Palmöl – das Schmiermittel der Green Economy

Kathrin Hartmann spricht in „Aus kontrolliertem Raubbau“ der Green Economy das Potenzial zur Weltrettung ab

Von Esther MenhardRSS-Newsfeed neuer Artikel von Esther Menhard

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es steckt in jedem zweiten Supermarktprodukt: in Schokolade, Tiefkühlpizzen, Tütensuppen, Kosmetik, Putzmitteln, Margarine et cetera. Nach entsprechender EU-Richtlinie soll es im Agrarsprit zu einer CO2-Einsparung von 35 Prozent (gegenüber fossiler Energie) führen. Unilever verarbeitet davon als größter Einzelverbraucher weltweit 1,5 Millionen Tonnen im Jahr. Die Rede ist von Palmöl. Dabei handelt es sich um ein Erzeugnis, das nicht nur vielseitig eingesetzt, sondern auch kontrovers diskutiert wird. Es ist kein Geheimnis, dass der Anbau von Palmölpflanzen auf Borneo alles andere als umweltfreundlich ist, vielmehr zieht er schlimme Konsequenzen für Natur und Klima nach sich. Die Monokulturen verdrängen nicht nur Regenwälder, sondern zerstören die Böden langfristig, sodass sie für eine weitere landwirtschaftliche Nutzung unbrauchbar werden. Orang-Utans verlieren durch die Rodungen ihren Lebensraum oder werden dabei getötet. Die existentielle Bedrohung für die Menschen besteht darin, dass sie die Natur als verfügbaren Lebensraum verlieren. Das Image des Palmöls hat in der Vergangenheit gelitten. Die Antwort der Industrie war im Rahmen der „Green Economy“ („Grüne Wirtschaft“) bald gefunden: nachhaltiges Palmöl.

In ihrem Buch Aus kontrolliertem Raubbau belegt Kathrin Hartmann, dass die genannten Missstände nicht nur charakteristisch für den konventionellen Anbau von Palmölpflanzen sind, sondern auch den als nachhaltig geltenden Anbau betreffen. Auf rund 400 Seiten beleuchtet sie das Thema der Green Economy aus verschiedenen Perspektiven: Sie nennt zunächst die westliche Welt, in der sich die Menschen daran gewöhnt hätten, Produkte zu konsumieren, die sie für die Aufrechterhaltung eines gewissen Lebensstandards nicht brauchten. Dann seien da die Unternehmen, die diese Produkte herstellten und die Verbraucher davon überzeugten, dass sie auf diese Produkte angewiesen seien, und die Industrie, die den Unternehmen ihr Erzeugnis verkaufe, das sie durch monokulturellen Anbau gewonnen hat. Da sei die Natur, die durch Monokulturen verdrängt werde und mit ihr der Lebensraum von Tier und Mensch. Schließlich seien da Menschen, die ihre Lebensgrundlage verlieren, ihre Arbeitskraft an die Industrie verkaufen, sich verschulden und am Ende für die Arbeit, die sie tun, bezahlen müssen; und Menschen, die ihre Lebensgrundlage verteidigen, für sie kämpfen, entrechtet werden und mit Menschenrechtsverletzungen konfrontiert sind.

Auch Nichtregierungsorganisationen und Umweltverbände spielten eine wesentliche Rolle in diesem Geschehen. Im Jahr 2004 wurde auf Initiative des World Wide Fund of Nature (WWF) der runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (Round table on Sustainable Palm Oil, RSPO) gegründet. Als Ziel nannte die zentrale Organisation, nachhaltige Anbaumethoden für Palmöl zu fördern. Mitglieder des RSPO sind neben Umweltschutzverbänden und anderen NGOs vor allem Firmen und Institutionen aus der Wertschöpfungskette des Palmöls, darunter Plantagenbetreiber, Händler und industrielle Abnehmer von Palmöl sowie Investoren und Banken. Hartmann schreibt, dass der WWF mit Unternehmen wie Wilmar International kooperiert, die Wälder im indonesischen Teil der Insel Borneo roden, um auf den Flächen Palmölplantagen anzulegen. Dabei habe sich der WWF den Schutz der dadurch bedrohten Orang-Utans doch auf die Fahnen geschrieben. Die Organisation erhalte Spenden von den Palmölunternehmen und verleihe im Tausch das Gütesiegel für nachhaltige Produktion. Die Standards für „nachhaltiges Palmöl“ würden im RSPO von Produzenten und Abnehmern festgelegt. Die Einhaltung derselben werde darüber hinaus von keiner Instanz kontrolliert.

Neben den Umweltschäden, die mithilfe von Kampagnen vertuscht würden, thematisiert und kritisiert Hartmann die unfairen Arbeitsverhältnisse der Kleinbauern. Sie könnten mit ihrer Arbeit ihre Familien nicht ernähren, häufig litten sie an den Folgen von Arbeitsunfällen und seien verschuldet. Ihre Frauen arbeiteten schwer und verdienten kein Geld. Auch sei Kinderarbeit auf den Plantagen eher die Regel als die Ausnahme. Die Autorin macht sich in ihrem Buch stark für die Bauern und Aktivisten. „Wir wollen, dass die Öffentlichkeit weiß, dass Menschenrechtsverletzungen und die Zerstörung der Umwelt das Markenzeichen des Palmölgeschäfts geworden sind“, so Feri Irawan von der NGO Perkumpulan Hijau, „Die grüne Bewegung“. Hartmann scheint sich in diesen Dienst gestellt zu haben. Sie beschreibt die Menschenrechtsverletzungen, die im Namen der Nachhaltigkeit begangen werden, das heißt Gewalt, Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren, Leben unter dem Existenzminimum sowie Landraub. Zu letzterem gehört auch die Einrichtung von Schutzzonen in Regenwäldern, die von Umweltorganisationen wie dem WWF als Erfolg gefeiert wird. Sie führe nach Hartmann jedoch lediglich dazu, dass deren Bewohner umgesiedelt werden und den Wald nicht mehr betreten dürfen.

Hartmanns wesentliche Kritik an der Green Economy ist, dass es nie darum gehe, die Umwelt und die Menschen vor den negativen Wirkungen der Industrie dadurch zu schützen, dass ein Umdenken im westlichen Lebensstil stattfindet. Green Economy bedeute, den Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, durch ‚guten Konsum‘ die Welt zu verbessern. Guter Konsum bedeute, nachhaltige Produkte zu kaufen. Als weiteres Beispiel für ein solches Produkt führt Hartmann nachhaltige Shrimps aus Bangladesch an. Sie würden auf ähnliche Weise gewonnen wie die Shrimps aus konventionellen Shrimpszuchten. Auch sie führten dazu, dass kostbares Ackerland versalzt und für den Reisanbau unbrauchbar werde. Den Großteil der Siegel und Zertifikate, die dem Verbraucher die Nachhaltigkeit eines Produktes garantieren sollen, beschreibt Hartmann als reines Greenwashing. Das Image von in Verruf gekommenen Rohstoffen wird aufpoliert, damit der Verbraucher beim Konsumieren ein ruhiges Gewissen hat. Es gehe nie um weniger, sondern immer nur um anderen und zwar nicht im eigentlichen Sinne nachhaltigen Konsum, weil letztlich Wachstum das Hauptziel des Marktes ist. Daher setzten viele Hilfsmaßnahmen nicht da an, wo sie Menschen helfen, die Natur zu bewahren. Statt Kleinbauern subsistenzwirtschaftliche Landwirtschaft zu ermöglichen, werde in Forschung investiert, die Lebensmittel zum Ausgleich von Nährstoffmängeln entwickeln soll. Ein Beispiel dafür ist der „Golden Rice“, eine Reissorte, die gentechnisch verändert ist und Beta-Carotine enthält. Dieser Reis ist umstritten; Studien belegen, dass bislang keine Aussage darüber getroffen werden kann, ob der Reis in der Ernährung den gewünschten Effekt erzielt. Unterstützer dieses Projekts sei die Bill & Melinda Gates Foundation. Hierin steckt ein weiterer Kritikpunkt für Hartmann: Nicht einzelne Privatmenschen, die die Mittel dazu haben, sollten bestimmen, wie Entwicklungshilfe auszusehen habe, sondern die Politik sei hier in der Pflicht.

Hartmann zufolge verlasse sich diese jedoch auf die Green-Economy-Initiative der Unternehmen, die von Stiftungen für fragwürdige Leistungen auf dem Feld der Nachhaltigkeit ausgezeichnet würden. So lautete das Urteil der Jury für den Preis im Jahr 2012, der an den Konzern Unilever ging: „Unilever stellt wirtschaftlich erfolgreich Produkte her, die […] dem Gemeinwohl dienen, und richtet dabei sein Handeln konsequent so aus, dass es zu dauerhaftem Erfolg und gleichzeitig zur Schonung von wertvollen Ressourcen beiträgt.“ Dieses Spitzenzeugnis wurde nach Hartmann ausgestellt, ohne dass der Konzern einen einzigen Nachweis dafür erbringen musste.

Hartmanns Bericht ist sorgfältig mit Quellen und Studien untermauert und besticht zudem durch die lebendigen Erzählungen, die auf persönlichen Erfahrungen sowie den Kontakt zu Einheimischen auf Borneo, in Bangladesch oder El Salvador beruhen. Die Autorin zieht letztlich ein ernüchterndes Fazit zum Thema Green Economy und fordert uns als LeserInnen zur Solidarität mit den Menschen auf, die unter gedankenlosen Konsumgewohnheiten leiden müssen.

Titelbild

Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren.
Karl Blessing Verlag, München 2015.
448 Seiten, 18,99 EUR.
ISBN-13: 9783896675323

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