Im Dazwischen von Kindheit und Jugend

Mariko und Jillian Tamakis Comic „Ein Sommer am See“entfaltet eine atmosphärische Milieustudie ‚der‘ einen Sommerferien

Von Anna StemmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anna Stemmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„knirsch knirsch knirsch knirsch knirsch“ – mit diesen vorsichtigen Schritten, als Soundwords allein vor dem weißem Hintergrund im Bildraum platziert, beginnt der Comic „Ein Sommer am See“ von Mariko und Jillian Tamaki. Der leise Anfang nimmt sich viel Zeit und stimmt ein in das folgende bedächtige Erzähltempo: In ruhigen Bildern und mit detailliertem Blick werden die Erinnerungen des Mädchens Rose an einen ganz besonderen Sommer aufgefächert: Sie erzählt von dem einen Urlaub mit ihren Eltern, nachdem alles anders ist als zuvor. Sie selber bewegt sich im diffusen Dazwischen des Erwachsenwerdens, aber auch ihre Eltern durchleben eine handfeste Krise. Zunehmend verschränken sich die zunächst eher parallel verlaufenden Fäden zu einer kunstvollen Comicerzählung, die mikroskopisch die Phase dieser Sommerferien seziert.

In großformatigen Panels und wechselnden Einstellungen wird in das Setting eingeführt, wobei der Handlungsraum als fast eigenständiger Protagonist etabliert wird: „Awago Beach heißt der Ort …“ Und dieser Ort wird dann auch zum Kristallisationspunkt facettenreicher Übergänge, zwischenmenschlicher Beziehungsfragen und individueller Entwicklungen. Wenn die Mutter ihre  am Daumen lutschende Tochter auf der Hinfahrt ermahnt: „Finger aus dem Mund“, deutet sich darin bereits der zu leistende Ablösungsprozess von der Kindheit an.

Das genaue Alter der Protagonistin wird nicht erwähnt, unterstreicht aber ihren unbestimmten Zustand des Dazwischen-Seins. So spielt Rose zwar immer noch gerne mit ihrer jüngeren Ferienfreundin Windy am Strand, ob die Kindheitsspiele in diesem Sommer aber noch angemessen sind, verhandeln die beiden vorsichtig im Dialog: „‚Weißt du noch die Sandburg im letzten Jahr?ʻ / ‚Ja.ʻ / ‚Wir sollten wieder eine bauen.ʻ / ‚Ja. Vielleicht.ʻ / ‚Warʼn Witz!ʻ“ Episodisch reihen sich solche fragmentarischen Ereignisse aneinander und gemeinsam vermessen die Protagonistinnen bedächtig die Grenzen zum Erwachsensein. Vorsichtig tauschen sie ihr Halbwissen über Liebe, BH-Größen und Sex aus, im örtlichen Videoverleih erschleichen sie sich Horrorfilme und gruseln sich lustvoll vor dem Heimweg durch die Dunkelheit. Die dort herumlungernden und sich küssenden älteren Teenager beobachten sie mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. Unsicher, ob sie wirklich schon dazugehören wollen, wie Windy mit einem abfälligen „Kotz!“ prägnant kommentiert.

Subtil zeigt sich in diesen Szenen das erzählerische Potenzial des Comics, so werden die Differenzen zwischen den beiden Mädchen und den Teenagern nicht nur in ihren Dialogen ausdiskutiert, sondern auch unterschwellig im Bild transportiert: Aus einer leichten Untersicht werden die älteren Figuren gezeigt und wirken deutlich größer als Rose und Windy. Nicht nur die entwicklungspsychologischen Differenzen scheinen frappant, diese spiegeln sich ebenso in der körperlichen Entwicklung wider. Dass die gezeichnete Ebene darüber hinaus zusätzliche Regungen, die nicht im Text ausformuliert sind, über die Mimik der Figuren transportiert, eröffnet den Resonanzraum aus Nichtgesagtem und trotzdem Gefühltem: Roses Blick zeigt sich plötzlich als völlig entrückt, als sie den Jungen Dunc zum ersten Mal sieht. Die Erlebnisse werden aus ihrer kindlichen Perspektive heraus nacherzählt, denn Rose gibt sich als rückblickende Erzählerin in den Texten der Blockkästen zu erkennen. Daraus entwickelt sich eine spannungsvolle Erzählung, die in der Kombination aus Bild und Text verschiedene Ebenen in einem Panel nebeneinander entstehen lässt: die kommentierende ältere Erzählerin im Blockkasten, die erzählte Gegenwart im Bild und Dialog des Panels. Diese Konstruktion spielt geschickt mit dem Nichtwissen, dem Nichtverstehen und den Fehldeutungen bestimmter Ereignisse aus Roses Sicht.

Minutiös wird in einer Sequenz aber ebenso die Langeweile solcher Ferien zelebriert und in die Bildsprache des Comics übersetzt: Auf mehreren Seiten hintereinander folgen assoziativ aneinandergereihte Bilder, die lediglich einen Blockkasten mit einer Uhrzeit enthalten. Die Erzählzeit und die erzählte Zeit bleiben beinahe stehen und werden so zum stimmungsvollen Mosaik der Ferienerlebnisse. „Ein Sommer am See“ besticht durch diese erzählerische Vielschichtigkeit und die Stärken des Mediums Comic spielen die beiden Zeichner dazu konsequent aus. Sie erschaffen in gedeckten Blautönen eine atmosphärisch dichte Stimmung, die das laue Gefühl eines endenden Sommers einfängt, der metaphorisch natürlich ebenso auf die endende Kindheit von Rose verweist. Dabei stehen nicht nur die beiden Mädchen im Zentrum, sondern auch die Konflikte der Eltern von Rose werden im Comic thematisiert und verbinden sich unauflöslich mit deren Heranwachsen.

„Ein Sommer am See“ schöpft aber auch die formalen Mittel des Comics voll aus: So spielen die Zeichner mit Panelgrößen, dem Seitenaufbau, sich auflösenden Rahmen, Einstellungen und Perspektiven im Bild, in denen sich immer wieder Erinnerungen und erzählte Gegenwart überlagern und die äußere Form mit den Ereignissen der Handlung korrespondieren lassen. Gerade die Verbindung aus solchen bildsprachlichen Arrangements, der doppelten erzählerischen  Perspektive und dem Thema des entwicklungspsychologischen Übergangs wird mit den ästhetischen Mitteln des Comics sehr gelungen realisiert. Der latente Zustand des Dazwischen-Seins – nicht mehr Kind, aber auch noch nicht ganz erwachsen – erfasst einzig der englische Originaltitel noch treffender: „This One Summer“.

Titelbild

Mariko Tamaki / Jilian Tamaki: Ein Sommer am See.
Übersetzt aus dem Englischen von Tina Hohl.
Reprodukt Verlag, Berlin 2015.
320 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783956400254

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