Blick in den Abgrund

Naoto Kan, Japans Premierminister während der Fukushima-Krise, erinnert sich

Von Gabriele VogtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gabriele Vogt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als am 11. März 2011 die Erde vor der Küste Nordostjapans bebte, blickte Japan in den Abgrund. Ein Erdbeben der Stärke neun hatte es in Japan bis dahin noch nie gegeben. Auch der Tsunami, der dem Beben folgte, sprengte die Grenzen des Vorstellbaren. Das ins Land drängende Wasser zerstörte mit unbändiger Kraft alles, was sich ihm in den Weg stellte. Etliche Häuser, ja ganze Straßenzüge und Orte wurden davongeschwemmt. Zehntausende starben in den Fluten. Als der Spuk sich legte, blieben gespenstische Szenen zurück: Schiffe, weit im Landesinneren gestrandet, Autos, gestapelt auf Hausdächern, und Hausrat, der Monate später an die Westküste der USA angespült werden sollte.

Auf die doppelte Naturkatastrophe folgte eine weitere, eine menschgemachte Katastrophe. Das Wasser des Tsunami hatte die Schutzmauer des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi überspült und die sensible Technik des Kraftwerks inklusive der Notstromversorgung lahmgelegt. Erst später wurde bekannt, dass noch am gleichen Abend in einem der sechs Reaktorblöcke eine Kernschmelze einsetzte. Die Bilder der sich am Folgetag zuspitzenden Lage, allen voran die Bilder der Wasserstoffexplosion im Reaktorgebäude von Block eins, brannten sich ins Weltgedächtnis ein.

Die nationale wie internationale Bewertung der Katastrophe und des Krisenmanagements der japanischen Regierung schwankte zwischen Sprachlosigkeit angesichts der unvorstellbaren Dimension der Ereignisse einerseits und harscher Kritik an der augenscheinlich fehlenden Führungsstärke der Regierungsspitze andererseits. Japans Premierminister zu dieser Zeit, Naoto Kan, legte im Herbst 2012, mitten im japanischen Unterhaus-Wahlkampf, ein Büchlein mit seinen persönlichen Erinnerungen der Katastrophentage vor. Drei Jahre später liegt der Text mit dem Titel „Als Premierminister während der Fukushima-Krise“ nun in der deutschen Übersetzung von Frank Rövekamp vor.

Das Kernstück des Manuskripts bilden tagebuchähnliche Erinnerungen der Tage zwischen dem 11. und 19. März 2011. Vorangestellt ist ein Prolog, der wie unter einem Brennglas alle Themen des zentralen Manuskripts anspricht. Im Anschluss an die Tagesberichte finden sich zudem zwei kürzere Kapitel, eines zum weiteren Verlauf der Amtszeit Naoto Kans (bis September 2011) und eines zu den Debatten rund um die japanische Energiepolitik. Der deutschen Ausgabe sind zudem eigens verfasste Vor- und Nachworte beigefügt.

Naoto Kan lässt keinen Zweifel daran, dass er angesichts der Katastrophe von Fukushima einen Atomausstieg für die einzig gangbare Lösung hält. Er schließt das Nachwort zur deutschen Ausgabe denn auch mit einer Stellungnahme, die einem unmissverständlichen Appell an die Politikergeneration der Gegenwart gleichkommt: „Ich bin davon überzeugt, dass die Kernenergie bis zum Ende dieses Jahrhunderts völlig verschwindet und zu einem Relikt der Vergangenheit wird.“ Zu der Erkenntnis, dass es eben dazu keine Alternative geben könne, sei er in den Tagen der Fukushima-Krise gelangt. Zudem habe er auf seinen anschließenden Studienreisen nach Deutschland Bestätigung hinsichtlich dieser Einschätzung erfahren.

Ein bisschen verwundert Kans radikaler Sinneswandel vom Atombefürworter zum entschiedenen Gegner angesichts seiner hier präsentierten Erinnerungen aus den Krisentagen. Die Atomtechnologie selbst wird von Kan, der auch Physiker ist, nicht an den Pranger gestellt. Der Werksleiter von Fukushima Daiichi, Yoshida, wird von Kan als kompetent und zielstrebig eingeschätzt. Mehr noch, Yoshida sei bereit gewesen, sich selbst und seine Arbeiter in einem „Suizidkommando“ zu opfern, wenn der Schutz der japanischen Nation dies erfordert hätte. Kans eigentliche Kritik gilt vielmehr dem berüchtigten „Atomdorf“, den institutionalisierten Interessenverflechtungen zwischen Wirtschaft, Ministerialbürokratie, Wissenschaft, Medien und Politik.

Insbesondere das Energiegroßunternehmen TEPCO (Tokyo Electric Power Company), der Betreiber der Fukushima-Reaktoren, wird von Kan hart in die Kritik genommen. Die Konzernspitze sei tagelang nicht zu erreichen gewesen, die zweite Ebene der Konzernführung habe bereits unmittelbar nach der Katastrophe hilf- und orientierungslos vorgeschlagen, Fukushima aufzugeben. Erschwerend sei hinzugekommen, dass die Büroleiter des Wirtschaftsministeriums, dem alle Energieangelegenheiten zugeordnet waren, zwar Experten in Wirtschaftsfragen waren, von den physikalischen Grundlagen eines Atomreaktors aber keine Ahnung gehabt hätten. So musste Kan schließlich auf private Netzwerke zurückgreifen und an seiner ehemaligen Universität, der Technischen Hochschule Tokyo, die Expertenmeinungen von Wissenschaftlern einholen.

Strukturen des Krisenmanagements waren keine gegeben, man musste improvisieren. Eben hierin lag die eigentliche Gefahr der Fukushima-Katastrophe: Es waren keine Ansprechpartner zur Stelle, die zügig und kompetent entscheiden konnten, wie damit umzugehen war, als das Kühlwasser verdampfte oder Druck aus den Reaktorbehältern abgelassen werden musste. Kan prangert hier weniger die unmittelbare Gefahr der Nuklearenergie an, als deren mittelbare Gefahr, die sich durch eine ungenügende administrative Absicherung dieser Energiegewinnung ergibt.

Die Unruhe, das gedankliche Hin und Her der Tage und Nächte der Krisenbewältigung spiegelt sich im Stilmix des Textes wider. Persönliche Erinnerungen wechseln sich ab mit Auszügen aus Pressekonferenzen und Passagen voller rückblickender Rechtfertigungen, die von Kan eingefügt werden als Reaktion auf die offene und teils harsche Kritik an seinen Entscheidungen, wie sie von Abgeordneten oder auch den Medien geäußert wurde. Es sind natürlich gerade die persönlichen Erinnerungen, die das Buch besonders lesenswert machen. Wenn Kan etwa zu nächtlicher Stunde auf dem Sofa des Krisenzentrums mit neuen Schreckensnachrichten geweckt wird, wenn er Dankbarkeit gegenüber Präsident Barack Obama empfindet, der seine persönliche Unterstützung und die des US-Militärs zusagt, wenn er auf dem Höhepunkt der Krise Fukushima Daiichi einen Besuch abstattet und das Innere des Reaktors, das geschäftige Treiben der dortigen Techniker gleichermaßen als „Kampfgebiet“ und „Feldlazarett“ erlebt, oder auch wenn Kan die Tränen aufsteigen angesichts des mutigen Einsatzes der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte, die unter Lebensgefahr mit Helikoptern Kühlwasser über den Reaktorblöcken abwerfen.

Immer wieder betont Kan in diesen Passagen wie nahe sich die japanische Nation in diesen Tagen am Abgrund befand, wie viele Stunden er mit dem Gedanken spielte, einen Evakuierungsbefehl auch für die Hauptstadt Tokyo geben zu müssen. Immer wieder weist er aber auch auf die nicht ganz einfach nachzuvollziehende Befürchtung hin, „das Ausland“ könne die Dinge in die Hand nehmen, falls er oder falls Japan die Krise nicht zu bewältigen im Stande sei. Von Radioaktivität wird als ‚unsichtbarer Feind‘ gesprochen und fast könnte man meinen, durch das Manuskript scheine hier eine weitere Furcht durch, die vor einem ganz und gar nicht unsichtbaren, einem realen Feind. Hinweise darauf, woher dieser Feind der japanischen Nation kommen könnte, gibt Kan keine.

So bleibt am Ende der Eindruck eines Büchleins, das das politische Meisterstück Naoto Kans ins rechte Bild setzen soll. Redundanzen lassen sich dabei wohl ebenso wenig vermeiden, wie die ein oder andere arg pathetische Wendung. Nichtsdestotrotz nimmt einen der Text, gerade in seinen besten Passagen des Mittelteils, mitten hinein in diese Tage und Nächte im März 2011, in denen sich der Premierminister unerschütterlich dagegen zu stemmen versuchte, „dass sich dieser Unfall zu einer das Schicksal der Nation bestimmenden Krise ausweiten kann“. Kan selbst schreibt, dass es angesichts der fehlenden Strukturen eines effektiven Krisenmanagements letztlich purer Zufall war, dass aus der Fukushima-Krise nicht eine noch viel größere nationale Krise oder gar eine globale Katastrophe geworden ist.

Titelbild

Naoto Kan: Als Premierminister während der Fukushima-Krise.
Übersetzt aus dem Japanischen von Frank Rövekamp.
Iudicium-Verlag, München 2015.
165 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-13: 9783862054268

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