Wie eine rassistische Gesellschaft funktioniert

Malla Nunn hat mit „Tal des Schweigens“ eine neue verlegerische Heimat gefunden

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Attraktivität von ariadne scheint auch bei internationalen Krimiautorinnen deutlich gestiegen zu sein. Nun ist auch Malla Nunn, die bislang von Rütten & Loening betreut wurde, dorthin gewechselt, was dem Verlag zweifelsohne gut tut. Immerhin hält sich „Tal des Schweigens“ bereits seit drei Monaten auf der von Tobias Gohlis aufgestellten Krimibestenliste, was angesichts der Produktivität des Genres erstaunlich ist. Und Nunn ist ein guter Name im südafrikanischen Krimi, der seit einigen Jahren außerordentlich erfolgreich ist, zu recht und doch erstaunlich.

Denn auch wenn Nunn mit ihren Romanen nicht nur ein essentielles Thema der südafrikanischen Gesellschaft aufnimmt, stilistisch sind ihre Texte bessere Hausmannskost. Aber sage einer was gegen Hausmannskost, wenn sie sättigt und schmeckt.

Die Protagonisten sind ein weißer, nach den südafrikanischen Regeln der 1950er-Jahre eigentlich ‚gemischtrassiger‘ Polizist, sein schwarzer Kollege und ein jüdischer Arzt, der dem Holocaust entkommen ist. Die Hauptfigur, Detective Emmanuel Cooper, leidet unter einem veritablen Kriegstrauma, was sich nicht nur in seinen ständigen Alpträumen zeigt, sondern auch daran, dass er andauernd die Stimme seines schottischen Ausbilders im Ohr hat, der seine Aktionen beständig kommentiert und sich als eine Art personifiziertes Bauchgefühl geriert.

Coopers schwarzer Kollege, Shabalala, dessen Aufstiegsmöglichkeiten im Südafrika der 1950er-Jahre naheliegend limitiert sind, fungiert als eine Art Fachmann für Schwarzafrika. Der deutsch-jüdische Arzt hingegen, der gleichfalls unter rassistischen Anfeindungen zu leiden hat, übernimmt den Part des der Sache verschriebenen Fachmanns, der nicht zu korrumpieren ist.

Diese drei, die immer wieder gemeinsam auf einen Fall losgelassen werden, fungieren aber nicht nur als das klassische Ermittlerteam, sondern übernehmen darüberhinaus die Aufgabe, die rassistische Gesellschaft des Apartheid-Regimes in aller Deutlichkeit vorzuführen. Auch der Fall, der immerhin die Folie der gesamten Handlung bereitstellen muss, dient eigentlich mehr der Darstellung des Regimes, dessen inhumane und absurde Seiten herauszuarbeiten sind.

Die Absurdität des Ganzen wird noch dadurch gesteigert, dass ja nicht nur Weiße über Schwarze herrschen und sie in der Dienstbotenposition zu halten suchen, auch innerhalb der Gruppe der Weißen sind deutliche Abgrenzungen zwischen englischstämmigen Weißen, Buren und Juden gezogen – von ‚Mischlingen‘ und Indern beispielsweise nicht zu reden. Das System funktioniert zudem offensichtlich über Willkür und Korruption. Beziehungen sind wichtiger als das Gesetz, und Gesetze sind vor allem dazu da, dann angewandt zu werden, wenn sie jemand, der etwas zu bestimmen hat, benötigt. Durchzogen ist diese Gesellschaft von Konkurrenzen und Auseinandersetzungen, die nur mühsam unter der glatten Oberfläche des Apartheid-Regimes verborgen werden können.

Nunn aber zeigt dieses System in seiner Alltäglichkeit, in der Verachtung und Abgrenzung auch dann die Hauptelemente der Beziehungen untereinander sind, wenn ansonsten das Verhältnis extrem intim ist. Weiße und Schwarze leben auf engstem Raum, zum Teil unter ärmlichsten Verhältnissen zusammen – und dennoch behaupten die Weißen die Macht für sich, kommandieren ihr Personal und leben ansonsten aus, was ihnen in den Sinn kommt. Zum Teil eben dann im Verborgenen.

Das ist in der Banalität, in der Nunn ein solches System schildert, erschreckend, aber historisch einigermaßen realistisch. Was es nicht erträglicher macht. Es ist kaum zu verstehen, geschweige denn verständlich, wieso eine rassistisch motivierte Gesellschaft überhaupt funktionieren kann, wie irgendjemand in einer solchen Gesellschaft leben kann, ohne von ihr – auf welcher Ebene auch immer – abgestoßen zu sein.

Dass allerdings auch der umgekehrte Fall, nämlich die Abgrenzung vom rassistischen Regime nicht ganz unproblematisch ist, zeigt Nunn gleichfalls. Eine Ärztin, die auf Distanz zu den korrupten Rassisten ihres Ortes geht, kann sich dennoch nicht vollständig von den Routinen ihrer Herkunft und Haltungen lösen. Ein rassistisches Regime ist ein grausames Regime, es verdirbt alle, die von ihm profitieren und die ihm unterworfen sind, und es lässt selbst die nicht los, die sich von ihm ablösen.

Die südafrikanische Krimiszene, die nach der Fußball-WM 2010 verstärkt auch in Deutschland wahrgenommen wird, hat zahlreiche Autoren hervorgebracht, die sich mit dem Apartheid-Regime wie mit seinem Nachwirken, freilich auch mit dem Übergang zur Zivilgesellschaft beschäftigen. Nunn nun taucht tief ein in jenes Jahrzehnt, in dem die Apartheid auf ihrem Höhepunkt zu sein schien – und ihre Bruchstellen doch schon erkennbar waren – die Korruption, die Machtgier und die Verachtung.

Titelbild

Malla Nunn: Tal des Schweigens.
Übersetzt aus dem Englischen von Laudan und Szelinski.
Argument Verlag, Hamburg 2015.
317 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-13: 9783867542074

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