Die weibliche Seite von Dada

Zwei lesenswerte Bände stellen erinnerungswürdige Dadaistinnen vor

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Kanon ist männlich. Leider gilt das nicht nur in grammatischer Hinsicht, sondern auch für so ziemlich alle Künste ebenso wie deren diverse Stilrichtungen. Sei es die Kunst des Notensetzens, der Malerei, der Literatur oder die Bildhauerkunst; sei es die Weimarer Klassik, der Klassizismus, der Impressionismus oder die Neue Sachlichkeit. Das Ballett und der Briefroman mögen zu den wenigen Ausnahmen zählen. Doch ansonsten sorgt seit Generationen eine Riege von Künstlern und ihrer Kritiker gemeinsam mit den Wissenschaftlern der entsprechenden Disziplinen dafür, dass Frauen kaum einmal in die von alters her männlichen Reihen kanonisierter Kunstschaffender eindringen. Das gilt selbst für eine ansonsten so rebellisch auftretende Stilrichtung wie den Dadaismus.

Ina Boesch und fünf weitere AutorInnen zeigen nun in dem von ihr herausgegebenen Sammelband „DIE DADA“ nicht nur, dass Frauen diese Kunstrichtung ebenso sehr prägten wie Männer, sondern auch, auf welch vielfältige Weise sie dies taten. Zudem macht Boesch deutlich, dass die Herren Dadaisten „trotz ihrer Rebellion gegen künstlerische und gesellschaftliche Konventionen Patriarchen blieben“, und illustriert an einigen Beispielen, wie viele von ihnen ihre Kolleginnen und deren künstlerische Beiträge im Nachhinein kleinredeten. Trista Tzara etwa versuchte, soweit es in seiner Macht stand, Céline Arnauld ganz aus der Geschichte das Dadaismus zu tilgen, Hans Richter wiederum dichtete Emmy Hennings eine „dünne, kleine künstliche Mädchenstimme“ an, während Richard Huelsenbeck assistierte, sie habe sich darauf verstanden „Kind zu spielen“, und der den Dadaisten nahe stehende Friedrich Glauser Hennings sie als „kindlichen Clown“ abtat, der an den Fingernägeln zu kauen gepflegt habe. Sie und viele andere rekurrierten auf misogyne Weiblichkeitsklischees, um die Dadaistinnen zu diskreditieren, damit der Dada-Kanon von weiblichen ‚Verunreinigungen‘ frei und die „Deutungshoheit über Dada“ in den Händen der Männerbünde bliebe.

Dies konnte umso leichter geschehen, als nicht wenige der hochbegabten Künstlerinnen aus freien Stücken ihr eigenes Schaffen zugunsten ihrer Partner zurückstellten, wenn nicht gar ganz aufgaben. Genannt seien hier nur die Designerin Sonia Delauny und die Performerin Jolán Simon, oder auch Emmy Hennings und Hannah Höch, denen beide dennoch ein gewisser Nachruhm vergönnt ist. Andere wie die Schriftstellerin Erzébet Ujvári „verfolgten gezielt ihre Kariere“ und blieben „gleichzeitig trotzdem loyal gegenüber ihrem Mann“.

Boeschs Buch holt nun eine große Zahl der „vergessenen, verniedlichten oder zu einer Fussnote degradierten Frauen, die Dada mitprägten, aus dem Dunkeln“. Sehr zum Gewinn der Lesenden richtet sie ihr Augenmerk eben gerade nicht nur auf Frauen, die wie Höch und Hennings im Zentrum von Dada wirkten, sondern vor allem auf die Vielzahl der „Frauen an der Peripherie dieses Zirkels“. Sie dürfte sich dem dreistelligen Bereich nähern, wenn ihn nicht gar überschreiten. Um sie alle ausfindig zu machen, bedurfte es zweifellos einer immensen Recherchearbeit, deren umfangreichen Ertrag Boesch gut lesbar aufbereitet hat. Neben dem eigentlichen Haupttext ihres eigenen Beitrags stellt die Herausgeberin etliche der Frauen am Seitenrand in Wort und Bild vor. Unter ihnen etwa die Malerin Sonia Delaunay-Terk, die bildende Künstlerin Käte Steinitz, die Tänzerin Katja Wulff, die Pianistin Nelly van Doesenburg, die Mäzenin Katherine S. Dreier, die Musikerin Louise Arenberg und die amerikanische Verlegerin Margaret Anderson, die gemeinsam mit Jane Heap die Zeitschrift „The Little Review“ herausgab. Man gerät bei der Aufzählung all der Namen schier außer Atem und muss irgendwann innehalte. Sie dem Vergessen entrissen zu haben, ist ein großes Verdienst des Buches.

Boesch hat den vorliegenden Band in zwei Teile gegliedert. Im ersten, etwa die Hälfte des Buches füllenden Teil ergreift sie selbst das Wort und lässt die Reihen vergessener Dadaistinnen „gemäß ihren künstlerischen Spezialisierungen auftreten“. Dieses „genrespezifische Ordnungsprinzip“ erlaubt es ihr, „jeweils nach dem künstlerischen Beitrag der jeweiligen Protagonistin und ihrer Mitstreiterinnen zu fragen und zugleich das künstlerische und gesellschaftliche Umfeld zu veranschaulichen“.

Ähnlich wie die Männer des Dadaismus waren auch die meisten der ihn prägenden Frauen in der „schreibenden Zunft oder der bildenden Kunst“ tätig. Wenig überrascht zeigt sich Boesch davon, dass zwei Bereiche, die Klaviermusik und der Tanz, „eher eine Frauendomäne“ waren, gehörten Klavierunterricht und Tanzstunde doch zur ‚Ausbildung’ der Töchter ‚aus guter Familie‘, auf dass sie erfolgreich auf dem Heiratsmarkt bestünden. Andere wiederum „übernahmen die typische Rolle der Frau als Modell oder Muse sowie als Vermittlerin, also als Herausgeberin einer Zeitschrift, als Mäzenin oder Salondame“. Hierzu wäre vielleicht anzumerken, dass die verantwortungsvolle Tätigkeit der Herausgeberschaft den gängigen Geschlechtervorstellungen und -konventionen der Zeit nun doch nicht so ganz entsprach.

Eine der interessantesten jener ganz zu unrecht weithin vergessenen DadastInnen war Mina Loy. Noch bevor sie zu der subversiven Kunstrichtung stieß, hatte sie sich während einer Reise durch Italien in den maskulinistischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti verliebt und sich auf eine „kurze und heftige“ Affäre mit ihm eingelassen, die sie jedoch, von dessen Misogynität entsetzt, bald beendete. Der Frauenfeindlichkeit der Futuristen setzte sie ein „Feminist Manifesto“ entgegen, in dem sie „eine vollständige Re-Systematisierung der Frauenfrage“ unternahm und ihre Geschlechtsgenossinnen aufforderte: „Hört auf, euch mit Männern zu vergleichen, um zu wissen, was ihr nicht seid. Bemüht euch in euch selbst herauszufinden, was ihr seid.“ Denn „so wie die Dinge jetzt liegen“ bliebe ihnen nur „die Wahl zwischen Parasitentum, Prostitution und Negation“. Zudem riet Loy den Frauen, sich nicht auf das, wie Boesch formuliert, „trügerische Geschäft mit der Ehe“ einzulassen, und trat dafür ein, Mädchen zu Beginn der Pubertät das Jungfernhäutchen zu entfernen. Warum, wird von Boesch nicht erläutert. Doch lässt sich leicht denken, dass Loy damit dem misogynen Aufheben um die ‚Reinheit und Unberührtheit‘, mit der Frauen in die Ehe zu gehen hätten, ein Ende bereiten wollte.

Im zweiten Teil des Bandes stellen fünf AutorInnen ebenso viele „Vorreiterinnen“ des Dadaismus näher vor: Sophie Taueber, Hanna Höch, Céline Arnauld, Angelika Hoerles und Elsa von Freytag-Loringhoven, die den Dadaismus wie niemand sonst verkörperte – und zwar im wörtlichen Sinn. Dass es sich, wie Boesch behauptet, bei den Autoren und Autorinnen der Portraits um ausgewiesene ExpertInnen handelt, ist keineswegs zu viel gesagt. Irene Gammel etwa hat die erste Biographie der von ihr in dem Band vorgestellten Performancekünstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven verfasst, Walburga Krupp edierte die Briefe von Sophie Taueber und aus der Feder von Ruth Hemus stammt das 2009 erschienene Standartwerk „Dada’s Women“.

Publiziert wurde das von Boesch herausgegebene Buch im Züricher Verlag Scheidegger & Spiess, der fast zeitgleich mit ihm einen Dokumenten-Band auf den Markt brachte, der ausschließlich einer der bekanntesten Dadaistinnen gewidmet ist. Christa Baumberger und Nicola Behrmann haben ihn unter dem Titel „Emmy Hennings Dada“ [sic] herausgegeben. Die hier verwendete Schreibweise folgt der des Einbands des besagten Buches, denn auf ein Titelblatt verzichteten Verlag und Herausgeberinnen.

Baumberger und Behrmann charakterisieren Hennings als „schillernde Kabarettistin“, „Künstlerin mit vielen Gesichtern“ und „Meisterin der Selbstinszenierung“. All dies trifft vermutlich zu. Doch so bedeutend Hennings auch für den Züricher Dadaismus war, so schnell distanzierte sie sich von dieser Kunstrichtung. Nach nur einem Jahr hatte sie ihr bereits ‚abgeschworen‘. Und gerade einmal zwei weitere Jahre vergingen, bis sie sich demütig dem Katholizismus zuwandte, dem sie bis zu ihrem Lebensende 1948 treu ergeben blieb.

Ebenso wie Boesch haben auch Baumberger und Behrmann keine Mühen gescheut und eine umfangreiche Recherchearbeit auf sich genommen, die „mehrere Jahre“ in Anspruch nahm und sie in „viele Archive geführt“ hat. Entsprechend imposant fällt der Ertrag aus, bietet der Band doch eine „umfassende Dokumentation mit Auszügen aus Briefen, Erinnerungsschriften, autobiographischen und fiktionalen Texten, Tagebüchern und Telegrammen“.

Um die Dokumente „ganz für sich sprechen“ zu lassen, haben die Herausgeberinnen auf jegliche Kommentierung verzichtet und dafür in Kauf genommen, dass die Dokumentation des von ihnen zusammengetragenen „Stimmengewirrs unterschiedlicher Meinungen, irreführender Anekdoten, detaillierter Erinnerungen und grober Falschaussagen“ den Lesenden „kein (ein-)stimmiges Gesamtbild, keine glatte Erzählung der Züricher Dada-Zeit von 1915-1918“ zu bieten vermag. Ihre Maxime, sich in ihrer „Rolle als Herausgeberinnen“ ganz „auf Collage und Montage, auf Schneiden und Zitieren zu beschränken und konsequent nirgends kommentierend einzugreifen“, haben Baumberger und Behrmann jedoch dankenswerterweise bei der Erarbeitung des Namensverzeichnisses durchbrochen und „sogar das bislang umfangreichste und detailverliebteste aller Dada-Verzeichnisse“ erstellt, wie sie ohne jede falsche Bescheidenheit betonen.

Der Dokumententeil des Bandes bietet Hennings’ Gedichte, ihre Prosa und deren Skizzen aus den Jahren 1915 bis 1917, das von ihr in Zürich geführte „rote Heft“ und ihre rückblickenden „Texte zu Dada aus den Jahren 1925-1948“. Beschlossen wird der Dokumententeil mit einer imponierenden Zusammenstellung zahlreicher „Briefe, Erinnerungsschriften, autobiographischer und fiktionaler Texte, Tagebücher und Telegramme“ aus den Jahren 1915-1918. Sie stammen von Menschen, die dem Züricher Dadaismus auf die eine oder andere Weise verbunden waren. Da vieles von all dem im Faksimiledruck wiedergegeben wird, möchte man fast von Exponaten sprechen.

Doch muss man wahrscheinlich schon über Emmy Hennings forschen oder aber zu ihren großen Bewunderern zählen, um diesen Band angemessen goutieren zu können. Diese aber sind mit ihm wirklich ausnehmend gut bedient. Zu dem Band von Boesch hingegen sollten alle greifen, die sich für den Dadaismus interessieren und nicht die Augen vor dessen weiblicher Seite verschließen mögen.

Titelbild

Ina Boesch: Die Dada. Wie Frauen Dada prägten.
Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2015.
164 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783858814531

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Nicola Behrmann / Christa Baumberger (Hg.): Emmy Hennings Dada.
Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2015.
236 Seiten, 48,00 EUR.
ISBN-13: 9783858814722

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