Cuba libre?

Leonardo Padura erzählt in seinem Kuba-Roman von Verrat, zwei Exilanten und der Liebe zur fernen Heimat

Von Martina KopfRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martina Kopf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kubanische Schriftsteller hatten es nie leicht: Heberto Padilla musste als Konterrevolutionär in Haft, Reinaldo Arenas‘ Bücher wurden verboten. Nun ist Kuba im Umbruch und das Schreiben über die karibische Insel scheint einfacher zu werden. Jedenfalls für Leonardo Padura, der zu den meist gelesenen kubanischen Autoren zählt und Kuba zu seinem literarischen Thema gemacht hat. 

Der 1955 in Havanna geborene und in diesem Jahr mit dem Prinzessin-von-Asturien-Preis ausgezeichnete Autor begann seine Karriere als Journalist. Da er auch unbequeme Themen aufgriff, wurde er wegen „ideologischer Probleme“ strafversetzt. International bekannt machte Padura sein Havanna Quartett, vier Kriminalromane, in denen der Autor den Teniente Mario Conde ermitteln lässt und wie nebenbei Kuba und seine Geschichte vermittelt. Kubas Identität und Realität seien seine Obsession, erklärte Padura in einem Interview. 

Auch Paduras bereits 2002 erschienener Roman Die Palme und der Stern, der erst in diesem Jahr auch in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde, erzählt vor allem von Kuba, der Heimkehr zweier Exilanten und ihrer Liebe zum Heimatland, aber nicht zuletzt auch vom Schreiben auf und über Kuba.  

Fernando Terry kehrt nach achtzehn Jahren Exil in seine Heimat Kuba zurück. Er ist auf der Suche nach einem verlorenen Manuskript des kubanischen Schriftstellers José Maria Heredia (1803-1839). Heredia, der „Vater der poetischen Cubanía“ und ebenso bekannt als „unbezähmbarer Urwald der kubanischen Poesie“, brannte für die Freiheit Kubas in Zeiten spanischer Kolonialmacht. Der spanische Titel La novela de mi vida scheint einem Zitat Heredias entnommen, das dem Roman vorangestellt ist: „Warum erwache ich nicht endlich aus meinem Traum? Ach, wann wird der Roman meines Lebens enden, damit seine Wirklichkeit beginnen kann?“

Ebenso wie Heredia ist auch Fernando ein von der Insel Verbannter, dem nur wenige Tage auf Kuba bleiben, um das Manuskript ausfindig zu machen. Aber es geht Fernando auch darum, aufzudecken, wer ihn damals an die Staatssicherheit verriet und damit verhinderte, dass er seine Doktorarbeit über Heredia und seine Karriere als Literaturwissenschaftler an der Universität fortsetzen konnte. Ob es tatsächlich einer seiner Freunde aus der Jugendclique war, wird sich erst am Ende des Romans zeigen.  

Padura erzählt die Geschichte zweier Exilanten, die die Liebe zur kubanischen Heimat vereint. Erkor Heredia Kuba für sich zum „poetischen Heimatland“, so bleibt am Ende des Romans offen, ob Fernando die geliebte Insel tatsächlich verlässt. Dort hat er nämlich seine alte Jugendliebe Delfina wiedergetroffen. Drei Handlungsstränge verwebt Padura virtuos zu einem Kuba-Roman, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart nicht nur ergänzen, sondern stellenweise sogar widerspiegeln. Neben Fernandos Geschichte und den Memoiren Heredias rückt die Geschichte des Manuskripts als dritter Handlungsstrang, in dem Padura auch in die Loge der kubanischen Freimaurer führt, denen er seinen Roman widmet. Diese Verquickung der Zeiten wird übrigens im Roman selbst thematisiert: „Die Vergangenheit über die Gegenwart zu stülpen war eine fast hinterlistige Vorgehensweise, um unvorstellbare Verstümmelungen und Verluste zutage zu fördern, während die Gegenwart noch Zukunft war und die Vergangenheit etwas so Beschränktes, dass sie sich in zwei Worten zusammenfassen ließ: ein umweltbedingtes oder genetisches Erbe und einige wenige erlernte Verhaltensweisen.“

In Die Palme und der Stern hat der vor allem als Krimi-Autor bekannte Padura kriminalistische Elemente einfließen lassen, doch liest sich der Roman vielmehr als Künstlerroman, der die institutionalisierte Unterdrückung literarischen Schaffens leise kritisiert. Paduras kritisch-behutsamer Umgang mit dem Castro-Regime scheint sich auszuzahlen: Er erhielt 2012 sogar den kubanischen Nationalpreis. Obwohl die Insel seit Jahrhunderten ein Land der Unterdrückten ist, besitzt sie vielleicht gerade deswegen – wie Heredia feststellt – den „nötigen Zauber, um die schöpferischen Kräfte eines Dichters zu entfesseln.“

Dies ließe sich selbstverständlich auch auf Padura übertragen: Sein Kuba-Roman bleibt nicht nur bis zum Ende spannend, sondern verwandelt – wie es in seinem Roman heißt – „das typisch Kubanische in einen literarischen Stoff“. Wer also noch einmal das Kuba, das „alte“ Kuba, erleben will, muss nicht unbedingt schnell in die Karibik reisen, sondern kann auch Padura lesen.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Leonardo Padura: Die Palme und der Stern. Roman.
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein.
Unionsverlag, Zürich 2015.
360 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783293004856

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