Literatur der Literatur

Zu Christian Bennes „Die Erfindung des Manuskripts“

Von Gabriele WixRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gabriele Wix

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass eine Verlagsankündigung elektrisiert, geschieht beim Surfen auf einschlägigen Portalen eher selten. Aber es gibt sie, diese Bücher, auf die man eigentlich immer schon gewartet hat; nur weiß man es seltsamerweise erst dann, wenn sie da sind. Ein solcher Glücksfall ist Die Erfindung des Manuskripts, eine Studie Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit von Christian Benne, Professor für Europäische Literatur in Kopenhagen – einem Autor, der durch den zwischen Nationalphilologie und Komparatistik vermittelnden Ansatz einer europäischen Philologie ebenso wie durch seine Untersuchungen zur (Früh-)Romantik als der genuinen Quelle eines veränderten Literaturbegriffs und den Blick auf Literatur im Gesamtkontext materialer Kulturaneignung geprägt ist. 

Erschienen ist die nahezu 700 Seiten umfassende Publikation in der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Das macht die Monografie nicht nur erschwinglich für den Leser. Sie hat vielmehr – diese Einschätzung sei vorweggenommen – in dem durchaus als legendär zu betrachtenden Reihenformat ihren Platz unter den Grundlagenwerken. 1973, vor über 40 Jahren, eröffnete Jürgen Habermas’ Schrift Erkenntnis und Interesse als stw 1 die Reihe. Der Band Die Erfindung des Manuskripts trägt die laufende Nummer 2147. Eine solche Kontinuität ist nicht selbstverständlich und durchaus von Gewicht in der Debatte um die Zukunft des Buchs.

Genau darum geht es auch im weitesten Sinne im vorliegenden Band. Was hat den Begriff der Literatur der Moderne geprägt, welche mediologischen, institutionellen, epistemologischen und ästhetisch-poetologischen Voraussetzungen spielen in einem philosophisch und historisch ausgerichteten Interesse an literarischer Gegenständlichkeit die entscheidende Rolle? Benne setzt medias in res an: Drei Urszenen dichterischer Schreibarbeit, Sören Kierkegaard, Charles Baudelaire und Edgar Allan Poe, wecken die Neugier von der ersten Seite an. Die Entscheidung, nicht mit einer Einleitung oder einer das Ergebnis vorwegnehmenden Übersicht zu beginnen, erweist sich über die Gesamtlektüre des Buchs hinweg als ein Gewinn.

Doch im Grunde sind wir schon einen Schritt zu weit, über die irritierende Kapitelüberschrift hinaus: „Literatur der Literatur“. Typografisch markant umreißt sie die Gesamtproblematik und macht sie sinnfällig. Es geht um einen Begriff von Literatur, den erst die mit dem Buchdruck einhergehende Wertschätzung des Manuskripts als materiale Spur des Schreibprozesses hervorgebracht hat. Diese „Erfindung“ der literarischen Handschrift blieb nicht ohne Folgen für den Werkbegriff: „Datum bzw. Faktum der Publikation werden zum kontingenten und fakultativen Ornament im Zusammenhang der Werkgenese.“ Die Kapitelüberschrift verweist darüber hinaus auf eine der profiliertesten wie umstrittensten Positionen im editionswissenschaftlichen Diskurs, Roland Reuß’ Kafka-Philologie, die auf dem ebenso einfachen wie raffinierten Satz basiert: „Lesen, was gestrichen wurde.“ Es ist eine auratische und zugleich prekäre Rolle, die der literarischen Handschrift in der Konstitution der modernen Literatur zukommt. Das offenbaren, wenn auch auf andere Weise als der Umgang mit Kafkas Vermächtnis, James Joyce’ Rosenbach-Manuskripte zu Ulysses: Sie stehen unter dem begründeten Verdacht, erst nachträglich angefertigt worden zu sein. Deutlicher kann die für einen sich wandelnden Begriff von Literatur maßgebliche Funktion des Manuskripts nicht werden.

Selbst dem professionellen Leser ist nach Benne das „Ausmaß des handschriftlichen Kosmos, auf dem die moderne Literatur aufruht“, kaum bewusst. Diesem Kosmos, nicht dem einzelnen Werk, gilt die Aufmerksamkeit des Autors. In der Hinterfragung philologisch-literaturwissenschaftlicher Praxis geht es ihm um die Begründung einer Literaturphilosophie. Benne sieht sie unter Berufung auf Peter Szondi der Philologie nicht entgegengesetzt. Unter einer Literaturphilosophie versteht er entsprechend das „theoretische Verständnis einer Praxis, die ihre Theorie schon enthält“. Den komplexen Untersuchungsgegenstand gliedert der Autor im Abriss einer sechsstufigen Herausbildung der literarischen Manuskriptkultur. Die „Erfindung des Manuskripts“ setzt er – auch wenn es in Europa unterschiedliche Traditionslinien gibt – Mitte des 18. Jahrhunderts an, gefolgt von der reflexiven Durchdringung der veränderten Bedeutung der Handschrift in der Frühromantik als zweiter Stufe der Entwicklung. Auf diese ersten beiden, grundlegenden Stadien konzentriert sich das vorliegende Buch, gibt aber auch der weiteren Entwicklung Raum. So veranschaulichen die eingangs dargelegten Urszenen beinahe leitmotivisch den Umbruch zur Literatur der Moderne, die sich der Bedeutung des Schreibprozesses nicht mehr verschließen kann: „Seit dieser dritten Stufe muss sich jeder Autor entscheiden, wie er es mit seinen Manuskripten hält.“ Selbst in der Negation bleibe die Wirkung der Handschrift erhalten. Im Zuge der Institutionalisierung und Erforschung des literarischen Manuskripts ab Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt man auch die (bild-)künstlerische und epistemologische Qualität der Handschrift. Die von der „Erfindung des Manuskripts“ sich folgerichtig ableitende textgenetische Ausrichtung der Editionsphilologie mündet schließlich in die jetzige Phase der literarischen Manuskriptkultur. Hier geht es nach Benne vor allem darum, die textgenetische Wende in der Philologie für die Literatur- und Kulturwissenschaften, aber auch für die Philosophie furchtbar zu machen.

Das Buch versteht sich in dem zu begründenden Forschungsgebiet als erste Heuristik für weitere Untersuchungen. Die breit angelegte Studie bietet eine Fülle von Möglichkeiten der Vertiefung und Querlektüre; Einzelbefunde sind mit detaillierten Fußnoten sorgfältig nachgewiesen. Vor allem aber fordert sie dazu heraus, die Bedeutung einer im Umbruch begriffenen literarischen Manuskriptkultur zu begreifen. Es ist ein großes Verdienst des Autors, dass er sich auf das nicht unbedingt populäre Wagnis eingelassen hat, an der Schwelle zum Zeitalter der Digital Humanities innezuhalten und Fragen zu stellen, die im Wissenschaftsbetrieb unterzugehen drohen, aber nicht abzuweisen sind. Wie sich das Internet und die Digitalisierung – in der Schreibarbeit, in der Archivierung, in der Verbreitung des Geschriebenen – auf das Verständnis von Literatur und Literaturwissenschaft auswirken, ist noch nicht absehbar. Es müsste jedoch Einigkeit darüber bestehen, dass es nicht darum gehen kann, Manuskript-, Buch- und digitale Kultur gegeneinander auszuspielen: „Was das Buch eigentlich vermag, wissen wir erst seit dem Netz. Was die Stärken des Netzes sein werden, entdecken wir mit dem Buch – und mit der Motorik der Hand.“

Titelbild

Christian Benne: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015.
671 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783518297476

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch