Unbekanntes französisches Mittelalter und die keltischen Feen

Fritz Peter Knapps Zusammenstellung altfranzösischer Feen-Erzählungen

Von Miriam StriederRSS-Newsfeed neuer Artikel von Miriam Strieder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Blickt man über das mittelhochdeutsche literarische Mittelalter in die Nachbarregionen und –sprachen, landet man fast zwangsläufig im Altfranzösischen. Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach sind zu weiten Teilen nicht ohne Chrétien de Troyes zu denken. Neben diesem Großen der altfranzösischen Literatur gehen andere Namen meist unter – eventuell taucht Marie de France als Autorin von lais auf, aber diese werden in der Lehre meist nicht behandelt, sondern sie erhalten nur Verweisfunktion. Die ganze Gattung der lais ist allerdings auch von den Textausgaben her vernachlässigt worden, sodass die lais der Marie de France erst seit Ende letzten Jahres in einer zweisprachigen Ausgabe zur Verfügung stehen. Weitere lais waren bis dato nur im Original zu lesen.

Diese Lücke hat nun Fritz Peter Knapp mit seinen „Altfranzösische Erzählungen von keltischen Feen“ zumindest teilweise geschlossen, denn sein Schwerpunkt liegt auf den Texten, in denen ein anderweltliches Wesen, das man als Fee bezeichnen könnte, vorkommt. Alle lais sind also immer noch nicht verfügbar, zumindest wird nun das Textkorpus für die, die des Altfranzösischen nicht mächtig sind, sich aber trotzdem mit den Texten auseinandersetzen wollen, größer und vielfältiger. Das ist der große Verdienst dieser Textausgabe.

Der handliche Band besteht aus den acht Erzählungen „Graelent“, „Guingamor“, „Desiré“, „Tydorel“, „Tyolet“, „Melion“, „Doon“ und den „Schwanenbrüdern“. Durch das Auswahlkriterium „Fee“ bzw. „Mahrtenehe“ ist der Band nicht unbedingt zur rein vergnüglichen Lektüre gedacht, denn sich wiederholende Elemente können das Lesevergnügen trüben – das Anliegen Knapps war das Zugänglichmachen von altfranzösischen Erzählungen, in denen Feenwesen auftreten. Dass Knapp aber schon im Titel das Wort „lai“ vermeidet und stattdessen „Erzählungen“ wählt, lässt doch vermuten, dass er ein größeres Lesepublikum im Auge hatte. Auch der Anmerkungsapparat, der sich an die Texte anschließt, diskutiert viele übersetzerische Schwierigkeiten und daraus folgende Erwägungen, die sich ohne Einblick in den Originaltext schwer nachvollziehen lassen. Hinzu kommt, dass der Anmerkungsapparat fortlaufend ist, was eine Orientierung teilweise erschwert. Interessante, kulturwissenschaftliche Hinweise zum mittelalterlichen Leben werden allerdings vermutlich von allen Lesern dankbar aufgenommen und machen die Texte zugänglicher, auch wenn diese trotzdem keine große Leserschaft abseits vom Fachpublikum finden werden.

Hilfreich und sinnvoll sind die Nachbetrachtungen zum lai und Marie de France als prominentester Vertreterin der Gattung. Wenig informativ ist der Abschnitt über die keltische Fee geraten, aber da der Verfasser selbst mangelnde keltologische Kenntnisse einräumt und die längeren Zitate aus Hertz (1886) wirklich nett zu lesen sind, ist dies fast zu verschmerzen. Außerdem öffnet sich damit die Perspektive auf die Anfänge einer noch folkloristischen Forschung zu keltischen Feen und ihrem Auftreten in den lais. Damit bildet der Band einen interessanten Einblick in die Fachgeschichte der Altgermanistik, Altromanistik und Keltologie.

Hilfreich, aber ausbaufähig sind die Einzelbetrachtungen zu den acht lais. Inhaltliche Zusammenfassungen hätten mit gutem Gewissen kürzer ausfallen oder ganz entfallen dürfen. Vergleiche mit anderen lais sind für den Leser sehr interessant und regen zum Weiterlesen und -denken an, aber gerade auffällige Namensähnlichkeiten zwischen Tydorel und dem mittelhochdeutschen Titurel werden in den Einzelinterpretationen nicht diskutiert, sondern nur in einer Anmerkung behandelt – vermutlich, weil hier auch bei Knapp die Ratlosigkeit überwiegt. Ebenso werden die Ähnlichkeiten zwischen Tyolet und Perceval bzw. Parzival nur unter dem Kriterium der Abhängigkeit der Texte voneinander betrachtet, anstatt unabhängig von diesen wertenden Betrachtungen die unübersehbaren Parallelen zu bedenken. Hier vergibt Knapp interessante Ansätze, für die der Band aber vielleicht auch gar nicht gedacht war. Zugleich eröffnet er sowohl Germanisten, Keltologen als auch Romanisten faszinierende Texte. Trotzdem ist es schade, dass Knapp sich oftmals in Wertungen verliert („Die Faszination der nun folgenden Erzählung kann sich mit der des „Graelant“ und „Guingamor“ nicht messen“ und auf spannende Querverweise und Ähnlichkeiten nur in den Anmerkungen verweist, die nicht zu einer direkten Lektüre einladen. Diese Schwachstelle des Bandes mag aber auch mit einem Blick in die angefügte Forschungsliteratur schnell erklärt werden: Etwas über eine magere Seite findet sich am Ende des Bandes und Werke, die sich direkt mit den lais beschäftigen sind selten nach den frühen 1980er Jahren erschienen – die moderne Forschung zu den lais, auch zu denen der Marie de France, scheint – zumindest vermittelt Knapp diesen Eindruck – seit mehr als zwanzig Jahren in einem märchenhaften Schlummer versunken zu sein.

Insgesamt eröffnet Knapp mit seinem kleinen Band mehreren Disziplinen einen nicht neuen, aber bisher nur schwer zugänglichen Textkorpus, der für verschiedene Fachdisziplinen interessant sein dürfte. Wünschenswert wäre, dass die lais wieder vermehrt in das Interesse der Forschung träten und sich dadurch ein interdisziplinärer Dialog ergäbe.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Fritz Peter Knapp: Altfranzösische Erzählungen von keltischen Feen.
Praesens TextBibliothek Bd. 10. Mit einem literaturgeschichtlichen Nachwort von Fritz Peter Knapp.
Übersetzt aus dem Altfranzösischen und dem Lateinischen von Fritz Peter Knapp.
Praesens Verlag, Wien 2016.
138 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783706908627

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