Revision der Wörter

Johannes Bobrowskis Roman „Levins Mühle“: Neu herausgekommen, aber nicht neu ediert

Von Reiner NiehoffRSS-Newsfeed neuer Artikel von Reiner Niehoff

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Erzählen ist bekanntlich eine fragwürdige und fragile Angelegenheit. Auch wenn kein Ereignis ein Ereignis ist ohne die Wörter, die es erfassen, so sind die Wörter doch zugleich immer zu ungenau, zu lückenhaft, zu schwach verknüpft, aber auch zu selbstbewusst, zu geschwind, sie sind sich zu weit voraus, um ein Ereignis angemessen in sich einzuschließen. Gutes Erzählen, das sich seiner Fraglichkeit bewusst ist, erzählt deshalb zwar – wenn auch nicht immer unbedingt – von einem Ereignis, aber es erzählt zugleich auch von sich selbst, und zwar im Modus der Brüchigkeit, der Unberechenbarkeit und Unangemessenheit; der Brustton der Gelungenheit, der Selbstüberzeugtheit geht ihm ab. Alles andere wäre Klamauk.

Ist das Erzählen also schon an sich eine heikle Angelegenheit, so ist es doch besonders der Anfang, der dem Erzähler Sorgen bereiten sollte, tut er doch so, als ließe sich dezent und doch entschieden der Punkt bestimmen, von dem aus der Fluss der Wörter seinen Ausgang nimmt. Anfang nämlich, so hat Aristoteles einmal schlagend einfach definiert, ist etwas, dem nichts vorhergeht und dem alles folgt. Als gäbe es nicht stets eine Geschichte vor der Geschichte, als gäbe es nicht stets Wörter vor den Wörtern und Bedeutungen längst vor dem Sinn, den die Erzählung erst erzeugen möchte.

Wollte man also an der Infragestellung der Erzählung, genauer noch: an der Infragestellung des Beginns einer Erzählung so etwas wie ein Bemühen um narrative Reflektiertheit und ein Anzeichen für eine Art Erzähl-Ethos erkennen, dann ist Johannes Bobrowskis im Herbst 1962 begonnener, im Juli 1963 abgeschlossener und im September 1964 in Ost und West erschienener erster Roman „Levins Mühle“ ein raffiniert geschichtetes, narratives Meisterwerk. Der Text, in dem der mühlenbesitzende „Großvater“ des Erzählers 1874 den Konkurrenzbetrieb des Juden Levin im Culmer Land östlich der Weichsel umstandslos und unbestraft den Fluss hinabbefördert, beginnt nämlich folgendermaßen:

Es ist vielleicht falsch, wenn ich jetzt erzähle, wie mein Großvater die Mühle weggeschwemmt hat, aber vielleicht ist es auch nicht falsch. Auch wenn es auf die Familie zurückfällt. Ob etwas unanständig ist oder anständig, das kommt darauf an, wo man sich befindet – aber wo befinde ich mich? –, und mit dem Erzählen muß man einfach anfangen. Wenn man ganz genau weiß, was man erzählen will und wieviel davon, das ist, denke ich, nicht in Ordnung. Jedenfalls es führt zu nichts. Man muß anfangen, und man weiß natürlich, womit man anfängt, das weiß man schon, und mehr eigentlich nicht, nur der erste Satz, der ist noch zweifelhaft.
Also den ersten Satz.
Die Drewenz ist ein Nebenfluß in Polen.
Das ist der erste Satz. Und da höre ich gleich: Also war dein Großvater ein Pole. Und da sage ich: Nein, er war es nicht. Da sind, wie man sieht, schon Mißverständnisse möglich, und das ist nicht gut für den Anfang. Also einen neuen ersten Satz.
Am Unterlauf der Weichsel, an einem ihrer kleinen Nebenflüsse, gab es in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein überwiegend von Deutschen bewohntes Dorf.
Nun gut, das ist der erste Satz. Nun müßte man dazusetzen … .

Und so weiter. Wie viele Fragwürdigkeiten drängen sich hier auf wie kleinem Raum: Wer erzählt und von wo aus und wann denn? Um welches Ereignis geht es eigentlich und mit welchem moralischen Maßstab wird das Erzählen dieses Ereignisses gemessen? Und gleich weiter: Wie erzählt man eigentlich überhaupt und wie erzählt man konkret einen Anfang? Und wie kann man einen Anfang erzählen, wenn der Anfang sich sogleich als falsch, zumindest als unzureichend erweist? Wenn die Bedeutungen der Wörter, die da offensichtlich in der Zeit des Erzählers gelten, in der Zeit der Erzählung vermutlich, nein sicher anders besetzt gewesen sind? Was dann?

Dann muss der erste Satz revidiert werden, weil plötzlich klar wird, dass die Sätze sich zwar voranschreiben, dass ihnen aber die Bedeutungen bereits vorherlaufen. Dann wird klar, dass es die Aufgabe des Schreibens sein wird, in einem Verfahren der Revision der Wörter das einzuholen, was die Sätze in genau dem Augenblick vergessen, in dem sie als erste gesetzt sind. Erzählen heißt also, gegen die Illusion des Anfangs anzuschreiben, um den Vorwärtsfluss der Sätze zurückzustauen in das ‚Vor‘ der Sätze. So erklärt sich der eigentümliche Umstand, dass der „erste Satz“ in „Levins Mühle“ vor aller Augen diskursiv gestrichen wird – eine Korrektur am offenen Anfang –, um umgehend durch einen zweiten ersten Satz ersetzt zu werden; kein gelindes logisches Problem. Platon hat gesagt, dem Menschen überhaupt bliebe immer nur die zweitbeste Seefahrt; dem Erzähler bleibt, nach Bobrowski, offensichtlich nur der zweiterste Satz. Der Nebenfluss der Wörter.

Diese Revision der Erzählung aber, diese vorwärtsdrängende Rückwendung, so ließe sich mutmaßen, müsste, wenn sie denn gelänge, einen neuen (historischen, ästhetischen, moralischen) Binnenraum der Sprache erzeugen; das Zuvorliegende, lediglich Mitgesagte, aber im Sagen Vergessene, es müsste sich der Revision eröffnen, und das heißt: Es müsste ein neues Kontinuum der revidierten Sätze schaffen. Das Ereignis müsste sich, einmal revidiert, sammeln lassen können wie der Regen in einem Gefäß, es müsste zusammenrinnen in einem neuen Satzbehälter mit bezifferbarer Satzmenge. Bobrowski muss sein Schreiben so verstanden haben, denn der Untertitel von „Levins Mühle“ lautet: „34 Sätze über meinen Großvater“. Der Roman auf der Suche nach 34 Sätzen vor dem Roman im Roman, das ist das Begehr; kleine, markante Kondensate, Formeln des Vorherliegenden, das soll die Prosa nicht schon besitzen, das soll sie liefern.

Das geht am Anfang zwar (mit Absicht) etwas holprig und stolpernd an, setzt sich dann auch eine Weile numerisch vernünftig fort, um aber zusehends über dem Erzählen das Zählen zu vergessen. Denn eben weil gutes Erzählen immer auch eines ist, das sich nicht vertraut und auch einem neuen Vertrauen gegenüber skeptisch bleibt, wird es ein Erzählen sein müssen, das stets bereit ist, mit sich ein wenig Schindluder zu treiben oder Karten zu legen, eine Patience aufs Ungesagte, und so ist es bald klar, dass das mit den 34 Sätzen doch nicht aufgehen wird, auch wenn es der Untitertitel versprochen hat. Endgültige Pakte, zunächst erdacht, dann als undurchführbar ironisch im Beigepäck mitgeführt, endgültige Pakte also, mit wem auch immer, geht Bobrowskis Prosa nicht ein. Irgendetwas fährt dazwischen, verstört und bringt die Zählung durcheinander, etwa bei dem gefundenen und bezifferten Satz: „Du taugst auch verdammt zu gar nichts“ und dem Meta-Kommentar des Erzählers: „Das ist nun auch wieder einer von diesen Sätzen. Aber ob der siebente oder der neunte, soviel müßten es inzwischen schon sein, oder sogar schon der zehnte oder elfte, das weiß ich nicht. Es könnte aber genausogut der allererste sein oder eine Art Motto oder der Schlußsatz, der einfache Schlußsatz: Du taugst verdammt auch zu gar nichts.“ Das leuchtet ein, zu gar nichts taugt nämlich vor allem der, der nachzuzählen (oder nachzuerzählen) versuchte; an seinem kleinen Scheitern wird der sich schnell als neuer Postbeamter der Sprache entdecken.

Wie auch immer, dieser Erzählwunsch nach einem Rückstau der Wörter wird zum zentralen Verfahren von Bobrowskis „Mühlenroman“. Die gepfählten Ordnungen der Narration geraten in einen Prozess der Permutation; in der Folge verwirbeln sich die Strömungsvorgänge der Sätze. Das gilt nicht nur für den Anfang des Romans und für die 34 Kondensate, die es nicht recht werden wollen, das gilt auffällig auch für die Figuren, die stets schon aufgetreten sind und deren Geschichten und Vorgeschichten immer erst in Rückbewegung nachgereicht und eingeschoben werden müssen, weil die Handlung schon längst im Gang ist und über das Davor hinaus. Das gilt aber auch für die Vorgeschichten der Vorgeschichte, die den fauststark autonomen, zudem antisemitischen Großvater des Nachts als Albe heimsuchen, sorgfältig abgezählt wie in den Romanen Jean Pauls, die Bobrowski liebte, als diachroner Sturz durch die historischen Vor-Zeiten und als Fall aus der gegenwärtigen Erzählung heraus.

Das gilt aber auch und besonders für den einzelnen Satz. Er wolle nicht nur die Lexik, er wolle auch die Syntax in Bewegung bringen, hat Bobrowski brieflich einmal angemerkt. Tatsächlich geraten in „Levins Mühle“ die Sätze in Perturbation, einzelne Elemente brechen aus der Satzstellung heraus, schwemmen nach vorn oder irgendwo mitten hinein in die grammatische Konstruktion, nebengeordnete Perioden und eingeschaltete Appositionen (Kommata im Überfluss) reichen etwas nach oder rufen etwas in Erinnerung, etwas, das am Anfang des Satzes noch nicht im Raum, geschweige im Flusse war. Vor allem die Verben, diese Aktionisten des Sinns am Ende einer Phrase, sie wandern bei Bobrowski überaus gerne nach anderswo, rücken nach vorne wie im Französischen (also zurück), jeder Satz hält ein, revidiert seinen Vorlauf und Fortlauf; so wird syntaktisch aus dem Bewusstseins- und Erzählstrom ein Erinnerungsprozess. Der narrative Effekt dieses Verfahrens ist ein sich verhaltendes, stockendes, fast stotterndes Erzählen; ein Wort vor heißt zwei Wörter zurück. Ein einfaches Exempel (bitte laut zu lesen): „Und du hast recht, Feller, da hat es doch etwas gegeben, im Frühjahr, das weiß das ganze Dorf, und keiner spricht davon, höchstens die Polen, und jedenfalls nicht laut. Du wirst auch nicht davon sprechen, Feller.“

Es wird aber doch davon gesprochen werden, genau „davon“. Denn Revision meint ja nicht nur eine rückschauende und rückstauende Suche nach richtiger Ordnung und Anordnung der Bestände – eine bibliothekarisches Begehren –, Revision ist bekanntlich auch ein juristischer Terminus und meint die erneute Überprüfung eines vormaligen Gerichtsurteils, etwa des kriminellen Großvater-Treibens, die Mühle Leo Levins die Drewenz hinabzuschwemmen.

Das Nichtgesagte, das hier mühsam eingeholt wird, ist mithin kein selbstreferentielles Erzählproblem, sondern ein ganz konkretes Unheil, ein Verschwiegenes, ein Tabuisiertes, ein Vorausliegendes; etwas, wovon man in der Familie lieber nicht spricht. In seinen stockenden Wendungen ist Bobrowskis Roman das widerrufene Verfahren einer vorgängigen Untat, eine „Schattenfabel der Verschuldungen“, wie dieser immer noch gänzlich uneingeholte Lyriker es in seinem „An Klopstock“ adressierten Gedicht formuliert hat. Bobrowskis inversives Schreiben ist nichts als eine Revision von Schuldvergessenheit; er selbst hat das immer wieder und in Varianten so oft betont, dass man es kaum mehr sagen mag; aber gesagt werden muss es trotzdem:

Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des Deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buch steht.

Diese Rückwendung in eine vorgängige Schuld bestimmt Bobrowski als die eigentliche Aufgabe des Romans. Das ist schnell verstanden und gerne kolportiert, das ist aber überaus ungewöhnlich und erklärungsbedürftig, hatte doch die klassische Ästhetik stets und einzig die Tragödie als berufen angesehen, schuldhafte Verstrickung zu figurieren. Worin also liegt für Bobrowski die spezifische Kraft, die der Roman im Gegensatz zur Tragödie in Anschlag bringen kann?

Erzählen, nicht dramatisieren, ist für Bobrowski ein Mittel, die Schuld nicht nur mit den individuellen Interessen, sondern genauer noch mit den Umständen zu verknüpfen: mit den territorialen, den lingualen, den regionalen Kartographierungen; „Levins Mühle“, das sei nicht vergessen, sollte ursprünglich Hermann Sudermann (dem Hermann Sudermann der „Litauischen Geschichten“, man lese den Beginn der „Reise nach Tilsit“!) gewidmet sein, Klaus Wagenbach hat dagegen leider erfolgreich interveniert. Schuld ist also nicht mehr angesiedelt in einem theatralen, vorzeitigen, exotischen, fernen, kaum spürbaren Raum, in dem die unterschiedlichen Interessen ihren Widerspruchsgeist gegeneinander zum Austrag bringen, sondern ist eingebettet in kleine Szenarien, in eine Art Mikroterritorium der Schandbüberei, in ein System des minimal Bösen, das sich an genauen Orten abspielt, in genauen Sozialitäten, in genauen Landschaften, in kleinen Gehäusen; das Böse hat eine territoriale Dimension, eine Art Haptik, einen Geruch, einen Klang, es ist immer konkret, ausgebreitet, verortet – und ganz bestimmt ist „Levins Mühle“ nicht „das heitere Volksstückchen“, als das der bescheiden-listige Autor seinen Roman brieflich anzeigte. Schuld ist eingebettet weniger in die politischen (das auch), als vielmehr in die landschaftlichen und ethnischen Umstände, und so folgt aus einer Option auf die Umstände konsequent eine Poetik der Umständlichkeit. Die Revision des Erzählens ist also eine Form, Umstände auszuleuchten und Umständlichkeiten zu vergegenwärtigen und zu produzieren; ein verschrobenes Erzählen, das immer bereit ist, dann nicht auf den Punkt zu kommen, wenn es erwartbar wäre, um an unerwarteter Stelle umso plötzlicher mit spitzen Dolchen zwischen die Rippen der Leküre zu fahren. Genaue Umstände lassen sich nicht vergessen.

Diese genaue territoriale Dimension des Raumes aber, den Bobrowski da im kaum literaisch erkundeten Osten als Schuldraum entdeckt, ist ihm kein einheitlicher Raum (der Ökonomie, der Sprache, der Politik), sondern ein vielfacher: ein fluktuierender Raum der Sozialitäten, der Dialekte, der Rituale. Er, der Roman, sei zwar, so der Autor in einem Brief an Gertrud Mentz, ganz leicht zu verstehen (was ich bezweifle, „Levins Mühle“ ist ein Roman der zweiten Lektüre), „aber doch ungewöhnlich: in der Hereinnahme von Umgangssprache, Dialekt, Jargon usw.“ Wundersame Sprach-Brocken sind das, ein Gemisch aus Polnisch, Jiddisch, aus regionalen Sonderlichkeiten, aus Geheimsprachen, ganz sparsam aber, unspektakulär, und fremden, Bobrowski ganz eigenen Lyrismen. Ein Behälter auch das, aber einer, in dem gesammelt und nicht gezählt wird: „püsiakre“ findet sich in diesem Roman-Behältnis, ein Wunder Gottes, „latawiev“, der Herumtreiber und Landstreicher, der „Zigahn“ ist darin bewahrt und die „Schlorren“, es tritt auf die „Kaluse“, der Knast also, oder die „Kabise“, eher ein Schuppen als ein Haus; wie viel territoriale Imagination schießt da an.

So sind die Widersprüche in „Levins Mühle“ nicht hegelianisch austariert im Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem, sondern verortet in der Asymmetrie von (der einen, der großen, mächtigen) Majorität zu den (vielen, kleinen, randläufigen) Minoritäten. Majoritär ist der protestantische Großvater, der Deutsche, das Reich, das Gesetz, majoritär ist die Hochsprache, die Rechtsprechung, die Verteilung, der Besitz (die Macht, der Code, die Kontrolle), minoritär sind die Zigeuner wie Habedank, die Juden wie der „Liederfreund“ Weiszmantel oder der ruinierte Levin, die katholischen Polen, die Litauer, die Halbkossäten, die Russen, auch die aus den sozialen Gefügen Gerutschten, „unübliche Leute“ eben. Majoritär ist die kommunikative Verständigung, in der Bobrowski nur das ökonomische Paktieren erkennen kann, minoritär ist das changierende Gemisch der Dialekte und Soziolekte, die die Gelände der Gesetzes-Sprache ebenso durchkreuzen wie die Marginalen die Räume um die Drewenz. Minoritär sind auch die Einlagerungen der kleinen Formen in die mafiösen Interessensbehauptungen: Ob das nun der über alle Maßen und unglaublich phantastische italienische Zigeunerzirkus mit der dressierten Ratte Tosca und dem singenden Huhn Francesca ist, den auch Fellini hätte erfunden haben können, ob das der anspielungsreiche Rundgesang Weiszmantels ist, der Johann Nestroy gefallen hätte, oder – Bobrowskis Allerinnerstes – die lyrischen Einbuchtungen, die das Erzählen sich erlaubt. Der Kalmus etwa, den es aus Bobrowskis unvergleichlichen Gedichten hier herübergetrieben hat, darf auftreten: Aber nicht wie traditionell als emblematisches Pflänzchen, als anthropomorphe Sonderausstattung des Romans, sondern als ein Ereignis der Bewegungen und Übertragungen, der Verknüpfungen, als Traumbucht des Realen:

Kalmus, diesen Duft, kann man nicht beschreiben: das riecht nach klarem Wasser, von der Sonne gewärmten Wasser, das aber keinen Kalkgrund haben darf und auch keinen Moorgrund, so einen hellen, ein bißchen rötlichen Sand, auf den langsam die vom letzten Regen aufgerührten Erdteilchen herabsinken, auch ein faulendes Blättchen und ein Halm, und auf dessen Fläche Käfer laufen, solch ein Wasser jedenfalls. Aber das ist noch eine ganz feine Süße, von weiter her, und dann auch, daruntergelegt, ein wenig Bitteres, von dem man schon gar nicht weiß, wo es herstammt. Aus der Erde, dem Uferboden, in dem der Kamus wurzelt, in dem er seine weißen, gelben und rosafarbenen Wurzeln umherschiebt, wird man sagen, aus der Erde am Ufer, wo es eben doch ein wenig schlammig ist, als ob etwas damit gesagt wäre.

So erlaubt der Rückstau der Worte, die Revision der Geschichten, doch auch ein leichtläufiges, strudelndes Umherschieben der Sprache, ein Sinken und Steigen, ein Treiben, die Anrufung von feiner Süße, unter dem ein wenig Bitteres liegt, bevor die Staukräfte der Sätze den Bach, nein den Fluss hinuntergehen müssen.

Will sagen: Verschuldung in „Levins Mühle“ ist zwar zunächst das alte, das böse und kriminelle, durchs Ressentiment gesättigte und gestützte Wirtschaftsverbrechen, wie sich leicht festhalten lässt, Schuld ist aber dahinter und darin für Bobrowski vor allem und spezifisch: eine Verschuldung gegen das noch junge Minoritäre; ein Minoritäres, das im Roman jedoch und bereits nicht länger im Horizont der Marginalisierung, sondern ab jetzt im Horizont der Vertreibung verstanden wird, hinter der die Liquidierung schon lauert. Am Ende verlässt Weiszmantel die Szene nach Fortwärts wie eine der Figuren aus den späten Bildern Chaim Soutines; eine kleine Figur, von rückwärts gemalt, die auf riesige dunkle Wälder zugeht. Und Levin, der um seine Mühle Gebrachte? In der Vorlage, die Bobrowski verwendete, bekommt er noch sein Recht, hier, im Mühlenroman, macht sich Leo mit seiner Marie auf in Richtung Rozan, um über die Narew zu den Seinen zu gehen. Von Rozan jedoch, aber das spart der Roman aus, sind es nur noch 60 Kilometer bis Treblinka.

Der Verlag Wagenbach, soviel dazu, hat diesen immer noch ganz unerfassten Roman neu aufgelegt und lässt einen Vogel auf dem Umschlag über ein Seil spazieren; vermutlich hat die Grafik das für eine gute Idee gehalten. Auf dem Einband unter Bobrowskis Untertitel von den „34 Sätzen über meinen Großvater“ lässt sich noch lesen: „Mit einem Nachwort von Klaus Wagenbach“ – was sich da gar nicht gut ausmacht, weil es den Paratext empfindlich stört, und was nicht stimmt (denn es ist kein Nachwort zum Roman) und was den, der sich von dieser Ausgabe Neues erhofft, missstimmt. Es handelt sich nämlich um Wagenbachs Nachruf auf Bobrowskis Tod von 1965, der hier auch nicht zum ersten Mal zum Abdruck kommt. Immerhin, nicht zu vergessen, hatte Wagenbach im November 1963 mit Bobrowski den Roman beim Enstehen intensiv durchdiskutiert, ihm hilfreich zur Seite gestanden, ihn mitverändert und ihn mit dem Autor auch in Briefen abgewogen. So oft ist „Levins Mühle“ inzwischen erschienen, dass eine aufschließende Beigabe wie etwa des Briefwechsels von Autor und Mäeut oder so wundersamer Materialien wie die Selbstanzeige des Romans durch den Autor oder erklärender Episteln zur kompositorischen Anlage, zur räumlichen Verortung, zur Diversität der sprachlichen Gestaltung, oder gar die akustisch überlieferte Lesung Bobrowskis aus „Levins Mühle“ dem Neudruck gut getan und auch den Textraum um seine Vorgeschichten erweitert hätte. Man kann gute Gelegenheiten verstreichen lassen – hier tut man es. Ein Werk, das auf den zweiten Blick ein erstes ist, wird auf den ersten Blick zu einem zweiten verhübscht. Ich würde mich – wennschon, dennschon – an die erste Ausgabe aus dem Union Verlag halten mit dem so schönen, transparenten Umschlag um den Umschlag, die für fast nichts leicht zu erwerben ist. Und dann lesen und abermals lesen.

Titelbild

Johannes Bobrowski: Levins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater. Roman.
Mit einem Nachwort versehen von Klaus Wagenbach.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2015.
229 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783803132741

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