An den zerfaserten Rändern der Welt

21 Jahre „Faserland“ – was bleibt uns denn, außer Isabella Rossellini?

Von Emily JeuckensRSS-Newsfeed neuer Artikel von Emily Jeuckens

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Verschwindend, zerfasernd. So gehen sie auf dem Zürichsee der Welt verloren, der Protagonist, die goldene Jugend, die alte BRD. Christian Krachts Debüt Faserland war schon bei seinem Erscheinen 1995 keine Elegie auf die vermeintlich bessere Vergangenheit und ist auch heute kein nostalgisches Manifest der sorglosen 80er Jahre. Und doch wirkt es, wiedergelesen und neuentdeckt, wie eine letzte große Party vor der Jahrtausendwende, während sich am Horizont bereits die Tendenzen abzeichnen, von denen die aktuellen literarischen Diskurse geprägt sind: der Einfluss der Wirtschaft auf das Privatleben, die Entgrenzung identitärer Strukturen, der Zwang zur Kreativität.

Krachts namenloser Protagonist verschloss sich all dem, weil es noch möglich war, sich zu verschließen. Weil es aus Zugfenstern heraus das vorbeiziehende, hektische Deutschland zu beobachten gab, das kleingeistige Großbürgertum und den Trend, über große Gesten der Geschichtsaufarbeitung in selbstgefälligen Nationalismus zu verfallen. Er trank und konsumierte orgiastisch, erbrach, was er sich einzuverleiben versuchte, zelebrierte wollüstig Statussymbole und war gleichzeitig sexuell derart tiefenverwirrt, dass er eine frigide Beziehung mit Isabella Rossellini auf den Hebriden der realen Lust vorzog.

Dieses Debüt war ein Fanal, ein rotzig-böser Erstling, der dem damals 30-Jährigen Autor eine Schlüsselrolle in der deutschsprachigen Popliteratur verschaffte. Seitdem vertiefte er seine Sujets von Einsamkeit, Fragilität, Dekadenz und Dystopie in 1979 und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Doch die Folgewerke scheinen nie ganz davon abzulenken, dass Faserland, als einer der wichtigsten Texte der 1990er Jahre, geradezu als Referenzpunkt für provokative Debüts an sich gesehen wird. Krachts Roman ist Teil des Kanons der Gegenwartsprosa geworden, ein großer literarischer Knall am Ende des 20. Jahrhunderts, dessen Seiten von Grünofant und Koks laut knistern.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Christian Kracht: Faserland.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.
176 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783462042399

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