Zu Recht neidisch

Reden wir übers Geld: Ein Vortrag über den Beruf des freien Hörfunkautors

Von Herbert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Herbert Hoven

„Es soll hier öffentlich Tacheles geredet werden“

Heinrich Böll am 3.6.1969 bei der Gründungsversammlung des Verbandes Deutscher Schriftsteller

 

Man ist bass erstaunt. In der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 27. April 2011 erscheint eine Besprechung des Romans Das elektrische Herz von Peter Stephan Jungk. Darin der Satz:

Im letzten Drittel des Romans wünscht man sich mehr Straffung: aber beim zweiten Lesen erkennt man den Sinn der wiederholten Arztbesuche, erörterten Krankheitsbilder, der eingehend geschilderten Krankenhausatmosphäre.

Wie bitte: „beim zweiten Lesen“? Der sich den Luxus des „zweiten Lesens“ gegönnt hat, ist Rüdiger Görner, Professor an der University of London. Professor Görner kann es sich leisten, ein Buch ein zweites Mal zu lesen, ehe er sich ein Urteil erlaubt.

In der „Süddeutschen Zeitung“ vom 9. September 2015 erscheint eine Rezension des Romans Interessengebiet des englischen Schriftstellers Martin Amis.Schauplatz des Romans ist das Konzentrationslager Auschwitz. Die Kritikerin lobt ausdrücklich den Übersetzer Werner Schmitz, weist allerdings auf „fünf Fehler“ hin, die „hanebüchen“ seien. Zum Beispiel:

Martin Amis schreibt trade. Das englische Wort trade heißt auf Deutsch aber auch Handel, weshalb Werner Schmitz ohne Rücksicht auf den Kontext übersetzt: ‘Sie sind achtzehn Jahre alt und Sie haben einen Handel.’

Es geht aber nicht um „Handel“, sondern um „Handwerk“. Häftlinge, die bei ihrer Registrierung einen handwerklichen Beruf angeben konnten, hatten die Chance, den Gaskammern zu entkommen. Denn wer sich auf ein Handwerk verstand, wurde gebraucht. Im Roman von Amis heißt es:

Mach dich älter als du bist; sag, dass du dich auf ein Handwerk verstehst.

Die Rezensentin, Franziska Augstein, verweist in diesem Zusammenhang auf Jorge Semprún,der das KZ Buchenwald überlebt hat. Als er bei seiner Registrierung wahrheitsgemäß „Student“ angab, machte ihn ein Mithäftling kurzerhand zum Stukkateur. Ein handwerklicher Beruf, der das Überleben im KZ wahrscheinlicher machte. Eine Episode, ein Mehrwert, auf den ich als Leser der Buchkritik ungern verzichtet hätte.

Es ist ganz offensichtlich: Franziska Augstein und Rüdiger Görner haben genau gelesen. Sie konnten es sich leisten, weil beide nicht als freiberufliche Literaturkritiker ihr Geld verdienen müssen. Als Leser ihrer Kritiken fühle ich mich  ernst genommen und gut informiert. Beide Besprechungen gehen über eine bloße Inhaltsangabe und ein paar Floskeln als Gesamturteil hinaus.

Hanns Grössel, Übersetzer unter anderem des schwedischen Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer und bis 1997 Literaturredakteur des Westdeutschen Rundfunks, hat, als ihm im Jahr 1976 der Johann-Heinrich-Voss-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen wurde, betont, dass es in Deutschland an „kompetenter Übersetzungskritik“ fehle. Der Hinweis auf das Fehlen einer kompetenten Übersetzungskritik ist ein Wink mit dem Zaunpfahl und lässt erahnen, welche Mängel sonst noch in Literaturkritiken zu beklagen sind. Vor 40 Jahren ebenso wie heute.

Der Roman von Martin Amis ist am 19. September 2015 auch im Magazin „Bücher“ im 5. Hörfunkprogramm des Westdeutschen  Rundfunks besprochen worden. Autor der Kritik ist der freie Kulturjournalist Stefan Quante.

Reden wir übers Geld. Reden wir „öffentlich Tacheles“, wie es Heinrich Böll in seiner Rede im Juni 1969 bei der Gründungsversammlung des Verbandes Deutscher Schriftsteller gefordert hat. Schieben wir unsere „Bescheidenheit“ und unseren „Idealismus“ beiseite, legen wir „öffentlich dar“, wie wir „unser Geld eigentlich verdienen“. Im Jahr 2016. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Der Roman von Martin Amis hat 400 Seiten und die wollen zunächst einmal gründlich gelesen werden. Zeit: etwa 20 Stunden. Wie ich auf diese Stundenzahl komme? Nun, das sind Erfahrungswerte. Um einen Text sorgfältig zu erfassen – und ihn zum Beispiel dem Radiohörer zu präsentieren –, gehen Rundfunksprecher und Schauspieler von 20 Seiten pro Stunde aus. Es sei denn, man liest quer und nur auf den Plot hin.

Weitere zwei Stunden– was nicht eben viel ist – packen wir drauf für Recherchen: biografische Angaben zum Autor, frühere Bücher des Autors, sein Stellenwert in der Literatur und ähnliches.

Die Kritik im Magazin „Bücher“ hat eine Sendelänge von fünf bis sechs Minuten. Ein geübter Handwerker braucht für die Ausarbeitung seiner Kritik vier Stunden. Die Anzahl der Arbeitsstunden steigt dadurch auf inzwischen 26. Es folgen noch die Rücksprache mit der Redaktion und die anschließende Korrektur des Manuskripts; es folgen Sprachaufnahme und Schnitt des Beitrags; es folgt das Schreiben einer Anmoderation, damit die Buchkritik ins Gefüge der Sendung passt, und dann braucht es noch einen Text von zirka einer Seite fürs Internet. Veranschlagt man für diesen ungeliebten Kleinkram noch einmal vier Stunden,ergibt sich ein Zeitaufwand von insgesamt 30 Stunden.

Für seine Arbeit wird dem Kritiker ein Honorar von aktuell 275 Euro angewiesen. Das entspricht einem Stundenlohn von 9,20 Euro, brutto. Davon abzuziehen sind sieben Prozent Mehrwertsteuer. Das unterscheidet den freien Autor übrigens vom niedergelassenen Arzt. Dieser ist von der Mehrwertsteuer befreit. Das sagt schon einiges über den Wert und die Wertigkeit von Kultur in diesem Land. Der Stundensatz des freien Literaturkritikers bewegt sich im Bereich des Mindestlohns.

Aber, wird jetzt eingewendet: es werden auch Bücher besprochen, die nur einen Umfang von 200 Seiten haben. Stimmt!

Andererseits und um nur ein Beispiel zu nennen: 2010 erscheint bei Rowohlt die „Urfassung“ von Jack Karouacs Roman On The Road in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach. Der Roman umfasst 570 Druckseiten. Wer sich als freier Literaturkritiker den Luxus erlaubt, diese Fassung mit der Ausgabe von 1959 zu vergleichen, die bis 2010 als gültige deutsche Ausgabe galt … Wer die Genese von On The Road auch nur annährend nacherzählen will … Wer recherchiert, was es mit dem Motto „Camerado, ich reiche dir meine Hand“ von Walt Whitman auf sich hat … Wer …

Nicht nach Aufwand wird honoriert, sondern nach Tarifvertrag. Das ist immerhin einigermaßen transparent. Das ist beim Hörfunk nicht anders als beim Fernsehen. Die Tarifverträge weisen ein Mindesthonorar aus. Theoretisch könnten die Redaktionen ein höheres Honorar zahlen, was praktisch aber nicht vorkommt. Im Gegenteil: Durch die ‚kreative’ Auslegung des „Honorar-Rahmens“ drücken viele Redaktionen das Honorar unter die tariflich vereinbarte Mindestvergütung.  

Das war einmal anders. Um noch einmal Hanns Grössel zu zitieren. Er hat uns jungen Kollegen eingeschärft: „Ich bezahle euch nicht fürs Zeilenschinden (im Hörfunk fürs Minutenschinden), sondern fürs genaue Lesen“. Das war sein Maßstab. Dafür wurden wir bezahlt. Umgerechnet in Euro waren das im Jahr 1994 für eine Buchkritik 402 Euro. Auch wenn man berücksichtigt, dass die Rezensionen vor 20 Jahren zwei Minuten länger waren, hebt sich dieses Honorar deutlich ab von den Summen, die heute gezahlt werden. Zusatzaufgaben wie das Schreiben eines Internettextes oder einer Moderation gab es nicht. Die Redakteure schrieben ihre Moderationen selbst.

Im Frühjahr 2010 widmete sich die inzwischen eingestellte Zeitschrift „Journalistik“ dem Thema „Kritik in der Krise? Wortmeldungen zum wechselvollen Verhältnis von Kultur und Journalismus“. 80 Prozent der Theaterkritiker, konnte man dort lesen, seien Freiberufler, die vom „Rezensieren längst nicht leben können“. Inzwischen werde die „klassische Kritik“ ergänzt von „Porträts, Essays und Interviews“. Oder: [Kultur]Journalismus wandle sich nicht primär durch die „Veränderung der Intentionen von Journalisten“, sondern die zentralen Wandlungsprozesse seien „ökonomisch induziert und kulturell verortet“.

Das ist nun wirklich nicht neu und schon gar nicht überraschend.

Von den 23 Autoren des Themenheftes sind nur fünf Journalisten bzw. ehemalige Journalisten, die den Sprung auf eine Professur geschafft haben. Was bei der Lektüre der Beiträge auffällt: Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen denjenigen, die über die freien Kulturjournalisten forschen, die ihnen nassforsch ihren Beruf und ihr Handwerk erklären und jenen, die den Zustand des Freischreibers täglich durchleben und aushalten müssen. Was für den einen „sein Leben ist, das ist für den anderen lediglich Gegenstand für eine Abhandlung über“. Was der eine „lebt, er-lebt und erleidet“, darüber halte der andere „Vorlesung“, so Gerhard Köpf in „Zwitter im Korsett“ im Jahr 1985.

Von Beruf sei er „Handwerker“, schreibt Ulrich Wickert 30 Jahre später in seinem Essay-Band „Medien: Macht & Verantwortung“. Ihn erstaune es immer wieder, wenn es Wissenschaftlern gelinge, die Arbeit, „die wir Handwerker machen, in Theorie zu übertragen“.

Das Geld, das freie Autoren und Autorinnen am Ende eines Monats auf ihrem Konto haben, so Katja Kullmann 2011 in ihrem Buch „Echtleben“, entspreche dem Lohn von „Wurstbudenverkäufern“, „Regaleinräumern“ im Supermarkt und „Security Personal“. Das ist forsch formuliert, entspricht aber der Realität.

Beauftragt werden die freien Autoren von Redakteuren, die oft die gleiche akademische Ausbildung wie sie selbst haben, mit denen sie zusammen im Hauptseminar oder im Doktorandenkolloquium gesessen sind. Die einen haben geackert, um öffentlich-rechtlicher Journalist zu werden, den anderen ist das nicht geglückt oder sie haben sich ganz bewusst für eine freiberufliche Tätigkeit entschieden. Dass sie einmal derart in Abhängigkeit von ihren Kollegen geraten, konnten sich die Freischreiber nicht vorstellen. Katja Kullmann jammert nicht, sondern findet deutliche Worte. Ich bin der Überzeugung, es ist die Verpflichtung derjenigen, die es sich leisten können, die nachfolgende Generation auf ein Berufsleben vorzubereiten, das mit den Journalisten-Darstellern in Film und Fernsehen nun gar nichts zu tun hat.

Julia Friedrichs, Reporterin für verschiedene Fernsehformate und Buchautorin („Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“), schreibt 2016 im „Medium Magazin“:

Wir sollten den Mut haben, uns weniger mit uns selbst, sondern mehr mit der Welt zu beschäftigen. Wir sollten den Mut haben, auf den Wert unserer Arbeit zu vertrauen. Den Mut, uns darauf zu konzentrieren, Geschichten zu erzählen, die helfen, diese Welt zu verstehen.

Man sollte das eine tun und das andere nicht lassen.

Nur wenige Freiberufler können es sich offensichtlich leisten, über ihr „Leben, er-leben und erleiden“ Auskunft zu geben. An der Universität Hamburg entsteht eine Master-Arbeit über den Beruf des freien Hörfunkautors. Keine einzige Kollegin, kein einziger Kollege tritt in der Untersuchung mit  Klarnamen auf. „Ende der Leidenschaft“ heißt ein Bericht in der Zeitschrift „Film & TV Kameramann“, wo der Kameramann Stefan Nowak über den „Ausstieg aus der Branche“ berichtete. Die Redaktion des Fachmagazins wollte das Thema breiter aufstellen und bat andere Kameraleute um Statements, Interviews, Berichte. Keiner der angesprochenen Kollegen wollte in der Zeitschrift seinen richtigen Namen lesen.

Aber zurück zu den freien Autorinnen und Autoren im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nun ist es keineswegs so, dass ein freier Hörfunkautor ausschließlich als Literaturkritiker sein Geld verdient. Er schreibt Reportagen, Glossen, Kommentare, führt Interviews oder wird als Moderator eingesetzt. Ein- bis zweimal im Jahr schreibt er vielleicht ein großes Feature. Er ist also „breit aufgestellt“, wie es heißt. „Breit aufgestellt“ meint zum Beispiel, dass sich der Aufwand für eine Buchkritik ausgleicht mit dem Honorar einer Reportage, die einem leichter von Hand geht. Oder dass man sich als Moderator, der zwei- bis dreimal pro Woche ein Magazin präsentiert, eine Rezension leistet.

Dieses Prozedere heißt im Medienjargon „Mischkalkulation“ und die Redaktionen argumentieren damit, wenn man als freier Autor den Aufwand für einen Beitrag ins Verhältnis setzt zum Honorar. „Das gleicht sich doch wieder aus“, ist der Satz, der einem ständig um die Ohren gehauen wird. Dabei ist keineswegs ausgemacht, dass bei jedem freien Autor die „Mischkalkulation“ aufgeht.

Und ein Übriges: Wer als Redakteur das Wort „Mischkalkulation“ im Mund führt, hat eigentlich schon verloren. Es bedeutet nämlich auch: ich weiß, ich zahle nicht angemessen, nicht nach Aufwand, sondern nach Tarif, aber der „Honorar-Rahmen“ gibt leider nicht mehr her. Schulterzucken  gegenüber dem freien Autor, der sich immer mehr als Bittsteller vorkommt, und dazu die Bemerkung, noch so ein Zauberwort: die „Mittelbewirtschaftung“ hat uns den Etat nicht erhört oder gar gekürzt. Resignation auf beiden Seiten. – „Mischkalkulation“ und „Mittelbewirtschaftung“, damit schieben die Redakteure die Verantwortung von sich. Sie gehen in Deckung und verweisen auf Strukturen, die allerdings nicht vom Himmel gefallen sind. Dahinter stehen Entscheidungen von Programm-, Verwaltungs- und Produktionsdirektoren sowie der Intendanz. Es ist daran zu erinnern, dass Redakteure auch Journalisten sind und deutlich und zu Recht auf die Einhaltung von Tarifverträgen in anderen Branchen hinweisen, auf angemessene Bezahlung für  Gebäudereiniger, Kindergärtnerinnen oder Polizisten, in ihrem eigenen Interesse aber Vieles kleinlaut akzeptieren.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich werde den Teufel tun und die wenigen Redakteure namentlich nennen, die sich mit den Freien solidarisch erklären. Für das Spießrutenlaufen, dem sie ausgesetzt wären, möchte ich nicht verantwortlich sein.

Das Beispiel Literaturkritik ist eines unter vielen. Das Verhältnis Aufwand zu Ertrag lässt sich ebenso am Beispiel von Feature, Reportage, Dokumentation und anderen Formaten durchdeklinieren.

Fußballeuropameisterschaft und Olympische Spiele sind gerade vorüber, aber der Unmut über die Honorare der Fußballexperten Oliver Kahn und Mehmet Scholl sowie der Olympia-Moderatoren Gerd Delling und Alexander Bommes schwelt weiter. Letzterer kontert die Frage nach einem angemessenen Honorar rotzfrech mit: „Wer die Besten haben will, der muss auch etwas dafür bezahlen.“

Im Unterschied zu vielen meiner Kollegen bin ich der Meinung, dass eine Neiddebatte geführt werden muss. Wer sorgfältig recherchiert, präzise argumentiert und dennoch nur auf einen Stundenlohn von acht bis zehn Euro kommt,  der ist zu Recht neidisch auf die Summen, die diese Herren für ihren Seich überwiesen bekommen.

Wenn im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Kultur weniger wertgeschätzt wird als Sport, Quizsendungen oder zum Beispiel die Arztserie „In aller Freundschaft“, die mit „Die jungen Ärzte“ einen Ableger bekommen hat, dann wäre es ehrlich, dem Beitragszahler das so zu sagen. Kultur wird seit Jahrzehnten als Alibi durchs Programm geschleppt, weil es zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört. Wenn Kultur weniger Wertigkeit hat als Kochsendungen oder „Beckmanns Sportschule“ live aus Malente während der Fußballeuropameisterschaft, dann gehört es zur Transparenz, von der so viel gesprochen wird, das genauso zu sagen.

Die Redakteure sowie die freien Mitarbeiter wüssten dann, woran sie sind, und eben auch die Beitragszahler.

„Breit aufgestellt“ zu sein bedeutet aber auch, sein Themenspektrum zu erweitern. Neben Buchkritiken und literarischen Features sich als Journalist um Wohnungsbau oder Schulpolitik zu kümmern. Im Einzelfall mag das funktionieren und vielleicht sogar richtig und wichtig sein, einmal von außen den Blick auf einen Bereich zu werfen, der einem fremd ist. Aber zu Recht erwarten Radiohörer und Fernsehzuschauer vom Autor eines Beitrags Fachkompetenz. Es hat jedenfalls noch nicht geschadet. „Ihr müsst euch breiter aufstellen“,so heißt es unisono aus den Anstalten und die Journalistenverbände bieten dazu Seminare an. Die Gefahr: Man wird leicht zum Generalisten. Das Elend ist tagtäglich in unzähligen Magazinen zu hören und zu sehen. Wer heute „vor Ort“ ist und über ein Weinfest berichtet, steht übermorgen im Museum und schwadroniert über „Zero“-Kunst.

Im Juni dieses Jahres fand beim Deutschlandfunk in Köln das „2. Kölner Forum für Journalismuskritik“ statt. Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Senders, wagte einen Ausblick. Es gebe inzwischen „Generationen von Journalisten“, die könnten „Journalismus nur machen aus Leidenschaft und Luxus, weil sie andere Jobs haben“. Sie müssten „ein Spielbein irgendwo anders haben“, um sich den Beruf, den sie „lieben, leisten zu können“. Offensichtlich hatte Frau Wentzien kein Problem mit ihrer Diagnose und auch die Aufregung im Saal hielt sich in Grenzen. Als Chefredakteurin eines öffentlich-rechtlichen Senders hat sie aber alles dafür zu tun, dass genau das nicht eintritt. Journalismus ist ein Beruf und nicht zum Nulltarif zu haben.

Ich möchte, dass Journalistinnen und Journalisten von ihrer Arbeit leben können. Weder Taxi fahren noch Pizza austragen. Und schon gar nicht, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen nebenher für Vereins- oder Verbandszeitschriften schreiben, in PR-Agenturen ihr zweites Standbein suchen und sich die Grenzen zwischen PR und Journalismus immer mehr verwischen. Ich bin dagegen, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit Volontären, Praktikanten oder Hospitanten durchs Programm schummelt. Ich bin dafür, dass man den Radiohörern und Fernsehzuschauern einiges zumutet, dass man sie fordert: mit einer vierteiligen Serie über künstliche Intelligenz; mit einer langen, anstrengenden Lesestrecke; mit Kommentaren und Glossen abseits des Mainstreams. Denn zumuten hat auch etwas mit zutrauen zu tun. Und das geht nur mit Profis und einer angemessenen Bezahlung.

Ich bin entsetzt, wie leichtfertig die Chefredakteurin eines öffentlich-rechtlichen Senders ihre / unsere Position preisgibt. Es verhält sich nämlich so, wie es Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, formuliert hat:

Wir liefern eine Dienstleistung für diejenigen, die seriös informiert – und auch mal gut unterhalten – werden wollen. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren der Demokratie. In allererster Linie ist das eine professionelle Leistung.

Um noch einmal auf Heinrich Bölls Rede bei der Gründungsversammlung des Verbandes Deutscher Schriftsteller zurückzukommen. „Vornehmerweise“, sagte er, „nennt man das Geld, das wir bekommen, Honorar. Das klingt, als wären wir sehr feine Leute. Ich fürchte, wir sind sehr feine Idioten. Wir lassen uns dirigieren, kujonieren, Prozente und Honorare diktieren, ohne je ernsthaft darüber nachzudenken, wer sie festgelegt hat und wie sie sich errechnen. Es geht nicht um unsere gesellschaftliche Ehre, die verschaffen wir uns selbst. Es geht um unsere gesellschafts- und finanzpolitische Stellung.“

 

Dies ist eine überarbeitete Fassung eines im Juli dieses Jahres im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Literaturvermittlung“ am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gehaltenen Vortrags über den Beruf des freien Hörfunkautors. Im Fokus der Betrachtungen steht dabei die Literaturkritik.

 

 

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz