Glauben und Flucht

In „Unorthodox“ beschreibt Deborah Feldman ihr Leben als chassidische Jüdin und die Flucht vor den religiösen Fesseln

Von Sascha SeilerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sascha Seiler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Um es vorweg zu nehmen: Bei Deborah Feldmans autobiographischen Bericht Unorthodox handelt es sich um einen 2012 in den USA erschienenen, sehr kontrovers diskutierten „Millionen-Bestseller“ (Zitat aus dem Klappentext), der nun, mit vierjähriger Verspätung, in deutscher Übersetzung erscheint. Jener äußerst knapp gehaltene Klappentext verrät zudem, dass „noch nie […] eine Autorin ihre Befreiung aus den Fesseln religiöser Extremisten so lebensnah, so ehrlich, so analytisch klug und dabei literarisch so berührend erzählt“ hätte. Nun hat man es hier einerseits mit einer leicht überzogenen Variante verkitschter Klappentextrhetorik zu tun, andererseits setzt gerade in der heutigen Zeit der Ausdruck ‚religiöse Extremisten‘ bei vielen Menschen bestimmte Assoziationsmechanismen in Gang, die sich im Spannungsfeld islamistischer Terrororganisationen und fanatischer Todessekten bewegen. Tatsächlich aber stammt Feldman aus einer Familie chassidischer Juden und ist im Brooklyner Stadtteil Williamsburg aufgewachsen, wo Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft traditionell residieren. Isoliert ja, sicher auch gefangen in einem Glaubenssystem, aus dem es nicht so leicht einen Ausweg gibt. Doch der vom Verlag gewählte Ausdruck des ‚religiösen Extremismus‘ wirkt in diesem Zusammenhang reißerisch und unklug.

Beides kann man von Feldmans Memoiren glücklicherweise nicht behaupten. Die kontroverse Debatte, die sich um das Buch entsponnen hat, basiert indes vor allem auf dem Selbstbild, das die Autorin von sich entwirft. Denn das steht in heftigem Widerspruch zu den Entgegnungen gerade von Seiten jener Leser, die vorgeben, sie persönlich gekannt zu haben. Nachprüfen lässt sich der Wahrheitsgehalt vieler der in Unorthodox erzählten Geschichten natürlich nicht, doch mit Vorsicht genießen sollte man sie trotzdem.

Erzählt wird aus dem Leben einer jungen Frau, die in eine jüdische Familie chassidischen Glaubens hineingeboren wird; ihr Vater ist scheinbar dem Wahnsinn verfallen und streunt daueralkoholisiert durch die Straßen Williamsburgs. Helfen möchte ihm niemand, denn Geisteskrankheiten gelten im Glaubenssystem als nicht behandelbar. Ihre Mutter hat sich aus ihr unbekannten Gründen aus dem Staub  gemacht und ihren Glauben aufgegeben – später wird sie herausfinden, dass sie lesbisch ist. Deborah wächst daher bei ihren streng gläubigen Großeltern auf und gewährt dem Leser Einblick in eine Welt, die den meisten Menschen unbekannt sein wird. Ein Glaube, der sich nach dem richtet, was der jeweilige Rabbiner, oft sehr spontan, vorgibt, in dem man den Holocaust als Strafe Gottes empfindet und daher noch gläubiger, noch gottesfürchtiger sein Leben gestalten soll. Frauen müssen sich die Haare abrasieren und Perücken tragen, junge Menschen werden zwangsverheiratet, Selbstbefriedigung und Verhütung sind verboten. Selbst das Sexualleben ist – jeweils an der beruflichen Auslastung des Mannes ausgerichtet – streng geregelt: Thora-Studenten wie Feldmans Ehemann etwa dürfen immer freitags ihre Frau begatten. Doch diese Welt scheint auch, dies liest man unausgesprochen zwischen den Zeilen, eine Schutzhülle vor der Gesellschaft zu sein. Die verschworene Gemeinschaft, die ihre Mitglieder konsequent vor der Zivilisation abschottet, beschützt sie andererseits auch. Da dieses System in sich zu funktionieren scheint, kommt beim Leser, anders als der Klappentext suggeriert, nur selten das Gefühl echter Beklemmung auf. Die dargestellten Personen sind allesamt Menschen, die sich einem strengen religiösen Diktum beugen, jedoch niemals Böses im Sinn haben. Es sind wohlmeinende, rechtschaffende Bürger, keine Sadisten oder gar größenwahnsinnige Fanatiker.

Deborah Feldman gelingt es nicht, ihre Flucht aus diesem Leben als den dramatischen Akt zu inszenieren, als den sie ihn selbst wiederholt beschrieben hat. Ihr Ehemann ist ein gutherziger, streng gläubiger, nicht besonders intelligenter Zeitgenosse und keinesfalls ein Tyrann, auch wenn er dem Gedanken nicht abgeneigt ist, auf sein freitägliches Recht auf Sex zu pochen. Auch ihre Großeltern wirken herzlich und selbst ihre dominante Tante, die sich ihrer meist annimmt, macht keinen  unsympathischen Eindruck. Und doch dreht sich alles um ihre schrittweise Ablehnung der orthodoxen Regelauslegung: Als Jugendliche liest sie heimlich Romane unter der Decke und schleicht sich in die verbotenen Bibliotheken. Literatur, so sagt sie, habe ihr zeitlebens die Kraft gegeben, an Selbstbestimmung zu glauben. Als Mutter beginnt sie die minutiösen Reinigungszeremonien zu schwänzen. Als Ehefrau nimmt sie heimlich ein Collegestudium an einer nicht-jüdischen Hochschule auf. Dort beginnt sie langsam, sich weltlich zu kleiden – zumindest für die Unterrichtsstunden. Und sie beginnt zu schreiben. Über neu gewonnene Freunde kommt sie in Kontakt zu einem Verlag, bei dem sie ihre Memoiren einreicht. Und als ihr kleiner Sohn in das Alter kommt, in dem er in chassidischen Riten eingeführt werden soll, flieht sie. Damit endet das Buch, ein zweiter Teil ist kürzlich auf Englisch erschienen.

Nachdem der Roman ein so großer Erfolg geworden war, begann auch ein Kampf um die Deutungshoheit. Bemerkenswert ist ein langer Artikel einer angeblich engen Freundin, die schreibt, Feldmans College-Studium beispielsweise sei keineswegs geheim gewesen, sie habe sogar einen Aufkleber der Hochschule an ihrem Auto angebracht. Tatsächlich wird die Selbststilisierung der Autorin im Lauf der Lektüre des Buches immer unangenehmer. Stets erscheint sie klüger, redegewandter, listiger, aufgeklärter, gebildeter als alle um sie herum. Jede Freiheit, die sie sich erkämpft, zelebriert sie mit dem Hinweis auf den Mut, der sie diese Tat gekostet hat, obwohl Konsequenzen stets ausbleiben. Wäre diese Selbstmythisierung etwas bescheidener ausgefallen, so wäre das Buch umso lesenswerter geworden.

Denn im Wesentlichen ist Unorthodox ein ungemein spannendes Buch, das tiefe Einblicke in eine fremde Welt gewährt; vor allem die Beschreibungen der Reinigungsprozesse sind peinigend und schockierend. Würde sich die Protagonistin allerdings nur ein wenig zurücknehmen, wäre plötzlich der Blick frei auf die anderen Hauptfiguren, wie ihren Ehemann, ihre Schwägerin, ihre Tante. So bleiben diese leider zweidimensionale Pappkameraden, ohne Funktion jenseits der Bestätigung der Protagonistin. Das mag für das Schreiben der eigenen Lebensgeschichte legitim sein. Trotzdem ist es schade, weil dem leider auch nicht sonderlich intelligent komponierten Buch auf diese Weise viel von der erzählerischen Kraft genommen wird, die es selbst wie auch der Verlag im Klappentext immer wieder versprechen.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Deborah Feldman: Unorthodox.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Christian Ruzicska.
Secession Verlag für Literatur, Zürich 2016.
316 Seiten, 20,50 EUR.
ISBN-13: 9783905951790

Weitere Informationen zum Buch

Leserbriefe

Irene Ittekkot: Als Ergänzung zu dem hier rezensierten Buch "Unorthodox" wäre das Buch "All who go not return" von Shulem Deen nachdrücklich zu empfehlen (leider noch nicht ins Deutsche übersetzt). Deen stammt ...





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