze Inhaltsverzeichnis (beschränkt auf die Titel der Beiträge) den Vorteil einer schnellen Gesamtübersicht, doch kaum die Möglichkeit, konkreten Fragestellungen gezielt nachzugehen. Das Buch will Seite für Seite gelesen werden. Es lohnt sich zweifelsfrei. Für ein Nachschlagewerk hätte sich indessen eine detailliertere Gliederung angeboten.

Von mehreren Seiten beleuchtet werden die Spannungen zwischen der Lehre des Islam als Offenbarungsreligion und der aristotelisch begründeten Vorrangstellung wissenschaftlicher Rationalität – inkommensurable Wahrheitsansprüche, die islamische Gesellschaften mit den monotheistischen Schriftkulturen der Juden und Christen teilen. Das Verhältnis zwischen Religion und Philosophie veränderte sich im Laufe der Historie, einerseits konnten die Spannungen Wissenschaft und Kultur beflügeln, andererseits deren Entwicklung blockieren.

In Bezug auf den islamischen Offenbarungsglauben lässt sich die Philosophie nach al-Kindī, Avicenna, al-Fārābī und Averroes als methodische Alternative begreifen. Zur inhaltlichen Konkurrenz gegenüber der Religion avancierte die islamische Philosophie in der europäischen Rezeption aufgrund von Übersetzungslücken, so der Herausgeber Matthias Perkams. Doch auch innerhalb Baġdāds relativierte sich der universale Geltungsanspruch griechisch-aristotelischer Logik durch das hohe Niveau, das die arabische Philologie im 10. Jahrhundert erreichte, gestützt von der großen Bedeutung des koranischen Wortlauts im Islam. Erkennbar wird das Geflecht an unterschiedlichen Einflüssen auf das Selbstverständnis der Philosophie in islamischen Gesellschaften – als akademische Disziplin im Verhältnis zu anderen Disziplinen, als Tradition des kalām und der Mu’taziliten, als Bestandteil des Kalifats und Gegenbewegung zum sunnitischen Islam, als Fundament der arabisch-islamischen und westeuropäischen Zivilisation.

Die Perspektive arabischer Denker nachzeichnend, verweist Perkams, mit Beispielen aus der komplexen Rezeptionsgeschichte von Aristoteles‘ De anima, auf die verschiedenen Kanones übersetzter Schriften, die auch inhaltlich von den griechischen Vorlagen abwichen, andere Terminologien einführten und neue Interpretationsmöglichkeiten boten. Rotraud Hansberger deutet die arabische Plotin-Überlieferung der Theologie des Aristoteles aufgrund der intendierten Abweichungen vom Original als philosophischen Neubeginn. Die freien Übersetzungen aus dem Griechischen seien dem universalen Geltungsanspruch der Philosophen geschuldet, denen es weniger um die Bewahrung des antiken Erbes ging als darum, das Wissen der Griechen für aktuelle Fragen und Probleme fruchtbar zu machen und weiterzuentwickeln. Das plotinische Denksystem musste mit den muslimischen Glaubensvorstellungen vereinbar sein und sich dafür Umdeutungen (in Bezug auf Gottesbezeichnungen oder die Idee des Schönen) gefallen lassen.

Cleophea Ferrari verweist in ihrem Beitrag zu al-Fārābī auf die Ambivalenz in den Bemühungen um eine Universalphilosophie – mit der Verabsolutierung Aristoteles‘ ging eine eigenwillige Hermeneutik einher, die jene Philosophie in den Kontext der arabisch-islamischen Kultur zu integrieren suchte.

Den großen Einfluss der Araber auf die europäische Philosophiegeschichte markierend, widmen sich vier Beiträge allein Avicenna, dessen Metaphysik, über die aristotelische Vorlage hinausgehend, sich mit der islamischen Tradition und Theologie als weitgehend kompatibel erwies. Allerdings setzte dies, so Nadja Germann, eine selektive Rezeption voraus unter Ausschluss von Avicennas Kosmologie, die, beruhend auf der Idee eines notwendig Seienden und ewig Werdenden, in eklatantem Widerspruch zum Schöpfungsglauben steht. Indessen kritisiert Heidrun Eichner innerhalb der Avicenna-Rezeption die eurozentrische Sicht auf die arabisch-islamische Philosophietradition, die eigenständige Entwicklungen kaum beachte. Mit Belegen aus der Forschungsliteratur und einer Neuauslegung al-Ġazālis, des vermeintlichen „Zerstörers der Philosophie“ (vgl. Inkohärenz der Philosophen), widerlegt Eichner die verbreitete Annahme, der sunnitische Islam habe das philosophische Denken unterbunden. Ähnlich argumentiert Frank Griffel: Gerade wegen seiner detaillierten Streitschrift gegen den Erkenntnisanspruch der falāsifa sei al-Ġazālī ein wichtiger Philosoph im arabischen Raum. Mit dieser Neuperspektivierung motiviert das Handbuch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem vorhandenen Quellenmaterial.

Insgesamt vermittelt das Handbuch die mittelalterliche islamische Philosophie als eine Denkbewegung, die griechische Antike, islamischen Glauben und islamisches Recht mit den zeitgenössischen gesellschaftlichen Fragen zu vereinbaren sucht und dabei nicht selten von pragmatischen Interessen geleitet ist. Besonders deutlich wird dies in den Beiträgen von David Wirmer über Ibn Rušd (Averroes), bei dessen Bemühungen um eine kohärente Erklärung der Welt die Begriffe Philosophie und Religion nahezu austauschbar werden. Ibn Rušds These von der Philosophie als der wahren Religion kann, je nach Definition, sowohl revolutionär als auch traditionell verstanden werden. Diese passgenaue Ineinssetzung aristotelischer, neuplatonischer und koranischer Lektüren, wie sie Peter Adamson auch in al-Kindīs eigenständiger Aristoteles-Rezeption nachweist, lässt sich zweifellos aus der angestrebten Geltungsmacht der Philosophen erklären, hatte, rückblickend gesehen, allerdings wenig Zulauf. Wie Rémy Brague feststellt, blieb die Philosophie in den islamischen Ländern und vor allem im sunnitischen Kontext eine „private Tätigkeit“, sie entwickelte sich nicht, wie in Europa, zum Programm gesellschaftlich hoch geachteter Einrichtungen und ist daher kaum vergleichbar mit der Philosophie im mittelalterlichen Europa, die von der Kirche zwar kontrolliert, aber auch legitimiert und institutionalisiert wurde. Ihre Relevanz ist gleichwohl unbestritten, innerhalb der mystischen Traditionen des Islam, aber vor allem für die Scholastik, aus der sich die europäische Universitätskultur entwickelte. So bietet die „Islamische Philosophie im Mittelalter“ ein wichtiges Quellenkompendium, das in den einzelnen Beiträgen aufgeschlüsselt wird und zum Weiterlesen einlädt.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Heidrun Eichner / Matthias Perkams / Christian Schäfer (Hg.): Islamische Philosophie im Mittelalter. Ein Handbuch.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013.
400 Seiten, 79,90 EUR.
ISBN-13: 9783534223572

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