Comic, Komik und Krieg

Zur Januar-Ausgabe 2016 – mit einer Erinnerung an den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ vor einem Jahr

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Schon Shakespeare war Charlie – mit diesem Titel hatte literaturkritik.de vor einem Jahr die Januar-Ausgabe 2015 eröffnet und mit einem Zitat aus Shakespeares Historiendrama The Life and Death of King John einen Bezug zwischen dem Themenschwerpunkt des Heftes und dem Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo hergestellt: „Es wird mit Blut kein fester Grund gelegt, / kein sicheres Leben schafft uns Andrer Tod.“

Am 7. Januar 2015 waren zwei Terroristen in die Redaktionsräume der Zeitschrift eingedrungen und töteten dort elf Personen, unter ihnen den Herausgeber Stéphane Charbonnier. In der am selben Tag erschienen Ausgabe des Magazins stand eine von ihm gezeichnete Karikatur mit der Überschrift „Noch keine Attentate in Frankreich“. Die Antwort eines bewaffneten Islamisten darunter lautet: „Warten Sie ab. Man hat bis Ende Januar Zeit, seine Festtagsgrüße auszurichten.“

Inzwischen hat sich der Terror zum Krieg ausgeweitet. Dieser wird uns in den kommenden Monaten nicht zuletzt auch in Form von Rückblicken auf die Zeit des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren beschäftigen. Wir möchten dabei vor allem an die pazifistischen Bewegungen erinnern, die sich 1916, im Umfeld auch des Dadaismus, in der neutralen Schweiz formierten. Die satirische, groteske, anarchische und provozierende Komik, mit der DADA, die Grenzen zwischen den Künsten und Medien, zwischen Schrift und Bild sowie der Elite- und Massenkultur verwischend, auf den Schrecken des Krieges reagierte, hat manche Ähnlichkeiten mit den Formen der Satire bei Charlie Hebdo.

Das 1970 erstmals veröffentlichte Magazin bezieht sich mit dem Namen „Charlie“ auf die Comic-Figur Charlie Brown und stellt sich damit in Traditionen der Comic-Kultur, mit der sich der Schwerpunkt dieser Ausgabe von literaturkritik.de auseinandersetzt. Die Redaktion „Gegenwartskulturen“ an der Universität Duisburg-Essen hat ihn betreut. Und dafür ist ihr auch deshalb zu danken, weil unsere Zeitschrift sich mit diesem Medium bislang eher vereinzelt und umfassender nur in der Ausgabe 6/2012 beschäftigt hat. Einer der Beiträge informiert uns darüber, dass sich in dem ab Oktober 1896 in der New York World veröffentlichten Comic Yellow Kid das Element der Sprech- oder Gedankenblase als ein grundlegendes Prinzip der  Kombination von Bild und Text etablierte. Sie ist aus Charlie Hebdo nicht wegzudenken.

Weitere Beiträge geben einen Eindruck von der großen Vielfalt der Comic-Kultur – mit Beispielen, die Adaptionen von Goethes Faust oder Kästners Emil und die Detektive ebenso einbeziehen wie Gewalt gegen Frauen oder den Kampf des Superhelden Batman gegen das Verbrechen, Comics für Kinder wie für Erwachsene, aus Frankreich oder aus den USA.

Comics müssen keineswegs komisch sein, zeigen die Beispiele. Charlie Hebdo allerdings hat sich seinen Humor bewahrt, wie das zum ersten Jahrestag des Anschlags auf die Redaktion erschienene Sonderheft demonstriert (Beispiel unten links).

Auch wenn dieser Humor ein zutiefst schwarzer ist, kann er helfen, dem Schrecken standzuhalten und sich ihm zu widersetzen. Die Fähigkeit wünschen wir vor allem denen, die davon am meisten betroffen sind, im Jahr 2016.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Thomas Anz





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