Ein Repräsentant des deutschen Judentums

Maurice-Ruben Hayoun veröffentlicht einen Hymnus auf Leo Baeck

Von Jens FlemmingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Flemming

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Alle Welt ist sich einig: Leo Baeck gehört in die Reihe der bedeutendsten Theologen und Religionsphilosophen, die das 20. Jahrhundert in Deutschland hervorgebracht hat. Zum ‚Repräsentanten‘ wurde er jedoch nicht allein wegen seiner denkerischen Qualitäten, sondern auch, weil er die Fähigkeit und den Willen besaß, zwischen den verschiedenen Strömungen im deutschen Judentum zu vermitteln. Hinzu kamen die politischen Umbrüche und Verwerfungen im Gefolge des Ersten Weltkriegs, namentlich die Machteroberung der Nationalsozialisten, die ihn recht eigentlich erst dazu machten, ihm die Rolle, die er seither wie kein zweiter verkörperte, gleichsam aufnötigten. Als Vorsitzender der „Reichsvereinigung der deutschen Juden“ beziehungsweise der „Juden in Deutschland“, wie sie auf Druck der Nationalsozialisten seit 1939 firmierte, wurde er 1943 nach deren Auflösung in das KZ Theresienstadt deportiert, überlebte und war danach überzeugt, das die „Geschichte des deutschen Judentums definitiv vorbei“ sei. Genügend Stoff, sollte man meinen, für biographische Würdigungen, die über bloßen Nachvollzug oder einzelne Aspekte seines Wirkens hinausreichen. Seltsamerweise mangelt es nach wie vor an umfassenden, die verfügbaren Quellen ausschöpfenden neueren Studien. Gewichtiges hat hier einstweilen Walter Homolka vorgelegt („Leo Baeck. Eine Skizze seines Lebens“, Gütersloh 2006 sowie „Jüdische Identität in der modernen Welt. Leo Baeck und der deutsche Protestantismus“, Gütersloh 1994). Daran muß sich messen lassen, wer die Lebensgeschichte Baecks, das Werk und die zeitlichen Konstellationen, in die das eine wie das andere hineingestellt war, rekonstruieren will.

Gegen Homolkas konzise Interpretationen fällt die bereits 2011 in Frankreich publizierte und nun ins Deutsche übertragene Biografie des französischen Judaisten Maurice-Ruben Hayoun merklich ab. Bereits bei oberflächlichem Blättern sticht ins Auge, dass der Autor 376 Seiten Text mit schmalen 67 Anmerkungen ausstattet, das heißt, die meisten der angeführten Zitate und Sachverhalte belegt er nicht und entzieht sie so jeder Nachprüfbarkeit. Zwar folgt sein Buch in groben Umrissen der Chronologie, aber warum es unbedingt und mit ausschweifender Detailversessenheit mit Moses Mendelssohn beginnen muss, erschließt sich nicht. Unmotivierte und mit dem Protagonisten nur lose verknüpfte Exkurse prägen auch sonst den Duktus der Darstellung. Was soll man davon halten, wenn auf den Hinweis, dass Baeck in Lissa das Comenius-Gymnasium besucht hat, ein völlig unnötiger, zudem über Lexikonwissen nicht hinausweisender Ausflug in die Geschichte des Namenspatrons erfolgt. Nutzbringender wären an dieser Stelle Informationen über die Schule selber gewesen, über deren Reputation, Selbstverständnis, Personal und Bildungsideale, was möglicherweise Licht auf prägende Einflüsse hätte werfen können, die der Gymnasiast Baeck dort erfahren hat. Nicht nur hier gibt Hayoun seiner Neigung nach, Lesefrüchte auszubreiten, die den Eindruck einer ungeordneten, wenig konzentrierten, auch wenig informierten Gedankenführung hinterlassen.

Leo Baeck, Jahrgang 1873, Sohn eines angesehenen Rabbiners, trat in die Fußstapfen seines Vaters und schrieb sich nach dem Abitur am eher konservativ ausgerichteten „Jüdisch-Theologischen Seminar“ in Breslau ein, wo er zwei Jahre blieb. 1893 ging er nach Berlin an die 1872 von Abraham Geiger und anderen gegründete „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“, eine Ausbildungsstätte im Geist des Reformjudentums, das nach Wegen einer Öffnung hin zur modernen Welt suchte. Einer seiner Lehrer war der später nach Marburg berufene Hermann Cohen. Zeitgleich studierte Baeck an der Berliner Friedrich-Wilhelms Universität, wo er  – betreut von Wilhelm Dilthey – mit einer Arbeit über Baruch de Spinoza und dessen „erste Einwirkung auf Deutschland“ promoviert wurde, was Hayoun zum Anlass nimmt für weitläufige, mit der Dissertation nicht recht verbundene Ausführungen über den 1632 in Amsterdam geborenen und 1656 wegen religionskritischer Ansichten von der jüdischen Gemeinde verstoßenen Philosophen.

In Berlin wurde Baeck zum Anhänger einer liberalen Glaubensauslegung und Glaubenspraxis, ohne damit die Fäden zur Tradition und zu Vertretern der Orthodoxie völlig zu kappen. Ihm ging es um die Bewahrung jüdischer Identität bei gleichzeitigem Arrangement mit den Gegebenheiten der deutschen, von Wissenschaft, Säkularisierung und konfligierenden Strategien nationaler Sinnstiftung bestimmten Gegenwart. 1895 erhielt er seine erste Anstellung als Rabbiner in Oppeln, einer Stadt in Oberschlesien (nicht wie Hayoun behauptet im „Großherzogtum Posen“, das im Übrigen längst zur preußischen Provinz Posen geworden war). Hier schrieb er das Buch, das ihm landesweite Aufmerksamkeit brachte: „Das Wesen des Judentums“, ein Gegenstück zur 1900 publizierten, von antijüdischer Polemik durchzogenen Schrift des renommierten Kirchenhistorikers Adolf von Harnack: „Das Wesen des Christentums“, ursprünglich eine für Hörer aller Fakultäten gegebene Vorlesung an der Berliner Universität. Baeck kritisierte, Harnack habe Geschichte nicht geschrieben, sondern konstruiert, dabei seine eigenen religiösen Überzeugungen auf Jesus und die Ursprünge des Christentums projiziert. Daher habe er weder die historische Gestalt Jesu noch die ethische Essenz der jüdischen Religion erfassen können. Damit war eines der Lebensthemen Baecks angeschnitten, nämlich das Verhältnis zwischen Protestantismus und Judentum, das eine genauere, zumal systematischere Analyse verdient hätte, als Hayoun sie mit seinen rhapsodischen Bemerkungen zu leisten vermag.

Man muss die Rekonstruktion individueller Schicksale nicht unbedingt mit elaborierten Theorien unterfüttern, aber was dem Verfasser dazu einfällt, ist ebenso dürftig wie dilettantisch. „Der beste Weg“, lautet die einschlägige Passage, „um Baeck genau kennen zu lernen, seinen Lebensweg nachzuverfolgen und den Schwerpunkt auf das zu legen, was wirklich für ihn zählte“, sei, „seine Gedanken zu Themen zu analysieren, die ihm am meisten am Herzen lagen“. Und weiter heißt es: „Das könnte den Verdacht erregen, daß man von einer reinen und einfachen Biographie zu einer intellektuellen Biographie übergeht: Bei diesem Mann, der voller Spiritualität war und nur für und durch seine Gedanken lebte, ist dies unumgänglich und ein Risiko, das man auf sich nehmen muß.“ Aber auch das bedarf der historischen Einbettung. Die Hinweise, die Hayoun dazu liefert, sind oberflächlich, enthalten zahlreiche Fehler oder blenden bestimmte Tatbestände, die quer zu den hagiografischen Tendenzen der Darstellung stehen, einfach aus. Zwar wird Hannah Arendts Kritik an den Judenräten, deren Funktion in Berlin faktisch die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ ausübte, erwähnt, aber nicht diskutiert. Arendt hatte diese der Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Regime bezichtigt und die „Rolle der jüdischen Führer bei der Zerstörung ihres eigenen Volkes“ als das „dunkelste Kapitel in der ganzen dunklen Geschichte“ bezeichnet. Leo Baeck war bis zur Auflösung der „Reichsvereinigung“ deren Vorsitzender. Der Bannstrahl traf also auch ihn. Hayoun konzediert immerhin, die Sache werfe „ethische Fragen“ auf. Welcher Art diese sind und wie sie beantwortet werden könnten, bleibt jedoch offen. Und schließlich: Das fünfbändige Manuskript über die „Rechtsstellung der Juden in Europa“, das Baeck mit einigen Mitarbeitern 1942 im Auftrag der Gestapo fertigte, wird gar nicht erst erwähnt.

Näher mit der Historie der Deutschen scheint sich der Autor nicht beschäftigt zu haben. Anders sind Fehlleistungen wie die, den rechtsliberalen Außenminister Gustav Stresemann zum Sozialdemokraten zu ernennen, nicht zu erklären. Die Kulturzeitschrift „Kunstwart“, herausgegeben von Ferdinand Avenarius, war sicher deutschnational, wenngleich nicht im Sinne der gleichnamigen, nach dem Krieg aus der Taufe gehobenen Partei, aber „pangermanistisch“ (welch ein Wort!) war sie nicht. Dass mit der dort ausgefochtenen Debatte, die der junge Literaturwissenschaftler Moritz Goldstein mit seinem Aufsatz über den „deutsch-jüdischen Parnaß“ angestoßen hatte, der „Countdown“ für das deutsche Judentum eingeläutet worden sei, verzeichnet den Stellenwert dieser Kontroverse dann doch ganz beträchtlich. Die Ausführungen über die Revolution von 1918/19 verraten einen beklagenswerten Mangel an Kenntnissen. So sollen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht „die wenigen noch existierenden Institutionen“ erstürmt haben. Ferner ist von „inneren Unruhen“ die Rede, die „hinter dem Rücken der deutschen Armeen angezettelt“ worden seien (die Dolchstoßlegende läßt grüßen!). Nach dem Novemberpogrom von 1938 sollen „siebenhunderttausend Juden“ verhaftet worden sein, eine abenteuerliche Zahl, die bei Weitem die der noch im Reich Verbliebenen übertrifft. Und ob sich der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ tatsächlich „für germanischer hielt“ als die „christlichen Landsleute“, ist mehr als zweifelhaft. Die Liste derartiger Monita ließe sich verlängern. Hier hätte das Lektorat, das im Impressum als existent verzeichnet ist, beherzt den Korrekturmodus einschalten sollen, um wenigstens die gröbsten Schnitzer zu tilgen. Das hätte schon der Respekt vor den Lesern geboten. „Eine umfassende Biographie“ Baecks, die der Klappentext verheißt, liegt mit Hayouns Buch jedenfalls nicht vor.

Titelbild

Maurice-Ruben Hayoun: Léo Baeck. Repräsentant des liberalen Judentums.
Biographie.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015.
400 Seiten, 49,95 EUR.
ISBN-13: 9783534257584

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