Greifen Sie bitte in die unterste Schublade …

Von Peter Ellenbruch

Kann eine Warnung auch gleichzeitig eine Empfehlung sein? Wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeit von populärkulturellen Tugenden nahe genug begegnen, sollte dies funktionieren.

Die meisten Warnungen in dieser Rubrik bemühen sich, den Namen der Autorinnen und Autoren zu vermeiden, doch da das vorliegende Buch keinen tatsächlichen Autor ausweist, vielmehr der Name der Hauptfigur gleichzeitig als Name der Reihe und Autorenname fungiert, gibt es keinen Autor zu verschweigen. Von dieser Last befreit, kann gerade heraus von Hello Amboss gesprochen werden, einem CIA-Agenten aus der glorreichen bundesdeutschen Leihbuchkultur der 1950er/1960er Jahre – und diese Rezension betrachtet ‚seinen‘ Roman Die Hölle spie den Teufel aus von 1962.

Der sprechende Name ‚Hello Amboss‘ allein ist ob seines direkten, brachialen Charakters schon gleichermaßen Ausdruck eines kulturellen Tiefpunkts und einer genialen Übertreibung. Er bedient einerseits die niedersten Instinkte einer auf amerikanisierte Hau-Ruck-Action gepolten Krimi-Leserschaft der westdeutschen Nachkriegszeit, ist aber anderseits so ‚over the top‘, dass man nicht umhin kommt, die Kaltschnäuzigkeit der Komposition zu bewundern. Was so versprochen wird, wird auch geliefert: Die Hölle spie den Teufel aus ist eine kaum strukturierte Aneinanderreihung von verhältnismäßig sinnfreien Krimisituationen, die den von Sprücheklopferei, Bedrohungssituationen und Machogedanken geprägten Alltag eines CIA-Agenten repräsentieren soll. Die sprachliche Gestaltung ist dabei auf grundlegende Elemente reduziert – es regiert der Hauptsatz und Stimmung wird vor allem durch lakonische, pseudo-coole Dialoge hervorgerufen, die mit Anglizismen gespickt sind (bzw. mit dem, was sich bundesdeutsche Leihbuchautoren Anfang der 1960er Jahre unter krimimäßig-stilvollen Anglizismen vorgestellt haben, wie „City“, „Baby“, „Mister“ oder „Body“ – wobei „Buddy“ gemeint war). Die „Hölle“ ist in diesem Geflecht eine Fantasie der US-amerikanischen Großstadt Washington, und wen man für den „Teufel“ hält, ist letztlich Ansichtssache, da es an eindimensionalen Schurkenfiguren keinen Mangel gibt.

Nach der landläufigen Ansicht hat man es also prinzipiell mit der untersten Kategorie von Literatur zu tun, die keinem weiteren Zweck als dem Zeitvertreib zu dienen scheint – wie es jedoch auch der Klappentext bereits andeutet (übrigens der sprachlich ausgefuchsteste Teil des gesamten Buchs).

Allerdings kann man bereits nach ungefähr 30 Seiten des Romans mindestens zwei Aspekte feststellen: Erstens wird Hello Amboss tatsächlich als Depp dargestellt (und das systematischer als man es beim sonstigen Sprachumfeld vermuten könnte), dessen lange Leitung beim Verständnis von Situationen recht deutlich herausgearbeitet wird. Es gibt demnach so etwas wie eine Reflexionsebene bezüglich der Figur und eine nachweisbare Ironisierungsstrategie. Zweitens kann es tatsächlich Spaß machen, sich von dieser Art des Genre-Mumpitz‘ durch Raum und Zeit wirbeln zu lassen, den Stuss einfach mitzumachen (genau wie z.B. bei amerikanischen Kino-Serials der 1930er Jahre), um nach der Lektüre vielleicht sich ähnliche gebärdende Figuren in Politik und Wirtschaft (oder auch in der ‚hohen Literatur‘) weniger ernst zu nehmen.

Vor dem ausschließlichen Genuss der Leihbuchkrimis jener Zeit ist sicherlich zu warnen, doch in wohldosierten Mengen kann dieser das Spektrum des Wissens um die bundesdeutsche Mediengeschichte erweitern. Denn die Wiederbelebung von Genre-Erzählungen in Literatur, Kino und Fernsehen brachte die beschriebene Art der Lockerheit ins bundesdeutsche Leben – dass dies eine Leistung im Rahmen der Demokratisierung der BRD war, bleibt immer noch ein Forschungsfeld, das stärkerer Betrachtung bedarf.

Ein Beitrag aus der Rubrik „Stiftung Jahrestest 2016“

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen