Kurioses aus der deutschen Flüchtlingspolitik

Abbas Khiders Flüchtlingsroman ist ein mitreißendes, aufwühlendes Buch mit deutlichen kompositorischen Schwächen

Von Sascha SeilerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sascha Seiler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dies ist die Geschichte eines irakischen Flüchtlings, der Ende des 20. Jahrhunderts von einem Schlepper nach Deutschland gebracht wird, dort jahrelang der Willkür der Behörden ausgesetzt ist, nach dem 11. September zunehmend kritisch beleuchtet wird und sich irgendwann zu einer erneuten illegalen Flucht, diesmal nach Finnland, entscheidet. Karim Mensy bleibt in Deutschland immer ein Fremdkörper und scheitert letztlich gerade an seinem Willen zur Integration. Eine Geschichte, wie sie aktueller nicht sein könnte, zudem erzählt von einem Autor, der selbst vor 20 Jahren aus dem Irak geflohen ist, jedoch anders als sein Protagonist in Deutschland eine neue Heimat gefunden zu haben scheint. Dieser Autor, der den Namen Abbas Khider trägt, lebt hier seit dem Jahr 2000, hat Literatur und Philosophie studiert, vorher bereits zwei Romane veröffentlicht, und im vergangenen Jahr den Nelly Sachs-Preis erhalten. Er weiß also, wovon er schreibt, wenn es um die Erlebnisse seines Protagonisten Karim in Schlepper-Lastwägen, in Asylantenunterkünften und in Obdachlosenheimen geht. 

Ohrfeige ist ein unterhaltsamer Roman, der den Leser fesselt, weil es Khider gelingt, die Spannung aufrecht zu erhalten, weil man Sympathie für seinen Protagonisten entwickelt und weil man sich von Vielem, was dieser erlebt, unangenehm bestätigt fühlt. Und gerade deshalb ist es schwierig, über diesen Roman zu urteilen, weil jede objektive Lektüre zwangsläufig zu der generalisierten Frage führen wird: Reicht das aus, um Literatur zu sein? Oder noch treffender: Darf Literatur ausschließlich ein Mittel zum (guten) Zweck sein? Khider will aufrütteln, indem er eine Geschichte erzählt, die in sich realistisch ist (sonst würde er damit auch nicht aufrütteln können), jedoch insgesamt äußerst konstruiert wirkt. 

Das liegt vor allem an Karim Mensy selbst: Er ist ein ausnahmslos guter, anständiger, integrationswilliger, intelligenter Flüchtling, der sich weigert, den kriminellen oder moralisch verwerflichen Aktivitäten seiner Leidensgenossen nachzugehen. Diese stehlen oder prostituieren sich, um etwas Geld nebenbei zu verdienen; Karim selbst entscheidet sich für einen 1-Euro-Job, um nach einem Jahr endlich einen Sprachkurs besuchen zu können. Auch ist Karim nicht gläubig, er betet nicht (zumindest erwähnt er es nicht) und trinkt gerne und oft Alkohol. Natürlich, mag man hier entgegnen, ist es wichtig, dass der Protagonist hohen moralischen Ansprüchen genügt, so genannte ‚europäische Werte‘ vertritt und schon gar kein religiöser Fanatiker ist, denn anders könnte man, und dies ist schließlich die Kernaussage dieses Romans, den als unmenschlich empfundenen alltäglichen Wahnsinn in deutschen Behörden auch gar nicht darstellen. Denn würde der Held moralisch versagen, hätte er es, im Sinne einer funktionierenden Story, auch nicht verdient, die Belohnung dafür entgegenzunehmen. 

Religion spielt nur am Rande eine Rolle, in der paradigmatischen (und äußerst klischeehaften) Figur des „Container-Ali“, der sich aufgrund der widrigen Umstände, die er alltäglich erleben muss, zunehmend radikalisiert. Ein anderer Mitbewohner und guter Freund Karims landet in der Psychiatrie, weil er die Schizophrenie, die seinem Status als geduldeter Flüchtling innewohnt, nicht mehr ertragen kann. Andere wiederum kriminalisieren sich, oder werden zu Lustknaben älterer Damen und reicher Herren, die dauerhaft wie Geier um die Flüchtlingsunterkünfte kreisen. Und die meisten – und das ist ein interessantes Detail, zumindest in einem Roman, der vor den großen Flüchtlingsbewegungen aus Syrien geschrieben wurde – erfinden ihre Geschichten, meist sogar ihre Nationalität. Als Saddam Hussein noch über den Irak herrschte, bekam man als Iraker leicht Asyl, also, so der Erzähler, seien aus Libanesen oder Syrern plötzlich Iraker geworden; auch politisch verfolgt worden seien die wenigsten, aber die bürokratischen Regeln hätten zum Erfinden solcher Schicksale gezwungen. Das sind interessante Inneneinsichten, und sicherlich Wasser auf die Mühlen fremdenfeindlicher Demagogen, die sich in Khiders Geschichten aus den Asylantenheimen bestätigt sehen werden. Das macht den Roman einerseits zu einem mutigen Statement, weil er sich fernab von Klischees offenbar um eine realistische Darstellung der Zustände bemüht, andererseits wäre das Buch in dieser Form heute wohl nicht mehr geschrieben worden. 

Ein weitaus größeres Problem für die innere Logik des Romans ist jedoch der Fluchtgrund des Protagonisten. Auch er war (anders als sein Autor) nicht politisch verfolgt, sondern wird von einem ganz anderen Leiden geplagt: Aufgrund einer hormonellen Anomalie sind ihm in der Pubertät Brüste gewachsen, die er seitdem von seinen Mitmenschen zu verbergen sucht, indem er stets weite Hemden und darunter enge, die Brust abklemmende Unterhemden trägt. Doch das in einer Duschkabine beim irakischen Militär? Da entschloss er sich lieber zur Flucht. Warum diese Brustgeschichte nun im Monolog des Protagonisten immer wieder auftaucht, wird nie wirklich deutlich: eine große dramaturgische Schwäche des Romans. Womöglich enthält sie eine bestimmte Symbolik, die jedoch nicht erkennbar wird. Aus literarischer Sicht ist dies leider nicht die einzige Enttäuschung: Eine weitere ist die beste, weil bewegendste Episode des Romans, in der Karim von seiner Jugendliebe im Irak erzählt, die urplötzlich vergewaltigt und ermordet wird. Eine erschütternde Geschichte, die ihn, wie er selbst schreibt, sichtlich traumatisiert hat, doch nachdem sie erzählt ist, spielt das Trauma im weiteren Verlauf des Romans kaum noch eine Rolle. Auch andere Geschichten werden angerissen, ohne später wieder aufgegriffen zu werden, so dass am Ende eher eine Aneinanderreihung in sich stimmiger und interessanter wie bewegender Episoden vorliegt als ein zu Ende konzipierter Roman. Die angestrengt konstruierte Rahmenhandlung um die titelgebende Ohrfeige, die Karim gleich am Anfang des Romans seiner Sachbearbeiterin verabreicht, bevor er sie an ihren Bürostuhl fesselt und ihr die vorliegende Geschichte erzählt, tut ihr Übriges. 

Letztlich muss sich jeder selbst die Frage stellen, was er von Literatur erwartet: Gesellschaftspolitische Relevanz oder künstlerischer Anspruch, wenn beides schon nicht zusammenfinden kann. Jedenfalls muss man nach der Lektüre sagen, dass man viel Interessantes und viel Erschütterndes über das Leben von Asylsuchenden in Deutschland gelernt hat. Vor allem wirkt die Sichtweise des Autors angenehm objektiv, gute und böse Menschen gibt es hier und da, niemand (außer dem Protagonisten) bekommt eine Heiligenschein aufgesetzt, niemand (außer der Sachbearbeiterin) wird verteufelt. Und deswegen ist der Roman, trotz all seiner kompositorischer Schwächen, empfehlenswert.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Abbas Khider: Ohrfeige. Roman.
Hanser Berlin, Berlin 2016.
220 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783446250543

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