Kein Ruder war nicht dran

Christian von Zimmermann erkundet in „Ästhetische Meerfahrt“ die Beziehung von Literatur und Natur in der Neuzeit

Von Olaf MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Olaf Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Umschlag von Christian von Zimmermanns Buch zeigt einen Ausschnitt aus einem Gemälde von Horace Vernet, der 1822 eine berühmte Episode aus dem Leben seines Großvaters Claude Joseph darstellte. Der 1789 gestorbene Claude Joseph Vernet war für seine Seestücke und Hafenstudien bekannt und hatte sich, um die Einzelheiten eines Sturms besser studieren zu können, an den Mast eines Schiffs anbinden lassen. Diesen dramatischen Moment hielt sein Enkel in dem Gemälde mit dem Titel Joseph Vernet, der angebunden an einen Mast die Auswirkungen des Sturms studiert eindrucksvoll fest. Das Bild verweist auf ein zentrales Anliegen von Zimmermanns Buch, nämlich die wiederholt geäußerte Frage, ob und in welcher Weise es einen Unterschied macht, ob jemand über das Meer in einem allegorischen Sinn spricht oder ob die Beschreibung auf eigene Anschauung zurückgeht. Wie man das einem Text im Zweifelsfall ansehen könnte, wird jedoch nicht näher erläutert. Es macht als französisches Gemälde auf dem Umschlag eines – mit Ausnahme einiger antiker Vorläufer und eines Dramas von Ibsen – ausschließlich deutschsprachigen Texten gewidmeten Bandes aber auch ein Problem der Auswahl deutlich, weil man für Meeresdarstellungen aus unmittelbarer Anschauung in der skandinavischen, französischen, englischen, spanischen oder portugiesischen Literatur der Neuzeit vielleicht noch einschlägigere Beispiele gefunden hätte.

Doch der Kern des Buchs geht auf eine germanistische Vorlesung zurück, die Zimmermann 2009 und 2014 an der Universität Bern gehalten hat, was die Beschränkung auf deutschsprachige Texte erklärt, die dann allerdings auch im Titel hätte vermerkt werden können. In der Einleitung unterscheidet Zimmermann drei „Strategien“ im literarischen und kulturellen Umgang mit dem Meer, die er Strategien der Bewältigung, der Bezwingung und des Respekts nennt. Der Unterschied zwischen den ersten beiden Strategien bleibt etwas unklar, wenn es zur Bewältigung heißt, der Mensch erfinde sich im Gegenüber mit dem vorgestellten Meer selbst in seiner Stellung zu Mitwelt und Kosmos, während er sich bei der Bezwingung „im Gegenüber des Meeres als Heros“ entwerfe oder als „Freigeist seine Strandspaziergänge in ruhiger Selbstgewissheit entlang an einem Meer durchführt, welches nur noch Projektionsfläche innerer Sehnsüchte und Phantasien ist“. Die Strategie des Respekts lässt sich wohl als eine der ökologischen Sorge um das Meer verstehen.

Dieser Gliederung in drei „Strategien“ entspricht der Aufbau des Buchs jedoch kaum: Nach einem ersten Kapitel zu den „Strategien der Bewältigung“ lauten die weiteren Kapiteltitel „Betrachtung“, „Spielball der Wellen“, „Vom Meer beherrscht“, „Grenzerfahrungen“ und „Grundlinien“. Erst in diesem letzten Kapitel erfährt man dann etwas deutlicher, dass Systematik gar nicht intendiert ist: die Arbeit habe sich die Freiheit genommen, „den historischen Stoff nicht […] unter einer leitenden These zu behandeln, sondern den historischen Stoff an zufälligen und planvollen Gegenständen sich entwickeln zu lassen“. Das Ganze habe daher als eine „Fahrt ins Blaue“ begonnen. So geben der Titel des Buchs und die Einleitung einen systematischen Zugriff vor, den die den literarischen Texten gewidmeten Abschnitte nicht einlösen und, wie erst in diesen Schlusspassagen ausdrücklich gesagt wird, auch gar nicht einlösen sollten. Es verwundert deshalb im Rückblick auch nicht mehr, dass die für die Argumentation eigentlich zentralen Begriffe Natur und Landschaft nirgends wirklich geklärt werden.

Auf der Fahrt ins Blaue begegnen die Leserinnen und Leser dennoch vielen interessanten Texten, die auf dem Meer oder am Meer angesiedelt sind. Nach einem einleitenden Abschnitt, für den Zimmermann sich ausgiebig auf Hugo Rahners Studie Symbole der Kirche (1964) stützt, folgen allegorische und faktuale Darstellungen von Schiffsreisen von Catharina Regina von Greiffenberg und Martin Opitz über die barocke Emblematik bis zur sehr konkreten Schiffsreise, die Adam Olearius in den 1630er Jahren nach Russland und Persien unternahm.

An vielen Stellen ist der ursprüngliche Vorlesungscharakter noch etwas zu deutlich zu spüren, wenn etwa Arthur Henkel und Albrecht Schöne als „zwei der bekanntesten Germanisten der 1960er und 1970er Jahre“, Oskar Walzel als der „einst bekannt[e] Literaturhistoriker“ oder Wolfgang Riedel als „einer der gewichtigeren Vertreter einer anthropologisch akzentuierten Literaturwissenschaft“ bezeichnet werden. Auch die Ausführungen zur barocken Emblematik oder zu den Prinzipien von Imitatio und Emulatio haben offenbar das Publikum einer literaturwissenschaftlichen Einführungsveranstaltung vor Augen. Dagegen wäre an sich nichts zu sagen, aber es trägt zum etwas unentschlossenen Eindruck bei, den das Buch hinterlässt.

In der Nachfolge Hans Blumenbergs und Ralph Häfners entfaltet Zimmermann dann zum Schluss des ersten Teils die Entwicklung des Motivs des Schiffbruchs mit Zuschauer von Lukrez über Salomon Gesner bis zu Goethes Seefahrt-Gedicht. Es folgen lesenswerte Ausführungen zum Meer und seinen Lebewesen in Barthold Hinrich Brockes Irdisches Vergnügen in Gott und in Herders Spätwerk Kalligone (1800), die auch als Antwort auf Kants Kritik der Urteilskraft intendiert war und wichtige Passagen über das Erhabene enthält. Auch hier fragt sich Zimmermann aber immer wieder, wie sehr es sich bei den Meeresschilderungen um „ungefilterte Empirie“ und die Verarbeitung eigener Seereiseerfahrung handele.

Wie bereits bei Brockes, geht es auch in den anschließenden Erörterungen zu den diversen Texten des Rügener Pfarrers Ludwig Gotthard Kosegarten, in denen das Meer thematisch wird, um die Tradition der Physikotheologie in diesen Schriften, also um die Frage, ob die empirisch wahrnehmbare Natur als Gottesbeweis aufgefasst werden kann. Das führt bisweilen zu sehr amüsanten Details, wenn etwa bei Kosegarten der Hering besungen wird, aber ein roter Faden, um bei maritimer Metaphorik zu bleiben, ist nur mit Mühe zu erkennen. Gemessen am eingangs formulierten Anspruch, die untersuchten Texte kultur- oder mentalitätsgeschichtlich zu verorten, sind die langen Nacherzählungen der Werke Kosegartens jedenfalls etwas unbefriedigend.

Auch bei den Ausführungen zu Heines Nordsee geht es um alles Mögliche, aber nur am Rande um das Meer; und wenn es um das Meer geht, kann man eigentlich nur feststellen, dass Heine damit macht, was er will und mit den Traditionen der Meeresdarstellung ebenso spielt, wie mit allen anderen literarischen Traditionen. Es folgen noch Abschnitte zur Bedeutung des Meers in Georg Simmels Schrift Die Alpen (1911) und zu Baudelaires Gedicht „L’homme et la mer“ in der Übersetzung von Stefan George, das Zimmermann einem Gedicht von Gustav Pfarrius von 1860 gegenüberstellt, das zufällig denselben Titel trägt. Unter dem Titel „Spielball der Wellen“ widmet Zimmermann ein längeres Kapitel der erotischen Symbolik des Meeres in Ibsens Frau vom Meere (1889), Gerhart Hauptmanns Gabriel Schillings Flucht (1905/1906) und Keyserlings Roman Die Wellen (1911).

Zwei Erfolgsromane aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, Bernhard Kellermanns Das Meer (1910) und Gorch Focks Seefahrt ist not! (1912) untersucht Zimmermann dann vor allem in sozialhistorischer Perspektive. Auch das ist nicht uninteressant, hat aber mit der Herangehensweise der vorhergehenden Kapitel wenig zu tun. Auch wird der Bezug zum Titelthema etwas aus dem Auge verloren, da die Meereswahrnehmung und das Verhältnis von Literatur und Natur nur eine untergeordnete Rolle gegenüber sehr konkreten sozialhistorischen Aspekten des Fischereiwesens auf Finkenwerder und der Frage spielen, was den Roman des 1916 verstorbenen Gorch Fock zu einem so großen Erfolg in der Zeit des Nationalsozialismus machen konnte.

Storms Schimmelreiter wird anschließend vor dem Hintergrund der von Zygmunt Bauman beschriebenen „Ambivalenz der Moderne“, den Selbstmordtheorien Émile Durkheims und Thomas Masarycks und neueren, auch Zimmermanns eigenen Arbeiten zum Schimmelreiter gelesen, die besonders die Thematik der Nervenschwäche und dessen akzentuieren, was Zimmermann als Burn-out-Symptome in Storms Text identifiziert.

Zum Schluss folgen noch Ausführungen zu Alfred und Gisela Anderschs Nordmeerexpedition von 1965, die zu einem Film im ZDF und zu dem Reisebericht Hohe Breitengrade (1969) geführt hat, und die Zimmermann mit Hanns Cibulkas „Tagebucherzählung“ Seedorn (1985) in Verbindung bringt.

Das leider erst ganz am Ende des Buches offen benannte Konstruktionsprinzip der „Fahrt ins Blaue“ führt, wie dieser Versuch einer Zusammenfassung zeigt, zu einem insgesamt doch sehr impressionistisch und beliebig wirkenden Resultat, wenn sich auch an vielen Stellen Anregendes finden lässt. Da aber kein Faden konsequent verfolgt und keine zentrale These formuliert wird, geht es dem Leser, um in der vom Autor rege bemühten nautischen Metaphorik zu bleiben, ein wenig wie bei der aus dem Kinderlied bekannten, ruderlosen Fahrt über den See.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Christian von Zimmermann: Ästhetische Meerfahrt. Erkundungen zur Beziehung von Literatur und Natur in der Neuzeit.
Georg Olms Verlag, Hildesheim 2015.
328 Seiten, 49,00 EUR.
ISBN-13: 9783487153728

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