Rückblende und philosophisches Zapping

Rüdiger Safranskis neues Buch „Zeit. Was sie mit uns macht, was wir aus ihr machen“

Von Corinna Dziudzia

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie sehr Texte Gewebe aus Zitaten sind (Roland Barthes), zeigt Rüdiger Safranskis Buch über „Zeit. Was sie mit uns macht, was wir aus ihr machen“. Das Kompendium versammelt nicht nur zum titelgebenden Stichwort, was Rang und Namen hat, sondern die Thematik wird in aller Breite ins Visier genommen: Der Autor beginnt bei der Langeweile und endet bei der Ewigkeit, durchsetzt mit einer Fülle von Zitaten, die das inhaltliche Spektrum von der Pränataldiagnostik bis zur Risikovorsorge, vom „Erregungstheater“ zur Relativitätstheorie aufspannt. Inhaltlich fehlt nichts, was erwartbar wäre, weder Augustinus’ Bekenntnisse noch ein Verweis auf Michail Bachtins Chronotopoi oder Thomas Manns Zauberberg, um nur drei stellvertretend zu nennen. Nicht selten finden sich dabei Gewährsmänner unterschiedlicher Jahrhunderte, Disziplinen und Textgattungen in teils überraschender Nähe: Von Blaise Pascal geht es zu Søren Kierkegaard und den Romantikern, von Immanuel Kant zu Hannah Arendt, wobei von letzterer leider weniger das Werk im Vordergrund steht, sondern immer noch ihr Liebesleben aus Freiburger Studententagen vor allem anderen der Mitteilung wert zu sein scheint.

Indem Rüdiger Safranski aus reichem Materialfundus erschöpfend seine Ausführungen kompiliert, hat dieses Montageprinzip eine gewisse Collagehaftigkeit des Textes zur Folge: Ein Stichwort eines vorhergehenden Absatzes liefert nicht selten den Anlass für das Zitat im nächsten. Gerade bei den literarischen Beispielen erschließen sich die Auswahlkriterien dabei nicht immer. Teilweise montiert Safranski zudem unmarkiert eigene, ältere Textteile aus vorigen Publikationen dazwischen. Entsprechend entsteht zuweilen der Leseeindruck, die Karteikarten eines fremden Zettelkastens zu durchblättern. Dies kann ertragreich und inspirierend sein, die Verbindung zwischen den einzelnen Versatzstücken ist allerdings oft nur assoziativ beziehungsweise manchmal schlicht fragwürdig, beispielsweise wenn aus Goethes Faust ein „Meister aus Deutschland“ wird. Der narrative Bogen, den der Autor in anderen Büchern gekonnt anhand der jeweiligen Biografie entwickelt, ist hier aufgrund der abstrakten Problematik nicht einfach als roter Erzählfaden eines ‚und dann‘ angelegt. Ein ausgreifender Komplex wird versucht, ausgreifend zu behandeln, aber immer wenn es spannend wird und die eigentlich drängenden Fragen gestellt werden könnten, springt Safranski weiter und gibt damit der Breite gegenüber der Tiefe den Vorzug. Vielleicht ist es entsprechend bezeichnend, dass das Pendant zur Langeweile, die Safranski so prominent als Ausgangspunkt seiner Überlegungen dient, die Muße, keine Erwähnung findet? Stattdessen zelebriert der Autor in den Textteilen zwischen zwei Zitaten einen Hang zu metaphorischen Personifikationen: Da wird ein „Ereignisteppich“ „fadenscheinig“, Langeweile definiert als „Rendezvous mit der reinen Zeit“, beziehungsweise heißt es ebenfalls über die Langeweile: „Ein Riss also im Vorhang, und dahinter gähnt die Zeit.“ Fast kitschig ist denn beispielsweise die Rede von Flachbildschirmen der Sehnsucht“ zu nennen – eine stilistische Eigentümlichkeit, die womöglich auch bewundernde Liebhaber findet. Gerade hinter dieser Metaphorik aber verbirgt sich das eigentlich Befremdliche, eine belehrend-kulturpessimistische Medien- und Gesellschaftskritik, die mit einer Überzeugtheit vorgetragen wird, die das eigentlich Unzeitgemäße dieser Art von Kritik vergessen machen will. Nicht zuletzt hinterlässt es einen schalen Nachgeschmack, wenn in diesem Zusammenhang von „Zeithygiene“ und „Zeitdieben“ die Rede ist. Im bekannten Lamento über die Kulturindustrie wird die Globalisierung der Geschmäcker kritisiert, was in Sätzen wie den folgenden gipfelt: „Man kann heute wirklich den Eindruck haben, dass die Innenstädte inzwischen so aussehen wie das Innenleben derer, die sie bewohnen.“ Diese Form einer undifferenziert wirkenden und ihren Zweck nur in sich selbst findenden Konsumkritik wird ergänzt mit der Klage über die  scheinbare Wiederholung des Immergleichen, einer allgemeinen Tendenz zum Zappen und einer damit einhergehenden geringen Aufmerksamkeitsspanne. Dabei ist es nicht ohne Ironie, dass dem Autor in seiner Entrüstung entgeht, dass er sich zum Bestandteil dieses Zyklus macht, er nicht außerhalb des von ihm Beklagten und Kritisierten steht und stehen kann, sondern im Gegenteil, sein Buch – im Lichte seiner eigenen Kritik – ein ebensolches Zapping vorführt und damit auch ihm eine Wiederholung des Immergleichen vorgeworfen werden kann. Indem das Fragmentierte, Anreißende und Segmenthafte derart kritisiert wird, findet es seine Reproduktion.

Problematisch wird die Darstellung, wenn die notwendige Verkürzung aufgrund der thematischen Breite dazu führt, dass etwa die Behauptung, heute würden mehr Menschen auf der Erde leben als alle Toten der Menschheitsgeschichte zuvor zusammengenommen, als Fakt präsentiert wird. Oder wenn komplexe Gedankenexperimente eine derartige Verkürzung erfahren, dass die Hälfte der wesentlichen Annahmen weggelassen werden. So wird beispielsweise das Zwillings- respektive Uhrenparadoxon beschrieben, aber erstens nicht beim Namen genannt und zweitens wird aus der angenommenen annähernden Lichtgeschwindigkeit auf dem Weg zu einem fremden Planeten plus Aufenthalt dort eine Bahnreise von A nach B.

Es ist wohl auch nicht ganz ohne Zufall, dass das Internet auf den gut 250 Seiten nur zweimal eine Erwähnung erfährt, wobei es sich doch um den eigentlichen Taktgeber unserer Gegenwart handelt, der in den nächsten Jahren für weiter anhaltenden massiven Wandel auf gesamtgesellschaftlicher Ebene sorgen wird. Für Safranski aber ist das Internet neben dem Fernsehen lediglich ein weiteres Unterhaltungsmedium. Die digitale Zeitenwende, in der selbst nicht-technikaffine Zeitgenossen seit fast 15 Jahren leben, spielt keine Rolle in Safranskis Buch – sie fällt lediglich durch ihre Abwesenheit auf. Dabei ist das Internet wohl kaum auf seine vielfältigen Unterhaltungsmöglichkeiten zu beschränken (die übrigens dem Zapping-Gedanken oftmals genau entgegengesetzt sind, Stichwort ‚Binge-Watching‘), wird doch von mancher Seite ein damit einhergehender Wandel prognostiziert, der in seiner Tragweite nur mit dem Buchdruck zu vergleichen ist.

Safranskis Ausführungen über die Zeit erscheinen in ihren allgemein-gesellschaftlichen Aussagen als rückwärtsgerichtet, womöglich, weil das Buch in seinem Kern ein autobiografisches Werk ist, das der Autor nicht zuletzt für sich geschrieben zu haben scheint, auch als Rechenschaftsbericht darüber, was er selbst mit seiner Zeit gemacht hat. In dieser Linie konsequent endet das Buch mit Ausführungen über den Tod und damit einem Bekenntnis des Autors über sein Bewusstsein der Endlichkeit der eigenen Zeit. Insgesamt werden die ausgewählten Beispiele des philosophisch-literarischen Kanons stillschweigend als bekannt vorausgesetzt, ein gleichzeitig allzu belehrender Tonfall nimmt vor allem den interessierten, aber unwissenden Leser nicht ernst und dürfte diesen mit dem anhaltenden Nachweis der disziplinübergreifend beeindruckenden Belesenheit des Autors schnell abhängen. Diesem bleibt nur, die beigefügte Bibliografie zu konsultieren, bei Augustinus anzufangen und hoffentlich bis zu Hartmut Rosas Buch über die Beschleunigung durchzuhalten, um auch in der Tiefe etwas über Zeit allgemein und nicht zuletzt über die eigene Gegenwart zu erfahren. Der mit der Thematik vertraute Leser wird viele alte Bekannte wiedertreffen und zudem noch erfahren, dass Safranski sich langweilt, wenn sein Zug Verspätung hat. Leider ist dieses Buch im Wesentlichen eines nicht: auf der Höhe der eigenen Zeit. Und das in diesen Zeiten.

Titelbild

Rüdiger Safranski: Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.
Carl Hanser Verlag, München 2015.
271 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783446236530

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