Das Treiben auf dem Gendarmenmarkt vom Fenster aus beobachtet

Michael Bienert führt uns durch das Berlin des Dichterjuristen E.T.A. Hoffmann

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seine sieben letzten Lebensjahre – 1815 bis 1822 – verbrachte er in einer komfortablen Wohnung am Gendarmenmarkt. Auf einer skurrilen Stadtplan-Skizze – als „Kunzischer Riss“ wurde sie später bezeichnet – hat der „Gespenster-Hoffmann“, wie er in den Literaturgeschichten des 19. Jahrhunderts genannt wurde, dem Bamberger Freund und Verleger Kunz 1815 seine neue Wohngegend vorgestellt. Dabei geht ihm die Phantasie durch, er schaut über das Gewirr von Straßen und Plätzen, erblickt erfundene wie reale Gestalten, Figuren auch aus seiner eigenen Dichtung – der Zeichner wird zum Erzähler wirklicher wie unwirklicher Begebenheiten und Geschichten.

Da streckt aus dem Fenster seines Arbeitszimmers E.T.A. Hoffmann seinen Kopf heraus und bläst eine Qualmwolke in Richtung seines Freundes und liebsten Zechkumpans, des Schauspielers Ludwig Devrient, der gleich nebenan wohnte. Auf dem Gendarmenmarkt tratschen ihre Waren feil haltende Gemüseweiber. Von der Taubenstraße nähert sich ein Gefährt mit dem Baron Fouqué, dem Verfasser des „Undine“-Märchens, das Hoffmann vertonte und das als Oper ein Jahr später im Nationaltheater am Gendarmenmarkt uraufgeführt wurde. Ganz rechts oben verrichtet ein „Anymus“ mit herabgelassener Hose sein Geschäft vor dem Kammergericht, in dem Hoffmann lustlos, aber gewissenhaft seinen Amtsgeschäften nachging. Weiter links sieht man drei andere Romantiker-Kollegen, Clemens Brentano, Ludwig Tieck und August Ferdinand Bernhardi, die Markgrafenstraße entlanggehen. Unter den Gestalten links kann man zwei Figuren aus Hoffmanns Berliner Erzählung „Die Abenteuer der Sylvester-Nacht“ ausmachen, und zwar an der Ecke Jägerstraße, wo sich einer ihrer Schauplätze, die Kellerkneipe, befindet, in der die Figuren sich begegnen: Peter Schlemihl, den Hoffmann aus der gleichnamigen Erzählung seines Freundes Adelbert von Chamisso entlehnt hat, und Spikher. Den verlorenen Schatten des einen und das Spiegelbild des anderen benutzt der Teufel, um ihrer Seele habhaft zu werden. Links vom Glöckner auf der Französischen Kirche windet sich die Schlange Serpentina um einen Zweig, unbeachtet von dem Pfeife rauchenden Studenten Anselmus und dem biederen Konrektor Paulmann. Alle drei Figuren hat der Zeichner aus dem in Dresden spielenden Märchen „Der goldene Topf“ nach Berlin versetzt.  Am linken Rand der Zeichnung zechen in der Restauration Lutter & Wegner zwei Gäste, die man als Hoffmann und Devrient identifizieren könnte. Unweit davon  sieht man den höllischen Doktor Dapertutto mit der Kurtisane Giulietta aus dem „Abenteuer der Sylvester-Nacht“. Im Gebäude des Nationaltheaters, das die obere Mitte der Zeichnung einnimmt – es brannte 1817 ab –, wird geprobt, der beleibte Kapellmeister Weber hat die Arme voller Spezereien, neben ihm – spindeldürr – der Musiker Kreisler, das dichterische Spiegelbild von Hoffmanns eigenem Ich, aus dem erst 1819 begonnenen Roman „Lebensansichten des Katers Murr“. Kreislers parodierendes Gegenstück, der dichtende Kater Murr, ein Philister, hinter dem sich moralische und künstlerische Korruption verbirgt, fehlt noch in der Zeichnung. Nebenan im Direktionszimmer bieten vier Dichter untertänigst dem Theaterintendanten Graf Brühl ihre Manuskripte dar.

Eines der entscheidenden Kriterien echter Dichtung sah E.T.A. Hoffmann darin, dass die in ihr dargestellten Gestalten, Geschehnisse und Umstände als wirklich erscheinen. Dabei kam ihm eine ungewöhnlich sichere Beobachtungsgabe zu Hilfe. Sowohl als Dichter wie als Zeichner gelang es ihm, die Besonderheiten seiner Mitmenschen schnell zu erfassen und einprägsam wiederzugeben. Ob irritierend oder nicht, das Wunderbare passiert bei Hoffmann nicht jenseits geläufiger Wirklichkeit, sondern mittendrin. Die eigene Stadt, das eigene Haus, die eigenen Zimmer werden zum Schauplatz für Ereignisse, die nicht von dieser Welt sind. Ein gewöhnlicher Türklopfer verwandelt sich plötzlich zur Hexenfratze und markiert zugleich den Eingang in ein Gebäude, in dem es unheimlich zugeht („Der goldene Topf“). Ein Hauslehrer schwirrt unversehens wie ein brummendes Insekt im Milchtopf herum („Das fremde Kind“).

Hoffmann kann wohl als der erste deutsche Dichter bezeichnet werden, der das großstädtische Leben eindrucksvoll gestaltete. Mit Bedacht nutzte er die örtlichen Eigentümlichkeiten der Städte, in denen sich die Geschehnisse seiner Erzählungen zutragen, um seiner Darstellung Lebendigkeit und lokales Kolorit zu geben. So ging es ihm auch darum, wie es im Gespräch der Serapionsbrüder heißt, „die Szene des Stücks nach Berlin zu verlegen und Straßen und Plätze zu nennen“, um „den Schauplatz genau zu bezeichnen“. Die Stadt und die städtischen Menschen erscheinen bei Hoffmann in gespenstischer Verzerrung. Angesehene Bürger sind in Wahrheit unheimliche Wesen, die eigentlich schon seit Jahrhunderten unter der Erde liegen müssten. Ein armseliger Bierkeller wird zum Treffpunkt von Spukgestalten. Harmlose Besucher einer Silvestergesellschaft erhalten nahezu teuflische Züge. Das Knarren der Turmfahne gleicht dem ewig furchtbaren Räderwerk der Zeit, und inmitten dieser gespenstischen Umwelt taumelt verängstigt der Mensch.

Wie Hoffmann die preußische Residenzstadt Berlin erlebt und wie er sie in seinem Prosawerk gestaltet hat, wo er selbst die Tage und Nächte verbracht hat – im Kammergericht, zu Hause, bei Empfängen und Veranstaltungen, in einer der Weinstuben –, mit wem er Umgang pflegte, was im heutigen Berlin noch an ihn erinnert – hier eröffnet sich ein höchst ergiebiges Recherchier- und Betätigungsfeld, das der Kulturjournalist und Berlin-Spezialist Michael Bienert in Form einer Stadtführung erkundet und visionell anschaulich beschreibt.

Der barocke Altbau des Jüdischen Museums, das Collegienhaus, war 1735 bis 1913 der Sitz des Kammergerichts, an dem E.T.A. Hoffmann bis zu seinem Tode als Richter arbeitete. Als Daniel Libeskind seinen spektakulären Architekturentwurf für einen Neubau auf ein Liniennetz unsichtbarer kulturhistorischer Bezüge aufbaute, war die Erinnerung an Hoffmann und andere Vertreter der Romantik in Berlin in seinem Entwurf eingeschrieben. Libeskind wie Hoffmann – der eine in der Literatur, der andere in der Architektur – haben das „Unvernünftige und Verstörende“ der Stadt Berlin inszeniert, lässt uns Bienert wissen. Im Libeskind-Bau gibt es „Treppenstufen, die abrupt vor einer Wand enden. Zickzackwege um ungenutzte Räume herum. Fensterschlitze, wie mit einem Cutter in die Außenhaut aus Zink geschnitten. Ein Hausgrundriss, der an einen Blitz oder einen aufgebrochenen Davidstern erinnert“.

Der Dichterjurist Hoffmann hat dem guten Ruf des Kammergerichts alle Ehre gemacht, schreibt Bienert. 1816 war dessen Ernennung zum Kammergerichtsrat erfolgt und 1819 war er – ohne sein Zutun – Mitglied einer Kommission geworden, die auf Veranlassung Metternichs gegen politische „Aufwiegler“, so genannte „Demagogen“, vorgehen sollte („Demagogenverfolgung“). Mit viel Zivilcourage setzte sich Hoffmann für die Betroffenen ein, unter anderem für den „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, weswegen ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet wurde. Zudem wurde er selbst Opfer der preußischen Zensur, die sein Märchen „Meister Floh“ (1822), in dem er eine Satire auf die Demagogenverfolgung eingebracht hatte, nur in einer verharmlosten Fassung zum Druck freigab. In dieser Lage, seine Existenz von zwei Seiten bedroht sehend, sollte Hoffmann dann krank und vereinsamt sterben.

Wir lernen alle Berliner Domizile Hoffmanns kennen. Seine letzte Wohnadresse an der Taubenstraße, Ecke Charlottenstraße, mit dem Blick auf das Nationaltheater, wird genau beschrieben. In der 1808 entstandenen Erzählung „Ritter Gluck“ lässt Hoffmann eine Figur auftreten, die sich als Komponist Gluck ausgibt und die eine Aufführung des „Don Giovanni“ im Nationaltheater besucht. Auch Hoffmann wollte um jeden Preis am Nationaltheater arbeiten, als Komponist, als Kapellmeister oder wenigstens als Justitiar. Aber bei dem 1796 berufenen Intendanten August Wilhelm Iffland fand er kein Gehör. Erst dessen Nachfolger, Carl Reichsgraf von Brühl, fand Gefallen an Hoffmanns Oper „Undine“, die dieser nach Berlin mitgebracht hatte und die als erste romantische Oper gilt. Die Bühnenbilder von Karl Friedrich Schinkel haben wesentlich zu dem Erfolg der Uraufführung 1816 beigetragen. Doch das Theatergebäude brannte ein Jahr später ab und Schinkel schuf einen neuen repräsentativen Bau, dessen Entstehen Hoffmann von seinem Fenster aus miterleben konnte. „Kolossal und genial gedacht“ nannte er den Theaterneubau in „Des Vetters Eckfenster“. Zu einer Wiederaufführung der Oper „Undine“ kam es aber nicht mehr, 1821 wurde Carl Maria von Webers „Freischütz“ uraufgeführt und Hoffmann war unter den Premierengästen.

Im selben Jahr wurde in Berlin die neue Zeitschrift „Der Zuschauer“ ins Leben gerufen und Hoffmann schrieb für sie „Des Vetters Eckfenster“: Der schon gelähmte Dichter blickt mit seinem  jungen Vetter aus dem Fenster seines Eckhauses auf den Gendarmenmarkt und das Gewimmel der Menschen. Aus dem unerschöpflichen Erfahrungsschatz eines reichen Daseins deutet er das auf den ersten Blick unentwirrbare Durcheinander der ihren Geschäften nachgehenden Menschen. Hinter jedem von ihnen verbirgt sich ein Schicksal, lehrt er seinen jungen Anverwandten. An dem vielleicht letzten Vormittag, den er seinem Vetter schenkt, beweist der todkranke Dichter nicht nur die Kraft dichterischen Schauens, sondern gibt ein Beispiel zutiefst menschlicher Gesinnung.

Mit dem Cicerone Michael Bienert unternehmen wir einen Gang durch die Berliner Salons und Weinstuben, die Hoffmann besucht hat. Die Salonkultur mit ihren Ritualen ödete ihn an und hat ihm reichlich Stoff zur Satire geboten. Dagegen verbrachte er mit seinem Freund Devrient fast allabendlich bei Lutter & Wegner in der Charlottenstraße und ließ stundenlang ein „Feuerwerk von Witz und Glut der Phantasie“ aufsteigen, das viele Schaulustige anzog, so berichtet sein Juristenkollege Julius Eduard Hitzig. Bomben zerstörten das Weinhaus 1944, heute befindet sich ein Weinlokal mit dem gleichen Namen genau an der Straßenecke, an der Hoffmann bis zu seinem Tod gewohnt hat. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite, blickt eine Bronzekopie des Hoffmann-Denkmals der Berliner Künstlerin Carin Kreuzberg auf das ehemalige Wohnhaus des Dichters.

Vor allem bei dem Leihbibliothekar Friedrich Wilhelm Joseph Kralowsky in der Jägerstraße ging Hoffmann ein und aus. Er beauftragte ihn mit Recherchen und lieh Bücher aus, um seinen phantastischen Erzählungen ein realistisches Kolorit zu geben. Auch die Königliche Bibliothek hat er für seine literarischen Arbeiten konsultiert; die heutige Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz verwahrt einen umfangreichen Hoffmann-Bestand. Bei dem mit ihm befreundeten Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso hat sich Hoffmann Auskünfte eingeholt und von „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“, Chamissos Erzählung vom verlorenen Schatten, zu „Die Abenteuer der Sylvester-Nacht“ anregen lassen.  

In seinen Berliner Erzählungen, so in „Das öde Haus“ (1817) respektive „Die Irrungen“, sowie in seinen Zeichnungen hat Hoffmann teils der Wahrheit entsprechende, teils erfundene Geschichten festgehalten, die sich Unter den Linden abspielen. Hier besuchte er auch die Kunstausstellungen im Akademiegebäude, lieh Bücher aus der Königlichen Bibliothek aus und lauschte der „himmlischen Musik“ im Opernhaus. In der Erzählung „Aus dem Leben eines bekannten Mannes“ fabuliert Hoffmann von einer Hexenverbrennung auf dem Neuen Markt – er befand sich zwischen der Marienkirche und der Spandauer Straße – und in „Die Brautwahl“ von der Hinrichtung des Münzjuden Lippold. Weil Hoffmann kein freundliches Bild der jüdischen Mitbürger gezeichnet hat, war er deshalb ein Antisemit, fragt Bienert. So hemmungslos wie über reiche Juden habe sich Hoffmann auch über deutschtümelnde Turnlehrer und Maler, geizige Christenmenschen und übereifrige Polizisten, Frauen und Behinderte lustig gemacht. „Mit einem aggressiven Antisemitismus, der Juden ganz gezielt diskriminiert und ihrer Rechte beraubt, haben diese satirischen Ausfälle wenig zu tun“, lautet seine Antwort.

Der Autor sucht Hoffmanns Lieblingsplätze im Tiergarten auf – wo mag das Vergnügungslokal, genannt das Webersche Zelt, gewesen sein? Denn genau an diesem Ort setzt die Erzählung „Ritter Gluck“ ein. Hier verabreden sich auch die drei jungen Männer in dem „Fragment aus dem Leben dreier Freunde“, erzählen einander von ihren unheimlichen Begebenheiten in Berlin und werden von dem Auftritt eines jungen Mädchens unterbrochen, das ihnen den Kopf verdreht. Auch in „Die Brautwahl“ ist der Tiergarten mehrfach literarischer Schauplatz; in den Erzählungen „Die Geheimnisse“ und „Die Irrungen“ spielt eine Parkbank unweit vom Brandenburger Tor eine Schlüsselrolle.

Woran ist Hoffmann gestorben – an den Folgen seines ruinösen Lebenswandels und seiner Alkoholexzesse, oder war eine Geschlechtskrankheit die Ursache, die zu seiner „Rückenmarkslähmung“ führte? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Hoffmann war in den letzten Monaten seines Lebens tatsächlich ein Pflegefall, behielt aber einen klaren Kopf und diktierte seinem Krankenpfleger die letzten Erzählungen. Er liegt auf den Friedhöfen vor dem Halleschen Tor begraben, in seinem Umkreis befinden sich die Gräber von Chamisso, Iffland, des Ehepaars Varnhagen und weiterer Zeitgenossen. Dagegen ist das Grab des Schauspielers Devrient auf dem Französischen Friedhof an der Chausseestraße zu finden.

Michael Bienert führt uns an die Berliner Orte, die in Hoffmanns Leben und in seinem literarischen Werk eine Rolle spielen; er vermag nicht nur spannende  Geschichten, die sich um Hoffmann ranken, zu erzählen, sondern fügt seinen Spaziergängen durch das Berlin E.T.A. Hoffmanns auch reiches Abbildungsmaterial bei – Zeichnungen und Skizzen Hoffmanns, Porträts, Architekturzeichnungen, zeitgenössische Illustrationen, Druckgrafiken, historische und heutige Fotografien, Dokumente, Grundrisse und Lagepläne. Zum Nachschlagen werden am Ende noch einmal alle Adressen in Hoffmanns Berlin von A bis Z angegeben. Entstanden ist ein kurzweiliges Lese-Buch, ein informatives Sachbuch, ein Buch des Schauens und Betrachtens, ein Finde-Buch – alles in einem.

Titelbild

Michael Bienert: E.T.A. Hoffmanns Berlin. Literarische Schauplätze.
vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2015.
176 Seiten, 24,99 EUR.
ISBN-13: 9783945256305

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