Hinlangen

Schön an Rainald Goetz’ Texten ist, was Volker Weidermann entsetzt

Von Markus JochRSS-Newsfeed neuer Artikel von Markus Joch

Als im Juli die frohe Botschaft vom Büchner-Preis für Rainald Goetz verkündet wurde, begründete das Feuilleton sein „Hey, super“ fast allerorten einleuchtend. Ja, preiswürdig seit Ewigkeiten sind Goetz’ Besessenheit von Gegenwart, rasante Expressivität, bewegliche Formen. Und die fünf Seiten in „Rave“, wo er luhmannesk beobachtet, wie ein DJ beobachtet, der Moment, in dem deutsche Popliteratur ihren Namen einmal verdiente, wären allein schon die Darmstädter Krönung wert. Aber es gab auch eine dubiose Gratulation.

„Gigantische Intensität“ rühmt Volker Weidermann gleich am 8. Juli in „Spiegel Online“ und will eine legendäre Eloge auf „Subito“ noch überbieten: „Selten habe er einen Text gehört, in dem so viel Leben sei, hatte Reich-Ranicki dem blutenden Jüngling vor 32 Jahren zugerufen. Er hätte es jedem später erschienenen Goetz-Buch zurufen können.“ Jedem. Tags darauf, im Radio, ist des Verehrers Überschwang ungebrochen – „ein so intensives, besonderes und kraftvolles poetisches Werk“, „unglaublich schön“ –, nur ganz kurz, in einem Satz, schwächt er ihn sicherheitshalber etwas ab: „Ehrlich gesagt“ finde er Goetz’ „letztes Werk ,Johann Holtrop‘ nicht stark, weil er da die Klischees einfach ein bisschen zu stark überzeichnet, die Protagonisten zu stark ablehnt“. Aber schon greifen die Finger wieder in die Harfe, weil doch beim Schriftsteller von „revolutionärer Kraft“ „jeder Satz leuchtet“.

Festlich genug klingt das Saitenspiel, nur will einem das ehrlich Gesagte nicht ganz ehrlich vorkommen. Vor drei Jahren noch hielt Rainalds größter Fan „Johann Holtrop“ nicht für ein bisschen überzeichnet, sondern für „ein kaltes, ein schreckliches Buch“, ereiferte sich über „Giftzwergprosa, jämmerlich“, erklärte den locker ans Bertelsmann-Milieu angelehnten Roman zur „Wut eines Kindes, das vor Wut alles kaputtmacht“. Goetz’ säurehaltiger Umgang mit der middelhoffähnlichen Titelfigur und anderem Businesspersonal („Duhm, 40, noch so eine Ratte“) sei gar keine Literatur. Denn siehe: „Mitgefühl ist nicht nur die Botschaft, es ist sogar die Voraussetzung für Literatur.“ Da hatte einer gegen ein Weidermannʼsches Gesetz verstoßen, schlimm, schlimm, schlimm. Nebenbei schrumpfte der Gigant zum „grantelnde(n), tourettehaft vor sich hin schimpfende(n) Dorfschreiber von Berlin-Mitte“, so auch der Autor von „loslabern“ (2009) zum Unzurechnungsfähigen.

Gestern wettern, heute bejubeln ‒ einer immerhin, Michael Angele vom „Freitag“, hat den pünktlichen Kurswechsel vermerkt, auf Facebook. Soll man es damit bewenden lassen? Ungern. Das Problem ist, wie Weidermann die Kurve kriegen will. Gebetsmühlenartig von Intensität und Kraft schwärmen, aber den Aggressionspegel von „Johann Holtrop“ ein bisschen bekritteln, als sei er ein Ausreißer ‒ das ist wie Willy Brandt hervorragend finden, bis auf Emigration und Ostpolitik. Absurd, weil Intensität und Polemik bei Goetz natürlich stets zusammengehören. In einem Text namens „Subito“ heißt es, schreiben müsse man so, „wie der heftig denkende Mensch lebt“, „roh kämpferisch und lustig“. Den Redefluss eines Aufsteiger-CEO als „irres Geplapper“ vorzustellen, „das sich so wirr dahergeplappert anhörte, als habe Holtrop Angst, von den von ihm so Zugequatschten wirklich verstanden zu werden“, ist ziemlich lustig, Programmerfüllung.

Überhaupt, wer hätte in den letzten 30 Jahren vergnüglicher hingelangt als Rainald Goetz? Gut kam schon in den Achtzigern sein leichter Vorbehalt gegen Böll und Grass. „Präsenile Chefpeinsäcke“ war zwar ungerecht gegen Böll, der sich nicht wirklich ans Mikro gedrängt hatte, eher gedrängt wurde. Doch verlangte die mediale Überpräsenz der Mahner und Warner nach Notwehr; außerdem sorgte das Goetz-Zitat zuverlässig für betretene Studienratsmienen. Andreas Baader 1983 ein „saudummer Prolet“ anzuhängen war so korrekt wie stilsicher ‒ den „Schwinger harter Schlägerworte“ in seiner eigenen Sprache treffen ‒ und überfällig, da die Verklärung eines selbstverliebten Knallkopfs epidemisch. Die dafür Hauptverantwortliche, Gudrun Ensslin, porträtierte Goetz in „Kontrolliert“ generell als übergeschnappte Pfarrerstochter, die mit ihrem an Ulrike Meinhof gerichteten „du mußt töten“ die christliche Moral nur umgekehrt habe, „wie rasend elenden Pastorenstuß“ redend. Stimmt.

Dass am 31. Oktober auch ein Austeilkünstler geehrt wird, wie die Begründung der Akademie diplomatisch andeutet („satirische Deutlichkeit“), ist unbewusste Traditionspflege. Ob Goetz nun einer Reinhard Mohn nachempfundenen Romanfigur „untopbare Exzeßspießigkeit“ bescheinigt oder 2009 dem „Stern“ einen „Geistesabtötungseffekt, allein durchs Blättern“, seine Verbalzuspitzungen können es mit denen Thomas Bernhards noch am ehesten aufnehmen. Auch wenn dessen „Höhensonnenkönig“ (für Bruno Kreisky) unschlagbar bleibt, „Virilitätstrompete“ (für Gerhard Schröder) klingt konkurrenzfähig.

Übellaunig wirken Goetz’ Invektiven nie, anders als die des späten Rolf Dieter Brinkmann. Beim 14 Jahre Jüngeren bildet Boshaftigkeit, auch Sprachgewaltbereitschaft eben nur die Kehrseite genauso ungehemmter Begeisterung, für Helden in Soziologie und Poptheorie, Techno und Malerei. Womit Goetz’ Werk den gegengegenkulturellen Stil fortschreibt, das apodiktische Einteilen der Welt in Nichtswürdiges und Großartiges. Wenn etwas auf nachfolgende Popliteraten abgefärbt hat, dann, den Binärcode von Nullen und Einsen auf die Wertung von Kultur zu übertragen ‒ nix tourettehaftes Granteln.

Warum aber hat der letzte Roman ganz von „Nullen“ handeln können, ohne zu langweilen? Sich sogar über eine narrative Benimmregel hinwegzusetzen ‒ respektiere deine Figuren! ‒, hat Risiko-Charme. Und die Verachtung des Erzählers für „Entscheidungshysteriker“, den Typus Holtrop, bildet einen schönen Gegensatz zum Thema, dem um 2000 in voller Sumpfblüte stehenden Neoliberalismus und seiner „Zustimmungsbegeisterungserzwingung“ („loslabern“). Hinzu kommt ein unpolitischer Grund, beispielsweise, wenn sich Holtrop von einem Kollegen telefonisch belästigt fühlt, „vom Ahlersschen Trotteltext gefoltert und zu Tode gequatscht“. Spaß macht die unzarte Übertreibungskunst, weil wir Namen wie Ahlers durch unsere eigenen Nervensägen ersetzen können.

Einem Meisterwerk, dem am 31. Oktober nur noch die offizielle Krönung folgt, gleicht der ach so kalte Roman, wenn er polemische Energie in Szenen überführt. Am komischsten die, die Mitgefühlsexperten frösteln lässt: Kate Assperg (oder Liz Mohn) als herrische Kunstförderin mit Betonlächeln und Katastrophengeschmack, der ganz Kitschenhausen zu Füßen liegt. Karikaturesk, klischeebeladen? So nannte man einst auch Heinrich Manns „Untertan“, heute ein Klassiker. Kaltherzige Darstellung, mitleidlos? Schon möglich, es ist eine Kriegserklärung. Nur, Tante Volker: Friede den Hütten, Mitgefühl den Palästen, hieß es bei Büchner eher nicht.





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