Ein zum Teil verkannter, aber im Kern problematischer Denker

Udo Bermbach liest Houston Stewart Chamberlain

Von Detlev MaresRSS-Newsfeed neuer Artikel von Detlev Mares

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Houston Stewart Chamberlain (1855 – 1927) war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ein ungemein erfolgreicher Kulturphilosoph. Seine Werke erreichten hunderttausendfache Verkaufszahlen und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Diese Wirkungsgeschichte reicht aus, um ihn zu einem relevanten Gegenstand historischer Untersuchung zu machen.

Allerdings sind viele seinerzeit ähnlich erfolgreiche Schriftsteller heute der Obskurität eines rein historischen Spezialinteresses anheimgefallen. Dass dies im Fall Chamberlains anders ist, liegt weniger an der Qualität seines Werks als an den beiden Namen, die seine Biografie flankieren und die auch im Untertitel von Udo Bermbachs Studie nicht fehlen: Richard Wagner und Adolf Hitler.

Den Komponisten hat Chamberlain nur einmal – 1882 bei einem Besuch der Bayreuther Festspiele – aus der Ferne gesehen; dennoch zählte der Autor einer vielgelesenen Wagner-Biografie schon lange vor seiner Heirat mit Komponistentochter Eva 1908 zum erweiterten Zirkel der Bayreuther Propagandisten des Wagner-Kults. Seine 1899 publizierten rassentheoretischen und antisemitischen „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“ galten vielen Lesern als kongeniale Weiterführung Wagner’schen Gedankenguts. Den aufstrebenden Agitator und zukünftigen Diktator Hitler empfing Chamberlain in den 1920er-Jahren viermal in seiner Bayreuther Villa zu Besuch. Zu diesem Zeitpunkt war der von langem Siechtum gequälte Schriftsteller bereits bettlägerig und kaum noch kommunikationsfähig. Dennoch begrüßte er den neuen Stern am politischen Himmel völkisch-nationaler Kreise in begeisterten Briefen und Zeitungsartikeln. Ein Jahr vor seinem Tod trat er gemeinsam mit seiner Frau Eva und seiner Schwägerin Winifred der NSDAP bei.

Welche Bedeutung hatte dieser in Frankreich aufgewachsene, über Stationen in der Schweiz und Österreich in der bayerischen Provinz gelandete Brite als Brücke zwischen dem zeitkritischen Denken des 19. Jahrhunderts und dem Nationalsozialismus, als Vermittler zwischen Wagner und Hitler? War Chamberlain die nachgeborene Stimme Richard Wagners, die dessen politische und soziale Ideen angemessen in eine allgemeinverständlichere Sprache übertrug? Oder eher ein „Spindoktor“ (Jonathan Carr) und sein Wagner ein raffiniertes Konstrukt, das Chamberlains eigene krude Gedanken legitimieren sollte? War er „Zentralhexenmeister“ (Joachim Köhler) des Antisemitismus im späten Kaiserreich? Und nach der anderen Seite hin: Waren Chamberlains Rassenlehre und sein Antisemitismus eine wesentliche Grundlage für Hitlers „Weltanschauung“? Oder wurde er in unzulässiger Weise von den Nationalsozialisten vereinnahmt, die bereits nach seinem Tod 1927 gegen den Willen der Familie die Durchführung der Beisetzungsfeierlichkeiten an sich rissen?

Auch wenn der Untertitel seiner Studie anderes anzudeuten scheint, folgt Bermbach – ausgewiesener Kenner Richard Wagners und der Bayreuther Szene – gerade nicht der verbreiteten Chamberlain-Deutung, die den Autor lediglich als rabiaten Rassisten und als eindeutigen Vordenker des Nationalsozialismus identifiziert. Bermbach ruft vielmehr dazu auf, Chamberlain sorgfältig zu lesen, um zu einem differenzierten Urteil über seine Persönlichkeit und seine Ideenwelt zu gelangen. Die Studie ist daher angelegt als „Werkbiographie“: Ausführlich referiert Bermbach die Hauptschriften Chamberlains und ordnet sie ein in die zeitgenössischen Diskussionszusammenhänge. Dies ist kein leichtes Unterfangen – Bermbach zeigt deutlichen Respekt vor einem der letzten Universalgelehrten, der auf Grundlage einer breiten Bildung (und einer großen Privatbibliothek, der Bermbach ein eigenes Kapitel widmet) in den Zeiten einer auseinanderstrebenden Wissenschaftskultur zu einer ganzheitlichen Weltsicht zu gelangen suchte.

Chamberlain vereinte eine naturwissenschaftliche Ausbildung mit ästhetischen und philosophischen Interessen, die er in großen Persönlichkeiten verdichtet sah. So verfasste er umfangreiche Biografien zu Immanuel Kant und Johann Wolfgang von Goethe (laut Bermbach „wohl sein bestes Buch“), aber auch detailreiche Studien zur Religionsgeschichte und Theologie. Sein erster großer Erfolg war die Wagner-Biografie von 1896, in der er den Komponisten als weitgehend unpolitischen Kunstrevolutionär deutete. Obwohl Chamberlain zu diesem Zeitpunkt schon in engem Austausch mit Wagners Witwe Cosima stand, wich er damit von der deutsch-nationalen Wagner-Interpretation der Bayreuther Linie ab. Wie Bermbach aber mit dialektischer Finesse zeigt, blendete Chamberlains entpolitisierende Wagner-Deutung auch alle sozialkritischen Aspekte des Revolutionskünstlers aus und eröffnete gerade damit „unbewusst und wider Willen“ doch wieder Raum für die völkisch-nationalistische Auslegung durch die Bayreuther Gralshüter.

Fast ein Drittel von Bermbachs „Werkbiographie“ ist Chamberlains bekanntester Abhandlung, „Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“ von 1899, gewidmet. Berüchtigt ist sie bis heute als Versuch, die Geschichte der Menschheit auf der Basis rassentheoretischer Überlegungen als Antagonismus zwischen Judentum und Germanentum zu schildern. Auch diesem Werk entlockt Bermbachs ausführliche Kontextualisierung eine Vielzahl an Differenzierungsanforderungen. Bereits Chamberlains Rassebegriff erweist sich weder als originell noch als widerspruchsfrei; neben plakativen antisemitischen Passagen finden sich Hinweise, dass Chamberlain das Judentum letztlich nicht als „rassisch“ festgelegt ansah, da er einräumt, Juden, die sich von ihrer Religion abgekehrt hätten, seien auch nicht mehr als Juden zu bezeichnen.

Chamberlain präsentiert sich als Mahner gegenüber den „Germanen“, sich von jüdischen Einflüssen abzuwenden, doch lässt sich dies als kulturelles Projekt deuten, keineswegs als Aufruf zur Vernichtung. Bermbach konstatiert daher neben zahlreichen Gemeinsamkeiten gravierende Unterschiede zur späteren nationalsozialistischen Judenpolitik, die sich somit nicht geradlinig aus Chamberlains Werk ableiten lasse. Selbst dessen Germanenbegriff wich von dem der Nationalsozialisten ab, da er statt deren Gleichsetzung von Germanentum und Deutschtum die Slawen und Kelten in seinen Germanenbegriff einbezog. Allerdings finden sich in seinem Werk auch Züchtungsgedanken und Ausfälle gegen das angeblich religiös, kulturell und künstlerisch unbegabte Judentum, die auch in NS-Hetzschriften ihren Platz hätten finden können.

Auch bei genauer Lektüre bleibt also eine tiefgehende Ambivalenz um Chamberlain. Bermbach löst sie zumindest teilweise auf, indem er seinen Protagonisten als Beispiel für ein naturwissenschaftlich rückgebundenes Kulturdenken interpretiert, das im späten 19. Jahrhundert keineswegs nur an den Rändern der akademischen Welt blühte. Ausführlich referiert der Autor neben der zeitgenössischen Kritik an Chamberlains Werken die ebenfalls zahlreichen Zeugnisse der Wertschätzung durch angesehene Wissenschaftler, wie den Theologen Adolf von Harnack. Besonders betont Bermbach auch Chamberlains denkerische Unabhängigkeit von den Bayreuther Gestaltern des völkisch-nationalistischen Wagner-Kults. Obwohl Cosima Wagner Chamberlain während der Arbeit an den „Grundlagen“ regelmäßig Kommentare und Verbesserungsvorschläge zukommen ließ, entzog sich der hofierte Autor den Vorgaben geschickt, wenn sie nicht mit seinen Thesen in Einklang zu bringen waren. Diese Eigenständigkeit verblasste nach seiner Hochzeit mit Eva und der Übersiedlung nach Bayreuth zwar, ging aber nicht ganz verloren. Beispielsweise setzte Chamberlain auch in seinen späteren Jahren der in der Villa Wahnfried gepflegten Schopenhauer-Verehrung die Philosophie Kants entgegen. Auch an dieser Stelle arbeitet Bermbach wieder die Doppelbödigkeit der Chamberlain’schen Position heraus, bot die Berufung auf Kant doch wieder Anknüpfungspunkte an den Antiklerikalismus, der in den Bayreuther Zirkeln unter Rückgriff auf den Meister selbst vertreten wurde.

Bermbachs differenzierende Lektüre Chamberlains bricht somit oberflächliche, monolithische Lesarten seines Werks auf und ordnet sein Denken in breite, weit über rassistische und antisemitische Gedanken hinausgreifende Zeitströmungen ein. Neben den Wagner- und Hitlerbezügen behandelt Bermbach daher ausführlich Chamberlains religionswissenschaftliche und theologische Studien, in denen er ein auf ethische Grundprinzipien reduziertes Christentum jenseits der kirchlichen Strukturen propagierte, aber auch die Pamphlete, in denen er die deutsche Position im Ersten Weltkrieg stützte.

Ausdrücklich beabsichtigt Bermbach mit seiner Studie keine Rehabilitierung Chamberlains, sondern lediglich eine Einordnung von Person, Werk und Wirkung in den Zeitkontext. Dennoch: Bei einem Autor, der weitgehend nur noch als Stichwortgeber des Nationalsozialismus in Erinnerung ist, könnte schon der bloße Versuch einer unvoreingenommenen Lektüre den Eindruck einer Art von Ehrenrettung erwecken. Um so nachdrücklicher betont Bermbach die fatale zeitgenössische Wirkung Chamberlains. Insbesondere die „Grundlagen“ übten mit ihrer rassentheoretisch untermauerten Zuspitzung des Antagonismus von Juden und Germanen eine homogenisierende Funktion in völkisch-nationalistisch-antisemitischen Kreisen aus und etablierten den Germanenmythos im Zentrum der Identitätsstiftung bis weit in das Bildungsbürgertum hinein. Über diese Brücke wurden nun auch Denkmuster akzeptabel, die bislang nur wenig Zustimmung gefunden hatten.

Wenn Bermbach allerdings die Positionen Chamberlains und der Nationalsozialisten sorgfältig vergleicht und neben den Gemeinsamkeiten tiefgreifende Unterschiede herausarbeitet, fragt sich, wie weit die Methode der Werkbiografie interpretatorisch trägt. Selbst wenn Chamberlains Unterstützung für Hitler Krankheit und Einflüsterungen seiner Umgebung geschuldet gewesen sein sollte, bleibt doch unbestritten, dass seine Ablehnung von Parlamentarismus, Liberalismus und Demokratie sich zumindest im Negativen mit den Zielen des Nationalsozialismus traf. Was besagen an dieser Stelle noch Differenzierungen innerhalb des völkisch-nationalen Lagers, wenn man sich im Feindbild einig war und einträchtig an der Zerstörung der modernen politischen Kultur arbeitete? Lässt sich Chamberlain angesichts dieser Frontstellung wirkungsgeschichtlich anders sehen denn als Wegbereiter des Nationalsozialismus, selbst wenn er dessen Formen und Konsequenzen nicht voraussehen konnte?

Auch offene biografische Fragen können durch die Lektüre der Werke Chamberlains nicht vollständig geklärt werden. So schildert Bermbach den jungen Briten als einen eher liberal gesinnten, weltoffenen Mann – wie es zu der recht abrupt anmutenden völkisch-antisemitischen Wendung kam, bleibt offen, zumal Chamberlain zeit seines Lebens unterschied zwischen den Juden als Kollektiv und den weiter bestehenden persönlichen Bekanntschaften. Insgesamt bietet Bermbachs gewissenhafte, vor Wiederholungen nicht zurückschreckende Arbeit an den Texten Chamberlains jedoch einen aufschlussreichen Blick auf die teils vernachlässigten, teils verstörenden Eigenarten und Abgründe eines „rechten“ kulturphilosophischen Denkens um die Wende zum 20. Jahrhundert.

Doch gerade wenn Chamberlains Auffassungen „nicht die eines ignoranten, nur rassistisch argumentierenden Außenseiters“ gewesen sein mögen – als bloßes Kind seiner Zeit fasziniert er nur noch bedingt. Bleibende Aufmerksamkeit sichert ihm letzten Endes seine einzigartige intellektuelle und persönliche Stellung zwischen Wagner und Hitler, die er beide eigenwillig auslegte und aus deren Kreisen ihm selbst wiederum eigenwillige Auslegungen zuteil wurden. Bermbachs gründliche Lektüre erschließt einen teilweise verkannten, aber im Kern problematischen Denker, dessen Widersprüchlichkeit an vielen Stellen über ihn hinausweist auf Ambivalenzen modernen Kulturdenkens im späten 19. Jahrhundert insgesamt.

Titelbild

Udo Bermbach: Houston Stewart Chamberlain. Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2015.
636 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783476025654

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