Ins Offene

Ein Roman wie Luft zum Atmen: Laurent Mauvigniers „Continuer“

Von Caroline MannweilerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Caroline Mannweiler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Wenn man vor anderen Angst hat, ist man am Ende.“ Zu dieser Erkenntnis gelangt in Laurent Mauvigniers neustem Roman Continuer der Teenager Samuel und überrascht damit seinen Vater Benoît, der zwar nicht ängstlich ist, sich aber auch nie sonderlich mit seinem Verhältnis zu anderen beschäftigt hat – ganz im Gegensatz zu Samuels Mutter, Benoîts Ex-Frau Sibylle.

Sie steht im Roman für den etwas aus der Mode gekommenen Menschenschlag der lebensbejahenden Zweifler, was sie für ihre Umwelt zu einer mitunter anstrengenden Person macht. So auch als sie ihrem Ex-Mann Benoît verkündet, dass sie mit dem gemeinsamen Sohn auf eine längere Reise gehen möchte, nach Kirgisistan, zu Pferd und mit Zelt. Für sie ist dieser Plan der letzte Rettungsversuch für ihren völlig aus der Bahn geratenen Sohn Samuel, dessen Desorientierung so fortgeschritten ist, dass er bei einer Party lachend und völlig betrunken der Vergewaltigung einer jungen Frau beiwohnt. Für Benoît ist Sibylles Vorschlag allerdings kein Plan, sondern eine irre Idee, wie sie nur weltfremde Träumernaturen entwickeln können. Sein Vorschlag wäre, Samuel in ein katholisches Internat zu stecken, dort würde man ihn schon zu disziplinieren wissen.

Zum Glück für Samuel, dem zunächst beide Alternativen gleichermaßen unattraktiv erscheinen, setzt sich Sibylle mit ihrem Vorhaben durch. Die beiden reisen nach Kirgisistan, wo Sibylle, die dank ihrer russischen Vorfahren Russisch spricht, Pferde kauft, damit Samuel und sie sich in der weiten Natur fortbewegen können. Für die Pferde hat sie ihr Erbe, ein kleines Häuschen, verkauft, aber kein Opfer scheint ihr groß genug, um Samuel zu „retten“.

Was sie genau unter Rettung versteht, bleibt dabei lange Zeit vage. Am Ende jedoch wird klar, dass Sibylle ihr Ziel erreicht hat: Samuel, der seine Mutter anfangs dafür verflucht, ihn in Orte zu führen, in denen weder Internetanschluss noch fließend Wasser zur Verfügung stehen, lässt sich am Ende auf die Einheimischen und deren Lebensweise ein. Er hat seine Angst und Abscheu gegenüber den Fremden überwunden.

Seine Mutter hat er dabei beinahe verloren, sie liegt am Ende des Romans im Koma, bei einer nächtlichen Suche nach ihrem Sohn, der den Zeltplatz verlassen hatte, ist sie gestürzt und fast erfroren. Dass sie verrückt sei und nicht nur sich, sondern auch Samuel in Gefahr bringen könnte mit ihrer Reise in die Wildnis, genau davor hatte Benoît sie gewarnt. Doch jetzt, wo seine Prophezeiung eingetreten ist, erweist sich das scheinbar verantwortungslose Handeln der Mutter als erfolgreich. Samuel ist jedenfalls mit ihr versöhnt, zurück in Frankreich möchte er eine Ausbildung anfangen und sich um Pferde kümmern, den Wesen, die ihm bei seiner Reise so sehr geholfen haben.

Nun wäre Mauvigniers Continuer natürlich ein eher unerträglicher Roman, wenn die Entwicklung Samuels sich auf die Botschaft reduzieren ließe, dass der Kontakt mit dem Fremden nicht nur unumgänglich, sondern sogar heilsam ist, weil er die eigene Identität erst formt. Solche Botschaften, und seien sie noch so gut gemeint, verhindern zuverlässig gute Literatur. Mauvignier wäre aber nicht Mauvignier – und sein Werk keines, das im legendären Minuit-Verlag erscheint –, würde es ihm nicht gelingen, seinen Text von didaktischen Tendenzen weitgehend freizuhalten.

Dies erreicht er vor allem durch eine meisterhafte Komposition des Romans, der nicht chronologisch, sondern in Szenen und Rückblenden erzählt, wobei das beherrschende Tempus häufig Präsens ist. Der Leser rückt auf diese Weise sehr nahe an die Figuren heran, spürt deren Unbehagen, das sich aus unmittelbaren Begegnungen speist und nicht sogleich in eine biographische Entwicklung eingeordnet ist. Um den klaustrophobischen Effekt abzumildern, den solche Szenen im Präsens (noch dazu, wenn sie Mutter-Sohn-Beziehungen behandeln) zeitigen können, nutzt Mauvignier den Schauplatz der Geschichte voll aus und verwendet viel Sorgfalt für beeindruckende Naturbeschreibungen.

Er platziert die Figuren in einer Umwelt, die zwar fremd und bedrohlich, zugleich aber von alles überragender Schönheit ist. Fast könnte man von erhabenen Momenten sprechen, aber das wäre nicht ganz im Sinne des Romans. Denn Samuel soll gerade nicht mit einer übermächtigen Natur konfrontiert werden – Sibylles Weg ist nicht der Benoîts, der auf die Übermacht der Autorität setzt. Vielmehr liefert die Natur im Roman eine perfekte Mischung aus abstoßender Fremde und befreiender Weite, die es für Samuel am Ende schwer macht, seinen Abschottungskurs durchzuhalten.

Von Abschottung ist in Frankreich derzeit sehr häufig die Rede. Laurent Mauvignier hat, wie er selbst erklärt, Continuer im Licht der Terrorattentate in Paris im November 2015 geschrieben und in der Tat ist der Terror im Roman präsent, wenn auch in eher vermittelter Form. Denn mehr als um Attentate geht es um die „Lepenisation des esprits“, um das Umsichgreifen fremdenfeindlicher und nationalistischer Sichtweisen, das sich bereits mit dem Vater der aktuellen Parteichefin des Front National, also Jean-Marie Le Pen, einstellte. Er ist im Roman der Gegner von Menschen wie Sibylle, die zwar ihre große Liebe bei einem Attentat verliert (angespielt wird hier auf die Attentatsserie der islamistischen Terrorgruppe GIA Mitte der 90er Jahre), sich aber von ihrem Hass nicht leiten lassen möchte.

Terror, so wird einem bei der Lektüre von Continuer sehr bewusst, ist kein neues Phänomen in Frankreich, ebenso wenig wie nationalistische und xenophobe Strömungen. Und um mit beidem fertig zu werden, hilft es in jedem Fall, einige Lieblingsbücher zu haben. Sibylle schöpft in größter Not Kraft aus der Lektüre Samuel Becketts, der trotz völlig illusionsloser Analyse der Lage und dem Gefühl, dass man eigentlich nicht weitermachen kann, eines nie tat, nämlich aufhören. Samuel, so heißt Sibylles Sohn. Continuer, so heißt Mauvigniers poetisch-politische Antwort auf traurige Zeiten in Frankreich.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Laurent Mauvignier: Continuer.
Les Éditions de Minuit, Paris 2016.
240 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9782707329837

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