Der Dichter als Zeitzeuge

Wie Joachim Dyck das Interesse an Gottfried Benn erneuern will

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Um Gottfried Benn ist es seit seinem fünfzigjährigen Todestag im Jahre 2006 ziemlich still geworden“, stellt Joachim Dyck fest. Zu Recht, könnte man meinen. Hatte doch Benn selber einmal an Ernst Jünger geschrieben: „doch teilen wir den Strom, die Stunden, / den Ecce-Zug, den Wahn, die Wunden / des, das sich das Jahrhundert nennt.“ Vorbei also dieses Jahrhundert, überwunden sein Antihumanismus, sein Hang zur Ideologie, seine müßigen Debatten über den Antagonismus von Geist und Gesellschaft, die trotzige Heldenpose seiner Geistesgrößen, dennoch die Schwerter haltend, und deren pubertärer Weltschmerz, ihr seniler Lebensekel, den manche als tragisch verstehen wollen: eine Welt von gestern.

Zumindest das Interesse am Dichter möchte Dyck mit der vorliegenden Aufsatzsammlung „Gottfried Benn. ‚Hätte ich emigrieren sollen?‘“ wiederbeleben, weshalb er biografische Ereignisse und produktionsästhetische Wege („Bierkneipe und Hinterzimmer. Benns literarische Produktion“) eng zusammenführt und damit auch seine Interpretation von Benn-Gedichten („Requiem“, „Monolog“) unterfüttert. Dabei befindet sich Dyck, langjähriger Vorsitzender und nunmehr Ehrenvorsitzender der Gottfried-Benn-Gesellschaft, in einer Zwickmühle: Einerseits muss er sich gegen den Verdacht wehren, bloße Heldenverehrung zu betreiben, andererseits wirft der emeritierte Lehrstuhlinhaber ebendies vielen seiner Kollegen vor. Den Rückzug in die Wehrmacht, von Benn als aristokratische Form der Emigration inszeniert, entlarvt Dyck in einer minutiösen Untersuchung als Politintrige zwischen Heinrich Himmler und Joseph Goebbels, in der Benn lediglich als „Bauernopfer“ diente.

Benns viel beachteten Marburger Vortrag „Probleme der Lyrik“ (1951) erklärt er zur bloßen Kompilation und kann sich dabei auf den Dichter selbst berufen: „(N)ichts ist erfunden – alles wird ‚zitiert‘“.  Er demontiert den Büchner-Preisträger in einer Analyse des Gedichts „Monolog“, das dieser, nachdem er aus der Reichsschrifttumskammer geworfen worden war, kurz nach dem Überfall auf die Sowjetunion privat drucken ließ: „Die Interpreten sehen dort einen Widerständler, wo keiner war, der dichterische Text wird allzuschnell in ein gefährliches politisches Manifest verwandelt.“ Dies geschieht, so vermutet Dyck, „weil dadurch seine ‚Schuld‘, sich 1933/1934 für einen Neuen Staat und gegen die literarischen Emigranten ausgesprochen zu haben, gemildert wird: Der Ja-Sager kann dem staunenden Publikum als Neinsager und Held präsentiert werden.“ Dyck hingegen nähert sich seinem Gegenstand, dem er bereits 2006 eine nicht ganz unumstrittene biografische Studie („Der Zeitzeuge. Gottfried Benn 1929-1949“) gewidmet hat, indem er ihn in den zeitgeschichtlichen Kontext stellt. Dabei erscheint Benn dann als gänzlich unpolitischer, ja antipolitischer Mensch, der zwar einen neuen Staat mit „scharf antiindividueller Tendenz“, nicht aber den NS-Staat herbeiwünschte. Die Ablehnung der Demokratie hat demnach ihre Ursache im Versagen des Parteienstaates während der Endphase der Weimarer Republik. Die ruinöse Notverordnungspolitik der Reichsregierung traf den Dermatologen Benn ebenso hart wie seine Klientel, die überwiegend der Berliner Halbwelt entsprang.

Überhaupt sieht Dyck in Benns Verhalten vor und während der Hitlerzeit nicht so sehr eine aktive Zustimmung als vielmehr eine Reaktion auf Angriffe, die sein Selbstverständnis als Dichter, wenn nicht seine gesamte Existenz bedrohten. Auf diverse Polemiken, die Dyck im Detail untersucht, habe Benn dann zunehmend apologetisch und aggressiv reagiert, gegenüber den Emigranten sogar, wie Dyck hervorhebt, ausgesprochen missgünstig. Die Isolation, in die er sich dadurch brachte, zelebrierte er als Haltung, die in Wahrheit nur Mimikry war, in aller Ausführlichkeit ausgebreitet in dem Briefwechsel mit dem Bremer Patrizier F.W. Oelze, der sich wie ein roter Faden durch Dycks Aufsätze, allesamt aus den Jahren 1986 bis 2011, zieht. Veröffentlicht wurden seit 1977 bisher lediglich die 749 erhaltenen Briefe, die Benn schrieb, während Oelze „die Publikation seiner eigenen Schreiben testamentarisch ‚für immer‘ untersagt hat“. Nun allerdings kündigt Dyck in seinem Vorwort das Erscheinen der Oelze-Briefe in einer von Stephan Kraft und Harald Steinhagen kommentierten Ausgabe für das Jahr 2016 an, ein literarisches Großereignis, das dem oben genannten Anliegen Dycks sicher Auftrieb geben wird.

Nach Dyck ist Oelze ein verhinderter Schriftsteller, für den die Briefe das Lebenswerk darstellen; für Benn war der Briefwechsel zweifelsohne der „archimedische Punkt“ in seinem Leben, die „Werkstatt“, in der die Texte zusammengesetzt wurden. Und in der Tat erscheint die Freundschaft seltsam papieren. Man trifft sich kaum, geht sich beinahe aus dem Weg und bleibt zeitlebens bei dem förmlichen Sie. Für Benn ist Oelze „verkrampft und snobig“, ein Fossil aus einer vergangenen Zeit, nach der er sich offenbar selbst zurücksehnt. Oelze wiederum erkennt in Benn den Jakobiner: „Ich liebe und bewundere das grundsätzlich Oppositionelle, Antithetische, Aggressive, durchgehend Nonkonformistische Ihrer Haltung glühend.“ (Dyck zitiert hier Oelze, wie mehrfach, ohne Angabe der Fundstelle.)

Einig zeigen sich die beiden in ihrer Zivilisationskritik und in der Ablehnung von Liberalismus und Kapitalismus. Dyck sieht in Oelze dann auch weniger einen Kaufmann als vielmehr einen Privatier. Was die Papier-Radikalen allein von den antidemokratischen Extremen rechts und links unterscheidet, ist die Verachtung einer irgendwie dubiosen „Masse“ und ein jederzeit billiger Geschichtspessimismus, in dem sich Pathos und Zynismus paaren. Als in der Nachkriegszeit mafiöse Netze alter NS-Kreise Urstände feiern, geht man auf Distanz: „Wir wollen uns doch über Kiesinger nicht täuschen: Er ist ein ebenso gefälliger wie listiger, daher doppelt gefährlicher Reaktionär, nichts als das freundlich-täuschende Aushängeschild der wohlbekannten, ambitiös-nationalistischen Clique, die ihn herausgestellt hat: der Strauß – Abs – Guttenberg, dieser wirklichen Manipulatoren der Westdeutschen Kollisionspolitik …“ Das schreibt einer, der „im März 1933 einen Antrag auf Eintritt in die Partei stellt(e), im Juli 1934 aber die Annahme des Mitgliedsbuches verweigert(e) und seine Beiträge einstellt(e).“ Auch Oelze führte ein veritables Doppelleben, indem er ebenso wie der Wortmagier aus Berlin den spießigen Alltag durch eine „radikal extravagante“ Geisteshaltung zu überhöhen trachtete. Man darf also auf das Erscheinen des kompletten Briefwechsels gespannt sein.

Titelbild

Joachim Dyck: Gottfried Benn. „Hätte ich emigrieren sollen?“. Studien zu Leben und Werk.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2015.
190 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783826056727

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