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In „Die Jahre im Zoo“ beschwört Durs Grünbein in Prosa und Versen die Stadt seiner Kindheit und Jugend, eigene Erinnerungen und das 20. Jahrhundert herauf

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Einmal die Kindheit aufzuschreiben, das hatte ich mir lange vorgenommen. Der Wunsch ist fast so alt, wie ich es nun selber bin“, bekennt Durs Grünbein im zentralen Kapitel seines neuen Buches „Die Jahre im Zoo“. Mit ihm, einer nicht-chronologischen, autobiografischen, Prosa, Lyrik und Fotografien mischenden Collage aus Erinnerungsbildern, die zum Teil weit über die eigene Person hinausgehen, hat er diesen Wunsch nun verwirklicht. Grünbein, 1962 in der sächsischen Metropole geboren und seit Mitte der 1980er-Jahre in Berlin und Rom lebend, erinnert sich darin nicht nur an die eigene Kindheit und Jugend, sondern schlägt einen weiten historischen Bogen, einsetzend mit der „pädagogischen Utopie“ der „Gartenstadt“ Hellerau am Jahrhundertbeginn über die dunklen Jahre des Nationalsozialismus, gipfelnd im Feuersturm der anglo-amerikanischen Luftangriffe vom 13. bis 15. Februar 1945, bis hin in jenes „kleine, rundum verschlossene, neurotische Land“, den „Staat Dederon“, in dem der Autor aufwuchs.

Porträts der eigenen Familienmitglieder – am beeindruckendsten jene seiner beiden Großväter, des Dresdners auf Seiten der Mutter und des Gothaers auf der Vaterseite – wechseln ab mit großartigen Landschaftsbeschreibungen, über sich hinausweisenden Anekdoten aus Kindheits-, Schul- und Armeezeit des früh sich zum Dichter berufen fühlenden Autors sowie historischen Exkursen in die Vergangenheit der Heimatstadt. Immer wieder kommt Grünbein dabei zurück auf den Geist der 1909 in Dresdens Norden von dem Möbelfabrikanten Karl Schmidt gegründeten ersten deutschen Gartenstadt Hellerau, einem lebensreformatorischen Projekt, das Wohnen und Arbeiten, Natur und Kultur, Geist und Körper, Urbanität und Ländlichkeit miteinander verbinden sollte.

Obwohl in den 1960er- und 1970er-Jahren nur noch wenig von der Atmosphäre zu spüren war, die 50 Jahre vorher wie ein Magnet auf Künstler, Architekten, Schriftsteller und Pädagogen gewirkt hatte, spürt der in der Gartenstadt aufgewachsene Grünbein immer noch die einstige Essenz dieses Ortes. So wurde etwa das berühmte Festspielhaus des aufstrebenden Architekten Heinrich Tessenow – zunächst als „Bildungsanstalt für Rhythmische Gymnastik“ konzipiert – während der Dresdener Jahre Grünbeins von den sowjetischen Besatzungstruppen als Kaserne genutzt. Trotzdem findet sich der Dichter bereits früh auf den Spuren jener, für die Hellerau utopisches Projekt und moderner Lebensentwurf in einem war, jenen, die aus aller Welt herbeiströmten, um zu sehen, wie das bis dato hauptsächlich in der Theorie existierende Lebensreformkonzept in die Realität hineinwuchs. Franz Kafka, Gottfried Benn, Emil Nolde, Oskar Kokoschka und Henry van de Velde waren unter ihnen.

Zentrales und zugleich längstes der 23 Kapitel des Buches ist deshalb nicht von ungefähr jenes „Im Garten der Gartenstadt“ genannte, in dem Grünbein seine Jahre in Hellerau Revue passieren lässt. Akribisch werden die Orte memoriert, die den Hintergrund für seine Kindheit und Jugend abgaben (wer will, kann sie im ans Ende des Buches gesetzten „Lageplan der Gartenstadt“ des Architekten Richard Riemerschmid noch einmal aufsuchen). Das sich fast bis an die Dresdner Neustadt heranziehende, wüstenartige Dünengelände, „Heller“ genannt, das der Siedlung zu ihrem Namen verhalf, die verlassenen Grundstücke in der Nachbarschaft, Müllplätze, Schule und Sportplatz oder das Gelände der Deutschen Werkstätten, in denen Grünbein später ein Praktikum absolvieren sollte. Kinderspiele – oft nicht ungefährlich – werden aus der Erinnerung heraufgeholt, Narben und Schrammen, die man sich in Wiese, Feld und Wald holte, die Verwirrungen der Pubertät und die Irritationen und Verletzungen, die die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht mit sich brachten: „So lange wirkt das Körpergedächtnis nach, so tief graben sich Niederlagen, Schmähungen und Verletzungen ein.“

Metaphorisch stimmig wird der Prozess des Erwachsenwerdens als Entpuppung beschrieben. Jedes der zwölf Unterkapitel von „Im Garten der Gartenstadt“ trägt einen Schmetterlingsnamen im Titel. Vom Wolfsmilchschwärmer, perfekt an seine Umgebung angepasst und kaum auffällig, geht es über den quecksilbrigen Zitronenfalter, immer unterwegs und niemals müde, bis zum Totenkopfschwärmer, dem Totemtier des zwölften und letzten Abschnitts,“ein[em] Falter, größer als alle anderen“, der seine Herkunft aus einer „fette[n], grüne[n] Raupe“ fast vergessen lässt.

Dass sein Weg aus der Kindheit heraus auch einer des zunehmenden Alleinseins war, macht Grünbein an vielen Stellen deutlich. Schon im Eingangskapitel „Ouvertüre im nachhinein“ wird ein früher Alptraum erinnert – auch eine Art „Schädelbasislektion“, wie der zweite Gedichtband des 29-Jährigen 1991 überschrieben war –, der ein erstes Bewusstsein davon vermittelte, dass „gewisse Dinge in meinem Leben seither einen etwas eigentümlichen Verlauf genommen“ haben. Später heißt es: „Das frühe Alleinsein und Alleinseinwollen, ich kann nicht sagen, wozu das gut war. Ich weiß auch nicht, welches sanfte Gesetz da wirkte […] zuerst nur stundenweise, dann immer länger, ganze Nachmittage, bis er die mit sich selbst verbrachte, den anderen vorenthaltene Zeit ganz vergessen hatte.“

„Erinnerung funktioniert wie ein Kaleidoskop. Es gibt die Sensationen und Anekdoten, die Haupt- und Staatsaktionen des Lebens […]. Das meiste aber verschwindet und taucht nur durch Zufall wieder auf, wenn Prosa den Zauberstrahl findet, das Funkeln der Kristalle am Boden des Spielzeugs zu bündeln weiß“, heißt es an einer Stelle programmatisch. Diesen „Zauberstrahl“ hat Durs Grünbein zweifellos entdeckt. Am Kleinen, Alltäglichen vermag er jene Seiten hervorzuheben, die es an das große Ganze binden. Und nicht zuletzt sind die „Jahre im Zoo“ auch ein aus 25-jähriger Distanz mit fast archäologischem Blick gefasstes Porträt jenes Landes, „für das drei Buchstaben als Bezeichnung genügten, täglich eingehämmert wie Nägel in ein halbiertes Brett: DDR“.

Titelbild

Durs Grünbein: Die Jahre im Zoo. Ein Kaleidoskop.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015.
399 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783518424919

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