Von Kunja und reiks

Eike Faber beschäftigt sich in seinem Buch „Von Ulfila bis Rekkared“ mit den Goten und deren Christentum

Von Martin MeierRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Meier

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es herrscht kein Mangel an wissenschaftlichen Studien zur Geschichte der Westgoten. Umso bemerkenswerter erscheint Eike Fabers Versuch, in seinem Buch „Von Ulfila bis Rekkared. Die Goten und ihr Christentum“ die Quellen unter religionshistorischem Gesichtspunkt erneut kritisch zu lesen und so einige Fehlinterpretationen jüngerer und älterer Publikationen auszuräumen.

Ausgehend von der materiellen Kultur der Terwingen schlägt Faber den Bogen über die ersten Berührungspunkte mit dem römischen Christentum an der Donau, zum Kampf Ulfilas und seiner Gemeinde sowie deren Vertreibung. Sodann wendet er sich der scheinbar „arianisch“ geprägten westgotischen Gesellschaft in Südwestgallien zu, um seine Studie mit der Konversion der westgotischen Oberschicht zum Katholizismus zu beschließen. Hierbei kommt es dem Verfasser vor allem auf den Nachweis an, dass es sich im Falle des Attributes „arianisch“ um eine Fremdzuschreibung handelt, die dem Spezifischen des gotischen Christentums in keiner Weise gerecht wird. Faber, der bereits eingangs darauf verweist, nicht ohne Analogieschlüsse, ja begründete Spekulationen auszukommen, gelingt dieser Nachweis seiner Grundthese. Das sich im Zuge des fünften Jahrhunderts innerhalb der Terwingen/Vesegoten durchsetzende Bekenntnis kann nach heutiger Terminologie mit dem Begriff „homöisch“ bezeichnet werden.

Die stringente Darstellung gliedert sich in sechs Abschnitte. Zunächst hinterfragt der Verfasser den gegenwärtigen Forschungsstand und thematisiert insbesondere den Begriff der Ethnogenese. Hierbei konstatiert er, dass der gotische, genauer terwingische Siedlungsraum ein multiethnisch geprägtes Gebiet war, da es auch von Sarmaten, Taifalen und Dakern bewohnt wurde. Er definiert dementsprechend die Gutthiuda/Gothia, das Land der Goten, als von der Abstammungsgemeinschaft (der kunja) der Terwingen verschieden. Zur politischen Ordnung der Gothia hätten auch die genannten Völker gehört. „Im Kontrast zu den Abstammungsgemeinschaften der kunja lässt sich erkennen, dass die Gutthiuda politisch und territorial definiert war. Den kunja übergeordnet war also die thiuda (das politisch organisierte, polyethnische Volk) der Goten“, schreibt Faber konkret, um gleich darauf festzustellen, dass die anderen Bewohner der Gothia von den Terwingen „ausgebeutet“ wurden. Auch im Folgenden wirkt die Konstruktion eines polyethnischen politischen Gefüges unwahrscheinlich, so schön diese These auch aus heutiger Sicht erscheint und so en vogue sie in der Forschung ist, wurden doch die politischen Funktionsträger ausschließlich innerhalb der kunja gewählt. Dass andere Stämme vertrieben wurden, untermauert diese Vermutung ebenso wie die Tatsache einer nicht vorhandenen Einbindung der Sarmaten et cetera in die politische Ordnung der Goten.

Die Terwingen waren in Gefolgschaften untergliedert, die von reiks geführt wurden. Die reiks, die ihren Titel vermutlich ererbten, bildeten den Rat der Goten. Hinzu traten im Kriegsfall gewählte Anführer, kindins („Richter“), deren Amt an den Erfolg gebunden war. Im Falle einer Niederlage wurden sie kurzerhand abgesetzt. Die religiösen Vorstellungen der Terwingen vor Ankunft des Christentums zu erschließen, fällt angesichts der dürftigen Quellenlage schwer. Faber verdeutlicht, dass hier sowohl allgemein-germanische Götter als auch, an die geographischen Grundbedingungen angelehnt, eigene Gottheiten und Halbgötter verehrt wurden. Ihnen brachten die Terwingen vermutlich auch Menschenopfer dar. Einen hohen Stellenwert nimmt neben den Ansen die Donau ein, die als Gottheit direkt verehrt wurde und zwar, so Faber, noch mehrere Generation nach Überschreitung des Flusses.

Die römisch-terwingischen Beziehungen traten mit einem foedus (Vertrag) im Jahre 332 in eine neue Phase, die bis 367/69 anhielt. Jener Vertrag, der aus militärisch überlegener römischer Position ausgehandelt wurde, band die terwingische Oberschicht und verpflichtete das germanische Volk zur Kontingentgestellung für das römische Heer. Die politisch-kulturellen Beziehungen vertieften sich und so nimmt es wenig Wunder, dass auch religiöse Vorsellungen in die kunja eindrangen. Faber zufolge konnten sich im 4. Jahrhundert drei verschiedene christliche Glaubensrichtungen etablieren, ohne dass das Christentum es vermochte, die alte Naturreligion merklich zu schwächen. Auch unter den drei Konfessionen, den Audianern, Homöern und Nicaenern, konnte sich keine Richtung als maßgeblich durchsetzen. Von besonderer Bedeutung für die Christianisierung war sicher die Lebensleistung Ulfilas. Der aus Kappadokien stammende Gelehrte und Bischof übertrug die Bibel in die von ihm geschaffene gotische Schriftsprache. Somit schuf er die Voraussetzungen zur Christianisierung seines Volkes. Seine Gemeinde wurde in den 40er-Jahren des 4. Jahrhunderts aus dem terwingischen Gebiet vertrieben und migrierte ins Römische Reich.

Die gotischen Eliten empfanden das Christentum scheinbar als eine Ideologie, deren Ausbreitung einen möglichen Machtverlust bedeutete. Faber zeigt dies am Beispiel der Märtyrer Sansalas und Saba. Beide waren gemeinsam während des Versuches der Missionierung unter Goten festgenommen worden. Während der Gote Saba von seinen Stammesgenossen getötet wurde, ließ man Sansalas frei. Faber vermutet, dass Sansalas die Macht der innergotischen reiks nicht zu gefährden vermochte, da er nicht zur Abstammungsgemeinschaft einer kunja gehörte und die für die Ergreifung politischer Ämter essenziell war.

Im Jahr 376 überschritten die Terwingen die Donau und wanderten in das Römische Reich ein. Erst ab diesem Zeitpunkt begann sich das Christentum langsam durchzusetzen. Gleichsam verknüpft Faber mit dem Zeitabschnitt zwischen Einwanderung und fester Ansiedlung in Gallien im Jahre 418/19 die Ethnogenese der Vesegoten, dieses irrtümlich als Westgoten bezeichneten Volkes, dessen Name sich eigentlich von dem gotischen vese („glänzend, leuchtend“) ableitete. Faber glaubt, die hergebrachte These eines innergotischen Machtkampfes zu widerlegen, in dessen Verlauf sich die römische Führung eingeschaltet habe und die gotische Mehrheit Schutz suchend zum Christentum konvertiert sei. Hierbei handle es sich um ein Konstrukt, dass auf drei Kirchenhistoriker zurückzuführen sei. Da deren Berichte jedoch Jahrzehnte nach der vermeintlichen Auseinandersetzung verfasst worden seien und in den beiden zeitgenössischen Quellen hiervon hingegen nicht die Rede ist, verwirft der Autor nachvollziebar den Ansatz der älteren Forschung.

Fest steht dennoch, dass die Goten bei ihrer Ansiedlung in Gallien, genauer Aquitanien II, Christen waren. Faber beschreitet bei der Erklärung dieses Faktes einen durchaus neuen Weg, mag er auch von Thompson schon vorgezeichnet gewesen sein. Zwischen 380 und 390 hören die Quellen auf, die Vesegoten als Heiden zu bezeichnen. Die gotische Führungsschicht begann in jener Zeit nach einer Möglichkeit zu suchen, sich in höherem Maße in die politischen Strukturen Roms zu integrieren und dabei dennoch die Identität der Stammesgemeinschaften zu wahren. Gerade im homöischen Christentum der Ulfila-Gemeinde habe sich diese Möglichkeit geboten. Die alten Stammeskulte konnten abgelegt werden, dennoch unterschied man sich vom „niceanischen Christentum der Mehrheitsbevölkerung“.

Leider verliert sich die Darstellung gerade im letzten Drittel zu sehr in politisch-historischen Details und lässt hierbei den inhaltlichen Schwerpunkt etwas aus den Augen.

Zudem wird die 2011 erschienene Arbeit Manfred Kochs zur Ethnogenese der Westgoten nicht berücksichtigt. Nun steht hier zwar nicht Religionshistorie im Vordergrund, doch gerade für den ersten Abschnitt der Arbeit und für die Darstellung des Tolosanischen Reiches im letzten Kapitel hätte Faber daraus Gewinn ziehen können. Auch erscheint Kochs Kapitel zum Arianismus der Westgoten eigentlich unumgänglich für die Auseinandersetzung mit den religiösen Vorstellungen der Westgoten.

Jene kleinen Mängel schmälern den Wert der lesenswerten Studie nicht, die vor allem durch sehr gute Quellenkenntnis und -kritik, sowie durch die logische Gedankenführung besticht. Zudem bindet Faber den archäologischen Kenntnisstand mit ein und zeigt im letzten Drittel der Arbeit nachvollziehbar, warum kein eigenständiger archäologischer Befund für das Westgotenreich vorliegt. Das tolosanische Westgotenreich habe zur Integration der gallo-römischen Eliten geneigt. Katholische Bischöfe fungierten als Diplomaten für ihre homöisch-gotischen Landesherren. Die materielle Kultur der eingewanderten Goten sei durch Anpassung deckungsgleich mit der gallorömischen gewesen.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Eike Faber: Von Ulfila bis Rekkared. Die Goten und ihr Christentum.
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2014.
300 Seiten, 62,00 EUR.
ISBN-13: 9783515109260

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