In den Köpfen verlorener Kinder

Über Michael Köhlmeiers einfühlsame Novelle „Das Mädchen mit dem Fingerhut“

Von Albert C. EiblRSS-Newsfeed neuer Artikel von Albert C. Eibl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Dieser Mann war ihr Onkel. Sie wusste nicht, was das Wort bedeutet. Sie war sechs Jahre alt.“ Mit diesen drei kurzen Sätzen empfängt uns das knapp 140 Seiten umfassende neue Büchlein von Michael Köhlmeier, das jetzt bei Hanser erschienen ist. In federleichtem Parlando entwirft der preisgekrönte Vorarlberger Schriftsteller hier die nachdenklich stimmende Geschichte eines kleinen Mädchens, das in einer nichtgenannten Großstadt Westeuropas von ihrem Onkel ausgesetzt wird und sich nun seinen Weg durch den immer unbarmherziger werdenden Winter bahnen muss.

Die verschiedenen Stationen von Yizas Weg – der Müllcontainer vor der Kirche, in dem sie vor dem Schnee Schutz sucht, die Kaffeehausschleuse, in der sie vollkommen unbehelligt vor den Augen der andächtig konsumierenden Gästen einschläft – lassen sich in ihrer kontrastiven Dynamik als Grenzstationen hermetisch voneinander abgetrennter Lebenswelten deuten. Als Grenzgängerin zwischen der harten Realität des gesellschaftlichen Ausgestoßenseins und einer schemenhaft gezeichneten Welt der abgesicherten Geborgenheit wird Yiza bald zum Spielball fremder Mächte – nicht nur der Natur oder des Zufalls, sondern vor allem zweier fremder Jungen, ebenso ausgestoßen und verloren wie sie. Die drei lernen sich in einer Auffangstelle für Waisenkinder kennen, brechen eines Nachts aus dem überfüllten Schlafsaal aus und ziehen dann gemeinsam los, um das geheimnisvolle leerstehende Haus zu finden, in dem es sich laut Schamhan, dem Ältesten der Gruppe, vortrefflich überwintern lässt.

Köhlmeiers betont personaler, von jeglicher poetischen Überfrachtung distanzierte Erzählstil lässt uns schnell eintauchen in eine höchst abweisende Winterwelt, in einen vielfach gebrochenen Kosmos aus physischer wie emotionaler Kälte, den wir nach und nach mit den Augen einer Sechsjährigen zu betrachten beginnen. Köhlmeier gelingt dabei ein Kunststück, das ihm bereits auf den ersten Seiten seines grandiosen Entwicklungs- und Hochstaplerromans Die Abenteuer des Joel Spazierer (2013) meisterhaft geglückt ist: Das vollkommene Verschwinden der narrativen Instanz hinter der Vorstellungswelt einer noch völlig unbedarften Kinderpsychologie. Und das geschieht hier wie dort mit einem geradezu unheimlichen Einfühlungsvermögen, mit einem seltenen Sinn für infantile Wahrnehmungen, Zustände und Befindlichkeiten, dass wir während des Lesens schon bald die behutsam geknüpften Bande der Fiktion vergessen, die uns wie selbstverständlich in den Sog der Geschichte ziehen.

Mit der Schilderung einer wahrhaft ‚unerhörten Begebenheit‘ ganz am Ende des Buches, dem mehr als nur angedeuteten Mord an Yizas Ziehmutter („die ihr das Leben gerettet hatte“) durch den kleinen Arian, gibt Köhlmeier seiner dann doch etwas zu vollmundig als Roman untertitelten Novelle eine vollkommen überraschende Wendung, welche die bis dahin zu kurz gekommene Frage nach Gewissen und Moral, nach Mitleid und Barmherzigkeit nun schlagartig, wenn auch spät, auf den Plan ruft.

In seiner Öffnung hin zum Transzendeten sprengt der letzte Absatz – eine in ihrer Kryptik seltsam deplatziert wirkende Apostrophe an den Leser – dann doch den kunstvoll gespannten Rahmen der Erzählung. Von diesem kleinen Schönheitsfehler einmal abgesehen, vermag diese gerade in Zeiten, in denen nicht nur in Europa Werte wie Toleranz und Menschlichkeit auf dem gemeinschaftlichen Prüfstein stehen, einen Reflexionsprozess in Gang zu setzen, dem wir uns, von Köhlmeier beim Lesen sanft an die Hand genommen, nur allzu gerne unterziehen.

Zu dem hier rezensierten Titel gibt es auch eine andere Sicht auf literaturkritik.de.

Titelbild

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Roman.
Hanser Berlin, Berlin 2016.
140 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783446250550

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