Vermittler zwischen Orient und Okzident

Zum 150. Todestag von Friedrich Rückert

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

„Hühnenhaft mit mächtigem Haupt voll langer, weißgrauer Haare wandelte er durch das Rosenbeet des Familiengutes, an einem seiner 10.000 Gedichte und Verse sinnend“ – so schrieb der Historiker und Schriftsteller Felix Dahn einst fast vergötternd über Friedrich Rückert, der am 31. Januar 2016 vor 150 Jahren starb. Rückert, der ein Zeitgenosse von Johann W. v. Goethe, Napoleon Bonaparte, Georg W. F. Hegel oder Heinrich Heine war, gehörte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den liebenswertesten und erfolgreichsten deutschen Dichtern, wird heute aber kaum noch verlegt, geschweige denn gelesen. Früher waren ein Poesiealbum oder eine Lyrikanthologie ohne mehrere Seiten mit Rückert-Versen undenkbar, während er heute höchstens noch mit ein, zwei seiner Kindertotenlieder vertreten ist.

Rückert wurde am 16. Mai 1788 in Schweinfurt als Sohn eines Hofadvokaten geboren. In seiner Geburtsstadt besuchte er das Gymnasium und studierte ab 1805 zunächst auf väterlichen Wunsch Jura, aber später Sprachen und Mythologie in Würzburg und Heidelberg. Anschließend ging er 1810 als Privatdozent der klassischen Philologie an die Universität Jena und promovierte 1811 mit einer sprachwissenschaftlichen Arbeit. Hier weckte Friedrich von Schlegel sein Interesse für den Orient.

Der Wunsch, an den Befreiungskriegen als Freiwilliger teilzunehmen, ging wegen seiner schwächlichen Gesundheit nicht in Erfüllung. So konnte Rückert seinen Beitrag zum Kampf gegen Napoleon nur mit den „Geharnischten Sonetten“ (1813) unter dem Pseudonym Freimund Raimar leisten:

Was schreibest, Dichter, du? „In Glutbuchstaben
Einschreib‘ ich mein und meines Volkes Schande,
Das seine Freiheit nicht darf denken wollen!“

Durch den Erfolg dieser politischen Verse wurde er Ende 1815 als Mitredakteur des Cottaschen „Morgenblattes für gebildete Stände“ nach Stuttgart berufen. Während der Redaktionsarbeit lernte er zahlreiche Dichterkollegen wie Ludwig Uhland oder Friedrich de la Motte Fouqué kennen. Schriftstellerisch arbeitete Rückert in diesen Jahren in vielen Richtungen. So schrieb er unter anderem „Napoleon“, eine politische Komödie in drei Stücken, oder das Lied „Der alte Barbarossa“, mit dem er seine Hoffnung auf ein geeintes deutsches Reich ausdrückte.

Die Redaktionstätigkeit befriedigte Rückert jedoch nicht auf Dauer und so verließ er 1817 Stuttgart und begab sich auf Wanderschaft. Ein Jahr lang war er in der Schweiz und in Italien unterwegs, wo er vor allem in Rom enge Kontakte zu deutschen Künstlern knüpfen konnte beziehungsweise freundschaftlich mit ihnen verkehrte. Auf der Rückreise machte Rückert einen mehrwöchigen Halt in Wien, um Joseph von Hammer-Purgstall kennenzulernen, der mit seinen Aufsätzen und Übersetzungen den Grundstein für die europäische Orientalistik gelegt hatte. In dieser kurzen Zeit vermittelte er dem jungen Rückert die Grundzüge der arabischen, der persischen und der türkischen Sprache.

Im Frühjahr 1819 kehrte Rückert ins unterfränkische Ebern zurück, wohin seine Eltern 1809 gezogen waren. Bis 1826 lebte er als Privatgelehrter abwechselnd in Ebern und Coburg, wo er die dortige herzogliche Hofbibliothek für seine Studien nutzen konnte. Es begann eine seiner produktivsten Schaffensperioden. Im Selbststudium arbeitete er sich weiter in die Orientalistik ein und begann mit der Übersetzung des Korans, die „zwischen Poesie und Philologie die Mitte“ hielt. Außerdem erschien 1822 die Anthologie „Östliche Rosen“ mit 365 Versen, die der persischen Poesie nachempfunden waren. Rückerts umfangreichste Gedichtsammlung seines Gesamtschaffens entstand auch unter dem Eindruck von Goethes „West-östlicher Divan“ (1819). Und kein Geringerer als der Geheimrat selbst zeigte die Anthologie mit einer entsprechenden Würdigung in seiner Zeitschrift „Über Kunst und Altertum“ an.

Der 33-jährige Rückert heiratete am zweiten Weihnachtstag 1821 die zehn Jahre jüngere Luise Wiethaus-Fischer, bei deren Eltern er ein Jahr zuvor eingezogen war. Nun hatte der Dichter den Fixpunkt seines Lebens gefunden: unzählige Briefe und Verse künden von dieser lebenslangen Liebe. Sein Gedichtzyklus „Liebesfrühling“, mit dem er noch um die Braut geworben hatte, wurde erst in der Ausgabe seiner „Gesammelten Gedichte“ von 1834 veröffentlicht. Einige Verse aus diesem Lieblingsbuch des deutschen Biedermeiers hatten Robert und Clara Schumann später vertont, darunter auch

Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe …

Die Lebensumstände des jungen Paares waren aber nicht rosig, da sich die Familie fast jährlich vergrößerte – immerhin zehn Kinder wurden dem Ehepaar Rückert zwischen 1823 und 1839 geboren. Rückerts Einkommen bestand hauptsächlich aus der Mitarbeit an Almanachen oder literarischen Taschenbüchern, sodass die Familie auf die Unterstützung von Luises Vater angewiesen war, der als Archivar in Coburg tätig war.

Rückert suchte daher eine feste Anstellung. Endlich im Oktober 1826 erhielt er mit Bemühungen von Freunden eine Professur für orientalische Sprachen an der Universität Erlangen, sodass die Familie dorthin übersiedelte. Diese Berufung im Alter von 38 Jahren stellte für Rückert eine markante Zäsur in seinem Leben dar. Konnte man bisher von einem „gelehrten Dichter“ sprechen, so war er in den folgenden Jahrzehnten ein „dichtender Gelehrter“. Er selbst bekannte, dass er „eigentlich nur darum ein Orientalist geworden sei, weil ein Poet keine Familie ernähren kann“.

Trotz eines nicht sehr üppigen Jahresgehaltes waren die Erlanger Jahre zunächst „recht freundlich und erfolgreich“. Rückert wandte sich anderen Sprachen zu, vor allem dem Sanskrit, aber auch dem Syrischen, Hebräischen und Äthiopischen. Zahlreiche Übertragungen aus diesen Sprachen entstanden in diesen Jahren, die dem Geiste der Originale oft näher standen als spätere Übertragungen. Insgesamt 44 Sprachen soll das philologische Genie Rückert in übersetzender, lehrender oder sprachwissenschaftlicher Weise beherrscht haben. Damals fanden seine Übertragungen jedoch nicht nur die ungeteilte Anerkennung sondern auch Kritik, und das ausgerechnet von August Wilhelm Schlegel, der sich als Übersetzer ebenfalls große Verdienste erworben hatte. Das Ergebnis seiner Studien in der Erlanger Zeit war sein monumentales Lehrgedicht „Die Weisheit des Brahmanen“, das zu den meistgelesenen Büchern des 19. Jahrhunderts gehörte. Im Gewand eines weisen Brahmanen machte Rückert hier in über 2.700 Versen Aussagen über Mensch und Welt, Gott und Natur, Leben und Leiden, Freundschaft und Erziehung. Sie sind eine verschwenderische Fülle von Aphorismen und Lehrsprüchen, wobei neben echten Perlen natürlich auch Ramsch vorhanden ist. Viele dieser Verse haben später sicher Eingang in unzählige Stammbücher gefunden.

Mit Unvollkommenheit zu ringen ist das Los
Des Menschen, ist sein Wert und nicht sein Mangel bloß.
Was unvollkommen ist, das soll vollkommen werden;
Denn nur zum Werden, nicht zum Sein, sind wir auf Erden.

Rückerts Zuflucht vom oft ungeliebten Lehrbetrieb war immer wieder seine Familie, doch zwei der Kinder starben relativ früh. Dieser Verlust, der Rückert schwer traf, veranlasste ihn, 400 „Kindertotenlieder“ zu schreiben, die von wehmütigem Schmerz erfüllt waren. Veröffentlicht wurden diese Lieder erst nach seinem Tod und einige von ihnen vertonte später Gustav Mahler zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Hab‘ ich jetzt erst eingesehn,
Was mir Schönstes lebte,
Seit es mir gestorben ist?
Nein, ich wußt‘ es lange.

Nach dem Tod seines Schwiegervaters im Jahr 1838 konnte Rückert dessen Gut Neuses bei Coburg erwerben, das nicht nur der neue Familienmittelpunkt, sondern für ihn auch ein Rückzugsort wurde. Von 1841 bis 1848 erhielt Rückert eine Professur an der Universität Berlin, wobei er lediglich in den Wintersemestern Vorlesungen halten musste. In den Sommermonaten zog er sich in sein vertrautes „Schneckenhaus“ Gut Neuses zurück. Obwohl die Besoldung in Berlin dreimal so hoch wie in Erlangen und er zum Geheimen Regierungsrat ernannt worden war, fühlte sich Rückert in Berlin nicht wohl. Zunächst hatte er gehofft, wieder mehr Dichter sein zu können und versuchte sich daher, angeregt durch die Berliner Theaterlandschaft, als Dramatiker. Er besaß jedoch keine dramatische Ader, sodass keinem seiner meist historischen Stücke ein theatralischer Erfolg vergönnt war.

Schließlich zog sich Rückert im März 1848 auf eigenen Wunsch aus dem Universitätsbetrieb zurück. Mit diesem Abschied von Berlin, einen Abend vor Ausbruch der revolutionären Ereignisse, begann Rückerts letzter Lebensabschnitt. Wie bereits bei den Befreiungskriegen 1813 begleitete er das politische Geschehen von 1848 nur poetisch, so mit seinen „Barrikadenliedern“, die allerdings eher für den Hausgebrauch bestimmt waren. Die eigentlichen politischen und sozialkritischen Zeitgedichte dieser ersten bürgerlich-revolutionären Bewegung verfassten Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Ferdinand Freiliggrath oder Georg Herwegh.

Dem Ruhm folgten Jahre der Stille. Rückert verbrachte seinen Lebensabend in Neuses. Noch einmal widmete er sich dichterischen Übersetzungen, vertiefte sich in die persische Poesie und wiederum entstanden zahllose Gedichte. Durch die Bekanntschaft mit Friedrich Hoffmann, dem Herausgeber der „Gartenlaube“, wurde eine Vielzahl dieser Gedichte in dem illustrierten Familienblatt veröffentlicht, was im Nachhinein aber zur Folge hatte, dass viele seiner Dichtungen abwertend als „Gartenlauben-Poesie“ abgetan wurden.

Als seine Frau Luise, die ihm stets den Rücken von den „Dingen des Alltags“ frei gehalten hatte, nach längerem Leiden im Juni 1857 starb, brach für Rückert eine Welt zusammen. Eines seiner schönsten Altersgedichte „Ist dort auch Frühling?“ entstand nach einem Besuch an ihrem Grab. Der „Dichter-Gelehrte“ zog sich immer mehr zurück, eine letzte Ehrung war 1865 die Verleihung des Ehrenbürgerrechts seiner Geburtsstadt Schweinfurt. Am 31. Januar 1866 starb Friedrich Rückert in seinem Haus in Neuses und wurde unter großer Anteilnahme auf dem Friedhof gleich neben seinem Gut zu Grabe getragen.

Obwohl Rückert als Vermittler zwischen Orient und Okzident heute durchaus anerkannt wird, ist sein umfangreiches Werk in den letzten Jahrzehnten nur selten wieder verlegt worden – abgesehen vom Göttinger Wallstein Verlag, wo seit Jahren eine mehrbändige historisch-kritische Ausgabe „Schweinfurter Edition“ erarbeitet wird. Noch seltener sind Rückert-Biografien anzutreffen – auch hier ist der Wallstein Verlag beispielgebend, wo pünktlich zum 150. Geburtstag des Dichters eine aktualisierte Neuausgabe der zweiteiligen Rückert-Biografie von Annemarie Schimmel aus dem Jahre 1987 erschienen ist. Dabei zeichnet die Islamwissenschaftlerin die Stationen von Rückerts Leben nach und gibt zugleich eine kompakte Einführung in sein Werk.

Friedrich Rückert, der in seinen Dichtungen nach Volkstümlichkeit und Natürlichkeit strebte, fiel wohl zu jeder Gelegenheit ein Vers ein, wodurch er später oft als Gelegenheits-Lyriker abgestempelt wurde, als „Goldschnitt-Lyriker“ des trauten Biedermeierglücks oder der bildungsbürgerlichen Gelehrsamkeit. Sein Metier waren sicher nicht die großen Gedichte mit philosophischem Hintergrund, sondern die vielen kleinen Lieder und Gedichte, die die Welt der Familie und des rechtschaffenen Alltags beschreiben. Bereits nach seinem Tode trat diese kritische Sicht auf sein Werk ein. Vielleicht ahnte er das schon, als er im Alter seine ehemals sechsbändige Gedichtsammlung zu zwei und dann zu einem Band dezimierte. Eine Art von Selbstkritik? Mit seinen Übertragungen und Nachdichtungen hat Rückert jedoch sprachmächtige Brücken in die orientalische Geisteswelt geschlagen – die wir heute, wo die Begegnung mit der arabischen Welt und Kultur eine fast schicksalhafte Dimension angenommen hat, durchaus nutzen sollten.





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