Vorbemerkungen zur März-Ausgabe 2016

Das Thema Flucht ist in aller Munde. Während die Schreckensmeldungen über die Zustände der Flüchtlinge etwa an der syrisch-türkischen Grenze oder in den riesigen Flüchtlingscamps in Jordanien (Stichwort Zaatari) nicht abreißen, spitzt sich die Situation auch in Europa immer weiter zu: Längst überwunden geglaubte Grenzen werden wieder zu Bollwerken ausgebaut, die Forderungen nach „Abschiebeplänen“ immer vehementer und die Rufe in manch karg besiedeltem Landstrich im Osten immer hasserfüllter. Dass das Thema jedoch nicht nur in gesellschaftspolitischer, sondern auch in literarischer Hinsicht von Bedeutung ist, zeigt der von der Komparatistik-Redaktion in Mainz vorbereitete Schwerpunkt „Flucht und Fluchtbewegungen“ in dieser Ausgabe.

Migration und Bewegung in der Literatur ist kein neues, erst mit der Flüchtlingskrise entstandenes Phänomen, sondern hat schon immer eine Rolle gespielt. Man denke beispielsweise an die zahlreichen im Exil entstandenen Texte der aus Deutschland zur Zeit des Zweiten Weltkrieges geflohenen Autoren. Ein Blick auf den aktuellen Buchmarkt macht jedoch schnell deutlich, dass im Zuge der jüngsten Migrationsbewegungen die Zahl der literarischen und auch nichtliterarischen Texte, in denen Themen der Flucht und des Exils verarbeitet werden, signifikant gestiegen ist und auch zukünftig mit einer Flut an Novitäten zum Thema zu rechnen ist. Dem versuchen wir Rechnung zu tragen, indem wir den in dieser Ausgabe begonnenen Schwerpunkt in der April-Ausgabe fortsetzen werden.

Dass sich unser zweiter Schwerpunkt mit „Dem Unheimlichen“ beschäftigt, kommt ebenfalls nicht von ungefähr, erfährt der Begriff doch seit etlichen Jahren eine verstärkte Betrachtung in den Literatur- und Kulturwissenschaften. Ausgangspunkt für die Beschäftigung ist noch immer Sigmund Freuds 1919 erschienener Aufsatz „Das Unheimliche“, in dem er es definiert als „jene Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht“. Er koppelt es hier eng an das Verdrängte und Heimelige und expliziert seine ‚Theorie des Unheimlichen‘ an einem literarischen Text der Romantik: E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ (1816). Diesem Autor, laut Freud der „unerreichte Meister des Unheimlichen in der Dichtung“, widmen sich ebenfalls mehrere Beiträge in dieser Ausgabe.

Darüber hinaus gibt es vielfältigen Anlass zum Gedenken: Neben den 100. Todestagen von Henry James, dem Kosmopoliten zwischen Europa und den USA, und Franz Marc, dem „blauen Reiter“, der in der Schlacht von Verdun starb, wo er „das Entsetzlichste“ erlebte, „was sich Menschenhirne ausdenken können“, wird an Leben und Werk Umberto Ecos erinnert.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Stefan Jäger





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