Gedichte, ernst genommen

Eine Sondierung

Von Dieter LampingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Lamping

„Man klagt, daß unsere Poeten nicht ernst genommen werden, vor allem die lyrischen“, stellte Max Frisch 1947 fest. Er fand das ganz in Ordnung – bei „Poeten, die Poesie machen, die hinter ihrem und unserem Bewusstsein zurückbleibt“. Das will sich heute kein Lyriker und keine Lyrikerin mehr nachsagen lassen. Ihre Anstrengungen, auf der Höhe der Zeit zu sein, sind meist unübersehbar. Dennoch kann man die Klage, dass Gedichte nicht ernst genommen werden, immer noch hören, auch außerhalb der Schweiz. Die Betroffenen darf man allerdings nicht fragen. Sie nehmen sich und ihre Gedichte natürlich fast alle ernst – und fühlen sich fast alle zu wenig ernst genommen. Das haben sie mit Erzählern und Dramatikern gemeinsam, außerdem mit Kritikern, Professoren und Friseuren.

Wird Lyrik ernst genommen? Ökonomisch sicher nicht. Kein Verlag würde seine Existenz auf den Verkauf von Gedichtbänden gründen – es sei denn, er wollte sehr klein bleiben oder sich ganz auf das Einsammeln von Druckkostenzuschüssen spezialisieren. Lyrik ist in der Regel kein Geschäft, weder für Verleger noch für Dichter. Allenfalls Kritiker mögen manchmal etwas Geld verdienen, wenn sie Gedichte verreißen.

Auf der anderen Seite gibt es mancherlei Unterstützung für ‚Poeten’. Wer versucht, sich allein über die aktuellen Lyrikpreise kundig zu machen, verliert schnell den Überblick. Nicht nur Stiftungen und Städte, auch Privatpersonen vergeben solche Preise, die mal nach ihnen, mal nach großen Lyrikern benannt sind. Hinzu kommen allerlei Stipendien, nicht zu reden von Zuschüssen zu Einzel- oder Gruppen-Lesungen, die meist Poetry Festivals heißen, auch wenn keiner Gedichte auf englisch vorliest. Das alles erweckt den Eindruck, als hielte man das Verfassen von Gedichten für ein förderungswürdiges Kulturgut. Kann man in unserer Gesellschaft etwas ernster nehmen, als wenn man Geld dafür bezahlt?

Manchem Lyriker mögen solche Zuwendungen ein Gefühl der Genugtuung, wenn nicht sogar der eigenen Bedeutsamkeit geben. Für andere Arten öffentlicher, insbesondere staatlicher Aufmerksamkeit dürften sie dagegen weniger dankbar sein. 1990 machte Reiner Kunze in einer Dokumentation bekannt, dass ihn die „Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik“ von 1968 bis zu seiner Ausreise 1977 observiert hatte. „Die Akte umfasst 12 Bände mit insgesamt 3491 Blatt“. Als Ziele der Beobachtung wurden u.a. festgehalten: „Kompromittierung des Kunze in Schriftstellerkreisen der DDR und der ČSSR“ und „Einschränkung seiner Resonanz“. Das Verfahren lief unter dem Decknamen „Lyrik“.

Das große Vorbild für einen solchen Umgang mit Dichtern war zweifellos die revolutionäre Sowjetunion. Schon früh misstraute sie den Verfassern von Versen. Abgesehen von Wladimir Majakowski, der sich 1930, mit 36 Jahren, das Leben nahm, gibt es keinen großen russischen Lyriker des 20. Jahrhunderts, der nicht in irgendeiner Weise verfolgt wurde – von Anna Achmatova und Marina Zwetajewa über Ossip Mandelstam bis zu Boris Pasternak und Jossif – später Joseph – Brodsky, der nach eineinhalb Jahren Zwangsarbeit ausgebürgert wurde und in den Westen ausreisen konnte.

Auch im Lande der Dichter und Denker wurden an Lyriker nicht immer nur Gelder und Ehrungen verteilt. Als im Frühjahr 1933 an deutschen Universitäten die Bücher missliebiger Autoren verbrannt wurden, waren unter ihnen mit Erich Kästner und Kurt Tucholsky auch zwei erfolgreiche Lyriker. An manchen Orten wie etwa in Halle nahm man Heinrich Heine, Klabund und Alfred Ehrenstein in die Liste auf. Mit Ausnahme von Gottfried Benn gingen die meisten bedeutenden deutschsprachigen Lyriker nach dem Januar 1933 ins Exil – von Else Lasker-Schüler bis Bertolt Brecht.

Weniger gefährlich, aber auch meist unerfreulich ist es für Dichter, wenn ihre Verse stürmische Empörung hervorrufen: Literaturskandale, die nicht selten auch ihre politische Seite haben. Die Verfasser solcher Gedichte werden dann nicht nur ästhetisch kritisiert. Sie werden beschimpft und beleidigt, mitunter sogar bestraft. Heinrich Heines Lied „Die schlesischen Weber“, aus Anlass des Weberaufstands 1844 entstanden, war ein solches Skandal-Gedicht. Im von Karl Marx herausgegebenen Vorwärts! gedruckt, wurde es bald nach der Veröffentlichung vom Königlichen Kammergericht in Berlin verboten. Alfred Anderschs lyrischer Leitartikel „Artikel 3(3)“ entfachte eine heftige öffentliche Auseinandersetzung, nachdem er im Literaturmagazin des SWR nicht gesendet werden durfte. International noch schärfer diskutiert wurde das Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass. Es trug dem Verfasser u.a. ein Einreiseverbot für Israel ein.

Dichter und Gedichte ernst nehmen muss allerdings nicht heißen, ihnen mit Verbot und Verfolgung, mit unerbittlichem Ernst und unversöhnlicher Feindschaft zu begegnen. Es gibt auch weniger dramatische und weniger aggressive Arten der Aufmerksamkeit für sie. Die wichtigste ist ihre eigene: Schon immer haben Dichter aufeinander Bezug genommen, zustimmend oder zweifelnd, ehrfürchtig oder respektlos. Einen Autor ernst nehmen heißt, für einen Autor, aber vielleicht nicht allein für ihn, zunächst und vor allem: ihn lesen. Das ist wenig – und viel zugleich. Aber wie liest man Gedichte, wenn man sie als Leser ernst nimmt?

Man nimmt sie beim Wort. Genauer gesagt: Man nimmt alles an ihnen genau: die Wörter, ihre Auswahl, ihre Verknüpfung und ihre Anordnung. Man bedenkt sie. Man prüft sie. Man stimmt ihnen zu und stärkt sich an ihnen. Man streitet mit ihnen und ärgert sich über sie. Man zerlegt sie und setzt sie wieder zusammen. Dann wirken sie äußerlich wieder wie vorher – und sehen uns doch etwas anders an. Das alles – und noch mehr – heißt: sie ernst nehmen.

Manche Leser mögen es allerdings nicht, wenn man so mit Lyrik umgeht: Es erscheint ihnen unangemessen, irgendwie „kalt und herzlos“. Sie glauben nicht zu ihrem Recht zu kommen: sich gut zu fühlen, wenn sie Verse lesen. „Der Laie“, schrieb Bertolt Brecht in den 30er-Jahren, „hat für gewöhnlich, sofern er ein Liebhaber von Gedichten ist, einen lebhaften Widerwillen gegen das, was man das Zerpflücken von Gedichten nennt, ein Heranführen kalter Logik, Herausreißen von Wörtern und Bildern aus diesen zarten blütenhaften Gebilden“. Bertolt Brecht wollte von solcher Feinfühligkeit nichts wissen, weil „nicht einmal Blumen verwelken, wenn man in sie hineinsticht. Gedichte sind, wenn sie überhaupt lebensfähig sind, ganz besonders lebensfähig und können die eingreifendsten Operationen überstehen“. Nicht nur, dass solche Auseinandersetzungen Gedichten wenig anhaben können – in ihnen leben sie geradezu fort. Sie sind Proben auf ihre Haltbarkeit. In ihnen finden Gedichte erst ihre Leser, die genauso sind wie sie: eigensinnig und, wenn auch nicht immer ernst, so doch ernst zunehmen.

Literaturhinweise

Max Frisch: Tagebuch 1946-1949. Frankfurt a.M. 1965 (1. Aufl. 1950), Zitat S. 221.

Reiner Kunze: Deckname „Lyrik“. Eine Dokumentation. Frankfurt a.M. 1990, Zitate S. 11 und 16.

Bertolt Brecht: Über Lyrik. Zusammenstellung und Redaktion: Elisabeth Hauptmann. Frankfurt a.M.  3. Aufl. 1968, Zitat S. 123.

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag gehört zu Signet von Simone Frieling.

Er ist seit dem 12.4.2016 auch bei Literatur Radio Bayern zu hören.





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