Luther, der Papst und andere Religionsgeschichten

Zur Februar-Ausgabe 2017 von literaturkritik.de – mit Anmerkungen zur jüngsten Germanistik-Schelte im „Spiegel“

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Das „Reformationsjubiläum“, das schon lange vor dem 31. Oktober gefeiert wird, an dem  Martin Luther vor 500 Jahren seine 95 Thesen gegen den Ablassmissbrauch an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben soll, ist keineswegs ein Anlass nur zum Jubeln. Aber als ein Anstoß, sich wiederholt und intensiviert mit der Geschichte und Gegenwart von Religionen auseinanderzusetzen, ist es in jedem Fall zu begrüßen. Zwei Themenschwerpunkte bereits hat literaturkritik.de in den vergangenen Monaten der Reformation gewidmet, zwei weitere folgen: in der Mai- und in der Oktober-Ausgabe dieses Jahres. Das Editorial zu dem in der November-Ausgabe 2016 enthält (distanzierte) Hinweise auf Vergleiche, die zwischen Luther und Trump gezogen wurden. In der jetzigen Ausgabe stehen Luthers Antisemitismus und der spätere Umgang damit zur Debatte, hier allerdings in einem allgemeineren religionsgeschichtlichen Rahmen, der nicht allein die christliche Religion und ihre unterschiedlichen Ausprägungen betrifft.

Es geht um „Religionsgeschichten“ in mehrfachem Sinn: Geschichten, die über Religionen geschrieben werden, Geschichten, die in Religionen erzählt werden, und Geschichten über Ereignisse, die in engem Zusammenhang mit Religionen stehen. Und es geht dabei nicht zuletzt um die sowohl totalitären und gewalttätigen als auch humanitären und befriedenden Potentiale von Religionen in ihren historischen Entwicklungen. Beide sind bis in die Gegenwart hinein in einem teils erschreckenden, teils bewundernswerten Ausmaß erkennbar. Und nur wenn beide beachtet und unterschieden werden, lassen sich alte Traditionen von Kämpfen zwischen und gegen Religionen oder gegen „Ungläubige“ überwinden.

So wie die Literatur selbst ihren Ursprung in vor- und frühgeschichtlichen Kulten hat und zum Beispiel biblische Texte, Texte Luthers oder des Papstes wie literarische analysiert, interpretiert und kritisiert werden können (Beispiele dafür liefert unser Schwerpunkt), so sind Literaturwissenschaft und Literaturkritik aus theologischen Traditionen hervorgegangen. Sogar ein bekennender Atheist wie der von anderen so genannte „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki, der selbst den päpstlichen Unfehlbarkeitsanspruch von sich wies, führte seine engen Bindungen an Literatur auf jüdische Wurzeln zurück. Es war die herausragende Bedeutung von Schrift und Wort in der jüdischen Religion, mit der er sich identifizieren konnte. „Die Juden haben“, schrieb er in Mein Leben, „keine Schlösser und Paläste erbaut, keine Türme und Dome errichtet, keine Reiche gegründet. Sie haben nur Worte aneinander gereiht. Es gibt keine Religion auf Erden, die das Wort und die Schrift höher schätzen würde als die mosaische.“

An die Stelle religiöser Schriften trat bei ihm die Literatur. Sie erhielt für ihn existenzielle Bedeutung. Auf Fragen, ob es für ihn so etwas wie ein Zuhause gebe, antwortete er mehrfach mit ähnlichen Formulierungen: „Von Heine stammt das schöne Wort, die Juden hätten sich im Exil aus der Bibel ihr portatives Vaterland gemacht. Und so bin auch ich schließlich weder ein heimatloser noch ein vaterlandsloser Mensch. Auch ich habe ein portatives Vaterland – es ist die deutsche Literatur, die deutsche Musik.“ Aber es war für ihn keineswegs nur die deutsche. Die 2016 als Sonderausgabe von literaturkritik.de erschienene und jetzt auch gedruckt vorliegende Sammlung seiner Veröffentlichungen über Shakespeare liefert nur ein Beispiel dafür, dass seine Vorlieben keine nationalsprachlichen Grenzen kannten.

Das gilt auch für literaturkritik.de – trotz des „de“ am Ende und trotz ihrer Herkunft aus der Germanistik, die sich früher einmal, nicht ohne nationalistische Prägungen, als deutsche Wissenschaft verstand. In dieser Ausgabe setzt die Zeitschrift im Rahmen der kontinuierlich wiederkehrenden Rubrik „Fremdsprachige Literatur“ einen Akzent auf Literatur aus Russland, in zwei späteren Ausgaben mit Hilfe der Komparatistik-Redaktion und im Blick auf das nächste Gastland während der Frankfurter Buchmesse einen Schwerpunkt auf französischsprachige Literatur.

Apropos „Germanistik“. Sie sei mit 80 000 Studierenden gegenwärtig „das beliebteste geisteswissenschaftliche Fach“ an deutschen Universitäten, so berichtet Der Spiegel in seiner Ausgabe vom 4. Februar. Wenn man den düsteren und kritischen Krisen-Bericht von Martin Doerry, der selbst vor vielen Jahren einmal Germanistik studierte, vom angeblich elenden oder auch lachhaften Zustand des Fachs gelesen hat, fragt man sich, warum es so beliebt werden konnte und immer noch ist. Der Journalist beruft sich zunächst auf Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung, der den „Fachbereich Literaturwissenschaften“ in satirischer Zuspitzung als „ulkiges System“ der Selbsterhaltung beschreibt, in dem 5 % der Studierenden eine Hochschulkarriere gelingt und der Rest in irgendwelchen fachfremden Gebieten auf der Strecke bleibt. Mal abgesehen davon, dass es hier nicht speziell um Germanistik, sondern allgemein um Literaturwissenschaften geht, also um Romanisten, Anglisten, Slawisten, Komparatisten usw., ist das genauso realitätsfremd wie eine Beobachtung, die Doerry der, wie er schreibt, „kürzlich“ (tatsächlich schon vor fast zwei Jahren) erschienenen "Klageschrift" einiger „Jungakademiker“ mit dem Titel „Germanistik als Patient“ entnimmt. Mit misogynem Witz wird hier von zwei naiven „Mädchen“ erzählt, die sich bei einer Einführungsveranstaltung für Studienanfänger an der Universität Düsseldorf im Blick auf ein Bild Heinrich Heines fragen, wer das denn sei. „Bestimmt Schiller oder so“, soll das eine „Mädchen“ gesagt und das andere geantwortet haben: „Nee, Schiller war Komponist.“

Diese Antwort ist zum Titel dieser Spiegel-Story über das Elend der gegenwärtigen Germanistik geworden. Unbedarft wie die beiden „Mädchen“ sind auf ihre eigene Weise die Professoren und überhaupt die über 3000 Wissenschaftler, die in der Germanistik hauptberuflich tätig sind. Anders als in guten alten Zeiten „Hans Mayer oder Peter Wapnewski, Eberhard Lämmert oder der Rhetorikprofessor Walter Jens“ spielen sie nämlich „in der Öffentlichkeit keine Rolle“ mehr. So also erscheint die Germanistik jemandem, dem das Fach fremd geworden ist und der nach Stimmen sucht, die alle seine Vorurteile bestätigen: als ein überfülltes, zum größten Teil überflüssiges Massenfach, in dem die (fast nur noch weiblichen) Studenten, denen nichts Besseres eingefallen ist, die deutsche Sprache kaum beherrschen, die Lektüre eines Romans als Zumutung empfinden und sogar von Goethe nicht mehr wissen, als dass er tot ist, als Fach, in dem sich Wissenschaftler nicht mehr verständlich ausdrücken können und nur noch über Autoren und Texte forschen, die längst ausgeforscht sind, als Fach, das eine riesige Menge an Studienabbrechern und prekären Existenzen hervorbringt und gar nicht erst wissen will, was aus ihren Absolventen geworden ist.

Nun, die meisten von ihnen beenden ihr Studium mit einer Lehramtsprüfung und werden Deutschlehrer. Und die anderen? Darüber weiß man in der Tat nichts Genaues, aber ein Blick zum Beispiel auf die Feuilleton-Redaktionen in den bekanntesten Zeitungen oder Magazinen zeigt: Die meisten haben Germanistik studiert. Sind etwa im Spiegel Volker Weidermann und vor ihm Volker Hage trotz dieses Studiums hochqualifizierte und angesehene Literaturredakteure geworden? Die Verlage sind voll von ausgebildeten Germanisten. Deutsche Schriftsteller haben in großer Zahl Germanistik studiert. Die Reihe der literarisch prominent gewordenen Ex-Germanisten ist unüberschaubar lang.

Die stereotypen Klagen über die Germanistik, die in Zeitungen und Zeitschriften vor allem von ehemaligen Germanisten angestimmt werden, mögen zwar manche Schwächen des Faches durchaus treffen, disqualifizieren sich jedoch oft durch ein frappierendes Maß an Unkenntnis. „Stereotype der Germanistik-Schelte“ wäre ein lohnendes Thema für eine germanistische Abschlussarbeit. – Solche Bemerkungen standen bereits vor über zehn Jahren in literaturkritik.de und wurden dort ausführlich begründet (siehe http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7523 und http://literaturkritik.de/public/Germanistenschelte.php). Das soll hier nicht wiederholt werden. Und bei aller Verärgerung auch über die in dem neuesten Beispiel solcher Germanistik-Schelte stehende Forderung, der „Patient Germanistik“ solle sich doch durch rigide Zulassungsbeschränkungen gesundschrumpfen, sei ihr vor allem in einer Hinsicht Recht gegeben: Zu den Aufgaben der Wissenschaft, allerdings nicht bloß der Germanistik, gehört es, ihr Wissen nicht nur fachintern, sondern auch einem breiteren Publikum zu vermitteln. Darum bemüht sich literaturkritik.de seit inzwischen 18 Jahren. Das gehört zum Programm dieser Zeitschrift. Und Hunderte der angeblich „schweigenden“ Germanisten und Literaturwissenschaftler haben daran mitgewirkt. Wir sind ihnen dafür dankbar.