Die Welt denunzieren – Hässlichkeit in Wort und Bild.

Erinnerung an einen Beitrag Umberto Ecos zur Geschichte und Theorie der Ästhetik

Von Stefana SabinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefana Sabin

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schon viele Mythen des Alltags hat Umberto Eco mit semiotischer und kulturkritischer Schärfe betrachtet. Als einem immer schon und immer noch wirksamen Mythos widmete er vor gut einem Jahrzehnt der Schönheit ein Buch, in dem er und sein Coautor Girolamo de Michele) die Vorstellungen von Schönheit in den Darstellungen der Kunst und der Literatur durch die Zeiten verfolgten. Dabei war diese „Geschichte der Schönheit“ kein Entwurf einer systematischen Theorie und auch kein Versuch einer Phänomenologie, sondern eine umfangreiche Text- und Bildauswahl, der prägnante Kurzessays als Bindemasse narrative Konsistenz verliehen. Ähnlich verfuhr Eco drei Jahre später mit dem antonymisch dazugehörigen Mythos, nämlich der Hässlichkeit.

Hässlich, schrieb Ende des 18. Jahrhunderts Johann Christoph Adelung in seinem berühmten Grammatisch-kritischen Wörterbuch, sei das, was „eigentlich, in einem hohen Grade ungestaltet, so dass dadurch Ekel, Schrecken und Abscheu erweckt wird.“ Dementsprechend hatte Eco einen Katalog des Ekelhaften, Schrecklichen und Abscheulichen zusammengetragen: Von den antiken Satyrn und priapischen Gestalten über die mittelalterlichen Monster und Hexen und die Missgeburten und Kranken der Renaissance bis zu den Todesbildern des Surrealismus und den Deformationen der modernen Kunst wird die langsame Trivialisierung des Hässlichen und die Integration der Hässlichkeit in die Alltagskultur anschaulich gemacht. Und auch die Textbeispiele, die von Homer und der Bibel über Augustin und Dante bis zu Nietzsche und Sartre und schließlich Stephen King reichen, belegen eine je nach Zeitgeist verschiedene Auffassung von Hässlichkeit. Am Anfang ein besonderes Merkmal von Göttern und Halbgötter, dann eine gottgegebene Eigenschaft, wurde die Hässlichkeit mystifiziert, ideologisiert, verklärt und zuletzt als inhärenter Teil des Menschlichen trivialisiert.

Als Gegensatz zur Schönheit ist Hässlichkeit „ein menschliches Drama“, das Eco ästhetisch, theologisch und soziologisch zu fassen versucht. Er unterscheidet zwischen dem „Hässlichen an sich, dem formal Hässlichen und der künstlerischen Darstellung von beidem.“ Denn wie Schönheit lässt sich auch die Hässlichkeit nicht anders als durch Bild- und Textbeispiele fassen, weil es die bildenden Künstler, die Dichter und die Philosophen waren, die definierten, was als hässlich anzusehen ist, und damit die ästhetischen und moralischen Maßstäbe für Hässlichkeit setzten. Aber die Kunst kann „jede Form der Hässlichkeit durch eine wirksame Darstellung“ aufheben, weswegen das Leiden Christi oder die Martyrien der Heiligen nicht als „hässlich“ empfunden werden, sondern einen „Widerschein von Schönheit“ erhalten. So entwirft die Renaissance eine regelrechte „Erotik des Leidens“, die auch dazu führt, dass der Tod, bis dahin als hässlich betrachtet, seine Schreckkraft verliert. Schließlich büßt sogar der Teufel seine hässliche Ausstrahlung ein: Mit der „unheimlichen Metamorphose“ von einem Ungeheuer in einen Intellektuellen, der durch seine Hässlichkeit nicht mehr zu erkennen ist, wird der Teufel als Goethes Mephisto weltlich – und das metaphysische Böse zieht in den Alltag ein.

Aber je mehr der Teufel enthässlicht wird, desto stärker wird der Feind verteufelt, und durch die Projektion von hässlichen Zügen auf religiöse, politische oder ethnische Feinde entsteht, so Eco, die Karikatur. Die Darstellung des Hässlichen als Diffamierungsmittel verfolgte Eco bis zur nationalsozialistischen Propaganda (einschließlich eines Zitats aus Hitlers „Mein Kampf“) und den Feindbildern des Kalten Kriegs. Dem medialen Missbrauch und dem künstlerischen Gebrauch des Hässlichen stellte er die alltägliche Inszenierung der Hässlichkeit entgegen. Seine Geschichte der Hässlichkeit versteht sich auch als Appell zur Toleranz gegenüber dem Andersaussehenden.

Denn Hässlichkeit, so zeigte Eco, ist eine anthropologische Konstante. In der Kunst aber wird sie, wie schon Adorno meinte, zu einem Mittel, um die Welt zu denunzieren. Mit dem üppig gestalteten und gelehrter Leichtigkeit geschrieben Band rekapitulierte Eco die Vielfalt dieser Denunziationen und fügte ihm mit Anspielungen auf Episoden aus eigenen Romanen eine ironische selbstreferentielle Komponente hinzu.

Titelbild

Umberto Eco (Hg.): Die Geschichte der Häßlichkeit.
Übersetzt aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Petra Kaiser, Sigrid Vagt.
Carl Hanser Verlag, München 2007.
448 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783446209398

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