Wo die toten Hunde liegen

Zu den Ausgrabungen Gerhard Wagners im Heimatland mittelalterlicher Redewendungen

Von Benedikt KleinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Benedikt Klein

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Problem kennen wir alle – oder haben zumindest schon einmal davon gehört: wer zu tief gräbt, läuft Gefahr, etwas zu finden. Meist etwas Unerfreuliches. So erging es zumindest den Zwergen in den Minen von Moria, und so erging es auch jüngst den Polizeibeamten, die zu tief in Volker Becks Taschen gruben. Um derlei Unannehmlichkeiten zu vermeiden, gräbt Gerhard Wagner weder nach Edelmetallen, noch in den Westentaschen prominenter Politiker nach verdächtigen Substanzen. Er gräbt nach toten Hunden. Im übertragenen Sinn. Und zwar nach der Herkunft von rund 300 Redewendungen. Ort seiner Ausgrabungen ist das Mittelalter. Dort konzentriert er sich mit seinen archäologischen Bemühungen jedoch nicht nur auf ein vermeintliches Tal der Könige, sondern beackert die beinahe tausendjährige Bandbreite der Epoche mit all ihren Hügeln und Tälern bis in die Frühe Neuzeit hinein.

Obwohl von Hause aus Germanist und Historiker, und somit dem Stande der Geisteswissenschaftler angehörig, betreibt Wagner seine Archäologie nicht wie einst Foucault im Hinblick auf diskursive Praktiken oder gar im methodologischen Sinne. Er gräbt deshalb auch nicht für ein wissenschaftliches (Fach-)Publikum. Er gräbt, um zu zeigen, dass den bis heute gebräuchlichen Redewendungen meist äußerst konkrete Handlungen aus allen Bereichen des alltäglichen Lebens zugrunde liegen und ordnet diese damit in den jeweiligen kulturgeschichtlichen Kontext ein. Damit liefert er einen durchaus nicht unwichtigen Beitrag zu einem realistischen Geschichtsverständnis und bedient außerdem das gegenwärtig populäre Interesse an Sprachpflege. Zudem erläutert Wagner, wie eng im Mittelalter Sprache und Gegenständlichkeit des Alltags zusammenhingen. Und diese Gegenständlichkeit der Sprache vermittelt in der Summe ein so lebhaftes und allgemeinverständliches Bild des Mittelalters, wie es in einem wissenschaftlichen Tagungsband oder während eines Exponate-Hoppings im Museum nur schwerlich dargestellt werden kann. Kein Wunder also, dass sich die archäologische Pionierarbeit bezahlt macht. Die Ergebnisse von Wagners Grabungsunternehmung sind bereits in zwei Verlagen in insgesamt über 30 Auflagen publiziert worden. Um den Erfolg des kleinen Bestsellers weiterhin voranzutreiben und um das zurückkehrende Interesse am vorgelesenen Buch kommerziell nicht ungenutzt zu lassen, hat die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, die ja bekanntlich nichts anbrennen lässt, um den historisch interessierten Laien mit geeigneten Titeln zu versorgen, gleich zwei Hörbuch-Versionen von Wagners Bändchen in Auftrag gegeben.

Auch die 2015 erschienene Adaption lässt mit dem Titel „Hier liegt der Hund begraben. Redewendungen aus dem Mittelalter“ wieder in 70 Minuten Länge knapp 50 tote Hunde exhumieren. Ähnlich dem Vorgänger von 2013 hat man erneut einen männlichen sowie einen weiblichen Sprecher engagiert, die sich alternierend der einzelnen Redewendungen annehmen und deren jeweilige Intonation einerseits den für die Tagesschau üblichen Seriositätsbestimmungen genügt, andererseits aber auch gut zu Wagners Plauderton passt. Zur Orientierung wird die Kapitelgliederung des Buches nach den wichtigsten mittelalterlichen Lebensbereichen (Ritterliches, Kirchliches, Gerichtliches, Handwerkliches etc.) beibehalten und mit einer jeweils einzeln anwählbaren Tonspur versehen. Hier gibt es überhaupt nichts zu bemängeln. Führt man sich allerdings vor Augen, dass man für zwei unterschiedliche Hörbücher mit insgesamt nur einem Drittel des Buchinhalts das Doppelte springen lassen muss, wird das Hörvergnügen nicht nur zur pekuniären Arithmetik, sondern zum puren Luxus. Und deshalb liegt hier ein ganz anderer Hund begraben: für die Hörbuch-Bearbeitung hätte man sich in gleicher Weise eine Überarbeitung oder zumindest eine minimale Textrevision gewünscht, vor allem aber ein paar Minuten mehr. Hätte man dabei an den Orten gekürzt, wo Wagner zu sehr ins Schwadronieren gerät und gerne übers Ziel hinausschießt, oder hätte man an den Orten gekürzt, wo Wagners joviale Spaßigkeit kaum noch eine Katze hinter dem Ofen hervorlockt und sich allenfalls ältere Semester totlachen, dann hätte man mehr erläuterte Redewendungen unterbringen können und vielleicht die Hälfte fürs Doppelte bekommen. Aber was nutzt hier der Konjunktiv. Bei der aktuellen Preispolitik jedenfalls macht das Buch gegenüber dem vorgelesenen Buch (bzw. Hörbuch) deutlich das Rennen. Und ganz nebenbei: dieses Moment unterscheidet sich ganz gravierend von der mittelalterlichen Sachlage. Aber nach diesem Hund hat Gerhard Wagner ja gar nicht gegraben. Das hat in letzter Instanz der Verlag zu verantworten. Und nach welchen Devisen die Verlage zu leben pflegen, das geht bisweilen auf keine Kuhhaut und bestätigt die Befürchtung, dass notorische Ausgräber unerfreuliche Dinge finden.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Gerhard Wagner: Da liegt der Hund begraben! Redewendungen aus dem Mittelalter.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015.
CD (70 Min.), 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783654604176

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