Das neue Paradies

Peter Stamms Held begibt sich „Weit über das Land“

Von Lothar StruckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lothar Struck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinen Bamberger Poetikvorlesungen aus dem Jahr 2015 berichtet Peter Stamm darüber, wie er seine Protagonisten „auf der Suche nach dem Neuanfang“ schickt und was das mit ihm selber zu tun haben könnte. Der Neuanfang, das ist das Ende der Kindheit, die er als „Vertreibung aus dem Paradies“ (so auch der Titel des Buches) empfindet. Sein Schreiben, so Stamm fast ein wenig rechtfertigend, tendiere dahin, dieses Paradies als Erwachsener neu zu entdecken und zu erzählen, wobei seine Figuren immer auch stellvertretend für den Autor handelten.

Auch Thomas, die Hauptfigur aus Stamms neuem Roman Weit über das Land, sucht den Neuanfang. Er ist 44 und lebt mit seiner zwei Jahre jüngeren Frau Astrid und den schulpflichtigen Kindern Konrad und Ella in einem Haus am Rande von Zürich. Die Familie kommt aus einem harmonisch verlaufenen Spanien-Urlaub zurück. Thomas und Astrid sitzen am frühen Abend bei einem Glas Wein zusammen auf der Terrasse, als Astrid zum quengelnden Konrad ins Kinderschlafzimmer geht. Danach legt sie sich sofort zu Bett. Am nächsten Morgen bemerkt sie, dass Thomas nicht neben ihr liegt. Sie ist jedoch zunächst nicht beunruhigt. Der Leser ist zu diesem Zeitpunkt schon klüger: Thomas, als „ein sehr ausgeglichener Mensch“ charakterisiert, ist wortlos aufgebrochen – mit Pullover, Kreditkarte und 300 Franken. Die erste Nacht verbringt er unter dem Vorzelt eines verlassenen Wohnwagens. Danach schlägt er sich wie in Dieb in den Wald und will nicht erkannt werden. Er orientiert sich mit seiner Armbanduhr und dem Sonnenstand. Es geht nach Süden. Da beginnt sie, die Suche nach dem neuen Paradies, jenseits der „immer gleichen Sätze“ mit ihren „immer gleichen Antworten“.

Stamm wechselt von nun an immer wieder die Erzählperspektive. Mal ist Thomas einen Schritt weiter, mal Astrid. Früh ist sich Astrid sicher, dass Thomas‘ Weggehen ernst gemeint ist. Die Kinder werden noch von ihr vertröstet, sie ertragen die Absenz des Vaters wider Erwarten gut. Der Arbeitgeber wird einige Tage mit einer Krankheitsgeschichte belogen. Zögerlich geht Astrid schließlich zur Polizei. Patrick, der Polizist, nimmt den Fall ernst, obwohl er betont, dass erwachsene Menschen durchaus ein Recht auf ein Verschwinden hätten.

Da Thomas zu Beginn einige Male die Kreditkarte für Einkäufe verwendet, kommen Astrid und Patrick ihm fast auf die Spur. Es gibt eine Situation, in der Astrid nichtsahnend nur wenige Meter Luftlinie von Thomas entfernt ist. Hier beginnt zum ersten Mal der dringende Wunsch des Lesers, der Ehemann möge der Fahndung entkommen. Und als dann Thomas in eine Felsspalte stürzt und Patrick Astrid vom Tod ihres Mannes erzählt, wünscht man sich zum zweiten Mal etwas, und zwar, dass die Geschichte nicht so enden soll. Peter Stamm hat beide Male ein Einsehen. Es ist ein verwester Leichnam in der Felsspalte der für Thomas gehalten wird. Der Irrtum kommt zustande, weil dort auch ein Stück von Thomas‘ Kleidung gefunden wird. Der Protagonist wird daraufhin für tot erklärt – Astrid zur Witwe.

Wohltuend, dass Stamm das Verhalten von Thomas niemals analysiert; auch der Versuchung, sich in  Zivilisationskritik zu ergehen, widersteht er. Der Autor erzählt stattdessen von Thomas‘ Verwandlung, von seinem neuen, emphatischen aber nie verklärenden Blick auf die Natur.  Der Schnee, der das Vorwärtskommen eigentlich erschwert, ist nicht Hindernis, sondern Ereignis. Die schweren Schneeflocken klingen auf einem Regenschutz „wie kleine Seufzer“. Als er in der Felsspalte liegt, lamentiert er nicht, sondern entdeckt einen Sternenhimmel „von überwältigender Schönheit“. Seine Wanderschaft in teilweise schwierigem Gelände macht ihn „glücklich“, obwohl er nach den Kriterien seines bisherigen Lebens „allen Grund gehabt [hätte], sich Sorgen zu machen“. Er „fühlte sich gegenwärtig wie sonst nie“ und richtet sich in einer Alphütte ein, die Vorräte für zwei oder drei Monate böte. Den Alkohol, den er findet, verschmäht er. Auch das Lesen hat er aufgegeben, alles nur „Ablenkung vom Wesentlichen“. Der Neuschnee am nächsten Morgen zeigt eine Landschaft „als sei die Welt über Nacht neu entstanden“. Aber er geht weiter, beseelt vom „Hochgefühl des Unterwegsseins“ und der „Freude an einer Zukunft“.

Astrid führt, wie es heißt, ein „Doppelleben“: Nach außen fügt sie sich in die Witwen- und Mutterrolle. Im Geheimen entsteht jedoch eine seltsame Komplizenschaft mit Thomas, denn sie glaubt nicht an dessen Tod; sie ist sich sicher, dass er irgendwann zurückkommen wird. Hier greift das Motto aus Markus Werners Zündels Abgang, das Stamm dem Buch voranstellt: „Wenn wir uns trennen, bleiben wir uns“. Stamm erzählt einfühlsam die Geschichte der Beziehung von Thomas und Astrid, versäumt dabei jedoch Astrids Doppelleben zu beleuchten. So kongenial und fast episch die Erlebniswelt des männlichen Protagonisten evoziert wird, so nebulös bleibt Astrids duldsame Bewältigung der Abwesenheit des Ehemanns. Und so fallen dem Leser fast wider Willen Ungereimtheiten auf. Besonders die Todeserklärung und Astrids weitere finanzielle Situation bleiben diffus, nachdem es einmal heißt, dass das mit Hypotheken belastete Haus für sie allein sehr schwer zu halten sei.

Plötzlich ist man auf Seite 212 und es sind nur noch wenige Seiten bis zum Ende. Zunächst fast unmerklich beschleunigt Stamm die erzählte Zeit. Im Nu sind zwei Jahre vergangen, dann drei, dann sechs; drei Seiten vor Ende des Buches sind es 20 Jahre. Thomas schlug sich mit Hilfsarbeiten in ganz Europa durch, reiste unter anderem nach Irland, Deutschland, Frankreich, Griechenland (er mied die Schweiz). „Er vertrug sich mit fast allen Leuten, mit denen er zu tun hatte, aber er hatte kein Bedürfnis, irgendjemandem näherzukommen“. Bei seinen eher seltenen Affären mit Frauen, gelang es ihm „für kurze Momente der Erregung nicht an Astrid zu denken“. Astrid blieb partnerlos, ihre Kinder wurden erwachsen und studierten. Die Entfremdung zur Mutter wuchs, der abwesende Vater wurde zum Vorwurf an sie. Es ist verblüffend, wie Stamms Zeitbeschleunigung nicht additiv und hastig daherkommt, wenngleich man sehr gerne mehr gelesen hätte.

Das Ende ist dann noch einmal mit großer Könnerschaft inszeniert, soll hier aber nicht vorweggenommen werden. Weit über das Land ist ungeachtet der formulierten Einwände  eine eindrucksvolle, den Leser in den Bann ziehende Erzählung, nicht zuletzt, weil Stamm seiner Sprache vertraut und alle Psychologisierungen vermeidet. Ob es vielleicht nach Erscheinen dieses Buches analog zum „Werther-Effekt“ womöglich zu einem „Thomas-Effekt“ kommen wird?

Titelbild

Peter Stamm: Weit über das Land. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016.
224 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783100022271

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