Vor langer Zeit in Neuengland

Eine Auswahl „unheimlicher Geschichten“ Nathaniel Hawthornes gibt Einblicke in die amerikanische Schauerromantik

Von Manuel BauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manuel Bauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kein Geringerer als Edgar Allan Poe, Meister der Schauererzählung, der zur Rechten E.T.A. Hoffmanns sitzt und mutmaßlich mit überlegenem Wohlwollen auf seine Adepten unter der noch immer unangefochtenen Führung H.P. Lovecrafts blickt, hat sich 1842 in einer Rezension über Erzählungen seines Zeitgenossen Nathaniel Hawthorne geäußert. Der nicht minder berühmte Kollege sei unzweifelhaft ein Mann von echtem Genie, seine Erzählungen seien zur höchsten Kunst zu zählen (obwohl – oder gerade weil? – eine davon stellenweise ein Plagiat von Poes „William Wilson“ sei). Allerdings litten Hawthornes Texte bisweilen darunter, dass Melancholie und Mystizismus vorherrschend seien. Für Erzählungen, die mit dem schillernden Attribut des „Unheimlichen“ versehen sind, muss das aber keineswegs ein Nachteil sein.

Nathaniel Hawthorne (1804–1864) wurde – man kommt schwerlich umhin, ein Omen für seine literarischen Vorlieben zu erblicken – in dem für seine Hexenprozesse von 1692 zu traurig-gruseliger Berühmtheit gelangten Salem/Massachusetts in Neuengland geboren. Die für Schauerliteratur außerordentlich günstige, vom Puritanismus durchtränkte Atmosphäre und Geschichte seiner Heimat sollte ihn zeitlebens prägen. Hierzulande ist Hawthorne insbesondere für seine großen Romane „Der scharlachrote Buchstabe“ (1850) und „Das Haus mit den sieben Giebeln“ (1851) bekannt. Im Deutschen Taschenbuch Verlag ist eine Auswahl von Hawthornes Erzählungen erschienen, deren gemeinsamer Nenner, so die durch keinerlei Vor- oder Nachwort begründete Einschätzung des Verlags, in ihrer Unheimlichkeit besteht. Das ist sicher nicht falsch, sie bleibt aber doch erläuterungsbedürftig, zumal ein solcher Textcharakter bei einem Autor, der sich immer wieder mit dem Spukhaften und Gespenstischen beschäftigte, kein valides Kriterium für eine Auswahl darstellt. Unter dem gleichen Titel wären mithin auch völlig andere Erzählungen desselben Autors vorstellbar gewesen. Leider werden auch keinerlei Informationen zu den Entstehungs- und Veröffentlichungsjahren der Texte, ihrem ursprünglichen Publikationsort und -kontext oder gar zur Übersetzung geliefert. Das wirkt editorisch etwas lieblos und ist auch deswegen bedauerlich, weil manche der Texte in der Auswahl ihrer Motive an berühmte Erzählungen der europäischen Romantik erinnern. Man hätte schon gerne einschätzen können, ob hier eine direkte Beeinflussung möglich wäre oder ob die Ähnlichkeiten in einem transkontinentalen Zeitgeist begründet sein müssen.

Schiebt man allerdings dieses Ärgernis beiseite und lässt sich allein auf die unter dem allzu plakativen Titel „Die Mächte des Bösen“ versammelten Erzählungen ein (etwas anderes bleibt bei diesem editionsphilologischen Nullpunkt freilich auch nicht übrig), dann hat man es teilweise mit düsterfunkelnden Glanzstücken der Schauerromantik zu tun. Zu den Höhepunkten zählt sicher „Rappacinis Tochter“, eine thematisch an E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ erinnernde Erzählung über einen diabolischen Wissenschaftler, der selbst vor Experimenten mit seiner Tochter nicht zurückschreckt. Der Vergleich mit Hoffmann enthüllt allerdings auch Hawthornes eher konventionelle Erzählstrategie. Die „intellektuelle Unsicherheit“, die seit Ernst Jentsch als konstitutives Merkmal des Unheimlichen gilt, wird in der narrativen Vermittlung kaum je spürbar, und auch inhaltlich wird meist Eindeutigkeit hergestellt, so dass Poes Mystizismus-Befund nur bedingt zugestimmt werden kann. Der Großmeister des Grotesken erhob diesen Vorwurf gegen solche Erzählungen, bei denen die unheimlichen Geschehnisse nur unzureichend erklärt oder aufgelöst werden. Zumindest bei der vorliegenden Auswahl ist dies weit weniger dominant, als ein mittels späterer Vertreter der literarischen Phantastik sozialisierter Leser verkraften würde. Stattdessen wird häufiger nicht nur eine rationale Erklärung für die scheinbar übernatürlichen Phänomene geboten, sondern diese vermeintlich unerklärlichen Dinge werden auch mit einer Moral versehen, die ähnlich plakativ wirkt wie der vom Verlag gewählte Titel des Buches.

Ein wiederkehrendes Thema ist, in Fortführung des Pygmalion-Mythos und zugleich als Vorstufe zu Oscar Wildes „Dorian Gray“, das Unheimliche der Kunst infolge von Grenzüberschreitungen: Gemälde, die verstörend lebendig wirken oder innerhalb der erzählten Welt den Lauf der Dinge beeinflussen. Mehrere Erzählungen spielen in Neuengland und gereichen Sigmund Freuds Theorie des Unheimlichen zur Bestätigung, da sie eine Wiederkehr des Vertrauten, nur scheinbar Vergangenen zum Gegenstand haben. Sie spielen stets „in den guten alten Zeiten“ („Das hölzerne Bildnis“), vor „jetzt fast hundertundzwanzig Jahren“ („Lady Eleanores Schleier“) oder „zu meiner Großmutters Kindheit“ („Die Totenhochzeit“). In der Frühzeit des kolonialisierten Amerika also, einer Vergangenheit, die noch viel zu nah ist, um ihre Schrecken schon vollständig verloren zu haben.

Die – auch formale – Virtuosität von Poes etwa zur gleichen Zeit geschriebenen, ein ganz ähnliches Genre bedienenden Geschichten kann die hier vorgelegte Auswahl von Hawthornes unheimlichen Erzählungen zwar nicht durchgängig aufbieten. Zur Erweiterung eines Kanons klassischer schwarz- und schauerromantischer Literatur oder für einen ersten Kontakt mit „american gothic fiction“ ist sie aber sehr willkommen. Dennoch bleiben aufgrund der undurchsichtigen Auswahl der Eindruck des Halbgaren und der einer vergebenen Gelegenheit zurück. Einige der bekanntesten Erzählungen dieses großen Autors sind hier nicht enthalten, obwohl sie thematisch ohne Abstriche passend gewesen wären. Bleibt zu hoffen, dass Hawthornes kürzere narrative Texte bald vollständig in deutscher Übersetzung greifbar sein werden, schließlich handelt es sich bei ihm, wie auch Poe betonte, um einen der bedeutendsten amerikanischen Erzähler. Um einen intimen Kenner und großen Gestalter des Unheimlichen ohnehin.

Titelbild

Nathaniel Hawthorne: Die Mächte des Bösen. Unheimliche Geschichten.
Übersetzt aus dem Englischen von Franz Blei.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014.
192 Seiten, 8,90 EUR.
ISBN-13: 9783423143004

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