Umberto Ecos Postmodernität

Eine kurze Erinnerung an den literaturgeschichtlichen Ort seines Romans „Der Name der Rose“ um 1980

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Vor mehr als dreißig Jahren bekannte der italienische Semiotiker und Kulturwissenschaftler Umberto Eco, die pure „Lust am Fabulieren“ habe ihn zum Schreiben seines Romans Der Name der Rose motiviert. Er war 1980 in Italien und 1982 in deutscher Übersetzung erschienenen und bald weltweit in vielen Millionen Exemplaren verbreitet. In seiner Nachschrift zum „Namen der Rose“ rechnete er die Wiederentdeckung der Lust an Literatur mit Recht den amerikanischen Programmatikern der Postmoderne als Verdienst an (mehr dazu in der Erinnerung an Roland Barthes in literaturkritik.de 11/2015). Die Hervorhebung der Lust an Literatur verband sich bei diesen mit dem Appell, die Kluft zwischen ästhetisch moderner Elite- und konventionsgebundener Massenkultur aufzuheben. Diese Kluft war es, die der von Eco ebenfalls zitierte amerikanische Literaturkritiker Leslie Fiedler Ende der sechziger Jahre im Namen der „Postmoderne“ zu schließen gefordert hatte.

Der Name der Rose wurde rasch zum Musterbeispiel postmodernen Erzählens. Dem Programm Fiedlers entsprechend ist der Roman „doppelcodiert“ in dem Sinne, dass die von ihm erzählte Geschichte über die Aufdeckung eines Mordes in einem mittelalterlichen Kloster sowohl populäre Unterhaltungsbedürfnisse als auch gelehrte Auslegungsinteressen akademischer Eliten bedient –  mit Herausforderungen, die selbst manchen Mediävisten Kopfzerbrechen bereiten. Der Roman benutzt spielerisch Traditionen des historischen und philosophischen Romans, des Kloster-, Detektiv- und Schauerromans zugleich, ist ein „intertextuelles“ Arrangement von Werken anderer Autoren aus ganz unterschiedlichen Zeiten in Form von Zitaten und Anspielungen, und er verarbeitet dabei auch jene sprachanalytischen, (post-)strukturalistischen, rationalitäts- und machtkritischen Theorien (vor allem Michail Bachtins resonanzreiche Analysen der die Machthierachien destabilisierenden Lachkultur im Mittelalter), die auch für die philosophische Postmoderne grundlegend wurden.

Der Roman besteht nicht nur aus Literatur, aus schon vorhandener, sondern handelt auch von Literatur – mit dem zentralen, im Umkreis der Postmoderne beliebten Motiv der Suche nach einem verborgenen Manuskript. Die Schilderung der labyrinthischen Klosterbibliothek verweist dabei auf jenen Bibliothekar, Schriftsteller und Verarbeiter enzyklopädischen Wissens, dessen Erzählung Die Bibliothek von Babel (1941) sich in der Rückschau wie ein Vorspiel postmodernen Erzählens über die Suche nach einer imaginären Ordnung in unendlichen intertextuellen Anspielungszusammenhängen liest: auf den von Eco verehrten Jorge Luis Borges.

Umberto Eco charakterisierte den „Postmodernismus“ als ein „bewußt und mit Vergnügen“ betriebenes „Spiel der Ironie“. Zu ihm gehörte auch sein Umgang mit Borges. Und er setzte dieses Spiel nach seinem Roman-Debüt auf ungemein produktive Weise bis zu seinem Tod fort – mit der dekonstruktiven Auflösung der geläufigen, mehr oder weniger strikt gezogenen Grenzen nicht nur zwischen Elite- und Massenkultur, sondern auch zwischen Literatur und Wissenschaft, Kunst und intellektuell engagierter Publizistik.





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