So viele Gedichte, wie das Jahr Tage hat

Rolf Hochhuth fasst seine Lebenserfahrungen in einem „Grundbuch“ zusammen

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Neben anderen kunstsinnigen Dingen sollte man nach Johann Wolfgang Goethe jeden Tag „ein gutes Gedicht lesen“. Der Dramatiker Rolf Hochhuth hat die Empfehlung des Weimarer Geheimrates nun noch etwas gesteigert und für jeden Tag ein Gedicht geschrieben.

Zu seinem 85. Geburtstag erschien im Rowohlt Verlag Das Grundbuch mit „365 Sieben- bis Zwölfzeilern“ – sozusagen für jeden Tag des Jahres ein Gedicht. Oder wenn man so will: Ein lyrisches Tagebuch für den Zeitraum eines Jahres. Wollte Hochhuth, wie der Buchtitel zunächst vermuten lässt, etwas Grundsätzliches schaffen, etwas Bleibendes, ein persönliches Register? Bereits im Vorwort weist der Autor diesen Verdacht von sich: „Auf Erden gibt es überhaupt nichts Ewiges, einfach deshalb nicht, weil jede Generation mit anderen Augen urteilt; meist aburteilt, was die vorhergehende geleistet hat.“

Trotzdem wendet sich Hochhuth häufig historischen Themen zu, zum Beispiel „Annes Tagebuch wird den deutschen Staat, eine vergleichbare Untat / nicht bekannt –, wird sogar unser Volk überleben! / Unsühnbar: Der Weltgeist kann uns Auschwitzern nie vergeben.“ Am nächsten Tag wird dagegen mit dem Lokführerstreik ein tagespolitisches Thema aufgegriffen: „Buhmann – gibt keine Zeit, die sich einen sucht, auf den sie einschlägt …  auf den Gewerkschaftler Weselsky, einst selbst Lokführer, jetzt ihr Streikanführer.“ Auch Michael Gorbatschow, Angela Merkel oder der G8-Gipfel haben ihren lyrischen Grundbuch-Auftritt.

Neben diesen politischen Themen widmet sich Hochhuth aber vor allem der Literatur und der Kunst – ob Friedrich Schiller, Rainer Maria Rilke, Tilman Riemenschneider, Friedrich Nietzsche oder Hamlet („Sein oder Nichtsein? – Hamlet war diese Frage noch erlaubt“). Im vorletzten Gedicht „Flaschenpost in den Ozean“ stellt der Autor schließlich fest: „Doch jeder, der schreibt, lebt von dem Wahn, / es fände an Land: Wer weiß, auf wessen Geheiß / einst wer, wo, wann sich findet / – oder auch nicht! –, der eins unser Bücher / wieder auffindet.“ Und so bemüht sich Hochhuth stets, für seine Grundbuch-Gedanken eine lyrische Form zu finden. Dabei sucht er nach Reimen und Versmaßen – doch sie Suche und auch ein Reim machen noch kein Gedicht aus. „Nicht wenigem, was man schreibt mit Schwung, / gibt erst der Reim Daseinsberechtigung.“ Trotz dieser Überzeugung ist aber so mancher Grundbuch-Eintrag eher zu einer Losung oder Maxime geraten – gepaart mit persönlicher Gründlichkeit und einer gehörigen Portion Pessimismus. So ist der „Lyrikband“ zur Empörung eines dichtenden und aufklärenden „King Lear“ geraten: „Beschäftigung mit sich vertieft das Problem, das du mit dir selber hast“, bekennt Hochhuth selbst.

Titelbild

Rolf Hochhuth: Das Grundbuch. 365 Sieben- bis Zwölfzeiler.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016.
240 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783498030278

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