Dem Trauma Gestalt verliehen

„Kunst aus dem Holocaust“ – ein Buch des Leidens, der Auflehnung und der Mahnung

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist totenstill im Raum. Kaum jemand wagt zu flüstern. Erschütterung, Entsetzen, Ergriffenheit, tiefes Mitgefühl steht in den Gesichtern der Besucher geschrieben. Die Schatten der Vergangenheit kehren zurück. Diese Künstler, die den Tod erlitten oder die das Grauen überlebt haben, was müssen sie erfahren haben, dass ihnen Bilder mit einer solchen Aussagekraft gelungen sind. Wir befinden uns in der Ausstellung „Kunst aus dem Holocaust“, die im Deutschen Historischen Museum in Berlin, Unter den Linden bis 3. April 2016 zu sehen ist.

Ist es überhaupt möglich, über den Holocaust von 1944 bis 1945, jenes schrecklichste Kapitel der Menschheitsgeschichte, zu schreiben oder es im Bild festzuhalten? Die Welt von Auschwitz, meinte George Steiner, einer der brillantesten Universalgelehrten unserer Zeit, liegt jenseits der Sprache, so wie sie jenseits des Vorstellbaren liegt. Andere glaubten, es sei „barbarisch“, nach Auschwitz überhaupt noch Gedichte zu schreiben. Doch das Schweigen wurde gebrochen und es kam eine „Literatur des Grauens“ zutage. Warum gab es so viele „Opfer“, die Tagebücher schrieben, Notizen machten und auf Papierfetzen festhielten, was sie erlebt hatten? Mehr als den Tod fürchteten sie, dass die Welt nie erfahren würde, was sie ertragen mussten, ja schlimmer noch, dass man ihnen nicht glauben würde. Das Bedürfnis, es in Schrift und Bild festzuhalten und zu bezeugen, war ebenso elementar wie der Hunger und wert, das Leben dafür zu riskieren.

100 Werke von 50 Künstlern – 24 wurden von den Nationalsozialisten ermordet, die anderen haben überlebt –, Zeichnungen, Skizzen und – in einzelnen Fällen – auch Gemälde aus den Ghettos und Vernichtungslagern wurden aus dem Bestand der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem ausgewählt, um sie – erstmals in Deutschland – in dieser Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zu zeigen. Diese Arbeiten sind die wahrheitsgetreue Wiedergabe der damaligen Wirklichkeit, versehen mit der Kraft der visuellen Vorstellung. Das erlittene Leid ist hier authentisch gestaltet worden. Es steht in den von Hunger ausgemergelten Gesichtern geschrieben, es drückt sich aus in Bergen von Skeletten und es spricht aus Augen, die verzweifelt und verlassen aus tiefen Höhlen starren. Das Unfassbare fassbar zu machen, das ist die Aufgabe dieser Bilder, sie sind sowohl künstlerische wie auch menschliche Aussage, aber auch als geschichtliche Dokumente zu betrachten.

Als integrativer Bestandteil der Ausstellung und zugleich eigenständige Publikation vermittelt der großzügig ausgestattete, dreisprachig (deutsch, englisch, hebräisch) abgefasste Katalog in eindringlichen Essays und Kommentaren, Künstlerbiographien und vor allem in ganzseitigen Abbildungen der ausgestellten Werke eine einzigartige Dokumentation der in der Hölle der Ghettos und Lager entstandenen Kunst. Die Künstler fertigten ihre Arbeiten unter Todesgefahr an, nur wenige überlebten, die meisten starben. Doch durch die Veröffentlichung dieses Buches wird ihr Werk dem Vergessen entrissen und lebt in unserer Zeit fort.

Dem Textteil vorangestellt ist ein Auszug aus „Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter“, jenem Buch von Alexander Kluge über schreckliche Schicksale in der NS-Diktatur, das der Autor dem Kämpfer für Gerechtigkeit, Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt des Landes Hessen während der Auschwitzprozesse, gewidmet hat. „Schöpferische Funken der Menschlichkeit“ sieht Avner Shalev, der Vorsitzende der Gedenkstätte Yad Vashem, in den während des Holocaust geschaffenen Kunstwerken, die den Ausstellungsbesucher wie den   Betrachter dieser Werke begleiten und seinen Weg erleuchten sollen. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, fragt, warum Kunst aus den Lagern für unsere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit so wichtig ist und stellt dar, wie die Erinnerung an den Holocaust und die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit das deutsch-israelische Verhältnis in den vergangenen 70 Jahren geprägt hat. Eliad Moreh-Rosenberg, Kuratorin und Direktorin der Kunstabteilung von Yad Vashem, erläutert die Auswahl der Werke für die Berliner Ausstellung und berichtet über die Entstehung und den Bestand des Kunstmuseums. Wer sind die während des Holocaust schaffenden Künstler, wie sind ihre Kunstwerke entstanden, nach welchen Kriterien sind sie einzuteilen, was sind ihre bevorzugten Themen und Motive?  Schon im Akt des Malens unter menschenunwürdigsten Bedingungen sieht die Verfasserin nicht nur einen Akt der Selbstbehauptung, des Lebenswillens, sondern auch der Auflehnung gegen das menschenvernichtende NS-System. Mit den Kinderzeichnungen aus dem Holocaust in der Kunstsammlung Yad Vashem beschäftigt sich Yehudit Kol-Inbar – sie war bis 2015 Direktorin der Museumsabteilung in Yad Vashem. „Während der Schoah schwebte über allen jüdischen Kindern ständig das Todesurteil“, schreibt sie, und wenn die Kinder malten oder sich Objekte bastelten, dann versuchten sie der Realität mittels der Phantasie zu entfliehen. Die Phantasie wurde so für sie zu einem Instrument des Überlebens.

In drei Themenbereiche sind die Bilder – in der Ausstellung wie im Katalog – gegliedert worden: Bilder, die die Wirklichkeit des Holocaust beschreiben, Porträts und Bilder der Sehnsucht und geistigen Zuflucht. Jedem Bild-Komplex wird das Gedicht eines jüdischen Häftlings – darunter befinden sich auch Kinder – zugeordnet, das die Essenz des jeweiligen Kapitels enthält.

Ein „Flüchtling“ (Öl auf Leinwand, 1939) sitzt in gebeugter Haltung, den Kopf in den Händen vergraben, in einem kahlen Raum, der von einem langgestreckten riesigen Tisch blockiert wird. Auf ihm befindet sich ein Globus, der einen düsteren Schatten wirft und ebenso wenig Hoffnung vermittelt wie der Ausgang, denn auch draußen herrschen nur Ödnis und Tod. Ein Bild totaler Verzweiflung, eine Beschreibung des Lebens des dann in Auschwitz ermordeten jüdischen Künstlers Felix Nussbaum unter den Bedingungen der Flucht, ein Sinnbild der Schoa. „Tod im Ghetto“ (Gouache auf Papier, 1942–44) von Otto Ungar zeigt den Abtransport eines Leichnams, der kahle Baum im Vordergrund kann als Symbol der Vernichtung und die in Schwarz verhüllte Frau als Personifikation des Todes gedeutet werden. Mit dem selbstverständlichen Anblick des „Leichenwagens“ (Tusche laviert auf Papier) im Ghetto-Alltag von Theresienstadt macht Leo Haas die Absurdität der Situation bewusst. In Felix Blochs „Unter den Rädern“ (Kohle und Fixierung auf Papier, 1942–44) eines Totenwagens liegen Tote, Sterbende und Entkräftete – 35 000 Menschen starben im Ghetto Theresienstadt, weitere 88 000 wurden in die Todeslager deportiert und dort ermordet.  „Ankunft eines Transports in Theresienstadt“ (Tusche, laviert auf Papier, 1942) von Leo Haas: Ein Menschenstrom zieht durch die Winterlandschaft dem Eingang des Ghettos entgegen, an der Mauer unten links ist der Buchstabe V, das Symbol des Widerstandskampfes, eingegraben.

Leo Breuers „Pfad zwischen Baracken“ des Internierungslagers Gurs (Wasserfarbe auf Papier, 1941) vermittelt einen trostlosen Lager-Alltag, die schneebedeckten Pyrenäen im Hintergrund zeigen die Freiheit versprechende spanische Grenze an. Am Lager seiner kranken Frau sitzt ein alter Mann, während sich um sie herum das tägliche Ghetto-Leben auf engstem Raum abspielt (Charlotte Buresova, Tusche, Gouache und Bleistift auf Papier, 1942). Kurz darauf wurde das jüdische Ehepaar in das Lager Treblinka deportiert und dort ermordet. Frantisek Moric Nagl wirft einen Blick auf „Emil Zentners Pritsche in der Männerunterkunft“ des Ghettos Theresienstadt (Gouache und Wasserfarbe auf Papier, 1943); die Nummern an den armseligen Gegenständen bezeichnen ihre abwesenden Besitzer, die Häftlinge. Ein „Fieberndes Kind“ (1944), ein Gesicht voller Unschuld und Zartheit, zeichnet Hilde Zadikow – nur wenige von den 10.000 Kindern, die in die Todeslager deportiert wurden, haben überlebt. In expressiver, fast schon abstrakter Weise konterfeit Karel Fleischmann, der auch als Arzt im Ghetto Theresienstadt tätig war, gebrochene, im Todeskampf gekrümmte Menschen (Kohle auf Papier, 1942). „Im Büro des Kompaniekommandanten“ (von Marko Behar, Tinte und Bleistift auf Papier, 1941) wird ein im Arbeitslager zwangsverpflichteter jüdischer Mann brutal zusammengeschlagen und mit Füßen getreten. Josef Schlesinger dokumentiert „Nahum Becks Hinrichtung durch den Strang“ (Tinte auf Papier, 1943), die Ghetto-Bewohner müssen bei der Exekution zusehen. In einer unter Lebensgefahr angefertigten Karikatur „Das Lied ist aus“ (Wasserfarbe und Tusche auf Papier), die Hitler als betrunkenen Harlekin präsentiert, drückt Pavel Fantl seine Hoffnung auf ein baldiges Ende des faschistischen Alptraumes aus. „Unter dem Stiefel des Nazi-Schergen“, der einem Juden das Bajonett in die Brust gebohrt hat (Tusche auf Papier, 1940), geißelt Marcel Janco, der einstige Dada-Mitbegründer, das faschistische Regime in Rumänien. Seinen Aufschrei drückt Jacob Lipchitz in der Darstellung des geschundenen, zerschlagenen Rückens seines Bruders aus (Wasserfarbe auf Papier).

Das geistvolle Porträt des Dichters und Philosophen Benjamin Fondane (Kohle und Farbkreide auf Papier, um 1943) von Grégoire Michonze ist das letzte vor dessen Ermordung in Auschwitz-Birkenau. Der Partisan Alexander Bogen bannte Widerstandskämpfer in unterschiedlichen Situationen auf das Papier. Während seiner Lagerhaft in Frankreich porträtierte Osias Hofstatter einfühlsam seine Mitgefangenen, ihre Verzweiflung und Trauer. Nur auf einem kleinen Fetzen Papier hat Esther Lurie 1944 ausdrucksstark eine junge Mitgefangene im Lager Stutthof skizziert. Max Placek wiederum setzt unter das Porträt des Pianisten und Dirigenten Franz Eugen Klein ein Noten-Zitat aus der Oper „Tosca“ („Wie sich die Bilder gleichen“, 1943). Mit fleckigen, vertikalen Pinselstrichen hat Josef Kowner ein melancholisches Selbstporträt aus seiner Ghetto-Zeit in Lodz/Litzmannstadt (Wasserfarbe auf Papier, 1941) gemalt. Die grünliche Färbung des Gesichts von Charlotte Salomon ist Ausdruck tiefer existenzieller Angst. Karel Fleischmanns „Lesende Frau“ zeigt eine Gefangene aus dem Ghetto Theresienstadt, die bei ihrer Lektüre wenigstens für einige Augenblicke die Grausamkeit ihres täglichen Lebens vergisst.

Felix Nussbaum („Die Synagoge im Lager Saint-Cyprien“, Öl auf Sperrholz, 1941) stellt Gefangene dar, die sich, in ihre Gebetsmäntel gehüllt, zum Gebet versammelt haben. Sie stellen die einzigen Lichtquellen in dem sonst dunklen Gemälde dar. Auf die „Reichspogromnacht“ im November 1938 reagiert Ludwig Meidner, einer der Hauptvertreter des urbanen Expressionismus, und stellt eine Parallele zwischen der Zerstörung der Synagogen in Nazi-Deutschland und des Tempels in Jerusalem her. Sinnfälliger kann die Sehnsucht der Gefangenen nach Freiheit nicht dargestellt werden als durch jenen gelben Schmetterling auf dem Stacheldrahtzaun des Lagers Gurs, der den kommenden Frühling ankündigt (Karl Robert Rodek und Kurt Conrad Löw, Wasserfarbe, Tusche und Bleistift auf Papier, 1941). Pavel Fantl schildert humoristisch das Staunen eines Kindes, das die Welt außerhalb des Ghettos Theresienstadt entdeckt. Der Künstler hat seinem eigenen Sohn, der mit vier Jahren ins Ghetto gekommen ist, eine andere Realität, auf Phantasie und Hoffnung beruhend, zu eröffnen versucht. Herbstliche Bäume in strahlendem Rot, Gelb, Grün verkünden für Karel Fleischmann die Hoffnung auf Freiheit und illustrieren ein Gedicht mit gleichem Titel. Die „Landschaft mit der Villa l’Ermitage“ nahe bei Nizza, in der sie lebte, bevor sie von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz in den Tod geschickt wurde, malte Charlotte Salomon als Erinnerungs- und Sehnsuchtsort. Einer „Straße im Ghetto von Lodz“ (Wasserfarbe auf Papier, 1941) gibt Josef Kowner eine überraschende Farbigkeit, die im Gegensatz zu den Bedingungen steht, unter denen dieses Bild gemalt wurde. Das Kind Nelly Toll brachte in ihrem Versteck in Lwow 1943 ihre Sehnsucht nach ihrem Zuhause und ihrer Familie bewegend zum Ausdruck.

Dieser Blick in das ‚Innere‘ des Holocaust ist das Besondere dieser Arbeiten. Sie sind dazu berufen, die Menschlichkeit zu verteidigen, auch unter den unmenschlichsten Umständen. Hier konnten nur einige Sujets der ausgestellten Arbeiten angeführt werden, es müsste aber auch über die Schicksale der Arbeiten (Wie wurden sie verborgen, wie konnten sie gerettet werden?) und über die der Künstler gesprochen werden. Diese „drei Geschichten“ eines jeden Werkes werden in dem eindrucksvoll gestalteten Katalog vermittelt.

In der Tat: Diese Bilder vergisst man nicht mehr. Sie bleiben im Kopf und im Herzen – als Mahnung und Verpflichtung, nie wieder so etwas zuzulassen und stets für die Würde des Menschen einzutreten.

Titelbild

Walter Smerling / Eliad Moreh-Rosenberg (Hg.): Kunst aus dem Holocaust. 100 Werke aus der Sammlung Yad Vashem.
Wienand Verlag, Köln 2016.
320 Seiten, 48,00 EUR.
ISBN-13: 9783868323153

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