Fluchtwege in der Kultur

Comic und Migration

Von Jonas EngelmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jonas Engelmann

Als am 25. Oktober 1896 im „New York Journal“ die erste Episode von Richard F. Outcaults Comic-Strip „Hogan Alley“ erschien, ein Moment, der heute gemeinhin als die Geburtsstunde des Comics gilt, war diese erste Artikulation der neuen Kunstform kein Ausdruck freier kreativer Entfaltung des Zeichners, sondern eng an die Grenzen und Möglichkeiten des Mediums Tageszeitung gebunden. Die Voraussetzung war die technische Möglichkeit des Farbdrucks – die Produktion von Comics war auf diese Weise von Beginn an mit den Reproduktionsmöglichkeiten ihrer Zeit verknüpft, technische Bedingungen gaben den Rahmen vor. Diese Entstehung von Comics als Teil der Massenkultur im Kontext einer Tageszeitung hat lange Zeit die Wahrnehmung von Comics geprägt, als Medium, das im Gegensatz zu den anderen Künsten als minderwertig empfunden wurde – für den schnellen Konsum produziert, Werbeträger sowie den Verkauf steigerndes Mittel der konkurrierenden Zeitungen. Dabei ist auch lange Zeit übersehen worden, wer die Leser dieser frühen Comics waren, was sie transportierten und wer sie produzierte. Die Comics zur Jahrhundertwende richteten sich an ein urbanes, erwachsenes Publikum und in den Städten der amerikanischen Ostküste vor allem an europäische Einwanderer. In New York wurden damals weit über fünfzig Sprachen gesprochen, weswegen gerade Zeichnungen, kombiniert mit reduzierten sprachlichen Mitteln, über die ethnischen Grenzen hinaus verbindend gewirkt haben und eine gemeinsame Identität schufen – man war nicht mehr lediglich Teil einer Minderheit, sondern Teil einer Minderheit unter vielen Minderheiten, die gemeinsam lachen konnten.

Gleichzeitig wurde der Comic nicht nur von gesellschaftlichen Minderheiten gelesen, sondern ebenso von ihnen erschaffen: Das „Yellow Kid“ sprach die Sprache der irischen Immigranten, die „Katzenjammer Kids“ von Rudolph Dirks richteten sich an die deutschen Migranten und Harry Hershfields „Abie the Agent“ hatte einen jiddischen Akzent. Im Laufe der Jahre haben die Comicfiguren solche eindeutigen ethnischen Hintergründe abgelegt und sind mehr und mehr Amerikaner geworden, die Herkunft der Zeichner hat nur noch unter der Oberfläche eine Rolle gespielt. Eine Rolle hat diese Herkunft allerdings tatsächlich gespielt, wie ein Blick auf jenes Genre deutlich macht, das wie kaum ein anderes mit dem amerikanischen Comic verbunden ist: das der Superhelden. Superman, Batman oder Captain America sind heute Teil der Alltagskultur. Was in der langen Geschichte der Helden allerdings verlorengegangen ist, ist ein Bewusstsein darüber, dass dieses Genre wiederum von einer gesellschaftlichen Minderheit erschaffen wurde, die mit Flucht, Migration, Assimilation und Ausgrenzung umzugehen hatte. Alle Superheldenfiguren, die wir heute noch kennen, sind ab der zweiten Hälfte der Dreißiger Jahre von jungen jüdischen Comicszeichnern, viele mit osteuropäischem Migrationshintergrund, entwickelt worden, geprägt von der Hoffnung auf das Eingreifen eines mit übernatürlichen Kräften ausgestatteten Lebewesens angesichts des deutschen Nationalsozialismus. In den Superhelden spiegelt sich die Erfahrung jüdischer und auch anderer Migranten ihrer Zeit. Superman etwa, der einzige Überlebende der Zerstörung des Planeten Krypton, versucht sich in Amerika zu assimilieren und versteckt seine Herkunft hinter seiner menschlichen Identität, dem Reporter Clark Kent. Der Comic war somit historisch ein Medium, das für Minderheiten eine Plattform der Kommunikation geboten hat, in dem Themen wie Flucht, Assimilation und Ausgrenzung, Rassismus und die Suche nach den eigenen, verlorenen Traditionen immer wieder eine wichtige Rolle gespielt haben. Und so ist es wohl kein Wunder, dass sich gerade im Comic unzählige Versuche finden, gegenwärtige Formen von Flucht und Vertreibung, Rassismus und Probleme der Integration aufzugreifen und angemessene Bilder für sie zu finden. 

Koloniale Blicke

Die Arbeiten der letzten ca. zehn Jahre teilen sich dabei in drei große Themenblöcke. Während ein Teil der Comics über Fluchtursachen informiert, über die Gründe, warum Menschen das Land, in dem sie aufgewachsen sind, verlassen, fragen andere: Auf was treffen diese Menschen nach ihrer Flucht? Wer unterstützt sie auf welche Weise, was bedeutet die europäische Politik der Abschottung ganz konkret für die Flüchtenden und welche Vorurteile und welchen Alltagsrassismus begegnen ihnen in Europa? Und zuletzt entstanden einige Comics, die auf einer übergeordneten Ebene nach der Entstehung von Ausgrenzung und Vorurteilen fragen, oftmals in einer sehr breiten historischen Perspektive, die bis in die Zeit des europäischen Kolonialismus zurückreicht, die Wiege des westliche Überlegenheitsgefühls wie auch der Ausbeutung und Unterdrückung ganzer Kontinente – bis heute oftmals Ursache von Migrationsbewegungen.

Denn selbstverständlich findet sich im Comic nicht nur eine Minderheitensicht auf Gesellschaft, sondern es dominiert in der Geschichte auch dieses Mediums der Blick der Mehrheitsgesellschaft auf Minderheiten, der sich oft in Stereotypen und Klischees, Zuschreibungen und Rassismen geäußert hat. Am prägnantesten und bekanntesten ist dieser koloniale Blick in der Reihe „Tim und Struppi“ umgesetzt, dessen Band „Tim im Kongo“ nicht nur den europäischen Blick auf Afrika reproduziert und für Kinder aufbereitet, sondern gleichzeitig all jene Grausamkeiten zwischen den Bildern versteckt, die den belgischen Kolonialismus geprägt haben: zehn Millionen Tote, die Ausbeutung des Landes und das bis heute andauernde Trauma des Kongo auf der einen und die Verdrängung dieses Teils der eigenen Geschichte Belgiens auf der anderen Seite. Dieser Comic ist nicht unwidersprochen geblieben, zuletzt hat sich der Südafrikaner Anton Kannemeyer mit Hergés Blaupause zur Entstehung von Stereotypen und Rassismus auseinandergesetzt und in seinem Pastiche all jenes abgebildet, was in Hergés umstrittenem Klassiker ausgeblendet bleibt: die Gewalt des Kolonialsystems, die Brutalität der Kolonisatoren beim Eindringen in das „unentdeckte Land“. Der Mitgründer des einflussreichen südafrikanischen Comicmagazins „Bitterkomix“, 1967 geboren, der oberen weißen Mittelklasse entstammend, ist mit der auf Rassismus und Religion aufbauenden Erziehung des Apartheidstaates aufgewachsen und arbeitet sich seit dem Beginn seiner Karriere als Comiczeichner an den Spätfolgen dieses Systems für ihn selbst wie auch die Post-Apartheid-Gesellschaft ab. Seine Arbeiten wie „Papa in Afrika“ weisen in ihrer Drastik darauf hin, dass die rassistischen Strukturen in den Köpfen der weißen südafrikanischen Bevölkerung nach wie vor wirksam sind. Er wolle das Bild des weißen Mannes untergraben, hat Kannemeyer in einem Interview gesagt und seine Strategie ist dabei die der Provokation: er bildet Tabuthemen der südafrikanischen Gesellschaft wie interracial sex, Homosexualität, einen ironischen Umgang mit Religion oder Alltagsrassismus ab. Die in „Tim im Kongo“ abgebildeten Stereotypen bilden bei Kannemeyer die Basis für eine Auseinandersetzung mit der Wirksamkeit und auch Langlebigkeit solcher Bilder. Hinter den aufgeräumten Bildern der Ligne Claire tun sich Abgründe auf, die sichtbar werden zu lassen Kannemeyer sich zur Aufgabe gemacht hat. Statt Verdrängung setzt Kannemeyer auf Provokation, die manchmal über das Ziel hinauszuschießen scheint, aber womöglich gerade in jenen Momenten dem Anspruch Kannemeyers, über den Widerspruch zu einer produktiven Auseinandersetzung mit scheinbaren gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten zu gelangen, nahekommt.

Den Blick zurück auf die Zeit, als der Boden heutiger Migrationsbewegungen bereitet wurde, wirft auch „Éloi“ von Younn Locard und Florent Grouazel. Das französische Autorenduo hat sich in die Untiefen der französischen Kolonialgeschichte begeben und entfaltet auf 200 Buchseiten die Dynamiken der europäischen Unterwerfungsstrategien. Ein Forschungsschiff, über Monate auf hoher See, wird dabei zu einem Mikrokosmos, in dem sich Akteure und Strukturen des Kolonialsystems spiegeln, sich Dynamiken und Widerstände entwickeln und schließlich die Ordnung nur mit Gewalt wiederhergestellt werden kann.

Kaum hat das Schiff Neukaledonien im südlichen Pazifik verlassen, das den „Eingeborenen“ Éloi nach Frankreich bringen soll, beginnt der Kampf um den angemessenen Umgang mit ihm. Von der Mannschaft kahlgeschoren, wird er beim ersten Dinner mit den Offizieren gedemütigt, bis ein Naturforscher aufbegehrt: „Er ist nicht hier, um für Sie den Clown zu spielen!“ Nicht jedoch reine Menschlichkeit bewegt ihn dazu, Éloi vor den rauen Matrosen zu schützen, sondern die Angst vor einer „Beschädigung“ seines Forschungsobjektes. Menschlich zeigt sich dagegen der Vertreter der Kirche, der Priester Étienne, zumindest nachdem Éloi sich zum christlichen Glauben bekannt hat. Zwischen diesen beiden Vertretern des Glaubens und der Wissenschaft entspinnt sich im Laufe des Comics eine Diskussion über den Umgang mit den neu entdeckten Völkern. Der Priester ist sich sicher: „Sie werden erkennen, dass er sich nichts sehnlicher wünscht als den Frieden Christi.“ Der Naturforscher dagegen will anhand von Éloi beweisen, „was uns von den Primitiven unterscheidet“, und bei seiner Beweisführung im Laufe des Comics über Leichen gehen. Der Wahn, die „Primitiven“ zum christlichen Glauben zu bekehren und die Suche nach einem wissenschaftlichen Beweis der eigenen Überlegenheit, vereint bei allem Streit der Blick auf die „Wilden“: Diese werden ihrer Individualität beraubt, hergerichtet im Sinne der europäischen Arroganz und zu Objekten degradiert. 

Festung Europa

Während Arbeiten wie jene Kannemeyers oder Locard und Grouazels in der Vergangenheit nach Gründen für Flucht und Vertreibung, Ausbeutung und Rassismus suchen, nehmen andere Zeichner direkter die Realitäten der Gegenwart in den Blick. Etwa der Berliner Zeichner Reinhard Kleist, der in „Der Traum von Olympia“ sehr genau auf die Ursachen von Flucht und den europäischen Umgang mit den Versuchen jener Menschen blickt, die nach Europa gelangen wollen in der Hoffnung auf ein besseres Leben oder eben einen „Traum von Olympia“.

2012 ertrank Samia Yusuf Omar mit 21 Jahren vor der italienischen Küste. Um als Läuferin an den Olympischen Spielen 2012 in London teilnehmen zu können, hatte sie die Flucht aus Somalia und über Äthiopien, den Sudan, Libyen und schließlich das Mittelmeer Richtung Europa gewagt. Vier Jahre zuvor, bei den Olympischen Spielen in Peking 2008, war Omar die offizielle Vertreterin ihres Landes gewesen, hatte zum ersten Mal die Möglichkeit gehabt, den repressiven Alltag ihres Landes hinter sich zu lassen und sich dem zu widmen, worin sie ihre Berufung sah: dem Laufen. Beim olympischen Sprint wurde sie zwar Letzte, avancierte aber dennoch zum Liebling des Publikums. Die mediale Aufmerksamkeit nutzte Omar nach ihrer Rückkehr nach Somalia jedoch wenig, da das Land im Chaos des Bürgerkriegs versunken war, und die Kämpfer der Al-Shabaab-Miliz, die ihre Heimatstadt Mogadischu kontrollierten, Frauen das Ausüben von Sport untersagten. Doch die Freiheit, die Samia in Peking gespürt hatte, und die sie beim Laufen weiter begleitete, ließ sie nicht mehr los.

Die Olympischen Spiele in London sind für Samia zu einem Symbol der Freiheit geworden, einem Ausweg aus Krieg, Hunger und Unterdrückung. Sie entschließt sich zur Flucht nach Europa, gemeinsam mit ihrer Tante Mariam, leiht sich Geld für die Fluchthelfer und startet ihre Odyssee Richtung Italien. Auf ihrem Weg durch Nordafrika trifft sie auf unzählige Menschen, die aus den verschiedensten Gründen versuchen, nach Europa zu gelangen, und die nur eines verbindet: dass Europa alles tut, um ihnen die Einreise unmöglich zu machen. Der Zeichner Reinhard Kleist zeigt anklagend eine Festung Europa, die für Samia und die anderen Flüchtlinge zum todbringenden Bollwerk wurde. „Ich hoffe, dass ich mit diesem Buch Samia Yusuf Omar gerecht werde und dass ihre Geschichte dazu beiträgt, unser Bewusstsein dafür wachzuhalten, dass sich hinter den Randnotizen der Medien zur Flüchtlingspolitik Schicksale und hinter den abstrakten Zahlen Menschenleben verbergen“, schreibt Kleist in seinem Vorwort. „Der Traum von Olympia“ zeigt das Schicksal der Sportlerin stellvertretend für all jene, die die Abschottungspolitik Europas mit dem Leben bezahlt haben.

Sehr didaktisch und realistisch gezeichnet, mit einem jugendlichen Zielpublikum im Auge, klärt Kleist darüber auf, warum Menschen fliehen müssen: sei es wegen des Bürgerkriegs oder ganz einfach darum, weil man beispielsweise als Frau eine Rolle zu erfüllen hat, die das Ausleben eigener Träume nicht vorsieht. Ein ähnliches Thema also wie in Marjane Satrapis bekanntem autobiografischen Comic „Persepolis“ über ihre Kindheit im Iran, der ebenfalls die Flucht ins europäische Exil ins Zentrum rückt, nachdem er über die Ursachen, die Unterdrückung von Andersdenkenden, Frauen und religiösen Minderheiten durch das islamistische Regime aufgeklärt hat. Die Arbeiten der ebenfalls heute in Paris lebenden Zeina Abiracheds stehen ästhetisch Satrapis Zeichnungen nahe, ihre Erinnerungsbücher an den Bürgerkrieg im Libanon zeigen Fluchtursachen, Hintergründe und Zusammenhänge aus einer persönlichen Perspektive auf. Und auch „Intisars Auto“ von Pedro Riera und Nacho Casanova beschreibt in kurzen Episoden, die auf Gesprächen basieren, die Riera 2009 mit verschiedenen Frauen im Jemen geführt und in der fiktiven Figur Intisar zusammengeführt hat, die Ursachen für Fluchtbewegungen. Die anonymen Frauen, mit denen Treffen nur im Geheimen stattfinden konnten, sprechen durch das Medium Intisar von Unterdrückung und Verschleierung, kleinen Freiheiten und großen Demütigungen, aber auch von Partys unter Frauen, engen Klamotten, Tanz und Spaß – aber eben nur hinter verschlossenen Türen. Sie versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten die autoritären Strukturen zu unterlaufen – diese Möglichkeiten jedoch können ihnen jederzeit wieder genommen werden, das Auto, der Job und selbst die Freiheit: Intisar erzählt die Geschichte ihrer Freundin Amina, die von ihrem Vater drei Tage ohne Essen gefesselt im Badezimmer festgehalten wurde, um ihre Heirat mit einem Scheich zu erzwingen – sie flieht daraufhin vor ihrer Familie nach London.

Mana Neyestanis Comic „Ein iranischer Albtraum“ blickt auf die Gegenwart des Iran. Neyestani war einer der bekanntesten politischen Karikaturisten des Landes, der seit 1999 aufgrund seiner Zeichnungen zunehmend Probleme mit dem Staat bekam und 2006 aufgrund einer Zeichnung – sie zeigte eine vermenschlichte Kakerlake – im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert wurde. Nach seiner Entlassung floh er zunächst nach Malaysia, 2010 mit Hilfe von „Reporter ohne Grenzen“ nach Frankreich, wo er bis heute lebt. „Ein iranischer Albtraum“ erzählt in einem karikaturhaften Stil, der immer wieder ins Surreale abdriftet, von Gefängnis, Unterdrückung, Flucht und Asyl – und dem Gefühl, im Gefängnis einer Kakerlake gleich als Ungeziefer betrachtet und als solches behandelt zu werden.

Geographisch näher rückt Nina Bunjevac das Thema Flucht und Migration an europäische Leser in ihrem autobiografischen Comic „Vaterland“. Die Familie Bunjevac führt ein Leben zwischen dem ehemaligen Jugoslawien und Kanada. Nina Bunjevac wurde 1973 in Quebec geboren, wie auch ihre beiden älteren Geschwister, hat aber den Großteil ihrer Kindheit und Jugend im heutigen Serbien nahe Belgrad verbracht. Seit 1990 lebt sie als Comiczeichnerin wieder in Kanada, von wo aus sie zeichnend versucht, sich den Abgründen der eigenen Familie wie auch ihres europäischen Herkunftslandes anzunähern. Diese familiären Abgründe sind unüberschaubar und unergründlich: Ihr Vater Peter ist 1976 beim Bau einer Bombe ums Leben gekommen, die, aus Hass gegen das kommunistische Jugoslawien, gegen Einrichtungen des Landes in Nordamerika zum Einsatz kommen sollte, ihre Mutter Sally ist seitdem vor allem mit Verdrängungsprozessen beschäftigt. Gegen dieses selektive Familiengedächtnis schreibt und zeichnet Nina Bunjevac an.

Das Ergebnis ist ein „Augenzeugencomic“, der gleichzeitig diesen Anspruch zurückweist, ein schwarz-weißes Kunstwerk, das versucht, dem Schwarz-Weiß-Denken zu entkommen und die Grau- und Zwischentöne, die Ambivalenzen zu betonen. So wird das doppelte Scheitern Nina Bunjevacs an der Geschichte – den Terrorakten ihres Vaters kann sie ebenso wenig einen Sinn oder eine Erklärung entlocken wie den ethnischen Konflikten ihrer europäischen Heimat – zu einem Glücksfall für die Comicgeschichte. Ihre Suche führt den Lesern die Schwierigkeit vor Augen, den subjektiv geprägten Blick auf Geschichte, die Weltgeschichte wie auch die persönliche, zu verlassen und neue Wege und Sichtweisen jenseits der Geschichte der Sieger zu finden; so changiert der Comic ästhetisch zwischen „objektiven“ Bildern, die einem Geschichtsbuch entstammen könnten, und den subjektiven Bildern aus der Erinnerung der Künstlerin. Antworten auf ihre Fragen ist der Comic nicht in der Lage zu liefern. Doch er kann helfen, sich den großen Fragen der Geschichte anzunähern, die Konfliktlinien nachzuzeichnen und auf verdrängte Aspekte der verworrenen und tragischen Geschichte des Balkans hinzuweisen. Und auf diese Weise auch auf die bis heute wichtigen Ursachen von Vertreibung und Flucht zu deuten.

Eine ähnliche geographische Region behandelt „Palatschinken“ von Caterina Sansone und Alessandro Tota, in dem die beiden versuchen, die Fluchtroute der Großmutter von Caterina Sansone vom heutigen Kroatien nach Italien nach dem Zweiten Weltkrieg nachzuvollziehen. Der dokumentarische, aus Fotos und Zeichnungen, eigenen Texten und Auszügen aus Interviews komponierte Comic, zeichnet ein vielstimmiges Bild von Flucht und der Frage danach, was das denn eigentlich sein soll: Heimat.

All diese Comics haben spezifische Eigenschaften, wie sie davon erzählen, warum Menschen fliehen müssen. Manche verweisen vor allem darauf, was nicht gezeigt wird, andere spielen mit der Ambivalenz, zwischen subjektiven Erinnerungen und objektiver Geschichte zu pendeln, und fragen danach, wie Geschichtsschreibung funktioniert, welche Leerstellen dabei entstehen.

Ein neues Land

Auf das Ankommen der Geflüchteten, ihren Alltag und ihre Probleme blicken ebenfalls viele Arbeiten der letzten Jahre. „Ach, das Asylantenheim suchense! Sindse sicher, dasse da hinwolln?!“, ruft eine ältere Einwohnerin von Halberstadt auf Paula Bullings Frage nach dem Weg zur Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber ungläubig aus. „Im Land der Frühaufsteher“ beschreibt das Leben von Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt, ihren Kampf gegen die Residenzpflicht, vergammelnde Heime, Alltagsrassismus und die drohende Abschiebung. Die Comicreportage problematisiert dabei immer wieder auch die eigene Perspektive der Beobachterin, die nach dem Besuch und Gespräch mit den Bewohnern der Heime in das eigene unkomplizierte und privilegierte Leben zurückkehren kann.

Die Autorin berichtet ruhig von ihren Annäherungen an die in den Heimen ausharrenden Bewohner, beschreibt mit genau beobachteten Details in artifizieller Ästhetik das Leben im „Knast, der seinen Namen nicht sagt“, wie ihr Interviewpartner Aziz es beschreibt. Insbesondere den alltäglichen Rassismus, der den Flüchtlingen entgegenschlägt, wenn sie sich außerhalb der weit abgelegenen Heime bewegen, erfasst Bulling sehr genau. Dieser Rassismus und die miserablen Wohnbedingungen im Heim lassen Aziz erklären: „Ich bin hier seit mehr als ein Jahr. Jetzt bin ich wie verrückt. In diese Ort ich frage mich: Wer bin ich … und wo kann ich ein normal Mensch sein.“

„Im Land der Frühaufsteher“ endet mit einem Kapitel über Azad Hadji, der 2009 unter ungeklärten Umständen gestorben ist, was die Medien kaum registriert haben. Er war im Sommer 2009 mit Verbrennungen am ganzen Körper nachts nach Hause gekommen. „Nazis haben mir das angetan“, konnte er seiner Frau noch erklären; zwei Wochen später starb er an seinen Verletzungen. Die Polizei ermittelte, dass er sich in einem in der gleichen Nacht explodierten Imbiss aufgehalten hat, erklärt ihn zum Brandstifter und schließt die Akte. Seiner Frau und seinen Töchtern drohte, wegen falscher Angaben im Asylantrag, drei Jahre später die Abschiebung nach Georgien, die im Juni 2010 in letzter Instanz abgewendet werden konnte. Mit dieser Realität entlässt Paula Bulling die Leser.

Eine andere Realität zeigt die belgische Zeichnerin Judith Vanistentael in ihrem autobiografischen Comic „Kafka für Afrikaner – Sofie und der Schwarze Mann“. Darin eröffnet die 19-jährige Sofie ihren Eltern, sich in den aus Togo stammenden und illegal in Belgien lebenden Abou verliebt zu haben. Danach begegnen ihr Vorurteile ihrer Eltern, die sie nicht erwartet hatte. Sehr direkt lernt man in „Kafka für Afrikaner“ das europäische Asylrecht in Form des belgischen kennen, das auch, weniger karikaturistisch gezeichnet, sondern düster und mit einer gesamteuropäischen Perspektive, vom Finnen Ville Tietäväinen in „Unsichtbare Hände“ zum Thema gemacht wurde. „Unsichtbare Hände“ blickt von Finnland aus auf das andere Ende Europas, auf die spanische Küste. Dort spielen sich jene Dramen ab, die Tietäväinen den Lesern zeigen will, um die Drastik der europäischen Außenpolitik abzubilden.

Rashid, voller Scham, seine junge Familie nicht ernähren zu können, innerlich zerrissen zwischen der Hoffnung auf ein besseres Leben durch seine Flucht nach Europa und der Angst vor der Zukunft, verpfändet sein Elternhaus, um mithilfe eines Fluchthelfers die Straße von Gibraltar überqueren zu können. Das Boot wird von Frontex aufgebracht und sinkt, viele Insassen sterben, mit Glück entgeht Rashid seiner Verhaftung und Abschiebung und gerät als moderner Arbeitssklave auf eine landwirtschaftliche Plantage in Spanien. Er fingiert seinen Tod, flieht, schlägt sich nach Barcelona durch, verfällt zusehends körperlich und psychisch und wird schließlich Selbstmord begehen, am Ende seiner Kräfte, nach Jahren der Odyssee durch die Hölle Europa, wie sie sich für Menschen ohne Papiere darstellt.

Joe Sacco, Vorreiter des Reportagecomic, hat 2010 auf Malta Erstaufnahmeeinrichtungen für afrikanische Flüchtlinge besucht und die dortigen Realitäten abgebildet, wie auch die Überforderung der Behörden und Bevölkerung mit den steigenden Zahlen an Migranten. Sehr eindringlich zeigt er die Beengtheit und die Ängste, mit denen sich die Geflüchteten herumschlagen müssen, wie auch das Ausnutzen der Ängste der Bevölkerung durch die Neue Rechte. Auch wenn die gezeigten Zustände von 2010 heute schon lange überholt sein dürften, zeugt Sacco von den Problemen der europäischen Abschottungspolitik und dem unterschwelligen Rassismus, der auch Emmanuel Guibert, Alain Keler und Frédéric Lemercier in ihrem aus Fotografien und Zeichnungen bestehenden, dokumentarischen Comic „Reisen zu den Roma“ umtreibt. Als der Comic 2010 in Frankreich erschien, war die Diskussion um Nicolas Sarkozys „nationalen Krieg gegen die Kriminalität“, im Zuge dessen unzählige Roma abgeschoben wurden, in vollem Gange. Plötzlich seien Fotos wie jene, mit denen er über zehn Jahre hinweg die Lage von Roma in Europa dokumentierte und von denen er in all den Jahren kein einziges an die Presse verkaufen konnte, in allen Medien gewesen, reflektiert Alain Keler im Epilog des Comics.

Geboren aus seiner Fassungslosigkeit angesichts der Aggression gegen eine Minderheit hatte Keler 1999 begonnen, sich mit den Lebensumständen und der Diskriminierung von Roma in Europa zu beschäftigen. Damals beobachtete er als Kriegsfotograf im Kosovo gewalttätige Ausschreitungen gegen Roma, deren Häuser angezündet wurden, weil man sie der Kollaboration mit dem serbischen Feind bezichtigte. 2008 kehrte Keler in den Kosovo zurück, wo sich die Lage für Roma mittlerweile etwas entspannt hatte, wenn auch, wie er bei seiner Weiterreise nach Belgrad feststellt, die Entspannung sich lediglich darin zeigte, dass keine Häuser mehr brannten, gleichzeitig aber etwa Roma in vielen Krankenhäusern nicht behandelt wurden, da sie keine legalen Papiere besaßen. In den nächsten zwei Jahren reiste er nach Tschechien, Italien und die Slowakei und traf auf von der Mehrheitsgesellschaft isolierte Romagemeinden. Er lernte die Eltern der bei einem Brandanschlag im tschechischen Vitkow schwer verletzten, anderthalbjährigen Natàlka kennen und dokumentierte Naziaufmärsche gegen Roma in Litnov. Dank des Desinteresses der Medien an den Fotoreportagen entschied Keler, seine Bilder als Buch zu veröffentlichen, gemeinsam mit Emmanuel Guibert und Frédéric Lemercier, die die Fotos um Comicelemente ergänzten. „Die Lösung eines Problems beginnt mit der Erkenntnis. Um etwas erkennen zu können, muss man näher hinschauen. Das tue ich, in meinem Rhythmus, mit meinen Mitteln“, beschreibt Keler im Epilog seine Hoffnung, mit „Reisen zu den Roma“ zu einem Abbau der Ressentiments gegenüber Roma beitragen zu können.

Wesentlich abstrakter funktioniert „Ein neues Land“ von Shaun Tan, einem australischen Comiczeichner. Shaun Tan zeigt ohne Worte die Trauer des Abschiednehmens vor einer Flucht und die Verlorenheit des Ankommens in einem Land, dessen Sprache und Gepflogenheiten man nicht kennt. Der Comic erklärt nichts, vielmehr sind die Leser ebenso hilflos wie die Geflüchteten, können nicht alle Zusammenhänge verstehen und nicht alle Zeichen deuten. Die Leser machen jene Erfahrungen, die auch Flüchtlinge, überwältigt von neuen Eindrücken, machen müssen, wenn sie endlich an ihrem Ziel angekommen sind. In „Ein neues Land“ sind sowohl historische Berichte von Migranten eingegangen als auch die autobiografisch gefärbte familiäre Migrationserfahrungen des Zeichners selbst. Während Shaun Tan ebenso wie Satrapi, Abirached oder Bunjecav einen Weg gefunden hat, die eigenen Erfahrungen in Bilder und Geschichten zu verpacken, einen Beitrag zur Aufklärung über Fluchtursachen zu leisten und die Schwierigkeiten aufzuzeigen, die das Ankommen in der Fremde mit sich bringt ist eine solche Perspektive in Deutschland bislang eine Leerstelle, weder unter sogenannten Gastarbeitern noch unter Flüchtlingen spielen Comics eine Rolle. Ein Bewusstsein dafür, dass der Comic historisch einst ein Medium von Minderheiten war, ein Alltagsmedium zur Kommunikation in einer fremden Welt, ist im Laufe der Zeit verloren gegangen oder in Deutschland nie angekommen. Der Comic, der über Jahrzehnte hinweg am Rande der Aufmerksamkeit bürgerlicher Kultur vor sich hin existierte, hat sich durch diese kulturelle Randlage einen unverbrauchten Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge bewahrt. Er hat dabei eine ähnliche Form von Sprache ausgebildet wie jene, die Gilles Deleuze und Félix Guattari als „kleine Literatur“ bezeichnet haben, in der sie die Möglichkeit sehen, etwa durch „Verfahren, das die Wörter direkt an die Bilder koppelt“, jenseits der Beengtheit von bürgerlicher Kultur, zu einer Form von Kultur zu gelangen, die Individuelles und Politisches aneinander koppelt und die Mittel für ein „anderes Bewußtsein und eine andere Sensibilität“ schafft. Ein solches „anderes Bewusstsein“ versuchen auch die hier untersuchten Comics zu kreieren: Eine Sensibilität für die Mechanismen von Zuschreibungen und Projektionen über Bilder und Sprache zu entwickeln und eine permanente Reflexion der eigenen Bildlichkeit zu vollziehen. In seiner kleinen Form zeigt der Comic Wege in der Kultur auf, die ein anderes Nachdenken über Geschichte, Flucht, Fremdheit und Identität möglich machen.

Literaturverzeichnis:

Abirached, Zeina: Ich erinnere mich. Berlin: avant-verlag 2014.

Bulling, Paula: Im Land der Frühaufsteher. Berlin: avant-verlag 2012.

Bunjevac, Nina: Vaterland. Eine Familiengeschichte zwischen Jugoslawien und Kanada. Berlin: avant-verlag 2015.

Guibert, Emmanuel /Alain Keler/Frédéric Lemercier: Reisen zu den Roma. Zürich: Edition Moderne 2012.

Hergé: Die Abenteuer von Tim und Struppi im Kongo. Hamburg: Carlsen 1992.

Kannemeyer, Anton: Papa in Afrika. Berlin: avant-verlag 2014.

Kleist, Reinhard: Der Traum von Olympia: Die Geschichte von Samia Yusuf Omar. Reinbek bei Hamburg: Carlsen 2015.

Neyestani, Mana: Ein iranischer Alptraum. Zürich: Edition Moderne 2013.

Sacco, Joe: Reportagen. Zürich: Edition Moderne 2013.

Satrapi, Marjane: Persepolis. Eine Kindheit im Iran. Zürich: Edition Moderne 2004.

Satrapi, Marjane: Persepolis. Jugendjahre. Zürich: Edition Moderne 2005.

Riera, Pedro /Nacho Casanova: Intisars Auto – Aus dem Leben einer jungen Frau im Jemen. Köln: Egmont 2014.

Tan, Shaun: Ein anderes Land. Reinbek bei Hamburg: Carlsen 2014.

Tietäväinen, Ville: Unsichtbare Hände. Berlin: avant-verlag 2014.

Tota, Alessandro /Caterina Sansone: Palatschinken. Berlin: Reprodukt 2015.

Vanistendael, Judith: Kafka für Afrikaner – Sofie und der schwarze Mann. Berlin: Reprodukt 2011.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz