Ganz unten

Daniel Woodrell hat mit „Tomatenrot“ eine Studie darüber geschrieben, warum die, die unten sind, unten bleiben

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Romane von Daniel Woodrell gehorchen in der Regel keinen einschlägigen Regeln, vor allem nicht den engen Grenzen des Krimigenres, so elastisch sie auch sein mögen. „Tomatenrot“ als Krimi zu etikettieren, sollte demnach einigermaßen schwerfallen. Obwohl es einen Mord gibt und am Ende so etwas wie einen Amoklauf. Aber darauf kommt es eben nicht an.

Ein junger Mann, Sammy, trifft bei einem Einbruch, den er aus Jux begeht, ein Geschwisterpaar, das er anfangs für die Bewohner des schicken Hauses hält, in dem er sich herumtreibt. Erst als die Cops kommen und alle die Beine in die Hand nehmen, merkt Sammy, dass Jamalee und Jason gleichfalls nur Aufschneider sind, und er schließt sich ihnen kurzerhand an.

So zieht er zu ihnen und ihrer Mutter Bev, die als Prostituierte arbeitet und im Nachbarhaus lebt. Eine lebenslustige Frau, mit der Sammy bald ein Verhältnis anfängt. Ein großer Schlamassel das Ganze, eine unentrinnbare Situation, die sich nicht bessert im Verlauf des schmalen Romans und je länger Daniel Woodrell seinen Helden erzählen lässt. Hoffnungslos, depressiv, ganz unten eben, von wo es keinen Weg hinauf gibt. Keinen Job, kein Geld, keine Zukunft.

Was Sammy und die Geschwister unterscheidet, ist, dass Jamalee einen Plan hat, wie sie alle aus dem Elend herauskommen. Und das Vehikel, das sie dafür nutzen will, ist Jason. Denn Jason, der eine Friseurlehre absolviert, ist von ungemeiner Schönheit. Jamalee will Jason als Lover der zahlungskräftigen Kundinnen aufbauen, die sich von ihm die Haare machen lassen, und dann kräftig absahnen.

Dumm nur, dass Jason schwul ist und mit Frauen so gar nichts anzufangen weiß. Und so wird nichts aus der Sache. Erst recht nicht, als Jason nach einiger Zeit tot aus einem Tümpel gezogen wird, in den er angeblich gegangen ist, um sich selbst zu ertränken oder lediglich, um sich zu erfrischen, denn es ist entsetzlich heiß. Tagelang, wochenlang.

Aber Jason wäre nie in den Pfuhl gegangen, wissen Jamalee und Sammy. Und dass das Ganze ein Mord war, wissen eben auch andere, die Polizisten und diejenigen, die in dem kleinen Ort im Nirgendwo das Sagen haben. Aber was nutzt es, Theater wegen eines Jungen zu machen, der von ganz unten kommt und da immer geblieben ist? Nichts.

Also gibt man der Mutter und Jamalee Geld, damit sie den Mund halten und keine weiteren Fragen stellen, eben nicht stören. Ein paar hundert Dollar für ein Leben, das eigentlich nichts wert ist. Das Geld stört, nicht weil es so wenig ist, sondern weil überhaupt jemand auf die Idee gekommen ist, es würde etwas nützen, es einzusammeln und ihnen zu geben. Es stört auch nicht aus dem Grund, weil es das Eingeständnis demonstriert, dass Jason tatsächlich ermordet wurde. Von wem auch immer. Es stört weil jemand glaubt, so sicher zu sein, dass er sich ein solches Eingeständnis erlauben kann, ohne dass das Konsequenzen haben würde.

Was dann folgt, ist dumm, aber unumgänglich. Dass Sammy auf einmal das Gefühl hat, den Helden spielen zu sollen, ist dabei nur das eine. Dass er auf der anderen Seite die Überzeugung gewinnt, er müsse etwas für jemand anderen tun, für Bev, für Jamalee und für Jason. Das erste Mal in seinem Leben. Das ist in der Tat heroisch.

Auch wenn es sinnlos ist und folgenlos. Denn auch wenn Sammy schließlich zuschlägt, ist das eine Tat, die mit nichts in Beziehung steht, nichts bedeutet und nichts bewirkt. Außer für Sammy, dem wir diesen Bericht verdanken. Ein Signal eben, dass wer die da unten immer stößt und verhöhnt, irgendwann damit rechnen muss, dass sie zurückschlagen. Hemmungslos, wehrlos, ohne Effekt, völlig unpolitisch, wie das schon immer gewesen ist. Aber sie tun es dennoch.

Das Ganze ist von Woodrell in einer derart präzisen Sprache geschrieben, dass man ihm kaum folgen kann. Und, da alles so absehbar ist, kaum folgen mag. Und dennoch zieht „Tomantenrot“ einen mit sich – nicht anders als „Winters Knochen“ (2011), „Der Tod von Sweet Mister“ (2012) oder „Almas Augen“ (2014), die mit derselben Genauigkeit und mit demselben Sinn für eine grausame Balance erzählt sind wie dieser Text, der nun von Peter Torberg neu übersetzt worden ist (wie alles, was nun neu von Woodrell auf den Markt kommt). 2001 ist der Text schon einmal bei Rowohlt erschienen, folgenlos wie vieles, was im deutschen Krimimarkt verscherbelt wird (nicht, dass man Rowohlt hier einen Vorwurf machen kann). Nun hat sich Liebeskind Woodrells angenommen, was allen Beteiligten zugutekommt.

Titelbild

Daniel Woodrell: Tomatenrot. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Peter Torberg.
Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2016.
222 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783954380602

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