Eine Auflehnung gegen die Kategorien einer ominösen Kultur des Verstandes

Martin Mittelmeier entwirft die Jahrhundertgeschichte des Dada

Von Martin IngenfeldRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Ingenfeld

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt“, brachte es Hugo Ball bereits beim ersten öffentlichen Dada-Abend im Zürcher Zunfthaus zur Waag im Juli 1916 auf den Punkt. Und wer wollte zum 100. Jahrestag an dieser Feststellung zweifeln? So ist es kein Wunder, dass sich Autoren und Verlage im Jahr 2016 mit Dada-Reminiszenzen überbieten. Einst zu Kriegszeiten unter Exilanten aus allerlei Ländern in der Schweiz begonnen, war Dada von Anfang an eine Speerspitze der internationalen Avantgarde. Mit Dadas Anfang aber begann auch die Geschichte seiner Todeserklärungen, ja womöglich hat Dada in Wahrheit nie gelebt oder gelebt nur im Nachhall seiner selbst. Um diese Frage oder vielmehr um das hinter ihr liegende Paradox entwickelt sich das beeindruckende Panorama der Bewegung, das der 1971 geborene Martin Mittelmeier mit seiner „Jahrhundertgeschichte“ über Dada nun vorgelegt hat.

Am Anfang steht Harry Graf Kessler. Am 8. September 1916, mitten im Krieg, reist er auf Empfehlung von Johannes R. Becher nach Zürich, um dessen Freundin Emmy Hennings und ihr „Kabarett Voltaire“ zu besuchen. Erfolglos, denn als er sich vor Ort erkundigt, vermag man ihm zwar noch zu sagen, wo es gewesen sei, allerdings, so zitiert Kessler in seinem Tagebuch eine Kellnerin, „es sei jetzt tot“. Und in der Tat: War Dada, das seine Auflehnung gegen die Kategorien einer ruinösen Kultur des Verstandes noch namenlos begonnen hatte – mit den Worten Hans Arps: „Bevor Dada da war, war Dada da“ –, nicht spätestens in dem Moment gestorben, als es sich selbst auf einen Begriff brachte? „Das paradoxe Programm war, kein Programm zu haben – was auch der dadaistisch Begabteste nicht lange durchhält“, wie Mittelmeier feststellt. Hugo Ball jedenfalls wurde Dada rasch wieder abtrünnig. Noch im Jahr 1916 und dann erneut nach der Dada-Reprise des Folgejahres entzog er sich den Anstrengungen seiner Kameraden, dem ganzen Unternehmen dauerhafte Form, gar Institution – mit Manifest, Zeitschrift, Vereinigung et cetera – zu geben.

Kaum geboren, verwandelt sich Dada in seine eigene Nachgeschichte. Das Cabaret Voltaire der Spiegelgasse fungiert als Gründungslegende. Dass die Publizistik zu Dada bis zum heutigen Tag um diese Paradoxie kreist, hat Mittelmeier vollauf durchschaut. Andererseits wird sein Buch dadurch selbst von vornherein zu einer paradoxen Geste: „Dada gilt als der explosivste, konsequenteste, schrillste und vielfältigste Versuch, Kunst, Literatur und Sprache aus den Fängen bürgerlicher Ideologie zu befreien, sie der Musealisierung und Intellektualisierung zu entreißen und mit den Forderungen des täglichen Lebens zu konfrontieren“, schreibt er bereits auf Seite 9, um sich im Folgenden aufzumachen, Kunst, Literatur, Sprache und Dada obendrein wieder einzufangen. Gelingt es allerdings, diese heillosen Gedanken über Dada und sein Schicksal abzulegen – und vielleicht auch die von Mittelmeier mit insinuierte Frage, was uns denn Dada heute noch sein könne – oder wahlweise Dada in die Lust am Selbstwiderspruch zu folgen, kann man sich bedenkenlos in die Hände des Autors begeben und sich mit ihm auf die immer noch erstaunlichen schöpferischen Energien der Dadaisten einlassen.

Dada bedeutet für Mittelmeier eine Reaktion nicht allein auf die Gräuel des Krieges und den damit verbundenen Bankrott der bürgerlichen Kultur und der hohen Ambitionen einer alles ordnenden Menschenvernunft überhaupt. Mehr noch reagiert Dada ihm zufolge auf eine allgemeine „Veralltäglichung des modernen Lebens“. Der Einzug technischer, wissenschaftlicher und ökonomischer Innovationen verwandelt das alltägliche Leben schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in eine Geschichte von Beschleunigung, Entfremdung und Überforderung, die bei Dada künstlerisch-literarisch Niederschlag findet. Die entscheidenden Stichworte – nämlich Simultanität und Indifferenz – übernimmt Mittelmeier dabei von Autoren der Zeit. Theodor Däubler beschrieb den Zustand der Moderne in einem Artikel in den „Weißen Blättern“ Anfang 1916, vor beinahe genau 100 Jahren, als einen „Simultanismus“: Im Nebeneinander vieler Stile, Traditionen, Konzepte vermag man nicht mehr erschöpfendes Wissen zu erlangen, sondern wird „breitspurig, geschwind, geschmeidig, empfänglich für Einflüsse und Eingebungen“. Und Max Brod andererseits zieht in seinem frühen Roman „Schloß Nornepygge“ (1908) aus der Überfülle der Möglichkeiten die Konsequenz eines Indifferentismus: Alles scheint gleichzeitig und ohne höhere Ordnung zu geschehen. Unterschiede in der Wahrnehmung oder Wertung dieses Geschehens machen, das kann und das will man nicht mehr.

Zum Zeitpunkt der Kessler’schen Zürich-Reise hat Dada gerade seine Gründungszeit im Cabaret Voltaire und im Zunfthaus zur Waag hinter sich. Im Januar 1917 wird dann die Galerie Dada in der Zürcher Bahnhofstrasse eröffnet werden, ehe Dada in alle Welt wandert: nach Berlin, Paris, New York. Mittelmeiers beeindruckende Leistung besteht gerade darin, diese von verschiedenen Personen und Konstellationen ausgehende Entwicklung auf ihren verwinkelten Wegen nachzuvollziehen und zu zeigen, wie sich das Konzept Dada auf diese Weise in künstlerischen Experimenten und Beziehungen ausbreiten, wie es dadurch fortwirken konnte. Die vier Kapitel seines Buches legen ihre Schwerpunkte dabei zum einen auf die Paare Hugo Ball und Emmy Hennings beziehungsweise Hans Arp und Sophie Taeuber, zum anderen auf die Städte Berlin (unter anderem mit George Grosz, Wieland Herzfelde und seinem Bruder John Heartfield sowie Raoul Hausmann) und Paris (von Tristan Tzara und Marcel Janco hin zum Beispiel zu Francis Picabia, André Breton und Marcel Duchamp). Das „Gerücht Dada“ internationalisiert sich. Aufbauend auf Expressionismus und Kubismus, Neopathetikern und Futuristen, Münchner Boheme und Monte Verità steht Dada im Brennpunkt einer Vielzahl avantgardistischer Bewegungen in Kunst und Literatur, die sich während des Ersten Weltkrieges und unmittelbar danach über die Grenzen der verfeindeten Staaten hinweg entfalten. Man könnte noch weit mehr Namen und Bezüge anführen, auf die Mittelmeier zu sprechen kommt. Darin zeigt sich auch die Dichte und Konzentriertheit seines Buches.

Da die Dadaisten Mittelmeier zufolge auf Grundprobleme ihrer Zeit rekurrieren, die über die Schrecken des Krieges weit hinausgehen, liegt es natürlich nahe, einen Bogen in unsere Gegenwart zu schlagen und Parallelen zu suchen: wiederum technisch-ökonomische Veränderungen, die den Alltag umkrempeln, beschleunigen, entfremden, wiederum ein Verlust an Vertrauen auf die Ordnung und Ordnungsmöglichkeit der Welt und des einzelnen Individuums selbst. Gewiss ist diese Ähnlichkeit gegeben, aber wohl weniger im Sinne einer Wiederholung denn als Kontinuität. Im Grunde ist es derselbe Zustand, in dem wir uns immer noch befinden, und es besteht kein Grund zu der Annahme, daran könnte sich grundsätzlich etwas ändern. Simultanität und Indifferenz stehen uns da unverändert zur Verfügung, auch der Protest der Dadaisten – selbst wenn er gelegentlich zur hohlen Phrase werden mag. Doch als paradoxes Phänomen stellt Dada eben nichts an die Stelle der mit größter Leidenschaft verabschiedeten Ordnung, feiert die empfundene Leere der Zeit nur en passant, die noch blieb, als Dada bereits längst zur eigenen Geschichte geworden ist. Anstelle der Leere aber kann sich Neues, selten Besseres einfinden. Selbst einige der Dadaisten waren für die Versuchungen des Totalitarismus empfänglich. Und auch das ist Teil der „Jahrhundertgeschichte“ Dada.

Hinweis der Redaktion: Der Beitrag ist seit dem 16.2.2016 auch bei Literatur Radio Bayern zu hören.

Titelbild

Martin Mittelmeier: DADA. Eine Jahrhundertgeschichte.
Siedler Verlag, München 2016.
280 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783827500700

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